
Deutsche Tugenden zwischen Schnitzel, Schweigen und Zivilcourage
Der Michel richtet sich auf
Der Deutsche Michel ist wieder da. Wobei „wieder da“ vielleicht etwas zu schwungvoll klingt. Genau genommen war er nie fort. Er stand nur die ganze Zeit ein wenig ungünstig hinter seinem Gartenzaun, hielt eine Rechnung in der Hand und hoffte, dass sich die Dinge von selbst erledigen würden.
Michel ist der gutmütige Durchschnittsdeutsche mit roter Zipfelmütze, beiger Strickjacke und einer Körperhaltung, die vorsorglich um Entschuldigung bittet. Er arbeitet, zahlt, trennt den Müll und erscheint fünf überall Minuten zu früh, weil Unpünktlichkeit für ihn bereits an zivile Unruhen grenzt. Er möchte keinen Ärger. Noch weniger möchte er auffallen. Und am allerwenigsten möchte er als schwierig gelten.
Wenn eine neue Gebühr kommt, überweist Michel. Wenn ein Formular unverständlich ist, sucht er den Fehler zunächst bei sich. Wenn ihm jemand erklärt, eine Zumutung sei alternativlos, nickt er langsam und fragt höchstens Else, ob das wirklich so sein müsse. Danach schaltet er den Fernseher ein. Dort läuft entweder ein Krimi, eine Gesprächsrunde ohne Gespräch oder eine große Samstagabendshow, bei der wenigstens niemand von ihm verlangt, sich zu beteiligen.
Doch etwas verändert sich.
Nicht plötzlich, nicht heldenhaft und schon gar nicht mit wehender Fahne auf dem Marktplatz. Michel richtet sich nur ein kleines Stück auf. Manchmal sind es kaum zehn Zentimeter. Für einen Mann, der sein Leben lang gelernt hat, den Kopf einzuziehen, ist das allerdings bereits eine historische Entwicklung.
Ein deutscher Held, der keiner sein möchte
Die Rubrik „Der Michel richtet sich auf“ erzählt von einem Mann, der stellvertretend für viele Menschen durch den deutschen Alltag geht: pflichtbewusst, anständig, konfliktscheu und innerlich müder, als er sich eingestehen möchte. Michel ist kein Revolutionär. Er besitzt weder Megafon noch Lederweste, und seine Vorstellung von Widerstand beginnt gewöhnlich damit, eine Rechnung zunächst nicht sofort zu bezahlen.
Er ist auch kein Wutbürger, denn Wut ist ihm zu anstrengend und meistens zu laut. Michel möchte niemanden niederbrüllen. Er möchte nur irgendwann verstehen, warum alles immer teurer, komplizierter und angeblich gleichzeitig besser wird.
In jeder Geschichte begegnet ihm eine neue Alltagssituation: ein Bescheid, eine Vorschrift, eine Bürgerversammlung, eine Behörde, ein wohlmeinender Hinweis oder ein politisches Vorhaben mit einem Namen, der länger ist als seine Nutzenbeschreibung. Michel erlebt eine Welt, in der Bürger beteiligt werden sollen, solange sie nicht dazwischenreden, und in der Verantwortung grundsätzlich vorhanden ist, nur selten bei einer bestimmten Person.
Zu Beginn einer Folge geht er leicht geduckt durch diesen Alltag. Er entschuldigt sich bei Türen, die er selbst geöffnet hat, füllt freiwillig zusätzliche Formulare aus und hält Schweigen für eine Form der gesellschaftlichen Rücksichtnahme. Im Laufe der Geschichte entdeckt er jedoch eine Tugend wieder, die ihm irgendwann zwischen Bequemlichkeit, Belehrung und Bürokratie abhandengekommen ist.
Alte Tugenden ohne Mottenkugeln
Dabei geht es um Mut, Ehrlichkeit, Sparsamkeit, Fleiß, Treue, Anstand, Maß, Verantwortungsgefühl, Verlässlichkeit und gesunden Menschenverstand. Nicht als verstaubte Begriffe aus einem Lesebuch, sondern als praktische Fähigkeiten für einen Alltag, in dem Haltung gern gefordert wird – vorzugsweise von den jeweils anderen.
Mut bedeutet bei Michel nicht, auf einen Tisch zu steigen und eine flammende Rede zu halten. Mut bedeutet, trotz zitternder Knie bei einer Bürgerversammlung aufzustehen und eine höfliche Frage zu stellen. Ehrlichkeit beginnt nicht mit großen Bekenntnissen, sondern mit dem Satz: „Nein, eigentlich passt es nicht.“ Sparsamkeit heißt nicht, dass Michel beim Duschen die Sekunden zählt, während andernorts Millionen in Projekten verschwinden, deren Zweck nur mithilfe einer siebenundvierzigseitigen Präsentation erkennbar wird.
Die Tugenden werden nicht pathetisch gefeiert. Sie werden geprüft, abgestaubt und in Michels Wohnzimmer gestellt, um zu sehen, ob sie dort noch funktionieren. Meistens tun sie das erstaunlich gut. Man muss sie nur von jenem feierlichen Ton befreien, der ihnen über Jahrzehnte das Ansehen alter Wohnzimmermöbel verliehen hat.
