Michel entdeckt das Maß – Wenn drei Zentimeter Zaun zur Staatskrise werden
So isser … der Deutsche Michel.
Er hatte sich vorgenommen, an diesem Samstag nichts zu übertreiben und war damit bereits der Einzige in der Straße.
Der Streit begann um 9.17 Uhr mit drei Zentimetern Gartenzaun. Drei Zentimeter sind im gewöhnlichen Leben relativ wenig. Aber relativ ist sehr oft relativ! Bei einem Zollstock bemerkt man sie kaum, bei einer Hose hofft man auf Stoffzugabe und beim Kuchen nimmt Michel sie notfalls zweimal. In der Rosenstraße allerdings hatten drei Zentimeter inzwischen die Stabilität des Gemeinwesens gefährdet.
Herr Böttcher behauptete, der Zaun seines Nachbarn Herr Kruse sei exakt 1,23 Meter hoch, obwohl laut irgendeiner alten Vereinbarung, die niemand je gelesen hatte, 1,20 Meter als sittlich vertretbar galten. Herr Kruse wiederum erklärte, die drei Zentimeter seien „konstruktionsbedingt“. Böttcher nannte das „Salamitaktik“. Kruse wies darauf hin, dass Salami wenigstens essbar sei. Damit war die Sachlichkeit beendet.
Michel stand leicht geduckt am Gartentor, die rote Zipfelmütze hing ihm über die Schulter wie eine Fahne, die vorsichtshalber kapituliert hatte. Er wollte gerade fragen, ob man den Zaun vielleicht mit dem Rasenmäher kürzen könne, als Rüdiger auftauchte.
Rüdiger hatte sich in der digitalen Nachbarschaftsgruppe innerhalb von vierundzwanzig Stunden vom Grillfreund zum Verfassungsexperten entwickelt. „Das ist typisch!“, rief er. „Die einen wollen alles verbieten, die anderen machen einfach, was sie wollen. Extreme auf beiden Seiten!“
„Welche Seiten?“, fragte Michel.
Rüdiger deutete dramatisch nach links und rechts: „Da.“
Michel schaute. Links standen Hortensien, rechts die Biotonne.
„Die wirken beide ruhig“, sagte er.
Else, die hinter ihm einen Wäschekorb trug, blieb kurz stehen. „Die Hortensien sind auch besser informiert.“
Doch der Zaun war erst der Anfang. Gegen Mittag kam der Grill hinzu. Herr Kruse legte drei Würste auf, worauf Herr Böttcher im Gruppenchat schrieb, die „gezielte Rauchentwicklung“ habe eine neue Qualität erreicht.
Kruse antwortete darauf, Bratwurst sei keine Kriegsführung.
Böttcher schrieb, genau diese Verharmlosung mache ihm Sorgen.
Michel las mit wachsender Stirnfalte mit. „Else, meinst du, wir sollten vermitteln?“
„Du?“, fragte Else.
„Ich kann neutral.“
„Du entschuldigst dich beim Kellner, wenn dein Essen kalt ist.“
„Das ist Höflichkeit.“
„Du hast ihm Trinkgeld gegeben.“
„Er hatte es ja schwer und ist nun wirklich unterbezahlt, vielleicht wenigstens.“
Michel beschloss trotzdem, sich vorzubereiten. Er druckte die gesamte Diskussion aus, weil er digitale Konflikte auf Papier übersichtlicher fand. Nach Seite 73 wurde der Drucker warm, nach Seite 118 sehr warm und nach Seite 146 roch das Wohnzimmer nach Verwaltungsreform.
Michel hob den Papierstapel an. „So. Jetzt haben wir wenigstens alle Argumente.“
Else sah auf die 146 Seiten.
„Nein, Michel. Jetzt haben wir nur noch mehr Altpapier und die Papiertonne ist eh schon voll, von all den Prospekten die überall im Supermarkt rumliegen und die du immer mitnimmst, auch wenn du sie nie anguckst.“
Am Nachmittag trug Michel die 146 Seiten in den Garten. Nicht weil er sie alle gelesen hätte. Aber Papier verlieh einer Sache Gewicht, und wenn man es ordentlich abheftete, sogar Bedeutung.
