MARA-JOSEPHINES SALON DER GUTEN MANIEREN
Über Stil, Anstand und die kleinen Katastrophen des gesellschaftlichen Lebens
Das Smartphone gehört nicht zum Besteck – Vom erstaunlichen Brauch, beim Essen anwesend zu sein
Von Mara-Josephine Lützeler von Roden
Es gibt Regeln, die braucht kein Mensch. Niemand muss heute noch wissen, in welchem Winkel ein Hut beim Betreten eines Wintergartens zu grüßen hat, und wer ein Fischmesser falsch herum hält, gefährdet weder die Republik noch die Verdauung.
Gute Manieren beginnen ohnehin nicht dort, wo man eine Serviette kunstvoll faltet, sondern dort, wo man begreift, dass andere Menschen ebenfalls anwesend sind. Genau deshalb beschäftigt sich dieser Salon mit Benimmregeln. Nicht aus Sehnsucht nach einer Welt aus steifen Kragen und Silberbesteck, sondern aus einem sehr einfachen Grund: Rücksicht ist angenehmer als Rücksichtslosigkeit. Und manchmal genügt dafür schon eine erstaunlich revolutionäre Tat. Man legt das Smartphone weg. Ja, wirklich. Nicht auf stumm. Nicht mit dem Display nach unten. Weg.
Der dritte Gast am Tisch hat keinen Appetit
Früher saßen am Tisch Menschen.
Heute sitzen dort Menschen und ihre Geräte. Das Smartphone liegt links neben dem Teller, rechts neben dem Glas, halb auf der Serviette oder direkt dort, wo früher einmal Platz für die Hände war. Es vibriert, leuchtet, klingelt, blinkt und verlangt Aufmerksamkeit wie ein Kleinkind mit Börsenkursen. Dabei ist es erstaunlich, wie selbstverständlich dieses kleine Rechteck inzwischen in Gesellschaft aufgenommen wurde. Niemand würde beim Abendessen einen Aktenordner auf den Tisch legen und alle vier Minuten darin nachsehen, ob vielleicht jemand eine neue Notiz hineingesteckt hat. Beim Telefon gilt dasselbe Verhalten plötzlich als normal, weil das Ding dünner ist.
Ich gestehe, auch ich besitze eines. Ich schätze Karten, Nachrichten, Fotos und die Möglichkeit, innerhalb weniger Sekunden herauszufinden, wie alt ein Schauspieler ist, dessen Name am Tisch niemandem einfällt. Das Problem beginnt nicht mit dem Gerät. Es beginnt in dem Moment, in dem ein Mensch vor mir sitzt und ich ihm dennoch vermittle, dass irgendwo da draußen etwas Interessanteres passieren könnte. Das ist der eigentliche Punkt. Wer während eines Gesprächs ständig aufs Display schaut, sagt nicht: „Ich bin erreichbar.“ Er sagt: „Du hast meine Aufmerksamkeit, solange nichts Besseres aufleuchtet.“
Das mag unbeabsichtigt sein. Wirkung besitzt es trotzdem. Gute Umgangsformen sind schließlich keine Sammlung geheimer Handzeichen, sondern die Kunst, dem Gegenüber nicht das Gefühl zu geben, versehentlich in die eigene Freizeit geraten zu sein.
Wer sein Essen fotografiert, sollte es wenigstens noch warm erkennen
Besonders schön wird es im Restaurant. Der Kellner trägt drei Teller heran, alle duften, alles dampft, und noch bevor jemand die Gabel hebt, ertönt jener Satz, der schon manche Sauce erkalten ließ: „Warte, ich muss das kurz fotografieren.“ Kurz ist in diesem Zusammenhang ein dehnbarer Begriff. Zuerst muss der Teller gedreht werden. Dann das Glas. Dann die Kerze. Dann wird die Begleitung gebeten, ihre Hand aus dem Bild zu nehmen, obwohl diese Hand später bezahlen wird. Anschließend folgt die Draufsicht, die schräge Ansicht, die Aufnahme mit Weinglas und schließlich eine kleine Videoszene, in der die Petersilie aussieht, als hätte sie einen eigenen Medienberater.
