Wenn Kirchen zu Tatorten werden – Wie christenfeindlich ist Deutschland wirklich?
Von Alfred-Walter von Staufen
Wenn aus einem Gotteshaus ein Aktenzeichen wird
Eine Kirche ist ein merkwürdiger Ort für eine Gesellschaft, die sich gern für aufgeklärt hält, denn selbst der überzeugteste Atheist versteht gewöhnlich, dass man einen Altar nicht anzündet, eine Christusfigur nicht enthauptet, keinen Beichtstuhl mit Exkrementen beschmiert und Gebetbücher nicht deshalb zerreißt, weil einem der Sonntagsgottesdienst nicht gefällt. Man muss nicht an Gott glauben, um zu begreifen, dass zwischen Religionskritik und der Schändung eines religiösen Ortes ungefähr derselbe Unterschied besteht wie zwischen einer schlechten Restaurantkritik und dem Einwerfen der Fensterscheiben des Wirts. Genau deshalb lohnt sich ein nüchterner Blick auf Zahlen, die bei näherem Hinsehen weniger beruhigend sind, als manche Überschrift vermuten lässt.
Das Bundesinnenministerium weist für das Jahr 2024 337 politisch motivierte Straftaten mit dem Unterthemenfeld „Christenfeindlich“ aus. 2023 waren es 277 gewesen, also rund 21,7 Prozent weniger. Für 2025 wurden erneut 337 christenfeindliche Straftaten registriert. Kein weiterer Anstieg, aber eben auch keine Rückkehr auf das frühere Niveau. Die Zahl verharrt auf einem bemerkenswerten Plateau.[1] [2]
Noch unangenehmer wird es, wenn man sich nicht nur die Jahressumme anschaut. Eine Antwort der Bundesregierung an den Deutschen Bundestag erfasste für 2024 bereits bis zum Stichtag 10. Dezember 228 christenfeindliche Straftaten, darunter 14 Körperverletzungen, 52 Sachbeschädigungen und ein vollendetes Tötungsdelikt. Unter dem gesonderten Angriffsziel „Kirche“ waren zu diesem Zeitpunkt 96 Delikte registriert worden, darunter 47 Sachbeschädigungen. Die später abgeschlossene Jahresstatistik erhöhte die Zahl der politisch motivierten Angriffe mit dem Angriffsziel Kirche schließlich auf 111 Fälle, gegenüber 92 im Jahr 2023. Für 2025 sank diese spezielle Kategorie auf 72 Fälle. Wer also behauptet, die Zahlen würden Jahr für Jahr unaufhaltsam explodieren, erzählt Unsinn. Wer daraus allerdings folgert, das Problem habe sich erledigt, betreibt dieselbe Kunst nur mit umgekehrtem Vorzeichen.[3]
Über die Herkunft der Täter möchte ich an dieser Stelle mich nicht äußern, sonst bin ich ein Rassist oder gar ein Nazi 😉!
Und dann beginnt das eigentliche statistische Problem, denn „christenfeindlich“ ist nicht dasselbe wie „Straftat in einer Kirche“. Der Staat zählt in seiner PMK-Statistik nur jene Taten als christenfeindlich, bei denen entsprechende Anhaltspunkte für eine politische beziehungsweise vorurteilsgeleitete Motivation vorliegen. Ein eingeschlagenes Kirchenfenster kann also schlicht Sachbeschädigung sein, ein leergeräumter Opferstock schlicht Diebstahl, ein zerstörtes Kreuz möglicherweise religiös motivierter Hass. Entscheidend ist nicht unser Eindruck beim Betrachten des Schadens, sondern das nachweisbare Motiv des Täters. Genau diese Unterscheidung ist rechtsstaatlich notwendig. Sie führt aber dazu, dass die Zahl 337 niemals als Gesamtzahl aller Übergriffe auf christliche Orte verstanden werden darf.
