Anerkennung als Lebenssinn – Warum wir ständig gesehen werden wollen
Von Alfred-Walter von Staufen
Der Mensch will Sinn. Meist reicht ihm aber schon Applaus. Ein Lob vom Chef, ein Herzchen im Netz, ein bewundernder Blick beim neuen Auto – und für einen kurzen Moment scheint die Existenz ordnungsgemäß bestätigt. Die Reihe „Vom Sinn des Lebens – Eine Gebrauchsanleitung für ein Leben ohne Gebrauchsanleitung“ beschäftigt sich mit solchen kleinen Ersatzreligionen des Alltags: Erfolg, Besitz, Freiheit, Anerkennung und allem, was wir für Sinn halten, solange niemand zu genau nachfragt. Zwischen Küchentisch, Terminkalender und Selbstoptimierung geht es um die ziemlich alte Frage, wie man sinnvoll lebt, wenn das Leben selbst keine Bedienungsanleitung mitliefert.
Anerkennung ist dabei besonders raffiniert, weil sie sich nicht wie eine Ersatzlösung anfühlt. Sie fühlt sich an wie Wahrheit. Wenn andere uns gut finden, muss doch etwas an uns dran sein. Und wenn sie schweigen, beginnt sofort die innere Inventur: Bin ich noch wichtig, interessant, erfolgreich – oder nur gerade schlecht beleuchtet?
Bitte einmal bestätigen, dass ich existiere
Der moderne Mensch hat ein merkwürdiges Verhältnis zu sich selbst entwickelt. Er glaubt durchaus, dass er existiert, möchte aber vorsichtshalber regelmäßig eine zweite Meinung dazu. Früher reichte dafür die Familie, später kam der Arbeitgeber hinzu, dann der Verein, die Nachbarschaft und irgendwann das Internet, das die menschliche Sehnsucht nach Anerkennung endlich in eine Zahl verwandelt hat. Seitdem lässt sich Selbstwert nicht nur fühlen, sondern aktualisieren.
Man steht morgens auf, sieht in den Spiegel und denkt: Na ja. Dann schaut man aufs Telefon und entdeckt drei neue Reaktionen, zwei freundliche Kommentare und eine Nachricht mit dem Wort „großartig“. Plötzlich sieht man im Spiegel denselben Kopf, aber unter deutlich besseren Marktbedingungen. Das Ich ist offenbar börsennotiert.
Dabei ist Anerkennung zunächst nichts Lächerliches. Jeder Mensch möchte gesehen werden. Nicht beobachtet wie ein Falschparker, sondern wahrgenommen. Das Kind, das ein Bild malt, schaut nicht zufällig sofort zur Mutter. Der Erwachsene macht im Grunde dasselbe, nur malt er keine Sonne mit sieben Strahlen mehr, sondern präsentiert Quartalszahlen, renovierte Küchen, Laufzeiten über zehn Kilometer oder einen Teller mit Avocado. Die Technik hat sich verändert. Der Blick über die Schulter ist geblieben.
Besonders zuverlässig funktioniert das im Berufsleben. Dort heißt Anerkennung selten einfach Anerkennung, sondern Feedback, Sichtbarkeit oder Wertschätzungskultur. Man bekommt ein Schulterklopfen, weil eine Gehaltserhöhung gerade organisatorisch schwierig ist, und bedankt sich artig für die warmen Worte. So wird aus einem menschlichen Bedürfnis gelegentlich eine betriebliche Ersatzwährung mit erstaunlich niedriger Kaufkraft.
Schwierig wird es erst, wenn aus dem Wunsch nach Anerkennung ein Versorgungssystem wird. Dann genügt es nicht mehr, etwas zu tun, weil man es für richtig, schön oder wichtig hält. Es muss jemand danebenstehen und innerlich abstempeln: genehmigt. Wer so lebt, führt sein Leben wie einen Bauantrag. Jede Entscheidung braucht Zustimmung, jedes Risiko eine Beglaubigung, jedes Glück möglichst Zeugen.