Ich habe nichts gegen Essensfotos. Wirklich nicht. Wer Freude an einem schön angerichteten Gericht hat, darf es fotografieren. Aber vielleicht könnte man sich darauf verständigen, dass ein gemeinsames Essen nicht zur Außenstelle eines Content-Studios wird. Die anderen Gäste am Tisch sind keine Statisten. Sie müssen nicht warten, bis die Nudeln ihren besten Kamerawinkel gefunden haben. Ein Foto dauert Sekunden. Eine kleine Inszenierung dauert so lange, bis der Koch innerlich aufgibt.
Besonders reizvoll ist die nächste Stufe: Das Bild wird sofort verschickt. Nun sitzt man also mit realen Menschen an einem Tisch, um virtuellen Menschen mitzuteilen, dass man mit realen Menschen an einem Tisch sitzt. Wer dabei noch „Quality Time“ unter das Foto schreibt, besitzt eine Form von Humor, die vermutlich unbewusst entstanden ist.
Das Display nach unten ist noch keine Charakterbildung
Manche haben die moderne Höflichkeitsform bereits perfektioniert: Das Smartphone liegt auf dem Tisch, aber mit dem Display nach unten. Das gilt inzwischen fast als gesellschaftliche Askese. Seht her, ich könnte jederzeit nachsehen, aber ich tue es nicht. Noch nicht. Wahrscheinlich ist dies der digitale Nachfolger des gefüllten Zigarettenetuis, nur dass niemand raucht, sondern alle wissen, dass gleich etwas vibrieren könnte.
Das Problem ist die bloße Anwesenheit. Ein Telefon auf dem Tisch bleibt ein Versprechen möglicher Unterbrechung. Es liegt dort wie ein kleiner Notausgang aus dem Gespräch. Selbst wenn es schweigt, erinnert es daran, dass Aufmerksamkeit nur vorläufig vergeben wurde. Natürlich gibt es Ausnahmen. Wer auf einen wichtigen Anruf wartet, ein krankes Familienmitglied betreut oder erreichbar sein muss, darf sein Telefon in Sichtweite haben. Gute Manieren verlangen keine Selbstverstümmelung durch Unerreichbarkeit. Sie verlangen nur eine Kleinigkeit, die erstaunlich selten geworden ist: Man sagt es.
„Entschuldige, ich erwarte einen wichtigen Anruf.“ Fertig. Niemand stirbt. Niemand fühlt sich missachtet. Man hat die Situation erklärt und damit aus einer möglichen Kränkung eine verständliche Ausnahme gemacht. Höflichkeit ist oft nichts anderes als rechtzeitig gelieferter Kontext.
Sprachnachrichten sind keine Tischmusik
Ein besonderes Kapitel verdienen Sprachnachrichten. Sie sind das Schweizer Taschenmesser der Rücksichtslosigkeit, wenn man sie falsch benutzt. Im Zug, im Café, im Wartezimmer und inzwischen auch am Esstisch werden sie abgespielt, als hätten alle Umstehenden ein Abo auf fremde Beziehungen abgeschlossen. Plötzlich erfahren sieben Menschen, dass Kevin am Dienstag nicht kann, Tante Monika „wieder ihre Phase“ hat und jemand dringend noch Katzenstreu kaufen soll. Der Empfänger hält das Telefon dabei häufig vor sich, Lautsprecher an, Gesicht konzentriert, als lausche er einer Regierungserklärung.
Noch schöner ist das Antworten. Das Gerät wird waagerecht vor den Mund gehalten, als sei man Korrespondent in einem Krisengebiet. „Also, ich sag dir ganz ehrlich …“ beginnt es dann, und schon wissen wir alle, dass es nicht ehrlich genug sein wird, um privat zu bleiben.
Wer am Tisch sitzt, hat mehrere elegante Möglichkeiten. Kopfhörer. Kurz hinausgehen. Später antworten. Oder, für Fortgeschrittene, eine Nachricht tippen. Diese Kulturtechnik wird noch angeboten. Sie funktioniert geräuschlos und erfordert keine Beteiligung des Nachbartisches.
