Von Robert R. Manor
Deutschland im Hitzeschlaf und Berlin schwitzt nur beim Nachdenken
Und wieder ist der Monat Juli dahingegangen, wie Jens Spahn nach einer Kinderadoption: eben noch großes Getöse, Blitzlicht, ernste Gesichter, moralische Begleitmusik und dann war plötzlich keiner mehr zuständig. Wobei man bei Jens Spahn ja vorsichtig sein muss. Sobald sein Name fällt, tauchen irgendwo Anwälte und Maskenkartons auf, ein Ministerium bekommt nervöse Zuckungen und in irgendeinem Keller beginnt ein Aktenordner von selbst zu rascheln.
War das wieder ein Lärm um diesen Mann. Dabei muss man doch einmal ganz nüchtern fragen dürfen, wie viele Milliarden ein Politiker eigentlich in den Sand setzen muss, bevor aus einem „schwierigen Beschaffungsvorgang“ endlich das wird, was der normale Bürger seit Jahrhunderten eine verdammt teure Fehlentscheidung nennt. Beim kleinen Mann heißt es Fehlkauf, beim Minister heißt es Krisenmanagement. Der kleine Mann bringt den kaputten Toaster zurück, der Minister lässt die Ware nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums vernichten und erklärt anschließend, man habe unter hohem Zeitdruck verantwortungsvoll gehandelt.
Verantwortung ist überhaupt ein wunderschönes Wort. Es klingt nach Haltung, hat aber in Berlin oft dieselbe Funktion wie Petersilie auf einem Schnitzel: sieht ordentlich aus, wird aber selten gegessen.
Nun gut. Ich wollte mich im Juli eigentlich weniger aufregen. Der Arzt hatte gesagt, ich müsse auf meinen Schlaf achten. Seit Jahren schlafe ich schlecht. Natürlich könnte man behaupten, das liege an den Nachrichten, an nächtlichen Talkshows oder an Politikern, die morgens Dinge versprechen, welche bereits mittags dementiert und am Abend als Missverständnis erklärt werden. Aber das wäre zu einfach. Außerdem schlafen meine Tomatenpflanzen auf dem Balkon hervorragend, und die hören dieselben Nachrichten durch die offene Balkontür.
Nach neun Monaten Wartezeit bekam ich endlich einen Termin im Schlaflabor. Neun Monate! In dieser Zeit entstehen normalerweise Menschen. Bei mir entstand lediglich ein Brief mit dem Satz: „Bitte bringen Sie bequeme Nachtwäsche mit.“ Den Termin hätte ich beinahe verschlafen, was die Untersuchung vermutlich überflüssig gemacht hätte, aber so viel Eigeninitiative wird im Gesundheitswesen nicht gern gesehen.
Drei Nächte Schlaf auf Kosten der Krankenkasse. Das klang zunächst angenehm. Eine Art Wellnessurlaub, nur ohne Wellness, ohne Urlaub und mit einer Kamera über dem Bett.
Kurz nach meiner Ankunft wurde ich verkabelt. Nicht ein bisschen verkabelt – sondern vollständig! Mir klebte man Pads an Stellen, von denen ich bis dahin nicht einmal wusste, dass sie medizinisch erschlossen sind. Stirn, Brust, Kinn, Beine, hinter den Ohren. Ich sah aus wie ein Sicherungskasten, an dem fünf Elektriker gleichzeitig den Glauben verloren hatten.
Dann kam die Maske. Mitten ins Gesicht, dicker Schlauch daran. Ich sah aus wie ein Kampfpilot, der wegen Rückenproblemen nur noch den Simulator fliegen darf.
„Nun legen Sie sich bitte ganz entspannt hin“, sagte die Schwester.
Entspannt?! Aber natürlich. Ich lag in einem fremden Raum, verkabelt wie eine Modelleisenbahn, eine Kamera beobachtete mich, ein Schlauch hing an meinem Gesicht und im Nebenraum warteten Menschen darauf, dass meine Augen zucken. Das kennt man sonst nur aus Untersuchungsausschüssen.
