Monatsrückblick Mai 2026: Verboten, verboten, verboten – Deutschland sucht den letzten erlaubten Spaß

Von Robert R. Manor – Der Chronist vom Stammtisch der Vernunft

Es gibt Monate, die ziehen einfach vorbei. Man mäht den Rasen, bezahlt ein paar Rechnungen, schimpft über den Wetterbericht und vergisst nach zwei Wochen schon wieder, was eigentlich passiert ist.

Und dann gibt es den Mai 2026.

Dieser Monat kam herein wie ein schlecht gelaunter Ordnungsamtsleiter auf einer Dorfkirmes. Mit Klemmbrett. Mit Warnweste. Und mit dem festen Vorsatz, irgendwo noch ein bisschen Lebensfreude zu entdecken, die dringend reguliert werden muss.

Ich saß Anfang der Woche auf meinem Balkon, betrachtete meine Tomatenpflanzen und stellte fest, dass sie inzwischen dieselbe Haltung haben wie viele Bürger: leicht geknickt, aber noch nicht aufgegeben.

Da las ich die Schlagzeile über die Bergkirchweih in Erlangen.

Zwölf Lieder auf einer schwarzen Liste.

Zwölf!

Deutschland hat mittlerweile mehr verbotene Partylieder als funktionierende Bahnhöfe.

Ich musste den Artikel zweimal lesen, weil ich zunächst dachte, irgendein Satiremagazin hätte seine Praktikanten unbeaufsichtigt gelassen.

Aber nein.

Es war ernst gemeint.

Auf der Bergkirchweih sollen verschiedene Lieder nicht mehr gespielt werden.

  • „Layla“.
  • „Skandal im Sperrbezirk“.
  • „10 nackte Friseusen“.
  • „Joana“.
  • „20 Zentimeter“.
  • „Geh mal Bier hol’n“.

Wenn das so weitergeht, dürfen auf deutschen Volksfesten bald nur noch Naturgeräusche laufen.

Wobei selbst das schwierig werden könnte.

Irgendein Ausschuss wird bestimmt feststellen, dass das Balzverhalten des Auerhahns problematische Rollenbilder transportiert.

Am Abend saß ich wie üblich im Stammlokal „Zur fröhlichen Zukunft“.

Allein der Name wird wahrscheinlich in zehn Jahren überprüft werden.

„Fröhlich“ könnte schließlich Druck auf traurige Menschen ausüben.

Klaus stellte die Kölschgläser auf den Tisch.

„Hast du das mit den Liedern gelesen?“ fragte ich.

„Natürlich“, sagte Klaus. „Mittlerweile muss man aufpassen, dass nicht irgendwann die Nationalhymne durch Walgesänge ersetzt wird.“

Gunnar schnaubte sofort.

„Das ist doch irre. Die Leute fahren auf ein Volksfest und dürfen keine Volksfestmusik mehr hören.“

„Ganz so einfach ist es nicht“, sagte Rüdiger und hob bereits den Zeigefinger.

Dieser Zeigefinger hat in den letzten zwanzig Jahren vermutlich mehr politische Debatten geführt als manche Partei.

„Manche Texte sind eben grenzwertig.“

„Rüdiger“, sagte Klaus trocken, „wenn Volksfeste nur noch grenzwertfreie Texte spielen dürfen, bleibt am Ende ein Akkordeon und drei Minuten Stille.“

Nikolai grinste.

„Mich wundert eher, dass man glaubt, solche Verbote würden irgendetwas ändern. Die Leute hören die Lieder doch trotzdem.“

Da hatte er einen Punkt.

Denn genau das scheint inzwischen die Lieblingsbeschäftigung deutscher Funktionäre geworden zu sein.

Man verbietet Dinge symbolisch.

Nicht weil sie verschwinden.

Sondern damit man zeigen kann, dass man etwas getan hat.

Das ist Politik als Theaterkulisse.

Der Wolf wird nicht vertrieben.

Aber man malt ein Schild auf den Zaun.

„Wolf unerwünscht.“

Problem gelöst.

Fast noch schöner war allerdings die Diskussion um das Kinderlied „Hoppe, hoppe Reiter“.

Ein Lied, das seit Generationen ungefähr dieselbe Funktion erfüllt wie Kartoffelsalat an Weihnachten: Niemand weiß mehr genau warum, aber irgendwie gehört es dazu.