Wie groß die Lücke sein kann, zeigt eine bundesweite Abfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur bei den Landeskriminalämtern: Sowohl 2023 als auch 2024 lag die Zahl der registrierten Diebstähle und Sachbeschädigungen rund um Kirchen, Friedhöfe und Gebäude wie Pfarrheime im mittleren vierstelligen Bereich. Die Deutsche Bischofskonferenz berichtet zugleich von einer veränderten Qualität einzelner Taten: Brandstiftungen in Altarräumen, Exkremente in Beichtstühlen, beschädigte religiöse Bücher und enthauptete Christusfiguren. Sie geht außerdem von einem Dunkelfeld nicht gesondert als Kirchenvandalismus erfasster Fälle aus. [4]
Allein Baden-Württemberg macht deutlich, warum diese Trennung so wichtig ist: Dort wurden für 2024 734 Straftaten an und in Kirchen registriert, darunter 379 Diebstähle und 216 Sachbeschädigungen. Hinzu kamen 115 Fälle an Kapellen. Das Innenministerium des Landes bewertet die Gesamtlage dennoch als stabil und sieht keine Belege für einen generellen gesellschaftlichen Verlust des Respekts vor religiösen Symbolen. Diese Einordnung gehört zur Wahrheit genauso wie die beschädigten Altäre.[5]
Genau hier liegt der Punkt, über den man reden müsste, ohne Weihrauch und ohne politische Nebelmaschine: Deutschland ist kein Land systematischer Christenverfolgung, und wer unsere Verhältnisse mit Nordkorea oder Nigeria gleichsetzt, verhöhnt Menschen, die wegen ihres Glaubens tatsächlich um ihr Leben fürchten. Aber Deutschland ist inzwischen sehr wohl ein Land, in dem christliche Gotteshäuser regelmäßig zu Tatorten werden und in dem manche Formen der Entweihung weit über einen geklauten Kerzenständer hinausgehen. Ein Rechtsstaat darf dabei nicht jede zerbrochene Heiligenfigur zum Glaubenskrieg erklären. Er sollte sich allerdings ebenso wenig damit zufriedengeben, einen enthaupteten Christus irgendwann unter „Sachbeschädigung, sonstige“ abzuheften und anschließend erleichtert festzustellen, dass statistisch eigentlich alles halb so wild aussieht.
Europas Kirchen brennen leiser, als unsere Debatten vermuten lassen
Wer die deutsche Entwicklung für eine schrullige Randerscheinung zwischen zerbrochenem Opferstock und gelangweiltem Provinzvandalen hält, sollte den Blick ein paar hundert Kilometer weiter schweifen lassen, denn dort wird aus dem einzelnen beschädigten Kreuz ein europäisches Muster, das noch lange keine Christenverfolgung im historischen oder weltweiten Sinne darstellt, aber inzwischen groß genug geworden ist, um die beruhigende Erzählung vom religiös vollkommen entspannten Europa erheblich zu beschädigen. Das Observatory on Intolerance and Discrimination against Christians in Europe, kurz OIDAC Europe, ermittelte für 2024 insgesamt 2.211 antichristliche Hassdelikte in Europa. Bemerkenswert ist weniger, dass die Zahl unter den 2.444 dokumentierten Fällen des Vorjahres lag, sondern warum sie zurückging: Nach Angaben der Organisation fehlten unter anderem wesentliche britische Polizeidaten einschließlich Londons, während Frankreich vorübergehend geringere Fallzahlen meldete. Ein Rückgang auf dem Papier kann also ausgesprochen beruhigend aussehen, solange man nicht fragt, welche Seiten im Meldebuch fehlen.[6]