Das Absurde daran ist, dass Anerkennung gerade dann am stärksten gesucht wird, wenn sie am wenigsten sättigt. Ein Kompliment hält ungefähr so lange wie ein warmer Toast. Man freut sich, dann wird er kalt, und bald braucht man den nächsten. Also arbeitet man härter, zeigt mehr, erklärt mehr, optimiert sich sorgfältiger und fragt sich irgendwann, warum ein Leben, das von außen recht gelungen aussieht, innen so schlecht möbliert ist.
Vielleicht liegt das daran, dass Anerkennung ein wunderbarer Gast ist, aber ein miserabler Vermieter. Wer ihr die Wohnung überschreibt, muss ständig damit rechnen, gekündigt zu werden.
Wenn keiner klatscht, war es dann überhaupt gut?
Anerkennung besitzt eine kleine Gemeinheit, über die selten gesprochen wird: Sie verändert heimlich den Maßstab. Anfangs freut man sich darüber, wenn jemand die eigene Arbeit gut findet. Später erwartet man es. Noch später wird das Ausbleiben des Lobes bereits als Kritik verstanden. Ein ganz normaler Dienstag, an dem niemand sagt, wie hervorragend man ist, kann dann emotional ungefähr die Wirkung einer mittleren Dienstaufsichtsbeschwerde entfalten.
Das zeigt sich besonders schön bei Menschen, die etwas erschaffen. Ein Text, ein Bild, ein Kuchen, ein Garten, ein Möbelstück, eine Idee. Kaum ist das Werk fertig, beginnt die eigentliche Prüfung. Nicht: Gefällt es mir? Sondern: Was sagen die anderen?
Und wehe, sie sagen nichts.
Dann sitzt man da, betrachtet das, worauf man gestern noch stolz war, und entdeckt plötzlich Mängel, die offenbar erst durch mangelnden Beifall sichtbar werden. Der Kuchen ist trocken. Das Bild irgendwie schief. Der Text vielleicht doch zu lang. Der Garten könnte mehr Struktur vertragen. Innerhalb weniger Minuten gelingt etwas Erstaunliches: Die Meinung anderer Leute verändert rückwirkend das eigene Erlebnis.
Das ist praktisch, weil man sich dadurch die lästige Aufgabe erspart, selbst einen Standpunkt zu entwickeln.
Natürlich behaupten wir gern das Gegenteil. Uns sei völlig egal, was andere denken. Dieser Satz gehört zu den beliebtesten Sätzen von Menschen, denen keineswegs egal ist, was andere denken. Wer wirklich unabhängig vom Urteil seiner Umgebung lebt, muss das gewöhnlich nicht dreimal beim Abendessen erwähnen.
Anerkennung wird besonders verführerisch, wenn sie mit Leistung verbunden ist. Wer viel arbeitet, viel erreicht oder sich besonders anstrengt, erwartet irgendwann nicht nur ein Ergebnis, sondern eine gesellschaftliche Quittung dafür. Man möchte, dass jemand sagt: Das war richtig. Das war wichtig. Du hast deinen Platz verdient.
Und genau dort wird es gefährlich, denn plötzlich dient die Arbeit nicht mehr nur einem Zweck. Sie beginnt, die eigene Person zu rechtfertigen.
Dann wird aus „Ich habe etwas geleistet“ ganz langsam „Ich bin etwas, weil ich etwas geleistet habe“.
Das klingt zunächst fast identisch. Ist es aber nicht.
Denn im zweiten Satz lauert eine Rechnung ohne Feierabend. Wer seinen Wert an Leistung bindet, darf nie ganz aufhören. Es könnte sonst auffallen, dass hinter dem Titel, dem Erfolg, dem Applaus und all den kleinen Orden des Alltags immer noch ein Mensch sitzt, der nicht jeden Morgen beweisen möchte, warum er überhaupt da sein darf.
Vielleicht ist das die merkwürdigste Form der Anerkennungssucht: Man möchte von anderen bestätigt bekommen, was man sich selbst nicht zu sagen traut.
