67 Milliarden Euro im Schatten des Krieges: Wer am Rüstungsboom wirklich verdient
Von Alfred-Walter von Staufen
Rund 67 Milliarden Euro – das ist die Größenordnung, die unsere konservative Modellrechnung für Kurswertsteigerungen und Dividenden großer, BlackRock, Vanguard und State Street zugerechneter Beteiligungen an ausgewählten amerikanischen und europäischen Rüstungsunternehmen seit unmittelbar vor dem russischen Großangriff auf die Ukraine ergibt. Keine Bilanzposition der drei Vermögensverwalter, kein Koffer mit 67 Milliarden Dollar in einem New Yorker Tresor und schon gar kein Beweis dafür, dass jeder einzelne Euro durch diesen Krieg verursacht wurde, sondern eine Modellrechnung auf Basis öffentlich gemeldeter Aktienpositionen bei Unternehmen wie Lockheed Martin, RTX, Northrop Grumman, Rheinmetall, BAE Systems und Saab. Wer daraus den Satz macht, BlackRock habe 67 Milliarden Euro „am Krieg verdient“, erzählt eine gute Schlagzeile, aber eine schlechte Geschichte. Die wirkliche Geschichte ist komplizierter – und gerade deshalb erheblich interessanter.
Die Milliarden stehen im Aktienregister, aber wem gehören sie?
Ende 2021, wenige Wochen vor dem russischen Einmarsch, wurden State Street bei Lockheed Martin rund 39,6 Millionen Aktien, Vanguard knapp 20,9 Millionen und BlackRock rund 17,6 Millionen Aktien zugerechnet. Lockheed erklärt in seinem eigenen Proxy Statement ausdrücklich, dass „beneficial ownership“ in diesem Zusammenhang Stimm- oder Verfügungsmacht bedeuten kann, unabhängig davon, wer das wirtschaftliche Interesse an den Aktien trägt. (1) Das klingt zunächst nach einer juristischen Feinheit, ist aber der Schlüssel zum gesamten Thema, denn auf dem Papier kann ein Vermögensverwalter über Milliardenvermögen verfügen, ohne dessen wirtschaftlicher Eigentümer zu sein.
Bei State Street wird das beinahe grotesk anschaulich: Von der damaligen Lockheed-Position hielt State Street Bank and Trust mehr als 30 Millionen Aktien als Treuhänder für verschiedene Lockheed-Martin-Mitarbeiterpläne; State Street Global Advisors verwaltete ebenfalls einen großen Teil der Aktien für Mitarbeiterprogramme. (2) Wenn diese Aktien im Wert steigen und Dividenden zahlen, wächst also Vermögen, das letztlich mit der Altersvorsorge und den Beteiligungsprogrammen von Beschäftigten verbunden ist. Der Name State Street steht darüber. Das Geld darunter gehört jedoch nicht einfach State Street.
RTX zeigt, welche Größenordnungen hier bewegt werden
Noch größer waren die gemeldeten Positionen bei Raytheon Technologies, heute RTX: Zum 31. Dezember 2021 wurden State Street rund 137,8 Millionen Aktien, Vanguard rund 118,5 Millionen und BlackRock etwa 98,6 Millionen zugerechnet. Zusammen waren das mehr als 350 Millionen Aktien eines der wichtigsten amerikanischen Rüstungskonzerne – bereits vor dem Krieg. (3) Seitdem sind nicht nur Verteidigungsbudgets in den USA und Europa massiv gestiegen, sondern auch die Bewertungen zahlreicher Rüstungsunternehmen, während Dividenden weiterliefen und neue Aufträge für Raketen, Luftverteidigung, Munition, Flugzeuge und elektronische Systeme hinzukamen.
Man darf daraus nicht schließen, jeder Kursanstieg sei eine unmittelbare Folge des Ukrainekriegs. Die Börse handelt keine moralischen Monokausalitäten. Nahost, Taiwan, NATO-Aufrüstung, amerikanische Verteidigungshaushalte, Unternehmensgewinne, Aktienrückkäufe, Inflation und allgemeine geopolitische Unsicherheit wirken gleichzeitig. Aber ebenso weltfremd wäre es, so zu tun, als habe die Rückkehr des großen konventionellen Krieges nach Europa mit den Erwartungen an Rüstungsunternehmen nichts zu tun. Der Krieg war nicht der einzige Motor dieses Booms. Er war aber ganz offenkundig Teil einer politischen und wirtschaftlichen Zeitenwende, in der Staaten wieder bestellen, was jahrzehntelang gekürzt, eingelagert oder verschrottet wurde.