Wirklich unangenehm wird die Statistik dort, wo keine Kirchenwand, sondern ein Mensch das Angriffsziel ist. 2023 wurden europaweit 232 persönliche Angriffe auf Christen dokumentiert, 2024 waren es 274, also 42 Fälle mehr, obwohl gleichzeitig die Gesamtzahl der registrierten antichristlichen Hassdelikte sank. Unter „persönlichen Angriffen“ fasst OIDAC unter anderem Bedrohungen, Belästigungen und körperliche Gewalt zusammen. Das ist eine interessante Verschiebung, weil eine beschmierte Kirchentür repariert werden kann, während jemand, der wegen seines Glaubens bedroht oder zusammengeschlagen wird, eine andere Form gesellschaftlicher Botschaft erhält: Dein Glaube ist nicht nur altmodisch, lächerlich oder störend, er macht dich unter bestimmten Umständen selbst zum Ziel. Man sollte daraus keinen Kreuzzug konstruieren, aber man sollte auch nicht so tun, als werde hier lediglich über unterschiedliche Geschmäcker bei Kirchenmusik gestritten.[7]
Noch deutlicher wird die Sache beim Feuer. OIDAC registrierte für 2024 insgesamt 94 Brandanschläge beziehungsweise brandbezogene Angriffe auf Kirchen und andere christliche Einrichtungen, nahezu doppelt so viele wie im Vorjahr. Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Spanien und Österreich gehörten zu den Ländern mit den höchsten dokumentierten Fallzahlen antichristlicher Delikte. In Frankreich stellte auch die OSZE-Beobachtungsstelle ODIHR fest, dass mehr als ein Drittel der von zivilgesellschaftlichen Organisationen gemeldeten Hassvorfälle antichristlich geprägt war; der überwiegende Teil betraf Eigentum, darunter Kirchen und Friedhöfe, sakrale Gegenstände sowie Brandstiftungen. Das ist keine Statistik, mit der man beweisen könnte, Europa habe plötzlich das Christentum zum Staatsfeind erklärt. Es ist aber eine Statistik, die zeigt, dass Kirchen für eine erstaunliche Zahl von Menschen offenbar keine Gebäude wie andere sind, sondern Projektionsflächen, an denen Wut, Verachtung, Ideologie oder blanke Zerstörungslust besonders gern ihre Visitenkarte hinterlassen.[8]
Dabei sollte man OIDAC nicht mit einer europäischen Polizeibehörde verwechseln. Die Organisation kombiniert amtliche Polizeistatistiken, Daten der OSZE und eigene Recherchen und versucht dabei, Doppelzählungen zu vermeiden. Gerade deshalb ist ein zweiter Blick auf die OSZE wichtig. Für 2024 meldeten europäische Regierungen und zivilgesellschaftliche Organisationen dem OSZE-Büro ODIHR mehr als 1.000 antichristliche Hassdelikte. Gleichzeitig weist ODIHR auf ein fundamentales Problem hin: Von 57 OSZE-Teilnehmerstaaten lieferten für 2024 zwar 47 Informationen zur Hasskriminalität, aber nur 35 Statistiken, die überhaupt nach Vorurteilsmotiven aufgeschlüsselt waren; zehn Staaten erfüllen nach Einschätzung von ODIHR ihre grundlegende Verpflichtung zur Erhebung und Übermittlung solcher Daten regelmäßig nicht. Die Behörde beobachtet zudem eine Lücke zwischen vergleichsweise niedrigen offiziellen Fallzahlen und höheren Zahlen, die zivilgesellschaftliche Organisationen melden. Wer aus europäischen Statistiken also eine auf die letzte Kirchentür genaue Wahrheit herauslesen möchte, sucht Präzision an einer Stelle, an der schon die Datenerfassung von Land zu Land verschieden funktioniert.[9]
Dass damit keineswegs nur über längst abgeschlossene Jahre gesprochen wird, zeigen die jüngsten verfügbaren Monatsdaten. Allein im Juli 2026 dokumentierte OIDAC Europe 40 antichristliche Vorfälle, darunter 18 Fälle von Vandalismus, acht brandbezogene Angriffe, sieben Schändungen, zwei Fälle körperlicher Gewalt, zwei Bedrohungsfälle und zwei Diebstähle religiöser Gegenstände; ein weiterer Vorfall verband Vandalismus mit Gewalt. Bereits im Juni waren ebenfalls 40 Fälle registriert worden, darunter zwölf brandbezogene Angriffe. Solche Monatszahlen sind keine vollständige europäische Kriminalstatistik und sollten auch nicht dafür ausgegeben werden, doch sie zeigen, dass das Phänomen nicht mit dem letzten Jahresbericht verschwunden ist.[10]