Nun wurde diskutiert, ob das Lied möglicherweise Gewalt verharmlose.

Gewalt.

Bei „Hoppe, hoppe Reiter“.

Ich musste lachen.

Dann dachte ich kurz nach.

Dann musste ich noch mehr lachen.

Wenn wir irgendwann bei Kinderliedern angekommen sind, dann haben wir offensichtlich sämtliche echten Probleme bereits erfolgreich beseitigt.

Oder wir reden lieber über Kinderlieder als über echte Probleme.

Beides wäre denkbar.

„Was kommt als Nächstes?“ fragte Gunnar.

„Verbot von Verstecken spielen?“

„Warum?“ fragte Rüdiger.

„Weil dadurch das Untertauchen normalisiert wird.“

Selbst Klaus musste lachen.

Der Mann lacht nicht oft.

Wenn Klaus lacht, sollte man sich die Pointe notieren.

Ich erinnere mich noch an meine Kindheit.

Damals fiel man vom Fahrrad.

Dann stand man wieder auf.

Heute würde wahrscheinlich zuerst ein Risikobewertungsbogen ausgefüllt werden.

Danach eine psychologische Nachbetreuung.

Anschließend gäbe es ein kommunales Förderprogramm für sturzsensibles Radfahren.

Und am Ende würde festgestellt, dass die eigentliche Ursache beim Fahrradhersteller lag.

Deutschland hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt.

Man schafft es, jede noch so kleine Alltagsszene in eine gesellschaftliche Grundsatzdebatte zu verwandeln.

Ein Lied?

Debatte.

Ein Witz?

Debatte.

Ein Grillabend?

Debatte.

Eine Karnevalssitzung?

Drei Debatten und zwei Beschwerden.

Manchmal habe ich das Gefühl, unser Land sei ein riesiges Büro geworden.

Mit achtzig Millionen Mitarbeitern.

Niemand produziert etwas.

Aber alle prüfen gegenseitig die Formulare.

Vielleicht ist das die eigentliche deutsche Leitkultur geworden.

Nicht Bier.

Nicht Fußball.

Nicht Bratwurst.

Sondern Beanstandung.

Der durchschnittliche Deutsche erkennt inzwischen auf hundert Meter Entfernung einen Verstoß gegen irgendeine Regel.

Und wenn er keinen findet, meldet er vorsorglich einen Verdacht.

Währenddessen sitzen die Menschen an den Stammtischen und fragen sich, warum immer mehr Künstler, Musiker und Kabarettisten irgendwann keine Lust mehr haben.

Denn Humor lebt davon, dass man Grenzen berührt.

Volksfeste leben davon, dass man Dinge singt, die man nüchtern niemals sagen würde.

Karneval lebt davon, dass man fünf Tage lang nicht jede Silbe auf die Goldwaage legt.

Und Stammtische leben davon, dass Menschen unterschiedlicher Meinung miteinander reden.

Nicht übereinander.

Miteinander.

Genau deshalb mag ich unseren Tisch in der „Fröhlichen Zukunft“.

Gunnar sieht vieles anders als Rüdiger.

Nikolai sieht fast alles in Euro.

Klaus sieht alles aus der Perspektive eines Mannes, der schon jede politische Mode kommen und gehen sah.

Und ich sitze dazwischen und denke mir oft: Vielleicht wäre Deutschland ein entspannteres Land, wenn mehr Menschen miteinander reden würden und weniger darüber, was andere nicht mehr sagen oder singen dürfen.

Draußen wurde es langsam dunkel.

Auf dem Balkon standen meine Tomatenpflanzen im Abendlicht.

Die größte von ihnen lehnte sich leicht nach links.

Oder nach rechts.

Bei Tomaten ist das schwer zu erkennen.

Jedenfalls wirkte sie deutlich entspannter als die Republik.

Und das, liebe Leser, ist vermutlich die eigentliche Nachricht dieses Monats.

Wenn sogar Tomatenpflanzen gelassener wirken als politische Debatten, dann sollte man vielleicht nicht das nächste Lied verbieten.

Sondern einfach mal wieder gemeinsam eins singen.

Der Tag der Armlehne und andere Höhepunkte einer Weltmacht auf Rädern

Als ich dachte, der Mai hätte sein Pulver bereits mit Liedverboten, Kinderlied-Debatten und allgemeiner Freizeitregulierung verschossen, machte ich den Fehler, einen Blick in die Kuriositätenmeldungen des Monats zu werfen.