Rheinmetall, BAE und Saab: Europa entdeckt die Rüstung wieder
Die europäische Seite macht das Bild noch deutlicher. Rheinmetall weist für Ende 2021 BlackRock mit 4,64 Prozent der Stimmrechte aus; im März 2026 meldete Rheinmetall für BlackRock bereits 7,33 Prozent. (4) Man sollte daraus keine geheimen Absichten konstruieren: Indexfonds müssen Aktien kaufen, wenn Unternehmen größer werden und in Indizes mehr Gewicht bekommen, Anleger fließen in ETFs, Fondsstrukturen verändern sich. Dennoch bleibt die nüchterne Feststellung bemerkenswert, dass BlackRocks zugerechnete Beteiligung an einem der prominentesten europäischen Gewinner des Rüstungsbooms nicht nur im Wert gewachsen ist, sondern auch prozentual größer wurde.
Bei BAE Systems meldete BlackRock schon im Juni 2021 rund 290,8 Millionen Aktien beziehungsweise neun Prozent der unmittelbaren Stimmrechte; Finanzinstrumente eingerechnet lag die damalige Meldung bei 9,9 Prozent. (5) Saab wiederum listete Ende 2021 Vanguard mit 2,1 Prozent des Kapitals und BlackRock mit 1,1 Prozent unter seinen größten Aktionären. (6) Wer den westlichen Rüstungsboom nur durch ein amerikanisches Fenster betrachtet, sieht deshalb höchstens die Hälfte des Zimmers.
67 Milliarden Euro – eine große Zahl mit einem entscheidenden Sternchen
Unsere Modellrechnung für die untersuchten Positionen kommt, einschließlich der ausgeschütteten Dividenden und nach Umrechnung auf Euro, auf eine Größenordnung von ungefähr 67 Milliarden Euro zusätzlichem Vermögenswert. Sie ist bewusst konservativ angelegt, weil kleinere Beteiligungen unter gesetzlichen Meldeschwellen, zahlreiche weitere Rüstungsunternehmen, Teile des europäischen Marktes, Thales sowie verschiedene Finanzinstrumente nicht vollständig rekonstruiert werden konnten. Gleichzeitig darf diese Zahl nicht als exakter „Ukrainekriegsgewinn“ ausgegeben werden, denn sie beschreibt eine Vermögensentwicklung zwischen zwei Zeitpunkten, keine naturwissenschaftlich isolierbare Ursache.
Und vor allem beschreibt sie nicht den Gewinn von BlackRock, Vanguard und State Street selbst. BlackRock verwaltete Ende 2025 rund 14 Billionen Dollar, davon etwa 7,27 Billionen für institutionelle Kunden und 5,47 Billionen in ETFs. Zu den institutionellen Kunden gehören Pensionsfonds, Versicherer, Zentralbanken, Staatsfonds, Unternehmen, Stiftungen und andere Anleger; BlackRock erklärt sogar ausdrücklich, dass bei börsengehandelten ETFs keine vollständige Transparenz darüber besteht, wer letztlich sämtliche Fondsanteile besitzt. (7) Mehr als die Hälfte dieses verwalteten Vermögens steht nach BlackRocks eigener Darstellung in irgendeiner Form mit Altersvorsorge in Verbindung – vom privaten ETF und 401(k)-Konto bis zu Pensionsvermögen für Lehrer, Feuerwehrleute und andere Beschäftigte. (8)
Der Rentner sitzt mit am Tisch – ohne es vielleicht zu wissen
Das ist die unbequeme Seite dieser Geschichte. Der wirtschaftliche Profiteur eines steigenden Lockheed- oder RTX-Kurses kann ein Investmentfonds sein, dahinter ein Pensionsfonds, dahinter wiederum ein Beschäftigter, der niemals eine Aktie eines Rüstungskonzerns persönlich gekauft hat. Die amerikanische Federal Reserve wies für das zweite Quartal 2026 rund 25,3 Billionen Dollar an klassischen offenen Investmentfonds aus, ETFs dabei ausdrücklich nicht eingerechnet; rund 14,4 Billionen davon entfielen auf den Haushaltssektor, gut sechs Billionen auf private Pensionsfonds und weitere erhebliche Beträge auf Lebensversicherungen und staatliche Pensionssysteme. (9)
Vielleicht liegt genau hier die verstörendste Erkenntnis: Das Geschäft mit Rüstung ist längst nicht mehr sauber zwischen „denen da oben“ und „uns hier unten“ zu trennen. Es kann im ETF des Angestellten liegen, im Pensionskonto eines Lehrers, im Versicherungsvermögen einer Familie und im staatlichen Rentenfonds. Der Bürger kann gegen Aufrüstung demonstrieren und gleichzeitig, ohne eine einzige Rüstungsaktie bewusst gekauft zu haben, über einen breit gestreuten Indexfonds wirtschaftlich an Lockheed, RTX oder Rheinmetall beteiligt sein. Das ist keine Verschwörung, sondern eine Konsequenz moderner Kapitalmärkte. Gerade deshalb sollte man darüber reden.