Vielleicht liegt genau hier Europas merkwürdigster blinder Fleck. Wir haben uns daran gewöhnt, Religionsfreiheit vor allem dort zu verteidigen, wo Minderheiten sie benötigen, und das ist richtig, notwendig und eines freien Kontinents würdig. Nur wird ein Grundrecht nicht dadurch moderner, dass man es nach Mehrheitsverhältnissen verteilt. Ein jüdischer Friedhof bleibt schützenswert, eine Moschee bleibt schützenswert und eine Kirche eben auch. Der Staat muss weder das Kreuz lieben noch den Rosenkranz beten, er muss nur begreifen, dass derjenige, der ein Gotteshaus aus Hass anzündet, nicht bloß einen Dachstuhl beschädigt, sondern Menschen mitteilt, was er von ihrem Glauben und ihrem Platz in dieser Gesellschaft hält.
Vielleicht wäre das schon Fortschritt genug: nicht jede beschädigte Madonna zum Untergang des Abendlandes erklären, aber auch nicht so lange auf die statistische Fußnote zeigen, bis hinter ihr die Kirche brennt.
Wenn Verfolgung auf Entwicklungshilfe trifft
Wer verstehen will, wie weit die deutsche Diskussion über eine beschmierte Kirchenwand von der Wirklichkeit anderer Christen entfernt ist, muss nur die europäischen Grenzen verlassen. Open Doors schätzt im Weltverfolgungsindex 2026, dass mehr als 388 Millionen Christen weltweit einem hohen Maß an Verfolgung oder Diskriminierung wegen ihres Glaubens ausgesetzt sind; innerhalb des Berichtszeitraums wurden 4.849 wegen ihrer christlichen Identität getötete Christen, 4.712 Inhaftierte oder Festgehaltene sowie 3.632 angegriffene Kirchen und andere christliche Einrichtungen beziehungsweise Immobilien dokumentiert. Diese Zahlen stammen von einer christlichen Hilfsorganisation und sind deshalb nicht mit einer amtlichen Weltkriminalstatistik zu verwechseln, die es in dieser Form ohnehin nicht gibt, doch selbst das konfessionsunabhängige Pew Research Center kommt in seiner im Juni 2026 veröffentlichten Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Christen 2023 in 165 von 198 untersuchten Ländern und Territorien durch staatliche oder nichtstaatliche Akteure irgendeine Form religiös begründeter Belästigung erfuhren; Pew weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Zahl die geographische Verbreitung und nicht die Schwere der Verfolgung misst.[11]
Noch schwerer wiegt, welche Länder Open Doors 2026 an die Spitze seiner Liste setzt: Nordkorea auf Platz 1, Somalia auf Platz 2, Jemen auf Platz 3, Sudan auf Platz 4, Eritrea auf Platz 5, Syrien auf Platz 6, Nigeria auf Platz 7, Pakistan auf Platz 8, Libyen auf Platz 9 und Iran auf Platz 10. Das ist keine zufällige Auswahl besonders unsympathischer Staaten, sondern das Ergebnis eines Bewertungssystems, das Gewalt und den Druck auf christliches Leben in mehreren gesellschaftlichen Bereichen berücksichtigt. Besonders Nigeria wirkt wie ein statistischer Schlag in die Magengrube: Von den weltweit 4.849 Christen, die Open Doors im jüngsten Berichtszeitraum als wegen ihrer christlichen Identität getötet erfasst, entfielen 3.490 auf Nigeria. Man kann über Methodik streiten, Begriffe prüfen und Zahlen wissenschaftlich hinterfragen, wie man es bei jeder NGO-Statistik tun sollte; 3.490 Tote verschwinden davon nicht.[12]