Der Tag, an dem niemand mehr zustimmen muss
Vielleicht beginnt Freiheit genau an der Stelle, an der man etwas Gutes tut und anschließend niemandem davon erzählt.
Das klingt erschreckend unspektakulär. Kein Foto. Kein Beitrag. Keine beiläufig platzierte Bemerkung beim Abendessen, die selbstverständlich nur deshalb fällt, weil das Gespräch zufällig gerade auf Hilfsbereitschaft, berufliche Erfolge oder persönliche Großzügigkeit gekommen ist. Man macht etwas, hält es für richtig und lebt weiter.
Für den anerkennungsgewohnten Menschen ist das beinahe revolutionär.
Denn ohne Publikum fehlt plötzlich der Spiegel, in dem man überprüfen kann, ob man noch bewundernswert aussieht. Man muss selbst entscheiden, ob eine Handlung richtig war, ob eine Arbeit gelungen ist, ob ein Weg sinnvoll ist. Und damit beginnt der unangenehme Teil des Erwachsenseins: Es gibt keine Jury.
Das ist vermutlich der Grund, warum Anerkennung so bequem ist. Sie nimmt uns Entscheidungen ab. Wenn genügend Menschen klatschen, muss man sich nicht mehr fragen, ob etwas richtig ist. Wenn genügend Kollegen beeindruckt schauen, war die Karriere offenbar sinnvoll. Wenn genügend Nachbarn den neuen Wagen betrachten, hat sich die Rate gelohnt. Und wenn dreihundert Fremde unter einem Foto ein kleines Herz hinterlassen, kann der Nachmittag so schlecht nicht gewesen sein.
Nur leider lässt sich ein Leben nicht demokratisch legitimieren.
Es gibt Dinge, die werden nicht sinnvoller, nur weil viele Menschen sie bewundern. Und anderes bleibt wertvoll, obwohl keiner hinsieht. Ein Gespräch mit einem alten Freund bekommt keine Reichweite. Eine Stunde mit einem Kind erscheint in keiner Leistungsbilanz. Jemandem zu helfen, ohne darüber zu sprechen, verbessert keine persönliche Marke. Am Sterbebett dürfte sich ohnehin kaum jemand wünschen, er hätte damals noch vierhundert zusätzliche Reaktionen auf seinen Beitrag bekommen.
Irgendwann muss deshalb die Frage wechseln.
Nicht mehr: Wie wirke ich?
Sondern: Wie lebe ich?
Das ist ein erstaunlich großer Unterschied.
Anerkennung darf Freude machen. Sie darf wärmen, ermutigen und manchmal sogar einen schlechten Tag retten. Nur sollte sie nicht darüber entscheiden, ob dieser Tag überhaupt etwas wert war. Wer seinen inneren Kontostand ausschließlich von fremden Einzahlungen abhängig macht, lebt ständig mit Überziehungsgefahr.
Vielleicht besteht Reife deshalb nicht darin, keine Anerkennung mehr zu brauchen. Das wäre wahrscheinlich ebenso menschlich wie der Vorsatz, ab morgen nie wieder beleidigt zu sein. Reife könnte vielmehr bedeuten, sich über Beifall zu freuen, ohne ihn mit Bedeutung zu verwechseln.
Denn irgendwann sitzt jeder Mensch allein mit der Frage da, ob sein Leben zu ihm gepasst hat.
Und dann hilft es erstaunlich wenig, dass andere es damals gut fanden.
Die Moral
Anerkennung kann einem Menschen zeigen, dass er gesehen wird. Sie kann ihm aber nicht sagen, wer er ist. Wer für Applaus lebt, überlässt dem Publikum irgendwann auch die Entscheidung, wann die Vorstellung gelungen ist. Vielleicht liegt ein Stück Lebenssinn gerade darin, etwas für richtig zu halten, selbst wenn keiner klatscht.



















