Wolodymyr Selenskyj als „Die kleine Raupe Nimmersatt“
Die Speisekammer der Weltpolitik
Der Konferenztisch ist gedeckt, als hätte die Weltpolitik beschlossen, ihren Kriegshaushalt als Kindergeburtstag zu tarnen. Auf silbernen Platten liegen keine Äpfel, Birnen und Pflaumen, sondern Flugabwehrraketen, Artilleriemunition, Drohnen, Kreditzusagen und diplomatische Treueschwüre. Durch diese Speisekammer bewegt sich Wolodymyr Selenskyj im olivgrünen Pullover, längst weniger Staatsgast als wandelnde Bedarfsmeldung. Er kostet nicht. Er bittet nicht um Nachschlag. Er nennt die nächste Lücke. Das ist ein Unterschied, den die Satire kennen muss, wenn sie mehr sein will als ein geschmackloser Scherz auf Kosten eines Landes im Krieg.
Die kleine Raupe Nimmersatt von Kiew frisst sich nicht persönlich durch Geldkoffer. Sie verkörpert einen Staat, dessen militärischer, finanzieller und politischer Verbrauch mit jedem weiteren Kriegsmonat neu berechnet wird. Beim NATO-Gipfel in Ankara sagten die Bündnispartner für 2026 militärische Ausrüstung, Hilfe und Ausbildung im Wert von 70 Milliarden Euro zu und stellten für 2027 mindestens ein vergleichbares Niveau in Aussicht (1). Die Europäische Union weist ihre gesamte bisherige Unterstützung für die Ukraine inzwischen mit 215,2 Milliarden Euro aus, darunter 77 Milliarden Euro militärische Hilfe (2). Diese Summen sind kein privates Frühstück eines Präsidenten. Sie zeigen, welche Mengen ein moderner Abnutzungskrieg verschlingt, sobald Politik das Wort Frieden zwar bei jeder Rede auf den Tisch stellt, den Ausgang aus dem Saal jedoch nicht findet.
https://www.president.gov.ua/en/news/yevropi-terminovo-potribna-vlasna-spromozhnist-viroblyati-an-105285Selenskyjs öffentliche Rolle besteht inzwischen darin, die Speisekarte der Dringlichkeit vorzulesen. Heute fehlen Abfangraketen, morgen Produktionskapazitäten, übermorgen langfristige Garantien. Anfang Juli 2026 erklärte er vor dem NATO-Forum der Verteidigungsindustrie den Nachschub an Flugabwehrraketen erneut zur obersten Priorität (3). Wer darin bloß Gier erkennt, macht es sich gemütlich und falsch. Wer jede Forderung automatisch für alternativlos erklärt, macht es sich moralisch bequem und politisch ebenso falsch.
Die eigentliche Pointe sitzt am anderen Ende des Tisches. Dort stehen Regierungschefs, Minister, Rüstungsmanager und Kamerateams, reichen neue Platten herein und schauen anschließend überrascht, dass die Raupe weiterfrisst. Jeder Gipfel verspricht Entschlossenheit, jeder Beschluss Nachhaltigkeit, jedes Gruppenfoto historische Geschlossenheit. Einen belastbaren politischen Endpunkt serviert kaum jemand. So wächst aus der ukrainischen Notlage eine westliche Erwartungsmaschine: Selenskyj muss fordern, damit die Unterstützung nicht erlahmt; die Unterstützer müssen liefern, damit ihre bisherigen Zusagen nicht wie kostspielige Vorreden wirken; die Öffentlichkeit soll applaudieren, obwohl niemand ihr verrät, wie viele Gänge dieses Menü noch haben wird.
Am Ende des ersten Tisches ist die Raupe nicht satt. Sie ist größer geworden. Der Krieg auch.
Der Applaus, der Nachschub bestellt
In Brüssel, Ankara und den klimatisierten Sälen der Sicherheitskonferenzen steckt das Publikum längst in einer politischen Versuchsanordnung. Vorn spricht Selenskyj, hinter ihm flimmern Flaggen, an den Seiten stehen Übersetzer, Berater und jene Männer mit neutralen Gesichtern, die selbst den Weltuntergang zunächst in eine Tagesordnung überführen würden. Dann fällt das vertraute Wort von der unverbrüchlichen Unterstützung, die Kameras suchen den entschlossensten Blick, und irgendwo wird bereits die nächste Summe in eine Pressemitteilung gegossen. Der Applaus klingt wie Zustimmung, arbeitet jedoch längst als Bestellknopf.