Und dann beginnt jene deutsche Debatte, bei der man entweder sehr genau formuliert oder sehr schnell Unsinn erzählt. Denn mehrere Staaten dieser Top Ten erhalten erhebliche deutsche Unterstützung. Somalia, Nummer zwei der Liste, weist nach aktueller Darstellung des Auswärtigen Amtes ein Volumen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit von rund 546 Millionen Euro auf; dabei handelt es sich nicht um eine Jahresüberweisung an die Regierung, sondern um den Umfang der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit unter anderem für Wirtschaft, Berufsbildung, Landwirtschaft, Ernährung und Resilienz.[13] Jemen, Platz drei, erhielt 2025 über die Kriseninstrumente des BMZ 49 Millionen Euro; Regierungsgespräche finden wegen des Konflikts bereits seit 2013 nicht mehr statt und die Zusammenarbeit wird ausdrücklich regierungsfern über UN- und Nichtregierungsorganisationen umgesetzt. Wer daraus „Deutschland überweist Millionen an die jemenitische Führung“ macht, hat die Schlagzeile schon geschrieben, bevor er die Quelle gelesen hat.[14]
Beim Sudan, Platz vier, stellte das BMZ Ende 2025 155,4 Millionen Euro für Projekte im Sudan und in von der Krise betroffenen Nachbarländern bereit und kündigte für 2026 weitere 20 Millionen Euro an; diese Unterstützung zielt nach Darstellung des Ministeriums unter anderem auf Wasser, Gesundheit, Bildung, Ernährung sowie Schutzangebote für Frauen und Kinder.[15] Syrien, Platz sechs, erhielt 2025 rund 218 Millionen Euro für entwicklungspolitische Vorhaben, wobei das BMZ ausdrücklich festhält, dass der syrischen Regierung selbst keine finanziellen Mittel direkt zur Verfügung gestellt werden; umgesetzt werden die Maßnahmen über Vereinte Nationen, NGOs, GIZ und KfW.[16]
Ganz anders wird die Frage dort, wo tatsächlich eine reguläre bilaterale Entwicklungszusammenarbeit besteht. In Nigeria, ausgerechnet jenem Land, auf das nach Open Doors der mit Abstand größte Teil der dokumentierten christlichen Todesopfer entfällt, sind GIZ und KfW nach Angaben des Auswärtigen Amtes mit einem Projektvolumen von mehr als 650 Millionen Euro tätig.[17] Pakistan, Nummer acht des Weltverfolgungsindex, erhielt bei Regierungsverhandlungen im Mai 2023 eine neue deutsche Zusage von 163,3 Millionen Euro, davon 108,5 Millionen Euro für finanzielle und 54,8 Millionen Euro für technische Zusammenarbeit.[18] Libyen, Nummer neun, erhielt 2024 23 Millionen Euro vom BMZ; seit 2015 summieren sich die deutschen Zusagen laut Ministerium auf 202,8 Millionen Euro, wobei die Projekte über GIZ, UN-Organisationen und NGOs umgesetzt werden.[19]
Bei Nordkorea, Eritrea und Iran ergibt sich dagegen kein vergleichbares Bild regulärer aktueller deutscher Milliarden- oder Millionenprogramme. Der deutsch-nordkoreanische Warenaustausch ist nach Angaben des Auswärtigen Amtes inzwischen vollständig zum Erliegen gekommen, die deutsche Botschaft in Pjöngjang bleibt seit 2020 geschlossen und das Land unterliegt weitreichenden Sanktionen.[20] Eritrea lehnt nach aktueller Darstellung des Auswärtigen Amtes aus ideologischen Gründen eine bilaterale Entwicklungszusammenarbeit ab, während deutsche Hilfsorganisationen dort unter anderem medizinisch tätig sind.[21] Für Iran weist die aktuelle Darstellung des Auswärtigen Amtes keine vergleichbare reguläre deutsche Entwicklungszusage aus und beschreibt die Beziehungen vielmehr als durch Menschenrechtslage, Nuklearprogramm und Regionalpolitik belastet.[22]
