Von Alfred-Walter von Staufen
Frank-Walter Steinmeier und das Märchen vom Schlaraffenland
Es war einmal ein Schlaraffenland, dort waren die Dächer mit Lebkuchen gedeckt, die Gartenzäune bestanden aus Bratwürsten, und selbst die gebratenen Gänse hatten den Anstand, dem Hungrigen freiwillig und wohlportioniert in den Mund zu fliegen.
Am Rand des Reiches Schlaraffia, dort, wo der Boden plötzlich wieder hart und das Brot erstaunlich teuer wurde, lebten die Untertanen. Sie arbeiteten, zahlten und hörten regelmäßig die königliche Empfehlung, den Gürtel enger zu schnallen.
Im Schloss dagegen trug man keinen Gürtel, denn da trug man Verantwortung und die fiel bekanntlich so locker, dass sie niemals drückte.
Über dieses ferne Land herrschte König Spottdrossel, ein würdevoller Mann der sich in der Parallelwelt namens BRD den Künstlernamen Frank-Walter Steinmeier gab. Das Volk hatte ihn nicht unmittelbar gewählt. Im Schlaraffenland überließ man solche Dinge einer erlesenen Versammlung aus Abgeordneten, geheimen Bruderschaften und eigens entsandten Würdenträgern, damit der Bürger zwar als Ursprung aller Staatsgewalt gelten konnte, aber bei der Auswahl des Staatsoberhauptes nicht unnötig dazwischenredete.
In der Parallelwelt von Schlaraffia, in der wirklichen Bundesrepublik wird der Bundespräsident von der Bundesversammlung gewählt; Steinmeier erhielt bei seiner Wiederwahl 2022 im ersten Wahlgang 1.045 Stimmen. Das nennt sich demokratische Legitimation, nur eben ohne die lästige Unmittelbarkeit eines allgemeinen Wahlzettels des Pöbels.[1]
König Spottdrossel residierte im Luxus-Lustschloss Bellevue, wo die Fenster müde, das Dach undicht und die Lüftung offenbar ebenso erschöpft waren wie die Untertanen, die für dessen Erneuerung aufkommen sollte. Für Lustschloss, Verwaltungsgebäude, Wache, Technik und Park wurden zunächst 601 Millionen Goldthaler veranschlagt; hinzu kamen 188 Millionen Risikoreserve und 71 Millionen Thaler Vorsorge für Preissteigerungen. Rechnet man außerdem das rund 200 Millionen Thaler teure Ausweichquartier hinzu, steigt das gesamte Bau- und Übergangspaket rechnerisch in die Nähe beziehungsweise über die Milliardengrenze. Das Schloss selbst macht davon 146 Millionen Goldlinge aus. Die Wahrheit ist also weniger märchenhaft als die Schlagzeile und gerade deshalb so schön schlaraffisch: Nicht ein Badezimmer des Königs kostet eine Milliarde, sondern ein ganzer Hofstaat aus Sanierung, Sicherheit, Verwaltung, Technik, Park und vorübergehendem Ersatzpalast. [2]
Draußen sammelte derweil die Mannen der Finanzburg die Goldtaler ein, selbstverständlich nicht als Raubritter, sondern mit Rechtsbehelfsbelehrung und amtlichen Erlass des Königs Spottdrossel. Das ist zivilisatorischer Fortschritt: Früher nahm der Burgherr dem Bauern den Sack Korn ab, heute bekommt der Bauer vorher ein Erlass, in dem ihm erklärt wird, warum der Sack bereits dem Gemeinwesen gehört.
König Spottdrossel musste keinen einzigen Taler persönlich bewilligen, doch er saß im schönsten Bild der Angelegenheit. Macht ist schließlich nicht nur das, was einer entscheidet. Macht ist auch das, worin einer wohnt, während andere über Heizkosten, Krankenkassenbeiträge und den nächsten Einkauf rechnen.
