Die Märchen der Macht: Greta Thunberg als Jeanne d’Arc zwischen Klimakult, Politik und Gegenreligion
Von Alfred-Walter von Staufen
Nicht Märchen, eher moderne Heiligenlegende: ein junges Gesicht, eine eiserne Botschaft, ein Chor aus Anhängern und Gegnern, und eine Öffentlichkeit, die aus allem sofort Religion macht.
Am Anfang saß da ein Mädchen vor dem schwedischen Parlament, mit einem Pappschild, einer Forderung und jener bemerkenswerten Eigenschaft, die großen Apparaten seit jeher Unbehagen bereitet: Sie meinte, was sie sagte. Im August 2018 begann die damals 15-jährige Greta Thunberg ihren Schulstreik fürs Klima; daraus entwickelte sich Fridays for Future. Aus dieser inszinierten schlichten Szene hätte eine politische Debatte entstehen können. Stattdessen begann ziemlich rasch etwas sehr viel Menschlicheres: die Herstellung einer Legende.
Die Öffentlichkeit kann mit Menschen, die nicht bequem in ihre Schubladen passen, erstaunlich schlecht umgehen. Sie braucht Heilige oder Ketzer, Erlöser oder Ungeheuer, mindestens jedoch eine brauchbare Titelseite. Greta bekam deshalb bald eine unsichtbare Rüstung angelegt. Die einen sahen in ihr die reine Stimme einer Generation. Die anderen behandelten sie, als hätte eine Jugendliche aus Stockholm persönlich den Diesel erfunden, den Sonntagsbraten verboten und im Keller bereits den letzten deutschen Kohleofen versiegelt. Beide Lager waren sich in einem Punkt auffällig einig: Ohne Greta ging es nicht.
So entstand die Klimakathedrale. Ihr Mittelschiff besteht aus Gipfeln, Talkshows und Pressekonferenzen, in den Seitenschiffen sitzen Wissenschaftler, Lobbyisten, Aktivisten, Minister und Unternehmensberater. Vor dem Hochaltar steht die CO₂-Bilanz. Im Beichtstuhl wartet der persönliche Fußabdruck. Hinter der Sakristei bietet ein freundlicher Konzern gegen Aufpreis die klimaneutrale Gewissensberuhigung im Premiumtarif an.
2019 sprach Greta beim UN Climate Action Summit in New York und warf den politischen Führungen vor, ihre Generation im Stich zu lassen. Ihre Sprache war hart und bewusst ohne diplomatische Polsterung. Genau das machte sie zur idealen Projektionsfläche. Wer sie bewunderte, hörte eine Prophetin. Wer sie verachtete, hörte eine Anmaßung. Wer beruflich von Empörung lebte, hörte vor allem die Kasse klingeln.
Jeanne d’Arc der Klimakathedrale passt deshalb weniger wegen Helm, Fahne und historischer Kostümkunde. Die Parallele liegt im Mechanismus der Ikonisierung: Eine junge Frau tritt mit radikaler Gewissheit in eine Welt älterer Männer, Institutionen und Interessen. Danach übernehmen die Zuschauer. Sie schreiben ihr Rollen zu, die größer werden als die Person selbst. Am Ende diskutiert kaum noch jemand mit Greta. Man diskutiert über das Bild, das man von Greta benötigt.
Und während im Kirchenschiff die ersten Kerzen der Verehrung brennen und draußen die Gegenprozession ihre Mistgabeln poliert, sitzt die vermeintliche Heilige mitten im Lärm. Vielleicht denkt sie den unerhörtesten Gedanken von allen: Könnten wir jetzt bitte einmal über das Klima reden?
Die große Messe der guten Absichten
In der Klimakathedrale beginnt der Gottesdienst früh. Noch bevor der erste Delegierte seinen Konferenzkaffee umrührt, ist bereits geklärt, wer auf welcher Seite des moralischen Altarraums sitzen darf. Vorne die Erleuchteten mit Zugangsbändchen, dahinter die Mahner, daneben die Wirtschaftsvertreter mit nachhaltig bedruckten Visitenkarten und ganz hinten jene Bürger, die irgendwann verstanden haben, dass sie für die große Transformation vor allem eine Aufgabe besitzen: bezahlen, zustimmen und möglichst nicht fragen, warum der Dienstwagen des Predigers größer ist als ihre Wohnung.