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland einem hungernden Kind im Jemen das Brot verweigern soll, weil irgendwo ein Christ verfolgt wird. Eine solche Forderung wäre moralisch ebenso armselig wie politisch kurzsichtig. Die Frage lautet, was deutsche Entwicklungspolitik von denjenigen Staaten verlangt, mit denen sie tatsächlich zusammenarbeitet. Das BMZ selbst bezeichnet Religions- und Weltanschauungsfreiheit als völkerrechtlich verankertes Menschenrecht und erklärt ausdrücklich, die deutsche Entwicklungspolitik orientiere sich systematisch an international anerkannten menschenrechtlichen Standards und Prinzipien.[23]
Dann darf der Bürger allerdings eine ziemlich einfache Frage stellen, ohne dafür erst Entwicklungsökonomie studieren zu müssen: Welche konkrete Konsequenz hat dieses Bekenntnis, wenn ein Partnerstaat beim Schutz religiöser Minderheiten versagt, sie durch Gesetze diskriminiert oder Täter faktisch ungestraft lässt? Nicht: Warum helfen wir Menschen dort? Sondern: Warum sollte Hilfe, dort wo Regierungen Partner Deutschlands sind, nicht viel härter an überprüfbare Fortschritte bei Religionsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenschutz gebunden werden?
Denn Humanität ohne Bedingungen kann notwendig sein. Partnerschaft ohne Erwartungen ist etwas anderes.
Und wer mit dem deutschen Steuerzahler über Werte spricht, während er bei der Überweisung plötzlich nur noch Kontonummern sieht, sollte sich nicht wundern, wenn irgendwann jemand nach dem Verwendungszweck fragt.
Was eine Gesellschaft an ihren Heiligtümern erkennt
Eine freie Gesellschaft muss keine Religion lieben. Sie muss sie aushalten, schützen und dort verteidigen, wo aus Ablehnung Verachtung und aus Verachtung Gewalt wird. Das gilt für Synagogen, Moscheen, Kirchen und jeden Menschen, der seinen Glauben friedlich lebt. Genau an dieser Stelle wird die Debatte über Christenfeindlichkeit interessant, weil sie uns zwingt, einen einfachen Gedanken wieder ernst zu nehmen: Toleranz ist kein politisches Bonussystem, das nur jenen zusteht, die gerade als besonders schutzbedürftig gelten. Sie ist entweder ein Prinzip oder sie ist ein hübsches Wort auf einer Sonntagsrede.
Wer ein Kreuz zertrümmert, einen Altar anzündet oder einen Gläubigen wegen seines Bekenntnisses bedroht, greift nicht die Existenz Gottes an. Der dürfte, deutlich schwerer zu beeindrucken sein. Getroffen werden Menschen, ihre Geschichte, ihre Erinnerung und das Recht, öffentlich sichtbar zu glauben. Und wer solche Taten kleinredet, weil das Christentum in Europa lange Mehrheitsreligion war, verwechselt historischen Einfluss mit aktuellem Anspruch auf Schutz.
Genauso falsch wäre es, aus jedem beschädigten Kirchenfenster einen Kulturkampf zu bauen. Nicht jeder Täter ist Ideologe, nicht jede Sachbeschädigung religiös motiviert, nicht jeder gesellschaftliche Konflikt ein Angriff auf das Abendland. Gerade deshalb müssen die Fälle, bei denen Hass, Einschüchterung oder gezielte Entweihung nachweisbar sind, umso sauberer benannt werden.
Vielleicht beginnt der eigentliche Verlust nicht mit einer brennenden Kirche. Vielleicht beginnt er dort, wo wir uns an das Bild gewöhnen.
Eine Gesellschaft verrät viel über sich selbst, wenn sie entscheidet, welche Heiligtümer sie verteidigt und bei welchen sie bloß den Hausmeister ruft.
