Roberts Monats-Rückblick September 2026: Berlin kann alles – außer unauffällig
War das wieder ein Monat, dieser September 2026.
Ja, die Tage sind dahingeflogen wie CDU-Wähler in Sachsen-Anhalt und ich weiß nicht, ob das am Alter liegt oder daran, dass inzwischen bereits eine normale Nachrichtenwoche ausreicht, um einem Menschen das Gefühl zu vermitteln, er habe drei Regierungswechsel, zwei Währungsreformen und die Neueröffnung eines Flughafens miterlebt. Wobei Flughafen natürlich ein gefährliches Wort ist, sobald Berlin in diesem Monatsrückblick auftaucht!
Aber nun erst einmal der Reihe nach.
Robert und die Begleitperson
Es gibt Einladungen, bei denen freut man sich. Und es gibt Einladungen, bei denen steht unten: „Begleitung: 1 Person“.
Da fangen die Probleme an.
Ich hatte tatsächlich eine Einladung zur Eröffnung der Kölner Oper bekommen. Nicht irgendeine Veranstaltung mit Schnittchen auf Papptellern und einem Bürgermeister, der anschließend erklärt, Kultur sei wichtig, sondern Oper. Köln. Eröffnung. Abendgarderobe. Menschen, die vermutlich wissen, welcher Löffel wofür gedacht ist.
… und ich auch.
Das Problem war nicht die Oper. Das eigentliche Problem war die Begleitperson!
Ich bin geschieden. Das ist normalerweise ein Zustand, der sich im Alltag durch eine bemerkenswerte organisatorische Übersichtlichkeit auszeichnet. Man muss niemandem erklären, wann man nach Hause kommt, niemand fragt, warum im Kühlschrank drei Sorten Senf, aber keine Butter stehen und wenn man nachts um halb eins beschließt, eine Dokumentation über römische Abwasserkanäle anzusehen, ist der einzige Mensch, der daran Anstoß nehmen könnte, man selbst.
Bei gesellschaftlichen Veranstaltungen allerdings stellt sich heraus, dass die Zivilisation den geschiedenen Mann nicht vollständig mitgedacht hat.
„Begleitung: 1 Person.“
Ich betrachtete diese Zeile ungefähr so lange, wie andere Menschen einen positiven Schwangerschaftstest betrachten.
Wo bekommt man freitags eine Begleitperson für Samstagabend her?
… und dann fiel Amazon Prime auch noch aus. Also telefonierte ich.
Die erste Kandidatin hatte bereits etwas vor. Die zweite wollte wissen, was gespielt wird. Das wusste ich nicht, womit ich bei ihr innerhalb von zwölf Sekunden als Kulturbanause enttarnt war. Eine dritte fragte: „Was soll ich anziehen?“
Ich sagte: „Etwas für die Oper.“,amit war auch dieses Gespräch beendet.
Am Abend saß ich in der „Frohen Zukunft“, wo Gunnar vorschlug, einfach ihn mitzunehmen.
„Ich hab einen dunklen Anzug.“
„Du hast einen Anzug von einer Beerdigung.“
„Ja“, sagte Gunnar. „Dunkler geht doch gar nicht.“
Rüdiger meinte, bei einer Operneröffnung brauche man vermutlich einen Smoking. Nikolai erklärte daraufhin ungefähr zwanzig Minuten lang den Unterschied zwischen Smoking, Frack und Cutaway, was vor allem bewies, dass auch ein wirtschaftsliberaler Mensch enorme Mengen völlig unproduktiven Wissens besitzen kann.
Klaus stellte vier Kölsch auf den Tisch.
„Nehmt doch einfach einen mit Kleid.“
Damit war die gesellschaftspolitische Debatte eröffnet, die ich eigentlich vermeiden wollte.
Am Freitag geschah dann etwas, das jeder Drehbuchautor gestrichen hätte, weil es zu konstruiert wirkt.
Ich traf auf den Heimweg meine Scheidungsanwältin, natürlich rein zufällig.
Sie fragte, wie es mir gehe.
„Gut. Ich habe nur ein Problem.“
Sofort bekam sie diesen Gesichtsausdruck, den Anwälte vermutlich schon im ersten Semester lernen.
„Rechtlich?“
„Schlimmer.“
„Was denn?“
„Ich brauche bis morgen Abend eine Frau.“
Es entstand eine Pause, in der irgendwo in Köln vermutlich drei Juristen gleichzeitig aufschreckten.
Ich erklärte die Sache mit der Oper und fragte schließlich, mehr aus Verzweiflung als aus Hoffnung, ob sie nicht zufällig Zeit habe.
Sie sah mich an.
„Sie fragen gerade Ihre Scheidungsanwältin, ob sie Sie zur Oper begleitet?“
„Rein gesellschaftlich versteht sich.“
„Das haben Sie bei Ihrer Ehe vermutlich auch irgendwann gesagt.“
Da wusste ich: Die Frau muss mit.