Die wichtigste Person im Raum ist erstaunlich oft nicht im Raum
Das Smartphone hat unsere Vorstellung von Dringlichkeit verändert. Früher klingelte das Telefon zu Hause, wenn man nicht da war, war man nicht da. Heute erreicht uns alles sofort, und aus dieser technischen Möglichkeit ist beinahe eine soziale Pflicht geworden. Wer eine Nachricht bekommt, verspürt den Reflex, sie augenblicklich zu lesen. Dabei ist „sofort verfügbar“ keine moralische Tugend. Man darf beim Essen unerreichbar sein. Man darf während eines Gesprächs zehn Minuten lang nicht wissen, was in einer WhatsApp-Gruppe geschieht. Man darf sogar einen ganzen Kaffee trinken, ohne zu erfahren, wer in irgendeinem Netzwerk gerade empört ist.
Das ist keine Ablehnung moderner Technik. Es ist ihre vernünftige Einordnung. Ein Werkzeug sollte dem Menschen dienen, nicht den Takt des Abends bestimmen. Ein Smartphone ist nützlich, wenn man einen Tisch reserviert, den Weg zum Restaurant findet oder später ein Taxi bestellt. Es wird lästig, wenn es während des eigentlichen Treffens die Rolle des Ehrengastes übernimmt.
Vielleicht bin ich an dieser Stelle altmodisch. Dann bin ich es gern. Wenn mir jemand gegenübersitzt, möchte ich sein Gesicht sehen und nicht die Rückseite seines Telefons. Ich möchte einen Satz zu Ende sprechen können, ohne dass ein kleiner Ton entscheidet, ob er noch Bedeutung besitzt. Und ich möchte nicht erleben, wie jemand mitten in einer Geschichte plötzlich geistig verschwindet, weil irgendwo ein roter Kreis mit der Zahl 1 aufgetaucht ist. Wir haben erstaunlich viel Technologie entwickelt, um Menschen miteinander zu verbinden. Es wäre hübsch, wenn sie uns gelegentlich nicht voneinander trennt.
Es geht nicht um Verbote, sondern um Anwesenheit
Man könnte nun eine Regel daraus machen: Keine Telefone auf dem Tisch. Punkt. Aber Regeln ohne Verstand sind lediglich Vorschriften in Abendgarderobe. Es geht nicht um ein dogmatisches Handyverbot. Es geht darum, zu erkennen, wann ein Gerät stört und wann nicht. Zwei Freunde sitzen im Café und zeigen sich Urlaubsfotos? Wunderbar. Eine Familie sucht gemeinsam eine Adresse? Völlig unproblematisch. Jemand liest kurz eine Nachricht, weil er auf eine wichtige Rückmeldung wartet? Auch das überlebt die Zivilisation.
Unhöflich wird es dort, wo das Gerät die gemeinsame Situation dauerhaft abwertet. Wenn jeder zweite Satz durch einen Blick aufs Display unterbrochen wird. Wenn ein Gegenüber warten muss, weil eine Benachrichtigung offenbar gesellschaftlichen Vorrang genießt. Wenn während einer Einladung Nachrichten beantwortet werden, die ohne Weiteres eine Stunde später beantwortet werden könnten. Oder wenn das Telefon nicht mehr Hilfsmittel ist, sondern eine Art persönlicher Notausgang aus jeder Sekunde, die nicht genügend Reiz bietet.
Gute Manieren beginnen an dieser Stelle nicht mit einem Verbot, sondern mit einer Entscheidung: Wem schenke ich gerade meine Aufmerksamkeit? Das Wort „schenken“ ist dabei durchaus passend. Aufmerksamkeit ist knapp. Wer sie jemandem gibt, zeigt Wertschätzung. Wer sie ständig zurückzieht, erzeugt Distanz, selbst wenn er nur dreißig Zentimeter entfernt sitzt.
Und genau deshalb gehört das Smartphone nicht zum Besteck. Nicht weil eine alte Benimmschule es verboten hätte. Nicht weil ein gedeckter Tisch heilig wäre. Sondern weil ein gemeinsames Essen eine der einfachsten Formen menschlicher Nähe ist. Man sitzt zusammen, spricht, schweigt, lacht, streitet vielleicht ein wenig, bestellt noch ein Glas und erfährt Dinge, die in keiner Statusmeldung stehen. Dafür braucht es keine Etiketteprüfung. Nur die Bereitschaft, tatsächlich da zu sein.
Wer sein Telefon weglegt, vollbringt keine kulturelle Heldentat. Er macht lediglich etwas, das früher selbstverständlich war: Er bleibt im Raum.
Und das ist inzwischen fast schon extravagant.