Die Politik liebt Greta auf eine ganz besondere Weise. Sie liebt an ihr vor allem das Symbol. Ein Symbol widerspricht nicht im Koalitionsausschuss, verlangt keinen Fraktionsposten und lässt sich ausgezeichnet neben ein Wahlplakat stellen. Politiker, die noch vor wenigen Jahren Jugendbewegungen bestenfalls aus den Erzählungen ihrer Pressesprecher kannten, entdeckten plötzlich die rebellische Kraft der nächsten Generation. Man umarmte Forderungen, beklatschte Entschlossenheit und blickte mit sorgenvoller Stirn in Kameras. Anschließend stieg man in die Limousine, denn irgendwo musste schließlich noch eine Konferenz eröffnet werden.
Auch die Wirtschaft erwies sich als erstaunlich bekehrungsfähig. Wo früher schlicht Benzin, Strom, Fleisch oder Flugreisen verkauft wurden, entstanden binnen kurzer Zeit ganze Kathedralen der klimatischen Selbstabsolution. Produkte wurden grün, Verpackungen grüner und Geschäftsberichte so grün, dass man beim Lesen das Moos wachsen hören konnte. Der moderne Ablasshandel braucht keine Pergamenturkunde mehr. Ein kleiner Aufdruck genügt: klimafreundlich, kompensiert, nachhaltig, verantwortungsvoll. Wer genügend Aufpreis entrichtet, darf weiterhin konsumieren und erhält dazu das angenehme Gefühl, beim Öffnen der Geldbörse kurz die Welt gerettet zu haben.
Die Medien bilden währenddessen den Domchor. Sie verstärken jedes Wort, jeden Blick, jede Geste. Ein Satz wird zur Botschaft, ein Stirnrunzeln zum internationalen Ereignis, ein Schweigen zur Haltung. Greta selbst muss dafür kaum etwas tun. Die Maschinerie erledigt den Rest. Ihre Anhänger tragen das Bild weiter, ihre Gegner ebenfalls. Kaum sagt sie etwas, beginnt sofort die große Exegese: Was meinte sie? Wen meinte sie? Warum sagte sie es so? Darf sie das? Muss sie das? Und vor allem: Was sagt das über uns?
Damit bekam auch die Gegenseite ihre eigene Kapelle. Dort hängt Greta nicht als Heilige über dem Altar, sondern als Dämon an der Wand. Ihre Gegner verfolgen ihre Auftritte mit einer Hingabe, die so mancher Fanclub beneidenswert fände. Jede Reise, jede Rede, jedes Foto wird untersucht, kommentiert, angeklagt. Wer behauptet, Greta nicht ertragen zu können, verbringt mitunter erstaunlich viel Lebenszeit mit Greta. Das ist eine der schönsten Ironien dieser ganzen Glaubenslandschaft: Die erklärte Abneigung erzeugt dieselbe Aufmerksamkeit wie die Verehrung.
So stehen sich schließlich zwei Gemeinden gegenüber, die einander für vollkommen verrückt halten und doch nach demselben Ritual handeln. Die eine ruft: „Hört auf Greta!“ Die andere: „Hört bloß nicht auf Greta!“ Beide benötigen ihre Jeanne d’Arc. Ohne sie würde plötzlich eine unangenehme Leerstelle entstehen, in der man über Energiepolitik, technische Machbarkeit, Kosten, soziale Folgen, Industrie, Infrastruktur und konkrete Zielkonflikte sprechen müsste. Das wäre kompliziert. Heilige sind einfacher.
Greta geht derweil weiter durch das Kirchenschiff. Links werden Reliquien verkauft, rechts Gegenplakate gedruckt. Vor ihr kniet die Hoffnung, hinter ihr marschiert der Hass. Und irgendwo zwischen Weihrauch, Talkshowlicht und CO₂-Rechner liegt noch immer die eigentliche Frage. Sie ist nur deutlich weniger fotogen als ihre Prophetin.
Die Heilige, die Ketzer und der klimaneutrale Ablass
Am Ausgang der Klimakathedrale steht selbstverständlich der Ablassautomat. Er akzeptiert Kreditkarten. Wer nach Mallorca fliegt, kann dort gegen einen kleinen Aufpreis sein Gewissen auf Economy zurückstufen. Wer einen SUV fährt, bekommt auf Wunsch einen Baum dazu, vermutlich irgendwo, wo ihn weder Fahrer noch Baum je kennenlernen werden. Und wer beim Discounter drei Avocados aus Übersee kauft, darf sich wenigstens damit trösten, dass die Papiertüte inzwischen braun ist. Fortschritt erkennt man manchmal daran, dass die Verpackung moralisch weiter entwickelt ist als der Inhalt.