Das sollte man grundsätzlich nur ausgeschlafen tun.

Oder mit Alkohol.

Oder beidem.

Denn dort fand ich die Nachricht, dass im Mai wieder offiziell der „Tag der Armlehne“ gefeiert wurde.

Ja.

Der Armlehne.

Dem seitlichen Möbelansatz für müde Ellenbogen.

Dem menschlichen Zwischenlager für Oberarme.

Dem letzten Rückzugsort gestresster Schultern.

Der Armlehne.

Ich musste den Artikel dreimal lesen.

Nicht weil ich ihn nicht verstanden hätte.

Sondern weil ich gehofft hatte, ihn falsch verstanden zu haben.

Aber nein.

Es gibt tatsächlich einen Tag der Armlehne.

Und natürlich musste ich damit am Abend in die „Fröhliche Zukunft“ marschieren.

Klaus polierte gerade Gläser.

„Klaus“, fragte ich, „weißt du, welcher Feiertag heute ist?“

„Dienstag.“

„Tag der Armlehne.“

Er hielt mitten in der Bewegung inne.

„Robert, ich frage jetzt nicht nach.“

Gunnar kam herein.

„Was ist los?“

„Tag der Armlehne.“

„Das kann nicht echt sein.“

„Doch.“

„Dann ist alles vorbei.“

Rüdiger setzte sich.

„Man muss auch mal lockerer werden. Das ist doch nur ein Spaßtag.“

„Rüdiger“, sagte Nikolai, der gerade eingetroffen war, „Deutschland ist das einzige Land der Welt, das erst seine Wirtschaft verliert und dann einen Feiertag für Sitzmöbel findet.“

Da war er wieder, dieser Moment, in dem niemand widersprechen konnte.

Denn ganz ehrlich:

Früher baute Deutschland Motoren.

Heute feiern wir Armlehnen.

Das muss man erst einmal schaffen.

Und ich möchte ausdrücklich betonen:

Ich habe nichts gegen Armlehnen.

Im Gegenteil.

Ich nutze sie regelmäßig.

Aber ich habe sie bisher nie als gesellschaftliche Leistung betrachtet.

Wobei man vorsichtig sein muss.

Wenn das so weitergeht, feiern wir nächstes Jahr den Tag der Schreibtischkante.

Mit einer Aktionswoche für ergonomische Heftklammern.

Und einem bundesweiten Kongress zur emotionalen Belastung von Lochern.

Der Veranstaltungsort wird selbstverständlich barrierefrei sein.

Für Rollstühle und Büroklammern.

Sprich wie Yoda – oder wie ein Ministerium

Kaum hatte sich der Stammtisch vom Armlehnen-Schock erholt, folgte die nächste Nachricht.

Am 21. Mai wurde weltweit wieder der „Sprich-wie-Yoda-Tag“ gefeiert.

Nun habe ich grundsätzlich nichts gegen Yoda.

Der kleine grüne Kerl hat mehr Weisheit in einem Ohr als manche Talkshowrunde in drei Sendestunden.

Aber die Vorstellung, dass Menschen bewusst einen Tag lang sprechen wie Yoda, führte zu interessanten Bildern.

Vor allem in Deutschland.

Denn wenn man ehrlich ist, klingt inzwischen ohnehin jede zweite Pressemitteilung wie eine Kreuzung aus Yoda, Betriebsanleitung und Steuerbescheid.

„Unter Berücksichtigung der aktuellen Rahmenbedingungen zu prüfen sein wird die Maßnahme.“

„Verstehen du musst, was gemeint gewesen sein könnte.“

„Erfolgreich umgesetzt werden soll möglicherweise vielleicht das Vorhaben.“

Klaus schüttelte den Kopf.

„Man erkennt inzwischen kaum noch den Unterschied.“

„Zwischen was?“ fragte Gunnar.

„Zwischen Jedi-Rat und Ministerium.“

Selbst Rüdiger lachte.

Und das passiert ungefähr so häufig wie pünktliche Fernzüge im November.

Ich stellte mir vor, wie eine Bundespressekonferenz künftig komplett in Yoda-Sprache abläuft.

