Das schwarze Schaf der Familie
Warum manche Kinder ein Leben lang die Schuld für Probleme tragen, die sie niemals verursacht haben.
Von Sören Fahr | DAS ERBE DES SCHWEIGENS | Folge 01
Warum ist in manchen Familien immer dasselbe Kind schuld? Wenn die Stimmung beim Abendessen kippt, wenn die Mutter enttäuscht ist, wenn der Vater die Geduld verliert oder zwischen Geschwistern ein Streit entsteht, richtet sich der Blick beinahe selbstverständlich auf einen bestimmten Menschen. Er muss sich erklären, rechtfertigen, entschuldigen. Die anderen dürfen Fehler machen. Bei ihm werden Fehler zu Charaktereigenschaften. Was bei einem Geschwisterkind als altersgemäße Ungezogenheit gilt, wird bei ihm zum Beweis, dass mit ihm etwas nicht stimmt.
Man stelle sich eine fiktive Familie vor, in der zwei Kinder aufwachsen. Das eine wird für seine Selbstständigkeit gelobt, das andere für denselben Wunsch nach Unabhängigkeit als undankbar bezeichnet. Das eine darf widersprechen, das andere gilt schon dann als schwierig, wenn es eine Frage stellt. Niemand muss diese Unterschiede ausdrücklich beschließen. Sie entstehen im täglichen Umgang, in beiläufigen Bemerkungen, im Schweigen nach einer Kränkung und in der auffälligen Bereitschaft, immer wieder dieselbe Person verantwortlich zu machen.
Jahre später sitzen die Geschwister möglicherweise längst mit eigenen Familien an anderen Tischen. Doch die alte Rollenverteilung besteht weiter. Einer ist erfolgreich, einer zuverlässig, einer besonders empfindlich. Und einer bleibt das schwarze Schaf. Selbst dann, wenn er seit Jahrzehnten ein selbstständiges Leben führt.
Wie aus einem Kind das Problem der Familie wird
Familien sind keine Gemeinschaften vollkommen gleicher Menschen. Eltern reagieren unterschiedlich auf Temperamente, Bedürfnisse, Entwicklungsphasen und Lebensumstände ihrer Kinder. Nicht jede unterschiedliche Behandlung ist ungerecht. Ein krankes Kind benötigt andere Aufmerksamkeit als ein gesundes, ein jüngeres andere Unterstützung als ein älteres. Problematisch wird es, wenn aus solchen Unterschieden eine dauerhafte Rangordnung entsteht, in der ein Kind grundsätzlich weniger Verständnis, Vertrauen oder Zuneigung erhält.
Die Entwicklungspsychologie untersucht dieses Phänomen unter dem Begriff „Parental Differential Treatment“, also der unterschiedlichen elterlichen Behandlung von Geschwistern. Eine Metaanalyse von Alexander C. Jensen und Alexandra E. Thomsen aus dem Jahr 2024 wertete 88 wissenschaftliche Quellen mit insgesamt 26.451 Teilnehmern aus. Sie fand Zusammenhänge zwischen einer weniger bevorzugten Behandlung und stärkeren nach innen gerichteten beziehungsweise nach außen sichtbaren Verhaltensproblemen. Auch größere Unterschiede im elterlichen Umgang mit Geschwistern waren mit solchen Belastungen verbunden (1).
Diese Ergebnisse beweisen nicht, dass jede familiäre Benachteiligung zwangsläufig psychische Schäden verursacht. Sie zeigen jedoch, dass die Verteilung elterlicher Aufmerksamkeit und Wertschätzung mehr ist als eine nebensächliche Frage des Erziehungsstils.
Die Bezeichnung „schwarzes Schaf“ beschreibt eine besonders zugespitzte Form solcher familiären Zuschreibungen. Ein Kind wird nicht mehr lediglich für einzelne Handlungen kritisiert. Seine Person wird zum vermeintlichen Ursprung wiederkehrender Schwierigkeiten erklärt. Aus „Du hast etwas falsch gemacht“ wird „Mit dir gibt es immer Probleme“. Der Unterschied ist gewaltig. Eine Handlung lässt sich verändern. Gegen ein Urteil über die eigene Persönlichkeit kann ein Kind kaum argumentieren, zumal diejenigen, die es aussprechen, zugleich seine wichtigsten Bezugspersonen sind.
