Deutschland modernisiert sich jetzt im Schloss und der Zirkus verlangt keinen Eintritt mehr
Von Robert R. Manor
August 2026: Ein Monat mit einem an der Waffel
War das wieder ein Monat, dieser August 2026. Die Tage sind dahin geschmolzen wie ein Softeis in der Waffel in der Kölner Innenstadt, nur dass man beim Softeis wenigstens weiß, warum es einem zwischen den Fingern davonläuft. Beim August wusste ich das irgendwann nicht mehr. Eben war noch Monatsanfang, dann einmal kurz geblinzelt, zweimal Nachrichten geguckt, dreimal meine Tomatenpflanzen auf dem Balkon gefragt, ob sie eigentlich noch an mich glauben und plötzlich war Ende August. Wobei meine Tomaten inzwischen einen wesentlich stabileren Eindruck machen als manches politische Vorhaben aus Berlin. Die eine hängt zwar etwas schief, aber sie nennt das wenigstens nicht Strukturreform.
Letzte Woche durfte ich auch meine erste knallrote Tomate auf dem Balkon ernten, aus der ich mir natürlich einen leckeren Tomatensalat machte. Fein, klein – aber oho!!!
Und ja, wenn ich nach Berlin schaue, auf die Leute im Hohen Haus und jene umliegenden Gebäude, in denen hauptberuflich darüber nachgedacht wird, wie man dem Bürger das Leben vereinfachen kann, indem man zunächst ein zusätzliches Formular entwickelt, bekommt die Redewendung „einen an der Waffel haben“ plötzlich eine Tiefe, für die früher wahrscheinlich ein Philosophiestudium notwendig gewesen wäre. Ich meine damit noch nicht einmal diesen herrlichen Augustmoment, als öffentlich über ein Papier diskutiert wurde, in dem eine Zuckerabgabe auch für Getränke mit Süßstoffen auftauchte. Zuckersteuer auf zuckerfreie Getränke. Da musst du erst einmal hinkommen. Das ist geistig ungefähr dieselbe Liga wie eine Hundesteuer für Goldfische, eine Kurtaxe für Bettlägerige oder ein Eintrittsgeld für Leute, die vor verschlossener Tür stehen.
Aber dazu später. Immer schön der Reihe nach. Sonst kriegt Nikolai wieder Schnappatmung und fängt an, den Monatsrückblick mit Chat-gpt zu sortieren.
Leute, ich muss euch nämlich vorher etwas erzählen. Wir vier Stammbrüder aus Leidenschaft, also Gunnar, Nikolai, Rüdiger und ich, waren vor ein paar Tagen im Zirkus. Ja. Im Zirkus. Freiwillig. Wir wollten uns damit ein bisschen an unsere Kindheit erinnern, an diese wunderbaren Abende, an denen man als kleiner Junge in einem viel zu großen Zelt saß, der Geruch von Sägespänen, Popcorn und Tieren in der Luft hing und man nicht wusste, ob gleich ein Löwe durch einen brennenden Reifen springt oder der Mann drei Reihen vor einem beim Aufstehen seinen Mantel in die Zuckerwatte hängt.
Ich erinnere mich noch an Pferde, Ponys, Zebras, klatschende Seelöwen, manchmal sogar Eisbären, an Artisten, bei denen meine Mutter jedes Mal sagte: „Robert, guck da nicht hin, wenn der runter fällt“, was natürlich dazu führte, dass ich anschließend ausschließlich noch auf den Artisten starrte. Und dann waren da die Clowns. Mit denen konnte ich als Kind schon nicht viel anfangen. Ich verstand einfach nicht, warum ein erwachsener Mann mit roter Nase, viel zu großen Schuhen und einer Blume am Revers absichtlich gegen eine Tür läuft und anschließend Applaus bekommt.
Heute verstehe ich das besser.
Man wird eben älter.
Man schaut Nachrichten.
Man lernt Zusammenhänge.