„Steuern erhöhen wir nicht.“

„Noch nicht.“

„Vorhaben wir es?“

„Ausschließen können wir nichts.“

Ehrlicherweise wäre das vermutlich sogar verständlicher als manche echte Erklärung.

Der Tag des Schwimmmeisters und die Sache mit Timmy

Fast zeitgleich wurde auch noch der bundesweite Tag des Schwimmmeisters gefeiert.

Das wiederum fand ich sympathisch.

Denn während inzwischen halb Deutschland Orientierung sucht, ist es beruhigend zu wissen, dass wenigstens irgendwo noch jemand weiß, wo das tiefe Wasser beginnt.

„Während Timmy der Wal sich seinem Schicksal hingab, wird wenigstens noch der Bademeister geehrt“, sagte ich.

„Irgendwer muss ja wissen, wo vorne ist.“

Nikolai nickte.

„Vielleicht sollte man mehr Schwimmmeister in die Politik schicken.“

„Warum?“ fragte Gunnar.

„Weil deren ganzer Beruf daraus besteht, Menschen rechtzeitig aus Situationen herauszuholen, die sie selbst unterschätzt haben.“

Da wurde es kurz still.

Denn irgendwie war das verdächtig nah an der Realität.

Deutschland gleicht derzeit manchmal einem Freibad an einem Hitzetag.

Alle springen gleichzeitig irgendwo hinein.

Niemand weiß genau wohin.

Und anschließend sucht man hektisch nach jemandem mit Pfeife.

König Charles stirbt. Zumindest kurz.

Dann kam die Meldung aus Großbritannien.

Ein Radiosender verkündete versehentlich den Tod von König Charles III.

Ein Versehen.

Ein Irrtum.

Ein journalistischer Vollkontaktunfall.

Der König lebte selbstverständlich weiter.

Aber für einige Minuten hatte der Sensenmann offenbar bereits seine Dienstreiseunterlagen eingereicht.

„Selbst der Tod wartet heutzutage auf die offizielle Bestätigung“, sagte Klaus.

„Wahrscheinlich musste Charles erst noch einen QR-Code scannen.“

„Oder ein Bürgerkonto anlegen“, ergänzte Gunnar.

„Mit Zwei-Faktor-Authentifizierung“, sagte Nikolai.

„Und einem Fax“, ergänzte Rüdiger.

Das Schöne an solchen Meldungen ist ja:

Sie erinnern einen daran, dass nicht nur Deutschland gelegentlich merkwürdig funktioniert.

Andere Länder schaffen das ebenfalls.

Nur meist etwas eleganter.

Oder wenigstens mit besserem Wetter.

Die große Stuhlsuche der Republik

Mein persönlicher Favorit des Monats kam allerdings zum Schluss.

Ganze Städte beschäftigten sich mit verschwundenen Stühlen aus einer Veranstaltungshalle.

Stühle.

Ein Land mit Raketenprogrammen, KI-Offensiven, geopolitischen Konflikten und Billionenschulden sucht Stühle.

Und plötzlich wurde daraus eine Nachricht.

Eine echte Nachricht.

Mit Ermittlungen.

Mit Suchaktionen.

Mit Diskussionen.

Mit Presseberichten.

„Deutschland schafft es nicht mehr, Stühle zu finden, will aber die Welt retten“, sagte ich.

Klaus stellte wortlos ein Kölsch vor mich.

Das war seine Art zu sagen:

Du hast recht, aber bitte hör auf.

Ich stellte mir vor, wie irgendwo ein Untersuchungsausschuss tagt.

„Wann wurde der Stuhl zuletzt gesehen?“

„Gab es Hinweise auf radikale Sitzgruppen?“

„Ist auszuschließen, dass der Stuhl eigenständig den Raum verlassen hat?“

Man lacht.

Und dann merkt man, dass die Wirklichkeit inzwischen oft nur zwei Zentimeter neben der Satire steht.

Vielleicht ist das das eigentliche Fazit dieses Monats.

Nicht die einzelnen Meldungen.

Nicht die Armlehne.

Nicht Yoda.

Nicht die Stühle.

Sondern die Tatsache, dass man beim Lesen kaum noch erkennt, was Witz und was Nachricht ist.

Und genau dort wird es interessant.

Denn wenn Satire und Realität miteinander verwechselt werden können, dann liegt das nicht daran, dass die Satire verrückter geworden ist.