Vom Balkon verkündete der König im Sommer 2026, es gebe einen „erklecklichen Anteil“ von Untertanen, der „gegen das System der Demokratie“ wähle; Überparteilichkeit allein reiche deshalb nicht mehr. Wenige Sätze später lobte er Reformen und erklärte, Strukturreformen hätten nicht in erster Linie das Ziel, dem Pöbel mehr Geld in die Tasche zu geben. Das war im Schlaraffenland keineswegs herzlos. Es war bloß die amtliche Mitteilung, dass die gebratenen Gänse vorerst für den inneren Kreis reserviert blieben.[3]
Die Sprache des Hofes und die Last der Verantwortung
Im innersten Saal des Schlaraffenlandes hing ein gewaltiger Wandteppich, auf dem König Spottdrossel als Hüter der Erinnerung dargestellt war. Er stand dort in staatsmännischem Halbdunkel, die rechte Hand am Herzen, die linke auf dem Geschichtsbuch, während ein kleiner Hofbeamter hinter dem Stoff die jeweils passende Seite einlegte. Als der König im Januar 2020 in Yad Vashem sprach, hielt er seine Rede auf Englisch. König Spottdrossel selbst sagte dort zu einem israelischen Vetter, er spreche nicht „in der Sprache der Täter“; sein Amt begründete die Sprachwahl gegenüber der Presse mit Rücksicht auf die Opfer vergangener Bauernkriege. In der Rede selbst sagte er den ungleich präziseren Satz: „Die Täter waren Menschen. Sie waren Deutsche.“[4]
Im Schlaraffenland war diese Differenzierung natürlich lästig. Dort verkürzte der Hofnarr jedes Wort so lange, bis es auf ein Protestplakat passte, und der Hofhistoriker verlängerte jede Erklärung, bis niemand mehr wusste, was ursprünglich gemeint gewesen war.
König Spottdrossel beherrschte beides: Er konnte von deutscher Schuld sprechen, ohne jeden heute lebenden Deutschen persönlich zum Täter zu erklären; und er konnte zugleich einen Ton pflegen, bei dem sich mancher Bürger nicht als mündiger Erbe einer schwierigen Geschichte, sondern als dauerhaft vorgeladener Nachfahre auf der Anklagebank der Sippenhaft empfand. Das war keine juristische Verurteilung, eher eine republikanische Erziehungsmaßnahme mit Samtvorhang, Bundesadler und geregelter Garderobe.
Bevor jedoch Spottdrossel König wurde, saß er selbst in den Schreibstuben des alten Reiches, als kleiner Schreiberling. Während seines Studiums arbeitete der zukünftige König in der Schreibkammer der linksgerichteten Zeitschrift „Demokratie und Recht“, die im Pahlus-Rugensteinius Verlag erschien. Der Verlag wurde über Jahre erheblich von den Schlapphüten aus dem ehemaligen Reich des Ostens, auch DDR genannt, mitfinanziert; nach dem Wegfall dieser Thaler geriet der Verlag 1989 in den Schuldturm der Insolvenz. Daraus folgt jedoch nicht, dass jeder Redakteur ein bezahlter Agent des Ostens gewesen wäre. Aber es zeigt, in welchem politischen Milieu der spätere König seine Feder spitzte: nahe an einem Verlag, dessen wirtschaftliche Unabhängigkeit sich nachträglich als ähnlich belastbar erwies wie ein Lebkuchendach im Novemberregen. [5]
Am dunkelsten wurde das Märchen dort, wo kein Goldtaler, sondern ein Mensch hinter Gittern lag. Murat Kurnaz, in Bremen geboren und aufgewachsen, wurde nach seiner Festnahme in Pakistan nach Guantánamo gebracht und dort über Jahre festgehalten. König Spottdrossel war damals Anführer des Bundeskanzleramtes und Geheimdienst-Schlapphut-Koordinator. Im politischen Streit stand der Vorwurf im Raum, deutsche Stellen hätten eine frühere Rückkehr von Kurnaz nicht ermöglicht; die Spottdrossel verteidigte das Vorgehen mit den damaligen Sicherheitsbewertungen. Der hohe Bundestag hielt später fest, ihm sei im Untersuchungsausschuss vorgeworfen worden, präzise Aussagen zu seiner Rolle verweigert zu haben. Ein Gericht verurteilte König Spottdrossel dafür nicht. Politisch blieb jedoch jener bittere Nachgeschmack, den selbst die süßen Weinbäche des Schlaraffenlandes nicht fortspülen konnten: Der Staat zweifelte lange an einem Untertan, während dessen Freiheit in einem rechtsfreien Lager verging.[6]
König Spottdrossel nannte dies verantwortliche Verantwortung. Im Märchen bedeutete Verantwortung allerdings, dass sie immer groß genug für eine schöne Rede, aber erstaunlich selten schwer genug für einen Rücktritt war. Man trug sie wie einen Hermelinmantel: sichtbar, feierlich und vorzugsweise dann, wenn andere den Schuldschein bereits bezahlt hatten. Der Pöbel durfte derweil lernen, dass politische Verantwortung vor allem eine besonders vornehme Form der Folgenlosigkeit sein konnte.