Was soll ich sagen: Wir saßen also in diesem Zirkus und die seltsamen Clowns waren tatsächlich noch da. Dann hörte es mit meinen Kindheitserinnerungen allerdings weitgehend auf. Keine Löwen, keine Eisbären, keine tanzenden Bären, keine Seehunde, die mit einem Ball auf der Nase ihre Sozialversicherungspflicht ignorieren. Gunnar blickte ungefähr zehn Minuten in die Manege, beugte sich zu mir rüber und flüsterte: „Robert, für so weniger Programm hätte ich auch Bundestag auf N-TV gucken können oder „Die Verräter“ auf RTL.“
Rüdiger verdrehte die Augen. „Kannst du nicht einmal irgendwo hingehen ohne Politik daraus zu machen?“
„Ich mach doch gar keine Politik daraus“, sagte Gunnar. „Ich sage nur, hier sind Clowns, da sind Clowns. Hier kostet die Karte 38 Euro.“
Nikolai hob sofort den Kopf.
„Achtunddreißig?“
Da war er wieder. Unser Nikolai. Du kannst mit dem Mann über Liebe, Tod, Religion oder die Endlichkeit des Universums sprechen, aber wenn irgendwo eine Zahl fällt, setzt bei ihm die innere Buchhaltung ein.
„Vier Karten“, murmelte er, „plus Getränke, Parken, Popcorn… wenn wir das steuerlich als kulturelle Recherche für den Stammtisch ansetzen…“
„Nikolai“, sagte ich, „du setzt gar nichts ab.“
„Ich prüfe nur.“
Das ist bei ihm ein Satz wie bei anderen Leuten „Guten Morgen“.
Nach der Vorstellung landeten wir natürlich in unserer Stammkneipe „Zur frohen Zukunft“, wo Klaus bereits hinter dem Tresen stand und uns mit jenem Gesicht begrüßte, das ein Köbes entwickelt, wenn er seit Jahrzehnten Menschen dabei beobachtet, wie sie erst Alkohol bestellen und anschließend erklären, warum das Land falsch regiert wird.
„Na“, fragte Klaus, „wie war der Zirkus?“
Gunnar zog seine Jacke aus.
„Ganz nett. Aber für politische Satire mittlerweile zu wenig realistisch.“
Klaus stellte fünf Gläser hin. Eins für jeden.
„Wieso fünf?“, fragte ich.
„Eins für Berlin“, sagte Klaus. „Die hatten im August schließlich auch Vorstellung.“
Und damit waren wir beim eigentlichen Thema.
Berlin fährt aufs Schloss, um moderner zu werden
Denn während normale Menschen, die etwas modernisieren wollen, vielleicht einen Elektriker rufen, eine neue Software installieren oder endlich den Drucker aus dem Jahr 2004 entsorgen, fuhr die Bundesregierung am 25. und 26. August erst einmal aufs Schloss. Schloss Neuhardenberg. Zwei Tage Kabinettsklausur. Staatsmodernisierung, Bürokratieabbau, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Wettbewerbsfähigkeit. Das volle Programm. Deutschland sollte schneller werden, und dafür fuhr man zunächst gemeinsam an einen Ort, dessen Geschichte bis ins Preußen des frühen 19. Jahrhunderts reicht.
Ich liebe dieses Land.
Du kannst dir solche Sachen gar nicht ausdenken, ohne dass mein Verleger Sören sagt: „Robert, mach es etwas glaubwürdiger.“
Gunnar nahm einen Schluck.
„Digitalisierung im Schloss. Wenn se die Faxgeräte noch mit Pferdekutschen hingebracht haben, ist die Sache rund.“
„Das Schloss ist ein Tagungsort“, sagte Rüdiger. „Man kann auch alles lächerlich machen.“
„Natürlich“, sagte Gunnar. „Aber bei manchen Sachen wäre es unhöflich, es nicht zu tun.“
Nikolai hatte inzwischen sein Handy draußen und las das Programm.
„KI, Start-ups, Wettbewerbsfähigkeit, digitale Verwaltung… grundsätzlich sind das doch vernünftige Themen.“
„Hab ich auch gar nichts gegen“, sagte ich. „Mich fasziniert nur die Kulisse. Wir modernisieren Deutschland im Schloss. Das ist wie ein Weight-Watchers-Treffen im Schnitzelhaus. Kann funktionieren. Die Symbolik arbeitet nur dagegen.“
Und dann kam der Moment, an dem Klaus wortlos die Augenbraue hob.
Denn auf dem Programm stand auch eine Drohnenvorführung.
Eine Abfangdrohne.
Auf der Kabinettsklausur zur Modernisierung.