Und tatsächlich hatte sie Zeit.
Damit war ausgerechnet die Person, die mir juristisch geholfen hatte, eine Frau aus meinem Leben zu verabschieden, nun dafür zuständig, mich gesellschaftlich wieder in weiblicher Begleitung vorzeigbar zu machen.
Man muss die deutsche Rechtspflege manchmal einfach bewundern.
Nachsorge mit Orchester
Auf dem Empfang kam natürlich irgendwann die Frage: „Und woher kennen Sie sich?“
Wir entschieden uns für die Wahrheit.
„Von meiner Scheidung. Also sie hat meine Scheidung gemacht.“
Das Erstaunliche ist, wie schnell Menschen auf einem Empfang verstummen können.
Ein Herr mit Fliege fragte: „Und jetzt gehen Sie zusammen in die Oper?“
Meine Begleitung nickte.
„Nachsorge eben.“
Ich hätte sie in diesem Moment am liebsten geheiratet, nur um mich anschließend wieder von ihr scheiden zu lassen.
Geschäftsmodell.
Während der Vorstellung beugte sie sich irgendwann zu mir und fragte, ob alles in Ordnung sei.
„Ich verstehe die Handlung nicht.“
Sie flüsterte: „Ein Mann trifft eine Frau, es gibt Missverständnisse, irgendwann leiden alle.“
„Also faktisch Scheidungsrecht mit schwerer Musik.“
Sie musste so lachen, dass sich drei Reihen vor uns ein Herr umdrehte, dessen Gesicht erkennen ließ, dass Richard Wagner ihm persönlich noch Geld schuldete.
Später begegnete uns ein Bekannter.
„Robert! Neue Liebe?“
Meine Anwältin antwortete schneller als ich:
„Nein, Altlastenverwaltung.“
Vielleicht waren wir an diesem Abend tatsächlich das einzige Paar, dessen Verhältnis rechtlich vollkommen geklärt war. Keine Erwartungen, keine gemeinsamen Konten, keine Zahnbürste beim anderen und falls der Abend schlecht ausgegangen wäre, hätte ich die zuständige Juristin bereits dabeigehabt.
Effizienter kann man Beziehungen in Deutschland kaum organisieren.
Sonntagmorgen in der Frohen Zukunft
Am Sonntag saß ich wieder bei Klaus zum Frühschoppen, nicht zu verwechseln mit früh shoppem! Gunnar, Nikolai und Rüdiger waren schon da.
„Na?“, fragte Gunnar. „Wie war die Oper?“
Klaus stellte mir ungefragt ein Kölsch hin.
„Keine Ahnung. Ich war den ganzen Abend damit beschäftigt, den Leuten zu erklären, warum ich mit meiner Scheidungsanwältin da bin.“
Rüdiger grinste. „Und? Läuft da was?“
Ich ertappte mich, dass ich schmunzeln musste. Warum nur?!
„Rüdiger, wenn zwischen einer Scheidungsanwältin und ihrem ehemaligen Mandanten etwas läuft, nennt man das nicht Beziehung.“
„Sondern?“
„Wiederkehrendes Mandat.“
Klaus nickte.
„Siehste.“
Und dann kamen wir auf Berlin.
Berlin wählt – nur der Stimmzettel weiß noch nicht wo
In Charlottenburg-Wilmersdorf waren bei der Briefwahl tatsächlich Stimmzettel aus zwei Wahlkreisen vertauscht worden. Bis zum 15. September waren neun Fälle bestätigt. Vorsorglich wurden die Wahlberechtigten angeschrieben, deren Unterlagen an den betroffenen Tagen ausgestellt worden waren. Insgesamt konnten etwa 1.400 Menschen betroffen sein.
Ich legte die Zeitung hin.
„Berlin hat aus früheren Wahlen gelernt“, sagte ich. „Diesmal wusste man wenigstens schon vor dem Wahltag, wo die Panne liegt.“
Rüdiger verzog das Gesicht.
„Fehler passieren.“
Gunnar nahm einen Schluck. „Bei meiner Steuererklärung akzeptiert das Finanzamt diese Begründung erstaunlich selten.“
Nikolai sagte: „Immerhin wurden die Leute informiert.“
Klaus polierte ein Glas. „Wenn ihr so weitermacht, informiere ich euch gleich über die Rechnung.“
Das beruhigte den Tisch sofort. Der deutsche Mann akzeptiert vieles, aber Transparenz bei seiner Kneipenrechnung geht ihm zu weit.