Emma saß bereits auf der Gartenmauer und betrachtete Herrn Böttcher, der mit einem Zollstock am Zaun entlanglief, während Herr Kruse danebenstand und jedes Messergebnis kommentierte.
„Ein Meter dreiundzwanzig!“, sagte Böttcher.
„Mit Gras!“, sagte Kruse.
„Das Gras gehört zum Grundstück.“
„Aber nicht zum Zaun.“
Rüdiger nickte ernst. „Genau da fängt es an.“
„Was?“, fragte Emma.
Rüdiger überlegte. „Na, das Ganze.“
Emma sah Michel an. „Opa, was ist das Ganze?“
Michel räusperte sich. Erwachsene besitzen für solche Fragen eine bewährte Technik: Sie wiederholen zunächst die Frage mit bedeutender Stimme.
„Das Ganze, Emma, ist natürlich … das Ganze.“
„Ach so.“
Damit war Michel argumentativ besiegt.
Herr Petersen kam mit einer Kaffeetasse herüber, betrachtete den Zaun, betrachtete die Männer und nahm einen Schluck.
„Drei Zentimeter“, sagte er.
„Drei Zentimeter zu viel!“, erklärte Böttcher.
„Dann sind’s immer noch drei Zentimeter.“
Michel gefiel das. Es klang nach einem Satz, den man sich merken konnte, obwohl kaum etwas darin vorkam.
Da fiel ihm die Küchenwaage ein.
Fünf Minuten später stand er wieder im Vorgarten und stellte das Gerät auf einen Klapptisch. Auf die linke Seite legte er Böttchers Beschwerdebrief, auf die rechte Kruses Antwort. Leider war es eine digitale Küchenwaage ohne zwei Seiten, weshalb Michel beide Schreiben nacheinander wog.
„Herr Böttcher: acht Gramm. Herr Kruse: elf.“
Kruse grinste triumphierend.
„Moment“, sagte Michel. „Sie haben zwei Seiten mehr.“
„Dann kürze ich mich künftig.“
„Das wäre allgemein hilfreich“, sagte Else.
Rüdiger trat näher. „Man kann Argumente doch nicht wiegen!“
Michel sah auf die Waage. „Warum sagt ihr dann dauernd, etwas wiege schwer?“
Für einen kurzen Moment trat jene gefährliche Ruhe ein, die entsteht, wenn Michel aus Versehen etwas Vernünftiges sagt.
Dann meldete sich Böttcher wieder. Der Grillgeruch sei weiterhin eine Provokation.
Kruse konterte, wer sich von einer Bratwurst provozieren lasse, solle vielleicht mehr Kartoffelsalat essen.
Rüdiger erklärte nun beide Äußerungen für „bedenklich“.
„Rüdiger“, fragte Emma, „gibt es eigentlich auch etwas, das du nicht bedenklich findest?“
Rüdiger dachte lange nach.
„Meine Meinung.“
Herr Petersen trank seinen Kaffee aus.
„Vielleicht“, sagte er ruhig, „müsst ihr nicht alles bis zum Ende denken. Manches kann man auch vorher aufhören.“
Michel blickte auf den Zaun, dann auf den Grill, dann auf 146 Seiten Nachbarschaftsgeschichte, die der Wind inzwischen quer über den Rasen verteilte.
Seite 94 landete im Rosenbeet.
Darauf stand: „So kann es nicht weitergehen.“
Michel hob sie auf.
„Da“, sagte er. „Endlich mal Einigkeit.“
Am frühen Abend hatte sich die Lage weiter zugespitzt. Herr Böttcher hatte inzwischen einen Klappstuhl an die Grundstücksgrenze gestellt, um den Grill „zu dokumentieren“, Herr Kruse grillte aus Trotz eine vierte Wurst, und Rüdiger hatte im Gruppenchat geschrieben, die Nachbarschaft befinde sich „an einem historischen Wendepunkt“.