Das Umdrehen im Bett war ein Akt aus Dantes göttlicher Komödie. Sobald ich mich nach links bewegte, zog der Schlauch nach rechts, drei Kabel wickelten sich um meinen Arm, ein Klebepad löste sich und irgendwo begann ein Gerät zu piepen, wie ein Kartenautomat. Ich war nicht im Schlaflabor, ich war die Hauptfigur in einem medizinischen Marionettentheater.
„Versuchen Sie bitte zu schlafen“, kam es aus dem Lautsprecher.
„Ich versuche es.“
„Denken Sie nicht so viel darüber nach.“
Ab diesem Moment dachte ich ausschließlich darüber nach!
Gegen Mitternacht kam die Nachtschwester herein und fragte, ob ich eine Einschlafhilfe brauche.
„Haben Sie etwas gegen politische Nachrichten?“
„Dafür ist unsere Apotheke nicht ausgestattet.“
Um mich abzulenken, erzählte sie mir aus anderen Schlaflaboren. In Hannover habe ein Mann acht Stunden tief und fest geschlafen, geschnarcht, gesprochen und sich mehrfach umgedreht, am Morgen aber behauptet, er habe kein Auge zugemacht. Die Ärzte nannten das eine sensationell ausgeprägte Ehepartner-Wahrnehmung.
In München habe ein Schnarcher 97 Dezibel erreicht. Drei Patienten seien aufgestanden, weil sie dachten, die Müllabfuhr komme, und einer habe vorsorglich die gelbe Tonne vor die Tür gestellt.
In Köln habe ein Patient versichert, keinen Kaffee getrunken zu haben. Später fand man acht Espressobecher im Handschuhfach, zwei Energydrinks unter dem Sitz und vermutlich eine Kaffeebohne im Blutbild. Die Messung wurde auf 2031 verschoben.
In Leipzig habe ein Mann im Traum seine Steuererklärung erledigt. Beim Aufwachen war lediglich das Kopfkissen unterschrieben, das Finanzamt verlangte dennoch eine beglaubigte Kopie.
Und in Berlin sei der diensthabende Techniker während der Nacht selbst eingeschlafen. Die Auswertung ergab: Patient und Techniker hatten ausgezeichnete Schlafwerte. Nur die Zuständigkeit war am Morgen weiterhin ungeklärt.
„Sehen Sie“, sagte die Schwester, „es könnte schlimmer sein.“
Das ist vermutlich der wichtigste medizinische Satz in Deutschland. Damit lassen sich Rückenschmerzen, Wartezeiten, Krankenhausessen und ganze Legislaturperioden behandeln.
Irgendwann schlief ich tatsächlich ein. Oder ich verlor das Bewusstsein. Der Unterschied war mir am nächsten Morgen egal.
Vom Tinnitus im Wasserhahn zum Stammtisch der Vernunft
Am nächsten Morgen ging ich duschen, um diese Klebepaste aus den Haaren und die Gummirückstände vom Körper zu bekommen. Ich sah aus, als hätte mich nachts ein schlecht gelaunter Tapezierer bearbeitet. Überall klebte noch irgendetwas, zog, spannte oder erinnerte mich daran, dass medizinischer Fortschritt offenbar immer ein bisschen nach Bastelgruppe riecht.
Beim Abtrocknen stieß ich mir den Ellenbogen, genau diesen verfluchten Musikantenknochen, am Wasserhahn. Der Schmerz schoss mir bis in die Großhirnrinde, und im selben Moment hörte ich einen hohen, schrillen Piepton.
„Nun nicht auch noch Tinnitus“, dachte ich. Schlafstörungen, Kabelabdrücke, Kleber im Haar – mein Körper stellte offenbar gerade eine Koalition der Beschwerden zusammen.
Voller Panik rief ich nach der Schwester.
„Ich höre einen Ton! Ganz hoch!“
Sie kam ins Bad, blieb in der Tür stehen, lauschte kurz und sagte trocken:
„Da habe ich wohl auch Tinnitus, Herr Manor.“
Dann ging sie an mir vorbei und drehte den Wasserhahn vollständig zu, den ich beim Stoß offenbar leicht geöffnet hatte.