Im Schloss.
Nikolai legte langsam sein Handy auf den Tisch.
„Vielleicht“, sagte er, „bringt die Drohne anschließend die Bauanträge persönlich zum Amt. Das wäre tatsächlich Innovation.“
Für einen Augenblick war es still.
Dann stellte Klaus die Flasche auf den Tisch.
„Jungs“, sagte er, „ich glaube, der August wird länger als gedacht.“
Frühstartrente – wenn der Ernst des Lebens jetzt schon vor der Einschulung beginnt
Wir hatten uns von der Drohne noch gar nicht richtig erholt, da sagte Nikolai plötzlich: „Übrigens, habt ihr das mit der Frühstartrente gesehen?“
Gunnar sah ihn an.
„Mit der was?“
„Frühstartrente.“
„Ist das, wenn Politiker nach einer Legislaturperiode merken, dass sie genug haben?“
„Nein.“
„Schade.“
Ich musste lachen. Rüdiger nicht. Rüdiger lacht bei Gunnar meistens erst fünf Sekunden später, wenn er sich vergewissert hat, dass dabei kein Parteiausschlussverfahren notwendig wird.
Die Sache ist tatsächlich ernst gemeint. Kinder sollen künftig schon früh Geld für ihre Altersvorsorge ansparen, unterstützt vom Staat. Zehn Euro im Monat, vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr, hinein in ein kapitalgedecktes Depot. Ich saß da, nahm einen Schluck und dachte an meine eigene Kindheit. Mit sechs Jahren bestand meine Altersvorsorge aus einer Blechdose, in der drei Mark achtzig, zwei Murmeln und ein Bonbon lagen, das vermutlich schon damals nicht mehr verkehrsfähig war.
Heute bekommt der Nachwuchs ein Depot.
Mit sechs.
Das muss man sich mal vorstellen. Das Kind verliert morgens den Turnbeutel, kann sich mittags nicht erinnern, wo es seine Jacke hingelegt hat, und am Nachmittag erklärt Papa ihm die langfristige Renditeerwartung eines breit gestreuten Aktienportfolios.
„Lennart, du darfst die Knete nicht essen. Und jetzt schauen wir uns den MSCI World an.“
Gunnar schüttelte den Kopf.
„Früher bekamste zur Einschulung ’nen Tornister. Heute kriegste einen ETF und Angst vor 2078.“
„Das Prinzip ist nicht völlig falsch“, sagte Nikolai. „Je früher du anfängst, desto stärker wirkt der Zinseszinseffekt.“
Da war es wieder, dieses Leuchten in seinen Augen. Zinseszins. Nikolais erotische Literatur.
„Rechne mal“, sagte ich.
Das war ein Fehler.
Nikolai nahm eine Serviette, zog einen Kugelschreiber aus der Jackentasche und fing an. Dieser Mann trägt einen Kugelschreiber nicht zum Schreiben bei sich. Er trägt ihn wie andere Leute ein Taschenmesser. Für Notfälle.
„Zehn Euro monatlich, zwölf Jahre, Rendite angenommen…“
Klaus stellte ein Bier ab.
„Jung, bevor du fertig bist, ist das Kind 67.“
Rüdiger hob beschwichtigend die Hand. „Der Grundgedanke ist doch, dass man Finanzbildung und Vorsorge früher etabliert.“
„Rüdiger“, sagte Gunnar, „die Kinder lernen heute mit sechs, fürs Alter vorzusorgen, und mit 45 erfahren sie dann wahrscheinlich, dass sie bis 74 arbeiten müssen. Das nenne ich mal frühkindliche Vorbereitung auf Enttäuschungen.“
Man kann über die Idee denken, was man will. Kapitalgedeckte Vorsorge ist nicht automatisch Unsinn. Im Gegenteil, dass Menschen Vermögen aufbauen und nicht allein darauf hoffen sollen, dass eine alternde Gesellschaft irgendwann genügend Beitragszahler aus dem Hut zaubert, ist nun wirklich kein verrückter Gedanke. Verrückt ist eher, dass wir inzwischen an einem Punkt angekommen sind, an dem ein Erstklässler womöglich längerfristiger planen soll als manche Bundesregierung.
Das Kind hat Milchzähne, aber schon einen Anlagehorizont.