Die unsichtbare Hierarchie und die Schuld der anderen
In vielen Familien existieren Regeln, die niemals ausgesprochen werden. Über bestimmte Ereignisse wird nicht gesprochen. Bestimmte Personen dürfen nicht kritisiert werden. Wer die Harmonie stört, gilt als Verursacher des Konflikts, selbst wenn er lediglich auf einen längst bestehenden Missstand aufmerksam macht. Das Bedürfnis nach familiärem Zusammenhalt kann dann in eine Erwartung bedingungsloser Loyalität umschlagen.
Systemische Erklärungsmodelle betrachten solche Vorgänge nicht ausschließlich als Eigenschaften einzelner Personen, sondern als Teil wiederkehrender Beziehungsmuster. Der Begriff des Sündenbocks bezeichnet dabei eine mögliche Konstellation, in der Spannungen innerhalb einer Gruppe bevorzugt einer Person zugeschrieben werden. Es handelt sich weder um eine eigenständige psychiatrische Diagnose noch um eine Erklärung, die ohne genaue Kenntnis der Beteiligten auf jede konfliktreiche Familie übertragen werden dürfte.
Dennoch besitzt dieses Modell eine aufschlussreiche gesellschaftliche Dimension. Wo die Verantwortung ungleich verteilt ist, kann die Benennung eines angeblich Schuldigen die übrigen Beteiligten entlasten. Solange das Kind als schwierig gilt, müssen Erwachsene ihre eigenen Verhaltensweisen möglicherweise weniger hinterfragen. Ein Vater muss sich nicht mit seiner Unbeherrschtheit beschäftigen, wenn der Sohn als Provokateur gilt. Eine Mutter muss ihre Bevorzugung nicht erklären, wenn die Tochter angeblich schon immer überempfindlich war.
Hinter solchen Mustern können Überforderung, erlernte Erziehungsvorstellungen, ungelöste Konflikte oder mangelnde Fähigkeit zur Selbstreflexion stehen. Auch Projektion und Schuldverschiebung sind mögliche psychologische Deutungen. Sie dürfen allerdings nicht als nachgewiesene Motive bestimmter Eltern ausgegeben werden. Ebenso wenig bedeutet kontrollierendes, selbstbezogenes oder abwertendes Verhalten automatisch, dass eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegt. Zwischen problematischen Verhaltensmustern und einer klinischen Diagnose besteht ein grundlegender Unterschied.
Besonders folgenreich wird eine solche Familienordnung, wenn das betroffene Kind beginnt, die Vorwürfe zu übernehmen. Es fragt dann nicht mehr nur, weshalb andere ungerecht handeln, sondern ob es selbst tatsächlich der Grund für die Schwierigkeiten ist. Aus einer fremden Zuschreibung kann allmählich eine eigene Überzeugung werden.
Das Lieblingskind und die beschädigte Geschwisterbeziehung
Wo ein Kind beständig abgewertet wird, verändert sich häufig auch das Verhältnis zu seinen Geschwistern. Kinder wachsen nicht außerhalb der familiären Ordnung auf. Sie beobachten, wer gelobt wird, wer sich rechtfertigen muss und bei wem ein Fehlverhalten schneller verziehen wird. Solche Erfahrungen können ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit, Zugehörigkeit und dem eigenen Platz in der Familie beeinflussen.
Das bevorzugte Kind muss dabei keineswegs bewusst gegen seinen Bruder oder seine Schwester handeln. Es kann die Unterschiede als selbstverständlich erleben oder sich bemühen, die Erwartungen der Eltern weiterhin zu erfüllen. Manchmal übernimmt es deren Urteile. Manchmal leidet es selbst unter dem Druck, die zugeschriebene Rolle des vorbildlichen Kindes niemals verlassen zu dürfen.
Forschungsarbeiten zur unterschiedlichen Behandlung von Geschwistern zeigen, dass elterliches Verhalten mit verschiedenen Merkmalen der Kinder, darunter Alter und Geschwisterkonstellation, zusammenhängt. Die Unterschiede lassen sich deshalb nicht grundsätzlich auf bewusste Bevorzugung oder eine einzige Ursache reduzieren (2).
Doch selbst dort, wo keine absichtliche Benachteiligung vorliegt, können dauerhafte Ungleichgewichte schmerzhaft sein. Ein Kind, das wiederholt erlebt, dass seine Sichtweise weniger zählt, entwickelt möglicherweise Misstrauen gegenüber den Geschwistern. Umgekehrt kann das bevorzugte Kind Kritik an den Eltern als Angriff auf die gemeinsame Familiengeschichte verstehen.
So entsteht eine Entfremdung, die noch lange nach dem Auszug fortbestehen kann. Die Geschwister streiten dann scheinbar über ein Weihnachtsessen, ein Erbe oder einen beiläufigen Satz. Tatsächlich berühren solche Auseinandersetzungen mitunter eine viel ältere Frage: Wer durfte in dieser Familie dazugehören, ohne sich seine Zugehörigkeit ständig verdienen zu müssen?