Sondern daran, dass die Realität aufgeholt hat.

Die große Verbotsrepublik und die letzte freie Tomate Deutschlands

Je länger dieser Mai dauerte, desto mehr beschlich mich ein Gedanke.

Vielleicht ist Deutschland gar kein Land mehr.

Vielleicht ist Deutschland inzwischen ein sehr großes Regelwerk mit angeschlossener Bevölkerung.

Früher hatte man den Eindruck, Gesetze und Vorschriften seien dazu da, Probleme zu lösen.

Heute entsteht manchmal der Verdacht, dass Probleme lediglich der Rohstoff für neue Vorschriften geworden sind.

Irgendwo sitzt vermutlich ein Beamter an einem Schreibtisch und denkt:

„Wenn wir dieses Problem tatsächlich lösen würden, womit beschäftigen wir uns dann nächstes Jahr?“

Man muss aufpassen, dass man dabei nicht unfair wird.

Denn natürlich braucht jede Gesellschaft Regeln.

Ohne Regeln endet selbst der schönste Biergarten irgendwann in einer Mischung aus Bürgerkrieg und Polonaise.

Aber zwischen vernünftigen Regeln und deutscher Regelliebe liegt inzwischen ungefähr dieselbe Entfernung wie zwischen Kiel und Neuseeland.

Und die wächst weiter.

Der Mai 2026 war dafür ein wunderbares Beispiel.

Man diskutierte über Kinderlieder.

Man diskutierte über Partylieder.

Man diskutierte über Armlehnen.

Man diskutierte über Yoda.

Man diskutierte über Stühle.

Man diskutierte über alles.

Außer vielleicht darüber, warum die Menschen immer erschöpfter wirken.

Am Stammtisch fiel das auch auf.

Die Leute sind nicht wütend.

Zumindest nicht dauerhaft.

Sie wirken eher müde.

So eine besondere deutsche Müdigkeit.

Die Müdigkeit eines Mannes, der morgens seine Steuererklärung öffnet und dabei dieselbe Stimmung entwickelt wie andere beim Zahnarzt.

Die Müdigkeit einer Familie, die beim Wochenendeinkauf feststellt, dass der Einkaufswagen immer teurer wird und gleichzeitig immer leerer aussieht.

Die Müdigkeit eines Rentners, der inzwischen bei jeder politischen Ankündigung zuerst prüft, ob sie ihn Geld kostet.

Und genau diese Müdigkeit hört man inzwischen an den Stammtischen.

Nicht nur bei Gunnar, bei Rüdiger und nicht nur bei Nikolai.

Bei allen.

Auch bei Menschen, die politisch völlig unterschiedlich denken.

Denn fast alle haben inzwischen denselben Wunsch:

Einfach mal wieder ein bisschen Normalität.

Ein bisschen Alltag.

Ein bisschen Ruhe.

Ein bisschen weniger Belehrung.

Ein bisschen mehr Vertrauen.

„Weißt du, was das Problem ist?“, fragte Klaus irgendwann.

Es war spät geworden.

Die letzten Gäste gingen bereits.

Nur unser Tisch hielt noch durch.

„Welches?“ fragte ich.

„Man hat den Leuten früher gesagt, was sie dürfen.“

„Und heute?“

„Heute erklärt man ihnen den ganzen Tag, was sie besser lassen sollten.“

Da war etwas dran.

Vielleicht sogar mehr als nur etwas.

Denn die große Veränderung der letzten Jahre besteht gar nicht darin, dass plötzlich alles verboten wird.

Das wäre zu einfach.

Die große Veränderung besteht darin, dass ständig irgendjemand erklärt, warum etwas problematisch sein könnte.

Warum etwas kritisch sein könnte.

Warum etwas überprüft werden sollte.

Warum etwas neu bewertet werden müsste.

Und irgendwann entsteht daraus eine Atmosphäre, in der viele Menschen sich nicht mehr fragen:

„Darf ich das?“

Sondern:

„Gibt es Ärger, wenn ich das tue?“

Das ist ein Unterschied.

Ein großer sogar.

Und genau deshalb haben die Debatten um die Bergkirchweih so viele Menschen beschäftigt.

Nicht weil die Republik von „Layla“ abhängt.

Nicht weil Deutschlands Zukunft an „10 nackten Friseusen“ hängt.