Die Bundesrepublik schafft Dinge, darauf musst du erst mal kommen.
Ich sehe schon die Elternabende der Zukunft vor mir.
„Frau Müller, Ihr Sohn macht Fortschritte beim Lesen, hat aber deutliche Schwächen bei der Portfoliodiversifikation.“
„Und Mathematik?“
„Schwierig.“
„Oh.“
„Er kann noch nicht bis hundert rechnen.“
„Aber?“
„Er versteht Volatilität.“
Gunnar klopfte auf den Tisch.
„Robert, das ist Deutschland 2026. Der Junge kann seine Schuhe nicht binden, aber weiß schon, dass seine gesetzliche Rente nicht reicht.“
Klaus sagte trocken: „Dann braucht er wenigstens keine Schuhe. Spart Geld.“
Das war der Moment, an dem ich Klaus wieder einmal ansah und dachte: Dieser Mann spricht in einer Woche weniger Sätze als ein Regierungssprecher an einem Vormittag, aber vermutlich bleiben davon mehr hängen.
Und während Nikolai noch ausrechnete, was aus zehn Euro monatlich nach sechzig Jahren bei unterschiedlichen Renditen werden könnte, wechselte Rüdiger das Thema.
„Habt ihr eigentlich die Diskussion über Hitzeschutz und Mietrecht mitbekommen?“
Ich sah ihn an.
„Rüdiger, ich möchte dich bitten, solche Sätze nicht so plötzlich zu sagen.“
„Warum?“
„Weil ich gerade trinke.“
Wenn es in der Wohnung heiß wird, schaut Berlin erst einmal ins Gesetzbuch
Sommer in Deutschland. Dreißig Grad draußen, unterm Dach noch ein paar mehr, das Schlafzimmer entwickelt langsam Saunacharakter, der Ventilator dreht sich mit der Begeisterung eines Beamten am Freitag um Viertel vor eins, und irgendwo sitzt ein Mensch auf seinem Sofa, klebt am Kunstleder fest und denkt: Meine Güte, ist das heiß.
Ein normaler Mensch öffnet dann das Fenster.
Berlin öffnet das Mietrecht.
Bei der Regierungspressekonferenz am 19. August ging es tatsächlich um mögliche Änderungen des Mietrechts für besseren Hitzeschutz, parallel zur politischen Diskussion über Klimaanpassung und die Frage, ob eine entsprechende Gemeinschaftsaufgabe im Grundgesetz verankert werden sollte. Nicht beschlossen, wohlgemerkt. Diskutiert. Aber allein die Kombination aus 31 Grad Dachgeschoss und deutschem Mietrecht besitzt einen Charme, den andere Länder einfach nicht hinkriegen.
„Vielleicht“, sagte Rüdiger, „kann man die Hitze einfach wegen Eigenbedarfs kündigen.“
Wir schauten ihn an.
Rüdiger grinste.
„Was denn? Ich kann auch.“
Kann er. Selten, aber dann sitzt das Ding.
Gunnar nahm den Faden auf. „Oder wir führen eine Mietpreisbremse für Temperaturen ein. Alles über 28 Grad darf nur noch zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichshitze liegen.“
Nikolai legte seinen Stift weg. „Bitte gib denen keine Ideen.“
„Zu spät“, sagte Klaus.
Natürlich ist Hitzeschutz ein reales Problem, gerade für ältere Menschen, Kranke, kleine Kinder und Bewohner schlecht gedämmter Dachwohnungen. Das ist gar nicht der Punkt. Der Punkt ist diese deutsche Fähigkeit, jedes Problem so lange durch die Verwaltungsmaschine zu drehen, bis es aussieht, als müsste demnächst die Sonne eine Genehmigung beim Bauamt beantragen.
Ich stelle mir das Gespräch schon vor.