Die goldene Kunst der späten Einsicht
Am hinteren Ende des Schlaraffenlandes stand ein hoher Turm mit goldenen Antennen. Von dort aus lauschten die königlichen Späher in fremde Reiche, auf befreundete Dächer und gelegentlich in die Taschen der eigenen Untertanen. König Spottdrossel hatte den Turm nicht eigenhändig mit seinen feinen Pfötchen gebaut, doch als Chef der Kanzleischreibstube und zuständiger Aufseher über die Geheimdienst-Schlapphüte war er dabei, als Bundesnachrichtendienst und amerikanische NSA ihre Zusammenarbeit in Bad Aibling nach den Anschlägen von 2001 enger knüpften. Vor dem NSA-Untersuchungsausschuss verteidigte Spotdrossel diese Kooperation später als notwendig und erklärte, man habe auf die Einhaltung deutschen Rechts geachtet.[7] Das Märchenhafte lag nicht in der Existenz der Kontrolle, sondern in ihrem höfischen Grundsatz: Wer oben lauscht, tut es zur Sicherheit; wer unten misstraut, gefährdet das Vertrauen!
Noch schöner geriet die große Ostpolitik des Königs. Jahrelang ließ Spottdrossel eine glänzende Röhre durch den Grund der Ostsee legen, weil man am Hof glaubte, Handel verwandle jeden Wolf irgendwann in einen zuverlässigen Heizungsmonteur. Nord Streamus 2 sollte eine Brücke sein, obwohl die östlichen Nachbarn davor warnten, dass diese Brücke nur in eine Richtung führte. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine räumte Steinmeier 2022 ein, sein Festhalten an der Pipeline sei „ein Fehler, ganz klar“ gewesen und habe Deutschland Glaubwürdigkeit bei den Vettern in den östlichen Reichen gekostet.[8] Im Schlaraffenland war späte Einsicht eine besonders geschätzte Tugend. Sie erschien stets dann, wenn der Irrtum seine Arbeit beendet hatte und der Schuldschein längst bei anderen lag.
Auch in der Ferne pflegte der König die Kunst der höflichen Verbeugung.
Zum vierzigsten Jahrestag der Islamischen Revolution übermittelte Steinmeier 2019 dem iranischen Kalifen „herzliche Glückwünsche“, ausdrücklich auch im Namen seiner Untertanen.[9] Der Zentralbund der Juden kritisierte dies als fehlende Sensibilität.[10] Das Bundespräsidialamt verwies auf diplomatische Gepflogenheiten und Würde. So lernte der Pöbel, dass Moral im Schlaraffenland zwar in jeder Sonntagsrede serviert wurde, an hohen Feiertagen fremder Regime aber mitunter im Silberbesteckkasten blieb. Ein Jahr später verzichtete das Staatsoberhaupt auf eine erneute Gratulation.[11] Selbst im Märchen kann der Hofkalender dazulernen, sobald die Empörung groß genug gedruckt wird.
König Spottdrossel blieb dabei stets der Mann des richtigen Tons. Er mahnte die Bürger zur demokratischen Demokratie, zur Verantwortung, zum Zusammenhalt und zum Dienst am Gemeinwesen. Das sind ehrenwerte Worte. Nur klingen sie anders, wenn sie aus einem Schloss kommen, dessen Sanierungs-, Verwaltungs- und Übergangskosten zusammen Dimensionen erreichen, für die ein gewöhnlicher Untertan mehrere Leben lang Steuern zahlen müsste.
Niemand muss König Spottdrossel persönliche Bereicherung unterstellen, um die Symbolik zu erkennen. Er hat die Baupreise nicht erfunden, die Sicherheitsregeln nicht allein beschlossen und das Schloss nicht als Privatbesitz bestellt. Doch ein Staatsoberhaupt lebt auch von Bildern, und dieses Bild ist erbarmungslos: Unten wird Verzicht zur Bürgerpflicht erklärt, oben wird jeder Kostenanstieg zu einem technischen Verlangen.