Wenn die Kindheit im Erwachsenenleben weiterwirkt
Ein Kind ist darauf angewiesen, dass Erwachsene ihm Orientierung geben. Wenn es jedoch wiederholt Abwertung, ungerechte Schuldzuweisungen oder emotionale Zurückweisung erlebt, kann diese Orientierung widersprüchlich werden. Es sucht Anerkennung bei Menschen, von denen es zugleich Verletzungen erfährt. Manche Kinder versuchen, diesen Widerspruch durch besondere Anpassung aufzulösen. Sie werden aufmerksam für jede Stimmungsveränderung, vermeiden Widerspruch und bemühen sich, möglichst keine Fehler zu machen.
Später kann daraus ein ausgeprägtes Bedürfnis entstehen, Konflikte sofort zu entschärfen und die Verantwortung für das Wohlbefinden anderer zu übernehmen. Andere reagieren mit Rückzug, Misstrauen oder besonderer Empfindlichkeit gegenüber Kritik. Wieder andere entwickeln trotz belastender Erfahrungen stabile Beziehungen und ein selbstbewusstes Leben. Es gibt keinen einheitlichen Lebensweg ehemaliger familiärer Außenseiter.
Wissenschaftlich gut untersucht sind die möglichen langfristigen Folgen emotionaler Misshandlung und Vernachlässigung. Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Zhuoni Xiao und Kollegen berücksichtigte 90 Studien und fand Zusammenhänge zwischen solchen Kindheitserfahrungen und verschiedenen psychischen Belastungen im Erwachsenenalter, darunter Depressionen und Angststörungen. Die Untersuchung betrifft emotionale Misshandlung und Vernachlässigung insgesamt, nicht ausschließlich Menschen mit einer familiären Sündenbockrolle (3).
Eine weitere systematische Übersichtsarbeit von Elizabeth Tianyu Li, Patrick Luyten und Nick Midgley untersuchte mögliche psychologische Vermittlungsmechanismen zwischen emotionaler Misshandlung in der Kindheit und Depression. Zu den diskutierten Faktoren gehören negative Denkmuster, Hoffnungslosigkeit und Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation. Die Autoren betonen zugleich, dass die Forschungslage keine einfachen Kausalerklärungen erlaubt (4).
Wer als Kind ständig um Anerkennung kämpfen musste, kann deshalb auch als Erwachsener versucht sein, Liebe mit Leistung zu verwechseln. Doch eine solche Entwicklung ist eine Möglichkeit, kein unausweichliches Schicksal. Entscheidend ist, die eigene Lebensgeschichte ernst zu nehmen, ohne jeden späteren Konflikt ausschließlich aus ihr erklären zu wollen.
Warum Familien ihre Vergangenheit anders erzählen
Familiengeschichten bestehen selten aus einer einzigen, von allen Beteiligten geteilten Erinnerung. Eltern erinnern sich an ihre Absichten, Kinder an die Wirkung bestimmter Handlungen. Ein Vater erinnert sich möglicherweise daran, seinem Sohn Disziplin beigebracht zu haben. Der Sohn erinnert sich an die Angst vor dem nächsten Wutausbruch. Beide sprechen über dieselbe Zeit, aber nicht über dieselbe Erfahrung.
Unterschiedliche Erinnerungen sind für sich genommen noch kein Beweis bewusster Manipulation. Erinnerung ist keine lückenlose Aufzeichnung. Problematisch wird es, wenn eine Familie grundsätzlich nur eine Darstellung gelten lässt und jede abweichende Erfahrung als Undankbarkeit, Übertreibung oder Unwahrheit zurückweist.
Dann kann das Schweigen zu einer Art Familienvertrag werden. Wer dazugehören möchte, soll bestimmte Fragen nicht stellen. Wer dennoch darüber spricht, gefährdet aus Sicht der anderen den Frieden. Der Erwachsene, der eine Kränkung aus seiner Kindheit anspricht, hört vielleicht, er solle endlich darüber hinwegkommen. Die Forderung nach Klärung wird zum neuen Beweis seiner angeblichen Schwierigkeit.
Eine solche Reaktion kann der Aufrechterhaltung eines vertrauten Selbstbildes dienen. Menschen möchten ihre Familie häufig als grundsätzlich liebevoll und gerecht verstehen. Die Anerkennung früherer Verletzungen könnte dieses Bild erschüttern. Daraus folgt allerdings nicht, dass jede abwehrende Reaktion bewusst berechnet ist oder dass eine einzelne Erinnerung automatisch die vollständige Wahrheit enthält.