Was BlackRock, Vanguard und State Street tatsächlich verdienen
Die Vermögensverwalter verdienen vor allem an Gebühren auf das Kapital, das sie verwalten. Vanguard weist für seine US-Fonds und ETFs für 2025 eine vermögensgewichtete durchschnittliche Kostenquote von lediglich 0,07 Prozent aus und verwaltet Geld für mehr als 50 Millionen Anleger; Vanguard gehört zudem seinen Fonds, die wiederum ihren Fondsanlegern gehören. (10) State Street verwaltete Ende 2025 rund 5,67 Billionen Dollar und erzielte im Investmentmanagement rund 2,398 Milliarden Dollar Managementgebühren; das Unternehmen nennt höhere Marktstände ausdrücklich als einen Grund für den Anstieg des verwalteten Vermögens. (11)
Aus unserer Modellrechnung folgt deshalb kein Unternehmensgewinn von 67 Milliarden Euro. Eine grobe Modellierung mit niedrigen Gebühren im Bereich weniger Basispunkte führt eher zu zusätzlichen Gebühreneinnahmen im Bereich von Dutzenden bis möglicherweise niedrigen Hunderten Millionen, abhängig davon, welche Produkte die Aktien tatsächlich hielten, wie lange die höheren Werte bestanden und welche Gebührensätze galten. Die Unternehmen veröffentlichen keinen Bilanzposten „Gewinn aus dem Ukrainekrieg“. Wer eine solche Zahl bis auf die zweite Nachkommastelle präsentiert, besitzt entweder interne Daten, die der Öffentlichkeit fehlen – oder sehr viel Fantasie.
Und dann ist da noch die Ukraine selbst
Ausgerechnet eine der Geschichten, die im Internet besonders gern als Beweis für BlackRocks unmittelbares Geschäft mit dem Krieg herumgereicht wird, erweist sich bei näherem Hinsehen als komplizierter. BlackRock Financial Markets Advisory beriet die ukrainische Regierung beim Aufbau eines Ukraine Development Fund zur Mobilisierung privaten und öffentlichen Kapitals für den späteren Wiederaufbau; das ukrainische Wirtschaftsministerium erklärte ausdrücklich, dass diese Beratung pro bono, also unentgeltlich, erfolgte. (12)
Natürlich kann man darüber spekulieren, ob ein Vermögensverwalter, der beim Entwurf einer zukünftigen Investitionsarchitektur am Tisch sitzt, langfristig wirtschaftliche Chancen in einem Wiederaufbaumarkt erkennt – das wäre für ein Finanzunternehmen kaum überraschend. Aber aus einer möglichen späteren Geschäftschance wird kein bereits kassierter Gewinn, und aus einem pro-bono-Mandat keine heimlich ausgestellte Milliardenrechnung. Gerade bei einem Thema, bei dem Moral, Blut, Waffen und gigantische Geldsummen zusammentreffen, sollte man sich den Luxus leisten, Tatsachen nicht schlechter zu behandeln als Schlagzeilen.
Das Geld trägt keine Uniform
Die moralische Frage beginnt nicht dort, wo man BlackRock auf ein Plakat schreibt, sondern dort, wo man bereit ist, die ganze Konstruktion anzusehen. Krieg vernichtet Menschen, Häuser, Familien, Zukunft, während gleichzeitig Unternehmen mehr Raketen, Munition, Elektronik und Flugzeuge verkaufen, Aktienkurse steigen, Dividenden fließen und Fondsvermögen wächst. Diese Gleichzeitigkeit ist schwer auszuhalten, weil sie unser Bedürfnis nach einer einfachen Welt verletzt, in der auf der einen Seite die Opfer stehen und auf der anderen ein paar Männer in dunklen Anzügen, die sich an ihrem Leid bereichern.