Der Ton war weg.
Da stand ich nun, pudelnass, nur mit einem Handtuch bekleidet, Kleber im Haar und mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der gerade erfahren hat, dass seine seltene neurologische Erkrankung warmes Wasser war.
„Kommt häufiger vor“, sagte die Schwester.
„Was genau?“
„Dass Patienten sich selbst diagnostizieren.“
„Und der Wasserhahn?“
„Der auch.“
Nach der dritten Nacht verließ ich das Schlaflabor erschöpfter, als ich hineingegangen war. Drei Nächte in einer Einrichtung, die ausschließlich dem Schlaf dient, und ich sah aus, als hätte ich persönlich den Berliner Flughafen eröffnet.
Am Abend schleppte ich mich zur Gaststätte „Zur frohen Zukunft“. Gunnar, Nikolai und Rüdiger saßen bereits an unserem Stammtisch. Klaus stand hinter dem Tresen und polierte ein Kölschglas mit jener Ruhe, die nur Menschen besitzen, die seit Jahren politische Diskussionen ausschenken, ohne selbst daran zu erkranken.
Gunnar sah mich an und sagte:
„Robert, du siehst aus wie die deutsche Wirtschaft nach einer Regierungserklärung.“
Nikolai hob den Finger.
„Die deutsche Wirtschaft hat wenigstens noch Restsubstanz.“
Rüdiger rückte einen Stuhl zurecht.
„Setz dich erst einmal. Wir finden eine pragmatische Lösung.“
Klaus stellte mir ein Kölsch hin.
„Hier. Flüssige Schlafmedizin. Ohne Rezept, aber mit Nebenwirkungen.“
Ich nahm einen tiefen Schluck und erzählte ihnen alles: die Maske, die Kabel, die Kamera, den Lautsprecher, die schnarchenden Rekordhalter und natürlich meinen Wasserhahn-Tinnitus.
Gunnar lachte so laut, dass Klaus kurz zur Tür schaute.
„97 Dezibel“, sagte er. „München wäre stolz auf dich.“
„Ich schnarche nicht“, sagte Gunnar.
Nikolai legte den Kopf schief.
„Du redest schon wach so laut, da kann dein Körper nachts wahrscheinlich endlich Energie sparen.“
„Typisch FDP“, knurrte Gunnar. „Selbst beim Schnarchen rechnet ihr die Effizienz aus.“
„Natürlich“, sagte Nikolai. „Wenn man schon Atemluft verbraucht, sollte wenigstens ein Geschäftsmodell dahinterstehen.“
Rüdiger hob beschwichtigend die Hand.
„Nun lasst Robert erst einmal ankommen.“
„Ich bin angekommen“, sagte ich. „Mein Schlaf vermutlich nicht.“
Klaus stellte eine Schale Erdnüsse auf den Tisch.
„Dann reden wir besser über Berlin. Danach schläfst du aus Erschöpfung.“
Ich zog meinen zerknitterten Zettel mit den Meldungen des Monats aus der Jackentasche.
„Was war das wieder für ein Juli“, sagte ich. „Meldungen, die kein Satiriker besser hätte erfinden können.“
Gunnar grinste.
„Aus dem Paulanergarten?“
„Nein“, sagte ich. „Aus Berlin. Das ist viel teurer.“
Meldungen, die kein Satiriker besser hätte erfinden können
Ich faltete den Zettel auseinander. Allein das Geräusch reichte, damit Gunnar sich zurücklehnte, Nikolai den Taschenrechner beiseitelegte und selbst Klaus kurz mit dem Gläserpolieren aufhörte.
„Meine Herren“, sagte ich, „herzlich willkommen zum Berliner Sommertheater. Eintritt frei. Bezahlt haben wir trotzdem alle.“
„Fang an“, sagte Gunnar. „Ich bin seelisch vorbereitet.“
„Das bist du nicht“, antwortete ich. „Das ist niemand.“
Ich räusperte mich.