Ein Buch für jene, denen das Wegsehen zu bequem geworden ist

Wer an diesem Punkt nicht nach der nächsten wohltemperierten Pressemitteilung sucht, sondern nach der Frage, warum sich so viele Bürger längst nicht mehr ernst genommen fühlen, findet genau dort den Ausgangspunkt meines Buches „Die Wut des kleinen Mannes“. Es ist kein klassisches politisches Sachbuch, das sich mit Parteiprogrammen und den üblichen Floskeln durch höfliche Unverbindlichkeit arbeitet. Es ist ein Text über die wachsende Entfernung zwischen Regierten und Regierenden, zwischen öffentlicher Sprache und privatem Erleben, zwischen dem, was der Bürger täglich sieht, und dem, was ihm anschließend erklärt wird, er habe eigentlich gesehen.
Ich rechne darin mit Politik, Medien und Eliten ab, aber nicht aus Lust am Krawall. Mich interessiert die Mechanik dahinter: Warum werden Zweifel so schnell moralisiert, warum ersetzt Empörung immer öfter die Debatte, warum fühlt sich der Bürger bei vielen Entscheidungen nur noch als Zuschauer mit Einzugsermächtigung? Die Satire darf dabei beißen. Sie soll sogar. Aber sie muss treffen, nicht bloß lärmen.
„Die Wut des kleinen Mannes“ ist deshalb kein Trostbuch und kein Parteiprogramm. Es ist ein unbequemes, sarkastisches Manifest für Menschen, die sich nicht länger mit dem Satz abspeisen lassen wollen, alles sei kompliziert und man müsse den Experten vertrauen. Sören Fahr hat dieses Buch bei edition leseReich mutig verlegt, nachdem andere Verlage vor dem Stoff zurückschreckten. Vielleicht ist genau das der passende Ort für ein Buch, das nicht um Erlaubnis bittet.
Wer nach der Lektüre dieses Essays noch immer findet, dass unbequeme Fragen eine schlechte Angewohnheit sind, sollte das Buch besser nicht kaufen. Alle anderen könnten sich darin erstaunlich schnell wiedererkennen.
Bitte werden oder bleiben Sie gesund, denn das ist das höchste Gut, das wir haben.
Herzlichst
Ihr Alfred-Walter von Staufen
- Alfred-Walter von Staufen (KI generiert)
Quellen:
[1] Bundesministerium des Innern, „Bundesweite Fallzahlen 2024 Politisch motivierte Kriminalität“, 2025, https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/PMK/2024PMKFallzahlen.pdf?__blob=publicationFile&v=2
[2] Bundesministerium des Innern, „Bundesweite Fallzahlen 2025 Politisch motivierte Kriminalität“, 2026, https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/sicherheit/BMI26013-factsheet2025.pdf?__blob=publicationFile&v=3
[3] Deutscher Bundestag, „Christenfeindliche PMK-Straftaten in 2024“, 15. Januar 2025, https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1038564; Bundesministerium des Innern, „Bundesweite Fallzahlen 2025 Politisch motivierte Kriminalität“, 2026, https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/sicherheit/BMI26013-factsheet2025.pdf?__blob=publicationFile&v=3
[4] Katholische Nachrichten-Agentur / Kirche+Leben, „Kirchen-Vandalismus: Bischofskonferenz sieht Zunahme“, 22. August 2025, https://www.kirche-und-leben.de/artikel/vandalismus-kirchen-zunahme-deutsche-bischofskonferenz-konsequenzen-forderungen
[5] SWR Aktuell, „Hoher Schaden: Diebstahl und Vandalismus in Kirchen in BW“, 2. Dezember 2025, https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/diebe-und-vandalismus-in-kirchen-100.html
[6] OIDAC Europe, „Intolerance and Discrimination Against Christians in Europe Report 2025“, 2025, https://www.intoleranceagainstchristians.eu/publications/oidac-report-2025