„Guten Tag, ich möchte meine Wohnung gegen Hitze schützen.“
„Haben Sie Formular H-27b?“
„Nein.“
„Dann brauchen Sie zunächst den Nachweis über die bestehende Wärmebelastung.“
„Es sind 34 Grad in meinem Schlafzimmer.“
„Das ist nur eine persönliche Wahrnehmung.“
„Meine Katze liegt bewusstlos im Kühlschrank.“
„Haben Sie das dokumentiert?“
„Die Katze?“
„Den Kühlschrank.“
Und bevor jetzt einer meint, ich mache mich über Hitzetote lustig: Nein. Genau deshalb ärgert mich dieser Reflex ja. Weil hinter vielen dieser Themen echte Probleme stehen, die Menschen wirklich betreffen. Nur hat unser politischer Apparat eine beinahe poetische Begabung dafür entwickelt, selbst vernünftige Anliegen so zu behandeln, dass am Ende drei Zuständigkeiten, zwei Förderprogramme, vier Arbeitsgruppen und ein PDF mit 86 Seiten entstehen, während Oma Erna im Dachgeschoss immer noch vor dem Ventilator sitzt und sagt: „Hauptsache, die haben das jetzt im Grundgesetz.“
Gunnar zeigte auf mich.
„Da! Genau das.“
„Was?“
„Du wirst schon wieder nachdenklich.“
„Ich bin immer nachdenklich.“
„Nee. Normalerweise meckerst du.“
„Das eine schließt das andere nicht aus.“
Klaus kam mit sechs kleinen Gläsern zurück.
„Warum sechs?“, fragte Nikolai.
„Frühstartvorsorge“, sagte Klaus. „Damit ihr fürs Alter schon mal was zurücklegt.“
Wir tranken.
Gunnar verzog das Gesicht.
„Der ist aber stark.“
Klaus zuckte mit den Schultern.
„Zinseszins.“
Draußen war es noch warm. Drinnen wurde es langsam sehr lustig. Und wir hatten zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal über die halb gefüllten Gasspeicher gesprochen.
Da wusste ich: Der Abend hatte gerade erst angefangen.
Halb voll, halb leer und vollständig beruhigt
Dann kamen wir auf die Gasspeicher. Gut halb voll, hieß es Ende August, ungefähr 52 Prozent. Die Grünen wollten einen Krisengipfel, das Wirtschaftsministerium sah zwar eine angespannte Lage, aber keine akute Mangellage. Klaus hörte sich das an, blickte auf sein Kölschfass und sagte: „Mein Fass ist auch nur noch halb voll. Ich sehe derzeit ebenfalls keine Mangellage. Aber ich würde trotzdem schon mal bestellen.“
Nikolai nickte. „Vorsorge.“
Gunnar hob sein Glas. „Frühstartrente fürs Bier.“
Rüdiger seufzte. „Ihr könnt auch wirklich alles kaputtreden.“
„Nein“, sagte ich, „wir reden es nur so lange, bis man merkt, wie komisch es ohnehin schon ist.“
Und dann natürlich der Zucker. Oder genauer: die Debatte über eine mögliche Abgabe, bei der plötzlich sogar zuckerfreie Getränke in den politischen Gedankengängen auftauchten. Gunnar schlug die Hände zusammen. „Endlich! Ich hatte schon Angst, meine Cola käme unreguliert durch den Herbst.“
Nikolai schüttelte den Kopf. „Wenn du Zucker besteuerst, verstehe ich die Logik noch. Aber zuckerfrei?“
Klaus stellte eine Cola Zero auf den Tisch.
„Vorsicht“, sagte er. „Politisches Gefahrgut.“
Wir lachten. Und genau da wurde mir plötzlich klar, warum wir das überhaupt jeden Monat machen.
Weil man sonst verrückt würde.
Denn hinter all dem Gelächter stehen echte Fragen. Altersvorsorge. Energie. Wohnen. Verwaltung. Steuern. Dinge, die Menschen nicht in Talkshows erleben, sondern auf Kontoauszügen, Heizkostenabrechnungen und am Küchentisch. Satire macht das nicht kleiner. Sie macht nur sichtbar, wie absurd manches geworden ist.
Vielleicht ist das der Irrsinn unserer Zeit: Wir haben für fast jedes Problem ein Papier, für jedes Papier einen Ausschuss und für jeden Ausschuss irgendwann eine Pressekonferenz. Nur die einfachen Antworten, die fehlen erstaunlich oft.
Meine Tomaten auf dem Balkon haben das besser verstanden. Wasser, Sonne, ein bisschen Ruhe. Keine Klausur im Schloss.
So, das alles wollte ich jetzt und hier loswerden. Nun sage ich mal bis denne und Tschööö mit drei Ö!



























