Robert reicht’s! – Warum inzwischen jeder gegen jeden kämpft und am Ende keiner mehr weiß, wofür eigentlich
Der Stammtisch, die Tomaten und die große deutsche Meisterschaft im Gegeneinander
Manchmal sitze ich auf meinem Balkon, starre auf meine Tomatenpflanzen und denke: Die machen das eigentlich ziemlich vernünftig. Die Tomate neben der Tomate schreit nicht den ganzen Tag: „Du bist eine Nazi-Tomate!“, während die andere zurückbrüllt: „Selber linksgrün verseucht, du Bio-Gurke!“ Nein. Die wachsen einfach. Die wollen Sonne, Wasser und ihre Ruhe. Ich hingegen mache den Fehler und schalte das Handy ein. Danach brauche ich fast Dünger für die Seele.
Neulich saß ich wieder bei Klaus am „Stammtisch der Vernunft“. Wobei der Name inzwischen eher Hoffnung als Beschreibung ist. Klaus polierte schweigend Gläser. Der Mann hat mittlerweile diesen Blick entwickelt, den Tierpfleger wahrscheinlich bekommen, wenn sie morgens die Affen füttern und einer schon wieder versucht, den anderen mit einer Kokosnuss zu erschlagen.
Gunnar war natürlich schon da. Er saß breitbeinig auf seinem Stammplatz, als gehöre ihm das Gebäude inklusive Grundbuch. Rüdiger blätterte in der Zeitung, allerdings mehr aus Gewohnheit als aus Hoffnung. Nikolai rechnete auf einer Serviette irgendetwas mit Steuern, Zinsen und Bierpreisen aus. Und ich dachte nur: Hoffentlich dauert es heute wenigstens zehn Minuten, bis der Erste jemanden für den Untergang Deutschlands verantwortlich macht.
Es dauerte vier.
„Sag mal“, begann Gunnar und zeigte auf irgendeinen Nachrichtenbeitrag, „merken die da draußen eigentlich noch irgendwas?“
„Welche?“, fragte Klaus trocken.
„Na alle.“
Da musste ich lachen. Nicht weil es besonders lustig gewesen wäre. Sondern weil „alle“ inzwischen tatsächlich die Standardantwort auf fast jede Frage geworden ist.
Rechts gegen Links. Links gegen Rechts. Veganer gegen Fleischesser. Fleischesser gegen Veganer. Frauen gegen Männer. Männer gegen Frauen. Jung gegen Alt. Alt gegen Jung. SUV gegen Lastenrad. Wärmepumpe gegen Gasheizung. Katze gegen Hund. Wahrscheinlich diskutieren demnächst sogar Zimmerpflanzen darüber, wer klimaneutraler Photosynthese betreibt.
Ich frage mich inzwischen wirklich: Was stimmt eigentlich mit uns nicht?
Früher stritt man sich über Fußball. Danach trank man ein Bier zusammen. Heute reicht schon die falsche Hafermilch im Einkaufswagen und irgendeiner hält spontan einen moralischen TED-Talk zwischen Tiefkühlpizza und Toilettenpapier.
„Die Leute wollen gar keine Lösungen mehr“, murmelte Rüdiger und faltete die Zeitung zusammen. „Sie wollen Sieger.“
„Quatsch“, sagte Gunnar. „Sie wollen, dass die andere Seite verliert.“
„Ist wirtschaftlich sogar nachvollziehbar“, warf Nikolai ein. „Empörung verkauft sich besser als Einigkeit.“
Klaus stellte schweigend vier Bier auf den Tisch.
„Die einzige Partei, die hier heute gewinnt, ist die Brauerei.“
Da musste sogar Gunnar grinsen.
Und genau das ist doch der Punkt.
Wir lachen mittlerweile viel seltener miteinander als übereinander. Jeder hat sein Lager. Jeder hat seine Fahne. Jeder besitzt seine ganz persönliche Wahrheit im handlichen Taschenformat. Und wehe, jemand wagt es, auch nur einen Millimeter daneben zu denken.