Digitalisierung geschafft: Die Daten sind jetzt woanders
Dann der Cyberangriff auf das Berliner Landesnetz. Eine kriminelle Gruppe hatte Daten aus der Verwaltung kopiert und am 4. September im Darknet veröffentlicht. Zuvor war Berlin erpresst worden. Die Gruppe Rhysida behauptete, 5,7 Terabyte erbeutet zu haben, und verlangte 30 Bitcoin als Mindestgebot, damals rund zwei Millionen Euro. Noch Mitte September erklärte die zuständige Senatsverwaltung, die vollständige Prüfung der betroffenen personenbezogenen Daten werde längere Zeit dauern.
„Die Digitalisierung der Berliner Verwaltung ist damit abgeschlossen“, sagte ich. „Die Daten sind digital und woanders.“
Nikolai schüttelte den Kopf. „Cybersecurity ist inzwischen Infrastruktur.“
„Früher“, sagte Gunnar, „musste ein Einbrecher wenigstens noch ins Rathaus.“
Klaus stellte die nächste Runde hin.
„Fortschritt. Heute arbeitet selbst der Einbrecher im Homeoffice.“
Ich musste an meine Tomatenpflanzen auf dem Balkon denken. Die waren inzwischen auch digitalisiert. Ich hatte sie fotografiert, weil sie in natura kaum noch Lebenszeichen zeigten.
4,6 Milliarden Minus – aber mit Statusbericht
Am 1. September meldete der Berliner Senat für 2026 ein erwartetes Finanzierungsdefizit von knapp 4,6 Milliarden Euro. Rund 39,1 Milliarden Euro bereinigten Einnahmen standen prognostizierte bereinigte Ausgaben von 43,7 Milliarden gegenüber. Finanzsenator Stefan Evers bezeichnete die Haushaltslage als ernst und kündigte an, Prioritäten und Ausgaben weiter prüfen zu müssen.
„Vier Komma sechs Milliarden“, sagte Nikolai langsam.
„Andere nennen das Minus“, sagte ich. „In Berlin heißt es Statusbericht.“
Rüdiger hob die Hand. „Ein Defizit ist noch keine Zahlungsunfähigkeit.“
„Stimmt“, sagte Klaus. „Wenn Gunnar bei mir anschreiben lässt, ist er auch nicht pleite. Ich habe nur ein wachsendes Forderungsportfolio.“
Gunnar sah ihn an.
„Ich zahle immer.“
„Du kandidierst damit für den nächsten Statusbericht.“
Olympia Berlin: Dabei sein ist alles – außer am Samstag
Noch wenige Tage vor der Entscheidung lief die Berliner Bewerbung BERLIN+ für Olympische und Paralympische Spiele 2036, 2040 oder 2044. Die DOSB-Evaluierungskommission bewertete Berlin+ am 22. September mit 74,64 Punkten als „gut“, während München und KölnRheinRuhr als „sehr gut“ eingestuft wurden. Am 24. September zog Berlin seine Bewerbung zurück. Der Senat begründete dies mit der veränderten politischen Situation nach der Abgeordnetenhauswahl. Zwei Tage später sollte die DOSB-Mitgliederversammlung entscheiden.
„Das ist konsequent“, sagte ich. „Berlin wollte Olympia 2036, 2040 oder 2044. Am Ende scheiterte man schon an Donnerstag.“
Rüdiger brummte: „Wenn die politische Grundlage weg ist, muss man Konsequenzen ziehen.“
Nikolai nickte. „Besser als jahrelang Geld in etwas zu stecken, das politisch nicht getragen wird.“
Gunnar grinste. „Schade. Ich hätte gern den 100-Meter-Hürdenlauf durchs Bürgeramt gesehen.“
Klaus stellte ein Glas hin.
„Finale im Terminmachen. Weltrekord liegt bei acht Monaten.“
Autoarm für 120 Euro im Monat
Auf der Insel Gartenfeld in Spandau entsteht ein großes Neubauquartier mit rund 3.700 Wohnungen. Im September berichtete der Tagesspiegel über Ärger um Stellplätze: Für einen Platz im Parkhaus wurden 120 Euro monatlich verlangt, also mehr als 1.400 Euro im Jahr. Das Quartier ist bewusst autoarm geplant.
Ich sah in die Runde.
„Das Quartier heißt autoarm, weil man nach der Parkgebühr arm ist und immer noch ein Auto hat.“
Nikolai wollte etwas über knappe Flächen, Preise und Angebot sagen.
Gunnar unterbrach ihn: „Hundertzwanzig Euro fürs Rumstehen?“
Klaus deutete auf seinen Tresen.
„Hier sitzt du seit zwölf Jahren kostenlos.“
„Siehst du!“
„Ich sagte sitzt. Nicht trinkt.“
Berlin koordiniert jetzt die Koordinierung
Am 22. September beschloss der Senat außerdem ein integriertes Gesamtkonzept zur Baustellenkoordinierung. Gemeinsame Kontrollen, digitale Erfassung, bessere Informationen und eine gesamtstädtische Koordinierungsplattform sollen Planung, Genehmigung und Aufsicht enger zusammenführen. Die zuständige Senatorin Ute Bonde verwies darauf, dass die Zahl der Arbeitsstellen wegen des hohen Investitionsbedarfs künftig weiter zunehmen werde.