Erste Meldung: Das Ministerium für vertagte Entscheidungen hat nach monatelanger Beratung beschlossen, eine Arbeitsgruppe einzusetzen. Diese Arbeitsgruppe soll prüfen, ob eine Kommission gegründet werden sollte, die anschließend bewertet, ob überhaupt eine Entscheidung getroffen werden muss. Als großer Erfolg wurde gefeiert, dass sich alle Beteiligten auf den Termin der nächsten Besprechung einigen konnten.
Am Stammtisch herrschte zwei Sekunden Schweigen.
„Das ist Satire“, sagte Rüdiger.
„Leider nein.“
„Dann ist Satire arbeitslos“, murmelte Klaus und schob mir wortlos das nächste Kölsch hin.
Ich las weiter.
Nächste Meldung: Die Bundesregierung präsentierte ihren neuen Plan zum Bürokratieabbau. Das Konzept umfasst 1.486 Seiten und musste zunächst zwölf Genehmigungsstellen, drei Datenschutzprüfungen und zwei Formblätter durchlaufen. Der Antrag auf Vereinfachung befindet sich derzeit in Bearbeitung.
Nikolai schüttelte den Kopf.
„Das erinnert mich an einen Schreiner, der erst einen Schrank baut, um darin den Zollstock aufzubewahren.“
„Oder an einen Frisör“, ergänzte Gunnar, „der für den Haarschnitt erst einen Termin zur Terminvereinbarung vergibt.“
Rüdiger hob beschwichtigend die Hände.
„Verwaltung braucht nun einmal Regeln.“
„Ja“, sagte Gunnar, „aber irgendwann verwalten die Regeln nur noch sich selbst.“
Klaus nickte trocken.
„Bei uns nennt man das Leergutlager.“
Ich grinste und fuhr fort.
Noch eine Meldung: Im Regierungsviertel blieb ein Aufzug mit mehreren Spitzenbeamten stecken. Vier Stunden lang konnte niemand sagen, wer den Notruf drücken durfte. Schließlich wurde eine interministerielle Zuständigkeitskonferenz einberufen. Der Aufzug fuhr inzwischen von allein weiter.
„Das Schönste daran“, sagte Nikolai, „ist der Aufzug. Der hat Eigeninitiative gezeigt. Damit ist er für den öffentlichen Dienst wahrscheinlich überqualifiziert.“
Selbst Rüdiger musste lachen.
„Vielleicht hatte der Aufzug einfach genug.“
„Den hatte ich schon beim Einsteigen“, sagte Gunnar.
Ich blätterte weiter.
Die letzte Meldung: Während einer Veranstaltung zur Digitalisierung fiel das WLAN aus. Die Präsentation über die Verwaltung der Zukunft wurde daraufhin vorsorglich per Fax an alle Teilnehmer verschickt. Ein Sprecher erklärte zufrieden: „Unsere Redundanzstrategie hat hervorragend funktioniert.“
Klaus legte das Glas ab.
„Ich habe neulich tatsächlich wieder ein Fax gesehen.“
„Wo?“
„Im Museum.“
„Nein.“
„Stimmt“, sagte Klaus. „Beim Amt.“
Der ganze Tisch brach in Gelächter aus.
Ich lehnte mich zurück.
„Wisst ihr, was mich inzwischen wirklich beschäftigt?“
„Was denn?“, fragte Rüdiger.
„Früher musste ein Satiriker übertreiben. Heute reicht es fast, die Meldungen laut vorzulesen. Die Pointe schreibt inzwischen oft der Alltag selbst.“
Gunnar hob sein Glas.
„Auf Deutschland – das einzige Land, in dem man manchmal nicht mehr weiß, ob man Nachrichten liest oder den Karnevalskalender.“
„Moment“, sagte Klaus mit seinem trockenen Lächeln. „Beim Karneval wird wenigstens pünktlich angefangen.“
So, das alles wollte ich jetzt und hier loswerden. Nun sage ich mal bis denne und Tschö mit drei Ö!


