Dann wird nicht diskutiert.
Dann wird etikettiert.
Der eine ist sofort Nazi.
Der andere Kommunist.
Der dritte Verschwörungstheoretiker.
Der vierte Schlafschaf.
Der fünfte Systemling.
Und wenn gar nichts mehr hilft, nennt man den anderen einfach Boomer. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum das plötzlich ein Schimpfwort sein soll. Früher war das höchstens jemand, der die Musik zu laut aufgedreht hat.
Manchmal glaube ich wirklich, wir betreiben inzwischen Leistungssport im Beleidigtsein. Olympische Disziplin. Goldmedaille im Empörtsein. Silber im Nicht-Zuhören. Bronze im Sofort-Blockieren.
Besonders faszinierend finde ich diese merkwürdige Vorstellung von Toleranz, die einem inzwischen ständig begegnet. Manche erklären dir mit völlig ernster Miene, wie unfassbar tolerant sie seien – und ungefähr drei Sekunden später zählt man auf, welche Menschen, Meinungen oder Lebensweisen unbedingt verschwinden müssten, damit endlich Vielfalt herrscht.
Da kratze ich mich manchmal am Kopf und frage mich, ob ich versehentlich in einem Paralleluniversum gelandet bin oder ob einfach nur sämtliche Wörter ihre Bedeutung verloren haben.
„Robert“, sagte Klaus und schob mir wortlos mein Bier hin.
„Ja?“
„Nicht so viel nachdenken.“
„Warum?“
„Weil du sonst wieder anfängst, Fragen zu stellen.“
„Und?“
„Fragen sind heute gefährlicher als Antworten.“
Ich nahm einen Schluck.
Verdammt. Vielleicht hatte der Köbes mehr Philosophie studiert als wir alle zusammen.
Toleranz ist, wenn alle dasselbe denken dürfen
„Ich sag’s euch“, begann Gunnar und legte beide Hände auf den Tisch, als wolle er gleich entweder eine Regierung stürzen oder einen Salzstreuer verhören, „das Problem ist doch, dass heute jeder Toleranz fordert, aber keiner mehr erträgt, dass jemand anders wirklich anders denkt.“
„Das ist jetzt aber sehr pauschal“, sagte Rüdiger.
„Natürlich ist das pauschal. Wir sitzen am Stammtisch. Für Fußnoten haben wir hier zu wenig Licht.“
Klaus hob kurz den Blick, sagte aber nichts. Er hatte sich offenbar vorgenommen, heute nur dann einzugreifen, wenn jemand den Aschenbecher nach dem Grundgesetz warf.
Gunnar war warmgelaufen.
„Nimm doch diese ganzen Debatten. Migration. Klima. Bürgergeld. Da geht es doch schon lange nicht mehr darum, wie man ein Problem lösen kann. Es geht nur noch darum, wer moralisch besser aussieht, wenn die Kameras angehen.“
„Das stimmt teilweise“, sagte Nikolai, „aber Moral ist eben auch eine Art Währung. Nur ohne Deckung und mit schlechter Bilanz.“
„Endlich sagt’s mal einer aus der FDP“, grinste Gunnar.
„Ich sagte Währung, nicht Freibier.“
Rüdiger räusperte sich, wie CDU-Leute sich eben räuspern, wenn sie gleich etwas sagen wollen, das möglichst vernünftig klingt, aber niemandem den Abend rettet.
„Man muss schon unterscheiden. Nicht jede Haltung ist automatisch gleich viel wert.“
„Aha“, sagte Gunnar. „Und wer legt das fest?“
„Der gesunde Menschenverstand.“
Klaus stellte ein neues Kölsch hin.