Und auch nicht, weil die Menschheit ohne „Skandal im Sperrbezirk“ zusammenbricht.

Natürlich nicht.

Die Leute spüren einfach etwas anderes.

Sie spüren, dass ständig irgendwo jemand auftaucht, der erklärt, warum etwas nicht mehr zeitgemäß ist.

Warum etwas problematisch ist.

Warum etwas überarbeitet werden sollte.

Und irgendwann fragen sich die Menschen:

„Bleibt eigentlich auch irgendetwas einfach mal so, wie es ist?“

Gunnar sah das naturgemäß drastischer.

„Die verbieten alles.“

„Nein“, sagte Rüdiger.

„So einfach ist es nicht.“

„Doch“, sagte Gunnar.

„Nein“, sagte Rüdiger.

„Doch.“

„Nein.“

„Doch.“

„Kinder!“ rief Klaus.

Und plötzlich mussten alle lachen.

Selbst Gunnar.

Selbst Rüdiger.

Weil genau darin vielleicht die eigentliche Wahrheit steckt.

Deutschland ist kein Land voller böser Menschen.

Auch kein Land voller Verrückter.

Und schon gar kein Land voller Feinde.

Deutschland ist ein Land voller Menschen, die ständig versuchen, das Richtige zu tun.

Und dabei manchmal vergessen, dass das Leben nicht ausschließlich aus Richtlinien besteht.

Manchmal muss man Menschen einfach machen lassen.

Manchmal muss man ihnen zutrauen, ein Lied zu hören, ohne gleich die Gesellschaft zu zerstören.

Manchmal muss man ihnen zutrauen, ein Kinderlied zu singen, ohne Gewalt zu verherrlichen.

Manchmal muss man ihnen zutrauen, einen Witz zu verstehen.

Und manchmal muss man ihnen zutrauen, eine eigene Meinung zu haben.

Auch wenn sie einem nicht gefällt.

Vielleicht ist Vertrauen ohnehin der Rohstoff geworden, der diesem Land am meisten fehlt.

Vertrauen zwischen Bürgern und Politik.

Vertrauen zwischen Medien und Publikum.

Vertrauen zwischen Nachbarn.

Vertrauen zwischen Menschen, die unterschiedliche Ansichten haben.

Und Vertrauen darauf, dass die meisten Leute eigentlich ganz vernünftig sind.

Jedenfalls vernünftiger als viele Debatten vermuten lassen.

Als wir schließlich die letzten Gläser leerten, fiel mein Blick auf das Fenster.

Draußen war es längst dunkel.

Die Straßenlaternen spiegelten sich auf dem Asphalt.

Ein paar Leute gingen nach Hause.

Irgendwo bellte ein Hund.

Und plötzlich musste ich an meine Tomatenpflanzen denken.

Ja, schon wieder.

Denn die standen den ganzen Monat über auf dem Balkon und haben einfach ihr Ding gemacht.

Keine Debatten.

Keine Verbotslisten.

Keine Armlehnentage.

Keine Yoda-Sprache.

Keine Stuhlkrisen.

Keine Kulturkämpfe.

Sie standen da.

Sie wuchsen.

Sie machten Tomatensachen.

Und ehrlich gesagt wirkte das auf mich zunehmend wie eine beneidenswerte Lebensphilosophie.

Vielleicht sollten wir alle wieder ein bisschen mehr Tomate sein.

Nicht völlig regungslos.

Nicht gleichgültig.

Aber etwas gelassener.

Etwas entspannter.

Etwas weniger empört.

Und vielleicht auch etwas weniger überzeugt davon, dass jede Kleinigkeit sofort gesellschaftlich bewertet werden muss.

Denn wenn ich aus diesem Mai etwas mitnehme, dann dies:

Ein Land verliert seine Freiheit nicht durch einen einzigen großen Knall.

Es verliert sie durch tausend kleine Erklärungen, warum etwas besser nicht mehr getan werden sollte.

Und manchmal beginnt das eben bei einem Lied auf einem Volksfest.

Oder bei einem Kinderreim.

Oder bei einer Armlehne.

Wer weiß das schon.

Klaus löschte das letzte Licht über dem Tresen.

„Robert“, sagte er.

„Ja?“

„Wird der Juni besser?“

Ich dachte kurz nach.

Dann dachte ich an die Nachrichtenlage.

Dann an die Politik.

Dann an die sozialen Medien.