Auch die Politik hat das Prinzip verstanden. Sie verspricht Verzicht vorzugsweise dort, wo andere verzichten sollen. Der Bürger dreht die Heizung herunter, der Minister die Kamerabeleuchtung hoch. Der Pendler soll das Auto stehen lassen, während sein Arbeitsplatz leider noch immer dort steht, wo morgens kein Lastenrad freiwillig hinfährt. Dazu gibt es Förderprogramme, deren Namen länger sind als manche Bahnstrecke und deren Antragsformulare vermutlich allein deshalb digitalisiert wurden, damit niemand sie aus Versehen vollständig ausdruckt.
Greta steht mitten in diesem Schauspiel wie eine unfreiwillige Statue. Rundherum wird interpretiert, verehrt, beschimpft und vermarktet. Die einen möchten aus ihr die Schutzpatronin des Wärmepumpenkellers machen, die anderen die Apokalyptische Reiterin auf einem E-Scooter. Dabei besitzt das politische Zeitalter eine bemerkenswerte Begabung: Es kann aus nahezu jeder Person ein Symbol machen und anschließend vergessen, dass unter dem Symbol noch ein Mensch steckt.
Besonders komisch wird es, wenn beide Seiten einander Fanatismus vorwerfen. Der eine entdeckt bereits beim Wort „Klimaschutz“ den Vorhof der Ökodiktatur. Der andere vermutet hinter jedem Grillabend den unmittelbar bevorstehenden Untergang Grönlands. Dazwischen versucht ein Familienvater lediglich herauszufinden, ob seine neue Heizung in fünf Jahren noch erlaubt, gefördert, besteuert, verboten oder zum immateriellen Kulturerbe erklärt sein wird.
Vielleicht liegt genau hier das eigentliche Märchen. Nicht darin, dass Greta an etwas glaubt. Auch nicht darin, dass andere ihr widersprechen. Märchenhaft ist vielmehr die Vorstellung, komplexe politische Fragen ließen sich nach Reinheit sortieren. Gut hier, böse dort. Fahrrad dort, Geländewagen hier. Hafermilch im Himmel, Heizöl offenbar direkt aus der Unterwelt. Wirklichkeit funktioniert leider ohne moralische Farbskala. Sie verlangt Abwägung, technische Vernunft, soziale Bodenhaftung und gelegentlich sogar den schockierenden Gedanken, dass ein politischer Gegner einen vernünftigen Satz sagen könnte.
Vielleicht müsste Greta deshalb gar nicht vom Sockel gestoßen werden. Es würde reichen, den Sockel abzubauen. Dann stünde dort wieder eine Aktivistin mit einer Meinung, über die man streiten kann, ohne vorher Weihwasser oder Knoblauch zu holen.
Und wenn sie nicht gestorben ist, dann rettet sie noch immer irgendetwas – während ihre Anhänger Kerzen anzünden, ihre Gegner Feuerlöscher bestellen und der Rest der Bevölkerung noch immer auf die Handwerkerrechnung für die neue Wärmepumpe von Enpal wartet.

PS.: Wer nach der letzten Kerze in der Klimakathedrale noch wissen möchte, warum politische Zumutungen heute so zuverlässig mit moralischer Beleuchtung geliefert werden, landet fast zwangsläufig bei einem anderen Thema: dem Verhältnis zwischen Bürger und Macht. Genau dort setzt „Die Wut des kleinen Mannes“ von Alfred-Walter von Staufen an.
Das Buch interessiert sich weniger für die großen Parolen als für den Menschen, der sie am Ende bezahlen, befolgen oder im Alltag irgendwie mit ihnen zurechtkommen soll. Für den Pendler, den Handwerker, den Rentner, die Familie und all jene, denen Politik gern erklärt, was vernünftig, solidarisch und alternativlos sei, während die eigene Lebenswirklichkeit an der nächsten Heizkostenabrechnung beginnt.
Es geht um Wirklichkeitsverlust, politische Bodenhaftung und die wachsende Entfernung zwischen denen, die Entscheidungen verkünden, und denen, die ihre Folgen tragen. Nicht als Aufruf zum blinden Zorn, sondern als Einladung, genauer hinzusehen: Wer verlangt eigentlich was von wem und mit welchem Recht?
Vielleicht beginnt politische Vernunft dort, wo der Bürger nicht mehr nur Kulisse ist. Und vielleicht endet manche Heiligenlegende genau dort, wo jemand aus der letzten Reihe aufsteht und eine ziemlich unheilige Frage stellt.

