Die Wirklichkeit ist unbequemer. Ein Teil der finanziellen Profite landet tatsächlich bei Rüstungsunternehmen und ihren Aktionären. Ein Teil landet mittelbar bei Vermögensverwaltern über Gebühren. Ein anderer Teil steckt in Pensionskassen, Versicherungen, ETFs und Altersvorsorgekonten ganz gewöhnlicher Menschen. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche moralische Sprengkraft dieses Systems: Krieg ist wirtschaftlich nicht mehr nur das Geschäft einer kleinen Gruppe von Fabrikanten und Bankiers. Seine Renditen können sich über globale Kapitalmärkte verteilen, bis niemand mehr genau weiß, ob sein eigenes Rentendepot ein winziges Stück davon enthält.
Das entlastet die Finanzindustrie nicht. Wer Billionen verwaltet, besitzt Macht – über Kapitalströme, Stimmrechte und Unternehmensentscheidungen – und diese Macht verlangt Transparenz. Es entlastet aber auch uns nicht von der Pflicht, sauber zu unterscheiden. Kritik verliert nicht an Schärfe, wenn sie präzise wird. Im Gegenteil. Wer behauptet, BlackRock habe 67 Milliarden Euro persönlich am Ukrainekrieg verdient, liefert seinen Kritikern eine leicht widerlegbare Übertreibung. Wer dagegen zeigt, dass große, diesen Vermögensverwaltern zugerechnete Rüstungspositionen seit 2022 um Dutzende Milliarden Euro an Wert und Dividenden gewonnen haben, dass ein Teil der Stimmrechtspositionen sogar gewachsen ist und dass die wirtschaftlichen Eigentümer hinter einem Dickicht aus Fonds, Pensionsvermögen und Versicherungen verschwinden, stellt die interessantere Frage: Wie viel Krieg steckt inzwischen in unserer ganz normalen Vermögensordnung?
„BLUTGELD: Die seelenlosen Profiteure des Todes“

Wer diese Frage weiterverfolgen möchte, findet genau dort den Ausgangspunkt meines Buches „BLUTGELD: Die seelenlosen Profiteure des Todes“. Mich interessiert darin nicht die billige Erzählung vom geheimen Hinterzimmer, in dem einige wenige Herren Kriege bestellen, um anschließend die Rechnung zu schreiben. Die Wirklichkeit braucht solche Karikaturen nicht. Sie ist bedrückend genug. Es geht um die wirtschaftlichen Strukturen hinter Krieg, Aufrüstung und Krisen, um Unternehmen, Kapitalmärkte, politische Entscheidungen, Interessen, Lieferketten und jene bemerkenswerte Fähigkeit des Geldes, selbst aus menschlicher Katastrophe einen Markt zu machen. Dabei gehört zur Ehrlichkeit auch, zwischen belegbarem Profit, wirtschaftlichem Interesse, politischer Entscheidung und bloßer Spekulation zu unterscheiden. Denn wer über Blutgeld schreibt, sollte mit Fakten nicht verschwenderischer umgehen als andere mit Menschenleben.
Das Buch richtet sich an Leser, die nicht bei einer empörenden Überschrift stehenbleiben wollen, sondern wissen möchten, wie das Geschäft hinter den Schlagzeilen tatsächlich funktioniert, wer verdient, wer bezahlt und weshalb die Grenze zwischen Anleger, Staat, Industrie und Bürger inzwischen viel unschärfer geworden ist, als es einem lieb sein kann. „BLUTGELD: Die seelenlosen Profiteure des Todes“ von Alfred-Walter von Staufen ist deshalb weniger Anklageschrift als Einladung zum genauen Hinsehen – allerdings zu einem Hinsehen, bei dem einem manches nicht gefallen wird.
Bitte werden oder bleiben Sie gesund, denn das ist das höchste Gut, das wir haben.
Herzlichst
Ihr Alfred-Walter von Staufen
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Quellen:
- Titelbild mit KI generiert und von der Redaktion nachbearbeitet
(1) Lockheed Martin, Proxy Statement 2022
(2) Lockheed Martin, Proxy Statement 2022
(3) RTX, Proxy Statement 2022
(4) Rheinmetall Geschäftsbericht 2021 und aktuelle Stimmrechtsmitteilungen
(5) BAE Systems, Stimmrechtsmeldung vom 29. Juni 2021
(6) Saab Annual and Sustainability Report 2021
(7) BlackRock Form 10-K 2025
(8) BlackRock Annual Report 2025
(9) Federal Reserve, Financial Accounts of the United States, September 2026
(10) Vanguard, Facts and Figures
(11) State Street Form 10-K 2025
(12) Wirtschaftsministerium der Ukraine, 21. Juni 2023
