„Der ist heute leider aus.“
Ich musste lachen, aber nur kurz, denn genau da sitzt der Haken. Jeder hält den eigenen gesunden Menschenverstand für das letzte Exemplar im Land. Der eine trägt ihn auf Parteitagen vor sich her wie eine Monstranz, der andere klebt ihn auf Plakate, der nächste verkauft ihn als Onlinekurs für 799 Euro, Frühbucherrabatt inklusive, und am Ende sitzen alle vor ihren Bildschirmen und erzählen sich gegenseitig, dass nur sie noch klar denken können.
Besonders schön wird es bei den sogenannten Coaches. Diese merkwürdige Berufsgruppe, bei der manche Menschen morgens aufstehen, ein Ringlicht einschalten und sich anschließend für spirituell befähigt halten, fremden Leuten zu erklären, warum sie zu dick, zu faul, zu arm, zu negativ, zu erfolglos oder schlicht energetisch falsch geparkt sind.
„Du musst raus aus deiner Komfortzone“, sagen sie dann.
Ja, danke. Ich stehe morgens um sieben beim Bäcker hinter acht Leuten, von denen sechs mit Kleingeld bezahlen. Mehr Komfortzone verlasse ich heute nicht.
Und dieses Shaming, dieses öffentliche Vorführen anderer Menschen, ist ohnehin eine der erbärmlichsten Erfindungen unserer Zeit. Fitness-Lallos, die mit geöltem Oberkörper vor der Kamera stehen und sich über Dicke lustig machen, als hätten sie persönlich den Stoffwechsel erfunden. Menschen, die anderen erklären, ihr Körper sei ein Beweis für moralisches Versagen, während im Hintergrund drei Nahrungsergänzungsmittel, ein Rabattcode und ein künstlich aufgepumpter Bizeps um Aufmerksamkeit kämpfen.
„Wer andere erniedrigt, um sich selbst größer zu machen, ist meistens sehr klein“, sagte Rüdiger.
„Das war jetzt fast gut“, meinte Gunnar.
„Danke.“
„Fast.“
Auch bei Veganern und Fleischessern ist die Stimmung inzwischen, als stünden sich zwei verfeindete Königreiche gegenüber. Auf der einen Seite Leute, die glauben, jeder Fleischesser persönlich habe den Amazonas angezündet. Auf der anderen Seite Männer, die aus Trotz ein Steak bestellen, nur weil am Nebentisch jemand Hafermilch trinkt.
Das ist keine Ernährung mehr. Das ist Bürgerkrieg mit Besteck.
Und selbstverständlich geht das Spiel überall so weiter. Frauen gegen Männer, Männer gegen Frauen, Junge gegen Alte, Alte gegen Junge. Die einen halten alle Männer für wandelnde Schadstoffemissionen, die anderen jede Feministin für eine schlecht gelaunte Verbotsbeauftragte. Die Jungen erklären den Alten, sie hätten das Land ruiniert, und die Alten erklären den Jungen, sie könnten nicht einmal einen Wasserhahn wechseln, ohne vorher ein Tutorial anzusehen.
„Stimmt doch“, sagte Gunnar.
„Was?“
„Das mit dem Wasserhahn.“
„Du hast letzte Woche Klaus angerufen, weil deine Kaffeemaschine entkalkt werden musste“, sagte Nikolai.
„Das war Technik.“
„Das war Zitronensäure.“
Klaus lächelte still in sein Handtuch.
Ich dachte an meine Tomatenpflanzen. Eine von ihnen hing schief, weil ich sie am falschen Stab befestigt hatte, aber immerhin hatte sie mich dafür noch nicht öffentlich gecancelt.
Das eigentliche Problem ist doch nicht, dass Menschen unterschiedliche Ansichten haben. Das wäre ja sogar gesund. Ein Land, in dem alle gleich denken, wäre entweder tot, totalitär oder eine Eigentümerversammlung kurz vor der Abstimmung über neue Mülltonnen.