Michel sah sich um.
„Wo genau ist der Wendepunkt?“
„Bildlich gesprochen“, sagte Rüdiger.
„Ach so. Ich dachte, ich hätte ihn wieder übersehen.“
Else stellte sich neben Michel. „Nun sag endlich was.“
„Ich sammle noch.“
„Was?“
„Mut.“
„Dann nimm zwei. Man weiß nie.“
Michel räusperte sich. Niemand hörte ihn. Er räusperte sich stärker. Herr Böttcher diskutierte weiter. Michel räusperte sich ein drittes Mal und bekam von Emma ein Glas Wasser.
„Opa, vielleicht musst du reden statt husten.“
„Das hatte ich als nächsten Schritt geplant.“
Dann hob Michel beide Hände.
„Also.“
Merkwürdigerweise wurde es still.
Michel blickte zu Herrn Böttcher. Dann zu Herrn Kruse. Dann zu Rüdiger, der vorsichtshalber bereits empört aussah, obwohl noch gar nichts gesagt worden war.
„Der Zaun ist drei Zentimeter zu hoch.“
Böttcher nickte triumphierend.
„Und drei Zentimeter“, fuhr Michel fort, „sind drei Zentimeter. Keine Diktatur.“
Kruse grinste.
„Und der Grill raucht ziemlich ordentlich.“
Nun nickte Böttcher.
„Aber eine Bratwurst ist auch nicht der Untergang des Abendlandes. Jedenfalls nicht vor dem dritten Bier.“
Herr Petersen lächelte in seine leere Kaffeetasse.
„Michel!“, sagte Rüdiger. „Du relativierst!“
Michel erschrak. „Was kostet das?“
Emma kicherte.
„Gar nichts, Opa.“
„Dann mache ich weiter.“
Und das tat er auch.
Er schlug vor, Herr Kruse könne die drei Zentimeter kürzen, wenn sie tatsächlich gegen eine verbindliche Regel verstießen. Herr Böttcher könne dafür darauf verzichten, jeden Grillabend wie eine bevorstehende Evakuierung zu behandeln. Kruse solle den Grill etwas weiter nach hinten stellen. Böttcher solle das Fenster schließen, wenn der Wind ungünstig stehe. Und Rüdiger dürfe selbstverständlich weiterhin beide Seiten für Extremisten halten, müsse es aber nicht vor jedem Nachtisch bekannt geben.
Rüdiger wirkte getroffen.
„Dann darf man wohl gar nichts mehr sagen.“
„Doch“, sagte Else. „Du beweist es seit vier Stunden.“
Herr Petersen stellte seine Tasse ab. „Das Maß liegt meistens nicht genau in der Mitte. Aber man findet es nur, wenn keiner ständig am Anschlag steht.“
Diesmal sagte niemand etwas.
Michel schaute auf seine Küchenwaage. Vielleicht, dachte er, war Maßhalten gar nicht die Kunst, immer weniger zu wollen. Vielleicht bedeutete es, den Dingen die Größe zu lassen, die sie wirklich hatten. Drei Zentimeter blieben drei Zentimeter. Eine andere Meinung blieb eine andere Meinung. Und ein Nachbar blieb ein Nachbar, auch wenn sein Grill zu stark rauchte und sein Zaun ein wenig zu hoch geraten war.
Michel zog die Schultern zurück. Nur ein bisschen. Zehn Zentimeter vielleicht. Seine rote Zipfelmütze richtete sich mit auf. Nicht aus Trotz. Eher aus Platzbedarf für einen Gedanken, der ihm bislang gefehlt hatte: Man muss nicht jeden Streit gewinnen. Manchmal reicht es, ihn wieder auf Normalgröße zu bringen.
Wer jedes Korn zum Berge macht,
hat bald die ganze Welt verkracht.
Das rechte Maß spart manchen Streit –
und Rüdiger sogar Sendezeit.



