Dann an die Tomatenpflanzen.

„Klaus“, sagte ich.

„Wenn die Tomaten durchhalten, schaffen wir das auch.“

Er nickte.

„Das ist vermutlich die vernünftigste Analyse des ganzen Monats.“

Nachsitzen beim Köbes

Eigentlich war der Abend vorbei.

Eigentlich.

Denn wie jeder erfahrene Stammtischgast weiß, beginnt die gefährlichste Phase eines Abends immer dann, wenn alle bereits ihre Jacken anhaben.

Dann entstehen die Sätze, die niemals geplant waren.

Dann werden die Fragen gestellt, für die niemand vorbereitet ist.

Dann wird Deutschland noch einmal komplett neu erfunden.

Oder zumindest für zehn Minuten.

Gunnar hatte bereits einen Arm im Ärmel seiner Jacke.

„Wisst ihr eigentlich“, sagte er, „dass wir inzwischen mehr Aktionstage als Jahreszeiten haben?“

„Das stimmt wahrscheinlich sogar“, antwortete Nikolai.

„Tag der Armlehne, Tag des Toastbrotes, Tag des Kaffeefilters, Tag des Einparkens, Tag der Büroklammer.“

„Gibt es wirklich einen Tag der Büroklammer?“ fragte Rüdiger.

„Noch nicht“, sagte Klaus.

„Aber gib der Sache Zeit.“

Alle lachten.

Und plötzlich wurde mir klar, warum ich diesen Stammtisch so mag.

Nicht weil hier immer alle einer Meinung wären.

Das Gegenteil ist der Fall.

Wenn Gunnar und Rüdiger über Politik diskutieren, haben manche Gläser mehr Gemeinsamkeiten als die beiden.

Und wenn Nikolai beginnt, volkswirtschaftliche Rechnungen auf Bierdeckel zu schreiben, bekommt selbst die Zapfanlage leichte Nervosität.

Aber hier passiert etwas, das draußen immer seltener wird.

Menschen widersprechen sich.

Und reden trotzdem weiter.

Sie lachen über dieselben Witze.

Auch wenn sie über dieselben Probleme unterschiedlich denken.

Vielleicht ist das die eigentliche Stärke eines Stammtisches.

Nicht dass alle dieselbe Meinung haben.

Sondern dass niemand sofort den Raum verlässt.

Während draußen immer neue Verbote, Debatten, Empörungen und Schlagzeilen produziert werden, sitzen hier vier Leute und ein Köbes und machen etwas völlig Verrücktes:

Sie hören einander zu.

Manchmal jedenfalls.

Nicht immer.

Aber öfter als im Internet.

Und vielleicht ist genau das die kleine Hoffnung, die man aus diesem Mai mitnehmen kann.

Dass ein Land nicht an Liedern scheitert.

Nicht an Armlehnen.

Nicht an Yoda.

Nicht einmal an verschwundenen Stühlen.

Sondern erst dann, wenn die Menschen aufhören miteinander zu reden.

Klaus schloss die Tür ab.

Draußen wehte ein leichter Wind.

Zu Hause angekommen sah ich noch einmal nach meinen Tomatenpflanzen.

Sie standen da wie immer.

Still.

Geduldig.

Unbeeindruckt von Nachrichten.

Unbeeindruckt von Verbotslisten.

Unbeeindruckt von Aktionstagen.

Vielleicht sind Tomaten tatsächlich die letzten großen Liberalen dieses Landes.

Sie wachsen einfach.

Ohne Pressemitteilung.

Ohne Förderprogramm.

Und ohne Arbeitskreis.

Eigentlich beneidenswert.

Das alles wollte ich heute hier loswerden. Dann sag ich mal Tschö mit drei Ö!


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Autor

  • Porträt von Robert R. Manor, Kolumnist beim Stammtisch der Vernunft

    Robert R. Manor, der Chronist vom Stammtisch der Vernunft, ist kein Experte – und genau das ist seine Stärke. Geprägt vom rheinischen Industriegebiet und vielen Jahren im öffentlichen Dienst, beobachtet er Politik, Gesellschaft und Alltag mit Humor, Selbstironie und feinem Gespür für Schieflagen.

    Sein monatlicher „Monatsrückblick“ ist ein literarischer Seismograph der Gegenwart – für alle, die noch zuhören können, wenn andere schreien.

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