[7] OIDAC Europe, „Intolerance and Discrimination Against Christians in Europe Report 2025“, 2025, https://www.intoleranceagainstchristians.eu/publications/oidac-report-2025
[8] OIDAC Europe, „Intolerance and Discrimination Against Christians in Europe Report 2025“, 2025, https://www.intoleranceagainstchristians.eu/publications/oidac-report-2025; OSCE/ODIHR, „France – Hate Crime Reporting 2024“, 2025, https://hatecrime.osce.org/france
[9] OSCE Office for Democratic Institutions and Human Rights, „2024 Hate Crime Report“, veröffentlicht 6. November 2025, https://hatecrime.osce.org/hate-crime-report
[10] OIDAC Europe, „Anti-Christian Incidents July 2026“, August 2026, https://www.intoleranceagainstchristians.eu/publications; OIDAC Europe, „Anti-Christian Incidents June 2026“, Juli 2026, https://www.intoleranceagainstchristians.eu/publications/monthly-analysis-june-2026
[11] Open Doors International, „World Watch List 2026 – Compilation of Main Documents“, 14. Januar 2026, https://www.opendoors.org/research-reports/wwl-documentation/WWL2026-Compilation-of-main-documents.pdf; Pew Research Center, „Harassment of religious groups around the world in 2023“, 15. Juni 2026, https://www.pewresearch.org/religion/2026/06/15/harassment-of-religious-groups-around-the-world-in-2023
[12] Open Doors International, „World Watch List 2026“, 2026, https://www.opendoors.org/en-US/persecution/countries/; Open Doors International, „World Watch List 2026 – Compilation of Main Documents“, 14. Januar 2026, https://www.opendoors.org/research-reports/wwl-documentation/WWL2026-Compilation-of-main-documents.pdf
[13] Auswärtiges Amt, „Deutschland und Somalia: bilaterale Beziehungen“, aktualisiert 27. März 2026, https://www.auswaertiges-amt.de/de/service/laender/somalia-node/203138-203138
[14] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, „Jemen“, Stand 2026, https://www.bmz.de/de/laender/jemen
[15] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, „Sudan-Konferenz in Berlin: Deutschland erhöht Unterstützung für notleidende Bevölkerung Sudans um 20 Millionen Euro“, 15. April 2026, https://www.bmz.de/de/aktuelles/aktuelle-meldungen/unterstuetzung-fuer-sudan-298482
[16] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, „Syrien“, Stand 2026, https://www.bmz.de/de/laender/syrien
[17] Auswärtiges Amt, „Deutschland und Nigeria: Bilaterale Beziehungen“, aktualisiert 3. März 2026, https://www.auswaertiges-amt.de/de/service/laender/nigeria-node/bilateral-205794
[18] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, „Pakistan“, Stand 2026, https://www.bmz.de/de/laender/pakistan
[19] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, „Libyen“, Stand 2026, https://www.bmz.de/de/laender/libyen
[20] Auswärtiges Amt, „Deutschland und die Demokratische Volksrepublik Korea: Bilaterale Beziehungen“, 20. März 2026, https://www.auswaertiges-amt.de/de/service/laender/koreademokratischevolksrepublik-node/bilateral-216110
[21] Auswärtiges Amt, „Deutschland und Eritrea: Bilaterale Beziehungen“, 4. Mai 2026, https://www.auswaertiges-amt.de/de/service/laender/eritrea-node/bilateral-226182
[22] Auswärtiges Amt, „Deutschland und Iran: Bilaterale Beziehungen“, 5. Mai 2026, https://www.auswaertiges-amt.de/de/service/laender/iran-node/bilaterale-beziehungen-202402
[23] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, „Menschenrecht auf Religionsfreiheit und Weltanschauungsfreiheit“, Stand 2026, https://www.bmz.de/de/themen/menschenrecht-religionsfreiheit-weltanschauungsfreiheit