Für den Betroffenen bleibt die entscheidende Frage, ob seine Erfahrungen überhaupt angehört werden dürfen. Eine Familie muss nicht jede Erinnerung übereinstimmend bewerten. Sie sollte jedoch zwischen einer anderen Sichtweise und der grundsätzlichen Aberkennung fremder Gefühle unterscheiden können.
Ein eigenes Leben jenseits der alten Zuschreibungen
Die Befreiung aus einer festgelegten Familienrolle beginnt nicht zwingend mit einer großen Aussprache. Häufig beginnt sie unspektakulär: mit der Erkenntnis, dass die Urteile der eigenen Eltern nicht mit der eigenen Identität gleichzusetzen sind. Ein Mensch kann Fehler gemacht haben, ohne deshalb der Fehler seiner Familie zu sein. Er kann schwierige Beziehungen erlebt haben, ohne selbst grundsätzlich beziehungsunfähig zu sein.
Für manche Erwachsene bedeutet dieser Prozess, die eigene Vergangenheit sorgfältiger zu betrachten, vertraute Schuldgefühle zu hinterfragen oder professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Andere beginnen, Grenzen zu setzen. Sie beenden Gespräche, in denen sie wiederholt herabgesetzt werden, oder verweigern die Übernahme einer Verantwortung, die ihnen nicht gehört.
Solche Grenzen müssen keine endgültige Trennung bedeuten. Manchmal verändern sich familiäre Beziehungen, wenn Beteiligte bereit sind, einander zuzuhören und Verantwortung für vergangenes Verhalten zu übernehmen. Versöhnung kann möglich sein. Sie setzt jedoch mehr voraus als die Aufforderung, die Vergangenheit ruhen zu lassen.
Ebenso kann es Situationen geben, in denen Distanz die vernünftigere Entscheidung ist. Kontaktabbruch sollte weder als allgemeines Heilmittel noch als moralisches Versagen betrachtet werden. Ob eine Beziehung fortgeführt werden kann, hängt von den konkreten Umständen, der gegenwärtigen Belastung und der Bereitschaft zu gegenseitigem Respekt ab.
Vielleicht liegt die größte Veränderung darin, nicht länger auf das endgültige Urteil der eigenen Familie zu warten. Denn selbst wenn Eltern oder Geschwister ihre Sichtweise niemals ändern, muss ein erwachsener Mensch deren Beschreibung seiner Person nicht für alle Zukunft übernehmen.
Das schwarze Schaf einer Familie ist nicht zwangsläufig der Mensch, der am meisten falsch gemacht hat. Manchmal ist es derjenige, dessen Verhalten am wenigsten zu den Erwartungen der anderen passte. Manchmal derjenige, der widersprach, wo Schweigen verlangt wurde. Und manchmal lässt sich die Entstehung dieser Rolle erst verstehen, wenn nicht nur auf das vermeintlich schwierige Kind geschaut wird, sondern auf diejenigen, die es über Jahre so bezeichnet haben.
Am Ende bleibt deshalb eine unbequeme Frage: Wer besitzt innerhalb einer Familie eigentlich die Macht, darüber zu entscheiden, welches Kind als schwierig gilt? Und was sagt dieses Urteil über das Kind aus – und was möglicherweise über die Familie, die es gefällt hat?
Quellen:
- Das Artikelbild wurde unter Verwendung von KI generiert und in der Redaktion bearbeitet.
(1) Alexander C. Jensen und Alexandra E. Thomsen, „Parental differential treatment of siblings linked with internalizing and externalizing behavior: A meta-analysis“, Child Development, 2024, https://doi.org/10.1111/cdev.14091
(2) Alexander C. Jensen und Kollegen, „Sibling differences and parents‘ differential treatment of siblings: A multilevel meta-analysis“, Developmental Psychology, 2023, https://doi.org/10.1037/dev0001406
(3) Zhuoni Xiao und Kollegen, „The Impact of Childhood Psychological Maltreatment on Mental Health Outcomes in Adulthood: A Systematic Review and Meta-Analysis“, Trauma, Violence, & Abuse, 2023, https://doi.org/10.1177/15248380221122816
(4) Elizabeth Tianyu Li, Patrick Luyten und Nick Midgley, „Psychological Mediators of the Association Between Childhood Emotional Abuse and Depression: A Systematic Review“, Frontiers in Psychiatry, 2020, https://doi.org/10.3389/fpsyt.2020.559213
