Das Problem beginnt dort, wo die andere Meinung nicht mehr als Irrtum, sondern als moralische Krankheit behandelt wird.
Wo man nicht mehr sagt: „Ich glaube, du liegst falsch“, sondern: „Du darfst so nicht sein.“
Wo Toleranz plötzlich bedeutet, dass alle toleriert werden, solange sie dasselbe sagen.
Und genau da wird es komisch, wobei „komisch“ in diesem Fall weniger Karl Valentin und mehr psychiatrischer Wartebereich ist.
Der große Valentin sagte ja einmal: „Jedes Ding hat drei Seiten: eine positive, eine negative und eine komische.“
Heute haben viele Dinge allerdings nur noch zwei Seiten. Meine und die falsche.
Das Komische bleibt dabei auf der Strecke, obwohl wir es dringender bräuchten als jemals zuvor. Denn wer über sich selbst lachen kann, schlägt dem anderen nicht so schnell den Schädel ein. Wer sich selbst nicht für die Endstufe menschlicher Erkenntnis hält, hört vielleicht noch einen Satz länger zu. Und wer wenigstens ahnt, dass er irren könnte, ist für eine Gesellschaft ungefähr so wertvoll wie ein funktionierender Feuerlöscher im Berliner Flughafen.
„Robert“, sagte Nikolai, „du guckst schon wieder so.“
„Wie?“
„Als würdest du gleich die Menschheit abschreiben.“
„Nein“, sagte ich. „Nur die Hälfte.“
„Welche?“ fragte Gunnar.
„Das entscheidet sich nach der nächsten Runde.“
Der Kleinkrieg frisst seine eigenen Sieger
„Das Schlimmste ist doch“, sagte ich und stellte mein Glas ab, „dass wahrscheinlich jeder klardenkende Mensch merkt, dass dieses dauernde Gegeneinander uns kaputtmacht.“
„Natürlich“, sagte Gunnar.
„Eben“, sagte Rüdiger.
„Logisch“, sagte Nikolai.
Klaus schaute uns an, ließ sich ein paar Sekunden Zeit und fragte dann: „Und wer von euch dreien ist jetzt der Klardenkende?“
Ruhe.
Manchmal schafft Klaus es mit einem einzigen Satz, einen ganzen Stammtisch auszuziehen, ohne dass einer die Hose aufmacht.
Denn genau so läuft es doch. Alle sehen das Problem. Alle wissen, dass die Menschen aggressiver, radikaler und unversöhnlicher werden. Alle beklagen das Lagerdenken, die moralische Selbstüberhöhung, das Anschreien, Ausgrenzen, Blockieren und öffentliche Vorführen. Aber jeder ist gleichzeitig felsenfest davon überzeugt, dass es ausschließlich die anderen betrifft.
Ich selbst natürlich auch.
Da sitze ich dann und denke: Robert, du bist wenigstens vernünftig. Du stehst über den Dingen. Du beobachtest neutral, wägend und klug. Und fünf Minuten später fluche ich über irgendeinen Beitrag im Internet, als hätte der Verfasser persönlich meine Tomatenpflanzen mit Roundup gegossen.
Ich muss mir also schon eingestehen, dass ich manches zu pauschal sehe. Das Wort „reflektieren“ vermeide ich trotzdem. Sobald heute jemand sagt, er müsse etwas reflektieren, klingt es, als wolle er gleich einen Stuhlkreis eröffnen und den Obstkorb nach seinem Befinden fragen.
Aber nachdenken muss man eben trotzdem. Auch über sich selbst. Gerade über sich selbst, dieser lästige Teil der Veranstaltung, den alle gern überspringen.
Bei Migration, Klima oder Bürgergeld etwa gibt es nun einmal keine Antworten, die auf einen Bierdeckel passen, auch wenn Politiker uns seit Jahren beweisen wollen, dass sogar ein ganzer Koalitionsvertrag auf einen Bierdeckel passt, solange man klein genug schreibt und hinterher nichts davon liest.