Else, Albert und die übrigen Verdächtigen
Michel ist bei seiner langsamen Aufrichtung nicht allein. An seiner Seite steht Else, seine Frau. Else ist bodenständig, praktisch und mit jenem klaren Blick ausgestattet, der eine Ausrede erkennt, bevor Michel sie vollständig ausgesprochen hat. Während Michel noch überlegt, ob man etwas sagen dürfe, hat Else bereits verstanden, dass Schweigen ebenfalls eine Entscheidung ist.
Nachbar Albert ist dagegen der geborene Widerstandskämpfer – jedenfalls, solange WLAN vorhanden ist. Auf seinem Smartphone kennt er jedes Gegenargument, jede Fehlentscheidung und jeden Verantwortlichen. In Kommentarspalten ist er ein Löwe. Im wirklichen Leben bevorzugt er strategische Zurückhaltung, besonders wenn jemand seinen Namen kennt. Albert liefert Michel deshalb gern die mutigsten Formulierungen, bittet aber vorsorglich darum, seine Beteiligung nicht zu erwähnen.
Herr Knösel verkörpert die Bürokratie in ihrer menschlichen Erscheinungsform. Er ist schmal, blass, korrekt und führt selbst für spontane Bürgerfragen ein vorbereitetes Formular. Herr Knösel ist nicht unbedingt böse. Er ist zuständig. Allerdings selten für das konkrete Problem. Er liebt Aktenzeichen, Durchschriften und Verfahren, weil ein abgeschlossenes Verfahren auch dann ein Erfolg bleibt, wenn das ursprüngliche Anliegen unterwegs verstorben ist.
Emma, Michels Enkelin, stellt jene einfachen Fragen, die Erwachsene nach jahrelanger Übung nicht mehr stellen. Warum darf man bei einem Bürgerdialog nicht einfach reden? Warum nennt man etwas freiwillig, wenn man es tun muss? Warum haben Erwachsene Angst davor, eine Frage zu stellen? Emma besitzt weder politisches Kalkül noch diplomatische Vorsicht. Dadurch erkennt sie viele Dinge schneller als die zuständigen Fachgremien.
Herr Petersen schließlich ist ein älterer Handwerker mit ruhiger Haltung, Zollstock und Lebenserfahrung. Er braucht keine komplizierten Begriffe, um einen schiefen Balken zu erkennen. Während andere noch Leitbilder formulieren, prüft er, ob das Fundament trägt. Herr Petersen weiß, dass man nicht alles reparieren kann. Aber man sollte wenigstens aufhören, den Riss als gestalterisches Element zu bezeichnen.
Satire aus dem ganz normalen Ausnahmezustand
Die Geschichten spielen in Dinkelstedt, einer deutschen Kleinstadt, die überall und nirgends liegen könnte. Dort gibt es ein Bürgerhaus, einen Marktplatz, einen Gartenzaun, eine Verwaltung und ausreichend Arbeitsgruppen, um jedes Problem zunächst gründlich zu begleiten. Dinkelstedt ist kein Ort des großen politischen Dramas. Es ist der Ort, an dem die großen Entscheidungen als kleine Gebühren, neue Vorschriften und merkwürdige Alltagserfahrungen ankommen.
Die Satire richtet sich nicht gegen den gewöhnlichen Menschen. Sie nimmt ihn ernst, gerade indem sie über ihn lacht. Michel ist komisch, weil er sich in seinen Ausreden verheddert. Er ist aber auch menschlich, weil viele Leser seine Gedanken kennen dürften. Wer hat nicht schon geschwiegen, obwohl eine Frage nötig gewesen wäre? Wer hat nicht schon „passt schon“ gesagt, weil die Wahrheit ein längeres Gespräch bedeutet hätte?
Der Spott gilt einer Gesellschaft, die Mündigkeit lobt, Anpassung belohnt und sich anschließend über mangelnde Beteiligung wundert. Er gilt einer Sprache, die klare Probleme in abstrakte Prozesse verwandelt. Und er gilt der bequemen Hoffnung, irgendein anderer werde schon aufstehen, widersprechen oder Verantwortung übernehmen.
Aufrechter, aber nicht lauter
Am Ende einer Folge wird Michel nicht zum Helden. Er rettet weder die Republik noch stürmt er das Rathaus. Er fragt nach. Er sagt nein. Er gesteht einen Fehler ein. Er hilft jemandem, obwohl kein Formular vorgesehen ist. Oder er bleibt stehen, wenn sein alter Instinkt ihm zuflüstert, sich lieber wieder hinzusetzen.
Seine rote Zipfelmütze hebt sich dabei manchmal ein kleines Stück. Else bemerkt es natürlich zuerst. Albert behauptet später, er habe Michel von Anfang an dazu ermutigt. Herr Knösel eröffnet vorsorglich einen Vorgang. Emma fragt, warum Michel das nicht schon früher gemacht habe. Und Herr Petersen trinkt einen Kaffee, weil manche Entwicklungen Zeit brauchen.
„Der Michel richtet sich auf“ ist eine satirische Rubrik über alte Tugenden, neue Zumutungen und den stillen Augenblick, in dem ein bequemer Mensch beginnt, seine eigene Haltung wiederzufinden. Ohne Pathos, ohne Gebrüll und ohne die Vorstellung, dass jeder Widerspruch gleich ein Aufstand sein müsse.
Vielleicht verändert Michel nicht die Welt. Vielleicht verändert er an diesem Tag nicht einmal Dinkelstedt. Aber er verändert die Art, wie er darin steht.
…- und fürs Erste ist das schon allerhand.