Ich musste diesen Satz zweimal lesen.
„Eine gesamtstädtische Koordinierungsplattform für Baustellenkoordinierung.“
Gunnar sah mich an.
„Was macht die?“
„Sie koordiniert.“
„Was?“
„Die Koordinierung.“
„Und wer kontrolliert das?“
„Vermutlich irgendwann eine Koordinierungsplattformkontrollstelle.“
Klaus stellte fünf Kölsch hin.
„Ich hab hier auch ein Gesamtkonzept.“
„Welches?“
„Wenn das Glas leer ist, kommt ein volles hin.“
Wir schwiegen.
Manchmal merkt man erst in einer Kölner Kneipe, wie einfach Verwaltung sein könnte.
Vielleicht ist genau das unser Problem
Später wurde es ruhiger. Das passiert am Stammtisch selten freiwillig. Meistens liegt es daran, dass Klaus irgendwann aufhört, Fragen zu stellen.
Ich dachte noch einmal über diesen September nach. Über falsche Stimmzettel, gestohlene Verwaltungsdaten, Milliardenlöcher, eine zurückgezogene Olympiabewerbung, teure Parkplätze und eine neue Plattform zur Koordinierung von Baustellen.
Für sich genommen hat jede dieser Geschichten eine Erklärung. Menschliche Fehler passieren. Cyberangriffe sind eine reale Bedrohung. Haushalte geraten unter Druck. Politische Mehrheiten verändern Entscheidungen. Wohnraum braucht Verkehrskonzepte. Baustellen müssen koordiniert werden.
Das Verrückte entsteht erst, wenn man alles nebeneinanderlegt.
Dann sieht unser Alltag manchmal aus wie ein riesiges Haus, in dem in jedem Zimmer jemand sehr gewissenhaft ein anderes Problem löst, während unten im Keller langsam Wasser durch die Wand kommt und oben einer eine Arbeitsgruppe gründet, um zu klären, ob der Eimer farblich zum Treppenhaus passt.
Vielleicht ist das der eigentliche Irrsinn unserer Zeit: Nicht, dass niemand etwas tut. Im Gegenteil. Alle tun etwas. Es wird geplant, geprüft, evaluiert, koordiniert, digitalisiert, informiert, neu bewertet und anschließend noch einmal überprüft, ob die Bewertung den Kriterien der ersten Prüfung entsprochen hat.
Nur der Bürger steht irgendwann da und fragt eine ziemlich primitive Frage:
„Funktioniert es denn?“
Und diese Frage ist inzwischen fast unanständig.
Meine Tomaten auf dem Balkon haben übrigens für dieses Problem eine erstaunlich klare Lösung gefunden. Drei Monate habe ich gegossen, gedüngt, gestützt und ihnen gut zugeredet. Am Ende hatten sie zwei Tomaten.
Keine Pressekonferenz.
Kein Statusbericht.
Keine Koordinierungsplattform.
Zwei Tomaten.
Klaus sah auf die Uhr.
„Robert, willst du noch einen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich muss morgen funktionieren.“
Gunnar grinste.
„Seit wann?“
„Gute Frage. Seit gestern Abend?!“
Ich zog meine Jacke an.
Und vielleicht ist genau das der Punkt. Man kann über all diesen Irrsinn lachen, und man sollte es sogar, weil man sonst irgendwann morgens die Nachrichten öffnet und bereits beim zweiten Absatz nach einem Schnaps sucht. Aber hinter jeder schönen Pointe steckt am Ende etwas ziemlich Unlustiges: öffentliches Geld, Vertrauen, Sicherheit, funktionierende Infrastruktur und das Gefühl der Menschen, dass die Dinge, die sie finanzieren und auf die sie angewiesen sind, wenigstens halbwegs funktionieren.
Eine Demokratie hält Kritik aus. Eine Verwaltung hält Spott aus. Politiker halten Karikaturen aus. Das müssen sie sogar, jedoch sehen sie es anders.
Schwieriger wird es, wenn die Menschen irgendwann nicht mehr lachen, weil sie nichts mehr erwarten.
Dann wäre der Witz nämlich vorbei.
Und das fände sogar ich schade.
Nun werde ich mit meiner Scheidungsanwältin telefonieren, wie sie den Abend verkraftet hat. Claudia heißt sie 😊!
So, das alles wollte ich jetzt und hier loswerden. Nun sage ich mal bis denne und Tschö mit drei Ö!




