Migration ist weder ausschließlich Bereicherung noch grundsätzlich Untergang. Klimapolitik ist weder automatisch Erlösung noch immer nur Schikane. Bürgergeldempfänger sind weder alle faul noch alle unschuldige Opfer der Verhältnisse. Wer nur in solchen fertigen Schubladen denkt, braucht sich über die kaputte Kommode unserer Gesellschaft nicht zu wundern.
„Das klingt aber verdächtig nach Mitte“, sagte Gunnar.
„Keine Sorge“, sagte ich. „Da hält sich heute sowieso niemand lange auf.“
„Die Mitte ist teuer geworden“, meinte Nikolai. „Zu wenig Nachfrage.“
Rüdiger nickte. „Früher war die politische Mitte ein Treffpunkt. Heute ist sie eine Verkehrsinsel. Man steht drauf, während von beiden Seiten gehupt wird.“
Das Bild gefiel mir. Vor allem, weil es erklärt, warum sich vernünftige Leute zunehmend benehmen wie Fußgänger mit Panikattacke.
Besonders verstörend ist diese Form der Intoleranz, die sich selbst als höchste Stufe der Toleranz verkauft. Wer sich im Woke- oder Antifa-Umfeld umschaut, findet dort selbstverständlich nicht nur Fanatiker, genau wie nicht jeder Rechte morgens beim Zähneputzen heimlich den Reichstag anzündet. Aber es gibt eben Leute, die „Leben und leben lassen“ ungefähr so verstehen wie ein Kammerjäger die Artenvielfalt.
Sie erklären dir, dass alle Lebensentwürfe respektiert werden müssen, solange es die richtigen sind. Alle Meinungen dürfen geäußert werden, solange niemand widerspricht. Jede Identität ist schützenswert, außer der desjenigen, der gerade zum Feindbild erklärt wurde.
Das ist keine Toleranz. Das ist ideologische Hausordnung.
Und natürlich gibt es das auf der anderen Seite ebenso. Dort wird Freiheit beschworen, solange sie zur eigenen Vorstellung passt. Da heißt es dann: Jeder soll leben, wie er will – aber bitte nicht sichtbar, nicht laut, nicht fremd und möglichst nicht nebenan.
Beide Seiten halten sich für Widerstandskämpfer und den jeweils anderen für die Gestapo mit anderem Logo. Dabei sitzen sie oft nur im Jogginganzug auf dem Sofa und tippen Drohungen in ein Telefon, dessen Bedienungsanleitung sie nie gelesen haben.
„Das ist das Mattengerangel ohne Schiedsrichter“, sagte Klaus plötzlich.
Wir schauten ihn an.
„Was denn?“, fragte er. „Ihr redet seit einer Stunde. Da bleibt ja zwangsläufig was hängen.“
Genau das ist es: Mattengerangel ohne Schieri. Virtuell oder analog, völlig Wurscht. Es geht meistens nicht mehr um Erkenntnis, sondern darum, den anderen auf den Rücken zu legen, bis er abklopft, schweigt oder gelöscht wird. Hauptsache Sieg. Hauptsache Applaus aus dem eigenen Lager. Hauptsache jemand anders liegt unten.
Nur merkt keiner, dass die Matte längst in Flammen steht.
„Und willst du nicht mein Bro sein, dann schlag ich dir den Schädel ein“, sagte Gunnar.
„Sehr poetisch“, meinte Nikolai.
„Das reimt sich wenigstens.“
„Gewalt wird nicht besser, nur weil sie metrisch funktioniert“, sagte Rüdiger.
„Jetzt hör aber auf, sonst bestellst du gleich noch einen Arbeitskreis.“
Klaus stellte die nächste Runde hin und kassierte diesmal sofort. Vermutlich hatte er Angst, dass die staatliche Ordnung noch vor Ladenschluss zusammenbricht.