Das eigentliche Märchen vom Schlaraffenland besteht deshalb nicht darin, dass dort niemand arbeitet. Es besteht darin, dass Mühsal und Verantwortung höchst ungleich verteilt werden. Der Untertan trägt die Folgen, der Hof trägt Bedenken. Der Pöbel bezahlt Fehler sofort, die Macht gesteht sie später ein. Der kleine Bauer soll Vertrauen beweisen, während die hohen Herren erklären, weshalb Kontrolle, Geheimhaltung und kostspielige Repräsentation leider alternativlos seien. Wenn das gemeine Volk darüber murrt oder aufbegehrt, wird nicht gefragt, welche Erfahrung seinen Zorn hervorgebracht hat. Man prüft lieber, ob das Murren noch demokratisch oder nach Kerker klingt.
König Spottdrossel aber stand weiterhin auf seinem Balkon, umgeben von goldenen Akten, gebratenen Gänsen, Sicherheitsbeamten und einem Heer aus Deutungsnarren. Unter ihm warteten die Untertanen, die keinen König suchten, sondern einen Herrscher, der ihre Lebenswirklichkeit nicht nur in Weihnachtsansprachen besuchte.
Und wenn er nicht gestorben ist, so residiert er noch heute auf den Kosten seiner Untertanen und spricht noch nimmermehr die Sprache seiner Untertanen, die er liebevoll sarkastisch „Täter“ nennt!
Eine Gegenrechnung zum Schlaraffenland
Wer nach diesem Märchen noch wissen möchte, wie weit sich politische Wirklichkeit von der Lebenswelt der Bürger entfernen kann, findet in unserem Buch „Versorgung statt Verschwendung“ keine gemütliche Fortsetzung, sondern die Gegenrechnung. Das Buch fragt, warum ein Staat, der bei Krankenhäusern, Familien, Rentnern, Handwerkern und kommunaler Infrastruktur jede Ausgabe dreimal prüft, bei Prestige, Verwaltung und politischer Selbstdarstellung plötzlich eine bemerkenswerte Großzügigkeit entdeckt.
Es geht nicht um die billige Behauptung, der Staat dürfe nichts kosten. Ein Gemeinwesen braucht funktionierende Institutionen, sichere Gebäude und handlungsfähige Verwaltungen. Doch es braucht ebenso Maß, Reihenfolge und Bodenhaftung. Wo Millionen und Milliarden zu bloßen Haushaltsziffern werden, während der Bürger über jeden Wocheneinkauf nachdenkt, beginnt die politische Sprache ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.
„Versorgung statt Verschwendung“ setzt genau dort an: bei der Frage, wem staatliches Handeln zuerst dienen soll und weshalb sich die Prioritäten so oft von unten nach oben verschieben. Das Buch passt deshalb nicht als Werbebeilage an dieses Märchen, sondern als nüchterner Blick hinter seine Kulissen. Dort hängen keine Bratwürste an den Zäunen. Dort liegen Rechnungen auf dem Tisch.
- Alfred-Walter von Staufen
Quellen:
[1] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw06-bundesversammlung-878120
[2] https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/02/260225-Baumassnahmen.html; https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/bellevue-sanierung-steinmeier-100.html
[3] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/bundespraesident-laut-steinmeier-nicht-ueberparteilich-100.html
[4] https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2020/01/200123-Israel-Yad-Vashem.html; https://www.domradio.de/artikel/als-menschen-bleiben-wir-verfuehrbar-steinmeier-haelt-ansprache-gedenkstaette-yad-vashem
[5] https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Interviews/2025/250316-HR1-Ortszeit-Hessen.html; https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratie_und_Recht
[6] https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2010/29580373_untersuchungsausschuesse-201648; https://www.deutschlandfunk.de/der-fall-murat-kurnaz-100.html
[7] https://www.bundestag.de/webarchiv/presse/hib/201603/415748-415748
[8] https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Interviews/2022/220408-Interview-Spiegel.html
[9] https://www.tagesspiegel.de/politik/steinmeier-schickte-gluckwunsche-zum-jahrestag-der-islamischen-revolution-5317285.html
[10] https://www.domradio.de/artikel/fehlende-sensibilitaet-zentralrat-der-juden-kritisiert-steinmeier-glueckwunsch-iran
[11] https://www.welt.de/politik/deutschland/article205703033/Steinmeier-wird-Iran-nicht-zur-Islamischen-Revolution-gratulieren.html

