Und da saßen wir dann. Ein AfD-Mann, ein FDP-Mann, ein CDU-Mann, ein neutraler Köbes und ich, der sich selbst gern als Beobachter bezeichnet, weil „Verwirrter mit Notizbuch“ auf einer Visitenkarte so unprofessionell wirkt.
Wir waren uns nicht einig. Natürlich nicht. Gunnar wollte härtere Grenzen, Nikolai weniger Staat, Rüdiger mehr Ordnung mit Augenmaß, Klaus wollte Feierabend und ich wollte, dass die Menschheit wenigstens einmal kurz tief Luft holt, bevor sie sich endgültig gegenseitig auf den Kopf schlägt.
Aber wir saßen noch am selben Tisch.
Das ist inzwischen fast schon revolutionär.
Zusammenleben besteht aus Kompromissen. Nicht aus Kapitulation, nicht aus Unterwerfung und auch nicht aus diesem weichen Soßenwort, bei dem am Ende alle so tun, als seien Unterschiede einfach verschwunden. Kompromiss heißt: Ich halte dich aus, obwohl du mich nervst. Du hörst mir zu, obwohl du mich für bekloppt hältst. Und keiner von uns ruft die digitale Dorfmiliz, nur weil der andere beim Bürgergeld, bei der Migration oder beim Grillfleisch einen Satz gesagt hat, der nicht ins eigene Weltbild passt.
Es ist unmöglich, alle Meinungen unter einen Hut zu bekommen. Schon deshalb, weil die Hüte heute meist von Leuten getragen werden, die sich gegenseitig die Köpfe einschlagen wollen.
Aber Toleranz bedeutet eben nicht, alles gutzuheißen. Sie bedeutet, das Vorhandensein des anderen auszuhalten, solange dieser nicht gewalttätig wird oder anderen ihre Rechte nimmt. Das ist anstrengend. Das ist unbequem. Das bringt keine Likes. Und vermutlich ist es gerade deshalb unverzichtbar.
Was mir Angst macht, ist nicht, dass gestritten wird. Streit gehört dazu. Was mir Angst macht, ist diese wachsende Lust an der Vernichtung des Gegners. Nicht widerlegen. Nicht überzeugen. Vernichten. Beruflich, gesellschaftlich, menschlich. Man will nicht mehr gewinnen, man will den anderen aus der Gemeinschaft entfernen, als wäre er ein Fleck auf dem Teppich.
Und irgendwann gibt es keine Gemeinschaft mehr. Nur noch Fleckenentferner.
Vielleicht ist das der eigentliche Irrsinn unserer Zeit: Wir haben mehr Möglichkeiten, miteinander zu reden, als jede Generation vor uns, und nutzen sie hauptsächlich dazu, uns gegenseitig anzuschreien. Wir wissen mehr, hören aber weniger zu. Wir sehen alles, erkennen aber kaum noch etwas. Wir verlangen Respekt und verteilen Verachtung. Wir rufen nach Vielfalt und wünschen uns insgeheim eine Welt, in der nur unsere eigene Meinung vorkommt.
So kann das nicht gutgehen.
Nicht auf Dauer.
Kein Land zerbricht allein an unterschiedlichen Ansichten. Es zerbricht, wenn seine Bürger einander nicht mehr als Mitmenschen betrachten, sondern nur noch als Hindernisse, Feinde oder moralischen Abfall. Dann wird aus Debatte Verachtung, aus Verachtung Hass und aus Hass irgendwann etwas, das sich mit einem nachträglichen Bedauern nicht mehr rückgängig machen lässt.
Der Köbes Klaus drehte das Licht über der Theke etwas dunkler.
„Letzte Runde.“
Vielleicht gilt das nicht nur fürs Kölsch.
Das alles wollte ich jetzt und hier loswerden. Nun sage ich mal bis denne und Tschö mit drei Ö!

