Die Europäische Union hat für 2026 und 2027 einen Unterstützungskredit von 90 Milliarden Euro beschlossen, davon sollen nach der vorgesehenen Aufteilung rund 60 Milliarden Euro militärischen Zwecken und etwa 30 Milliarden Euro der allgemeinen Haushaltsstützung dienen (4). Bis Ende Juni waren daraus bereits 7,1 Milliarden Euro ausgezahlt, einschließlich 3,9 Milliarden Euro für die Beschaffung von Drohnen (5). Aus dem Teller der Kinderbuchraupe ist ein mehrjähriger Finanzierungsrahmen geworden, ordentlich nummeriert, juristisch verschnürt und mit dem beruhigenden Etikett versehen, die Geschichte werde schon wissen, wofür sie das alles gebraucht habe.
Selenskyj beherrscht diese Bühne, weil er sie beherrschen muss. Er tritt als Geschäftsführer einer existenziellen Dringlichkeit auf und präsentiert Bedarf als gemeinsame Sicherheitsrechnung. Im Juni erklärte er, die Ukraine leite jährlich 45 bis 50 Milliarden US-Dollar in die eigene Waffenproduktion und benötige zugleich Unterstützung für weitere Fertigung, gemeinsame Projekte und langfristige Kapazitäten (6). Das ist rhetorisch geschickt, strategisch nachvollziehbar und politisch folgenreich. Mit jeder Bitte wird der Empfänger vom Helfer zum Teilhaber, vom Teilhaber zum Mitverantwortlichen und vom Mitverantwortlichen zum Mann, der beim nächsten Gipfel erklären muss, warum ein Abbruch plötzlich vernünftiger sein soll als die Fortsetzung.
Hier beginnt das eigentliche Märchen der Macht. Der Westen erzählt sich, er entscheide bei jedem Paket neu. Tatsächlich sitzt er längst in einer Fortsetzungsgeschichte, deren vorherige Kapitel den Inhalt des nächsten diktieren. Wer gestern Panzer geliefert hat, kann heute kaum behaupten, Flugabwehr sei moralisch zu viel. Wer Milliarden zur Stabilisierung eines Staates bereitstellt, wird morgen schwerlich gelassen zusehen, wie dessen Haushalt kollabiert. Jede Gabe schafft den Grund für die nächste, jedes Versprechen baut eine kleine Treppe, auf der man nur noch nach oben gehen darf, weil der Rückweg wie Verrat aussieht.
Die Raupe wird dabei zur perfekten Hauptfigur, gerade weil sie keinen eigenen Schluss schreiben kann. Ihr Hunger entsteht aus Frontverläufen, zerstörter Infrastruktur, Munitionsverbrauch, Haushaltslöchern und der Erwartung, dass der nächste Auftritt erneut Zuversicht produzieren möge. Die politischen Köche reichen nach, die Medien heben die silbernen Deckel, das Publikum sieht Dampf und nennt ihn Haltung. Nur die Rechnung liegt unter dem Tisch. Dort wartet sie geduldig auf jene, die bei der Inszenierung keine Sprechrolle bekommen haben.
Der Kokon der Alternativlosigkeit
Irgendwann müsste eine Raupe sich verwandeln. Genau darin liegt die Grausamkeit dieses politischen Märchens. Die kleine Raupe Nimmersatt aus Kiew findet keinen Ast, an dem sie ihren Kokon befestigen könnte, weil jeder Ast inzwischen als strategische Infrastruktur gilt, jeder Wald unter Beobachtung steht und jeder Schmetterling vor dem Abflug erst eine Sicherheitsgarantie benötigt. Die Verwandlung bleibt aus. Stattdessen wächst um die Raupe herum ein Kokon aus Beschlüssen, Erklärungen, Gipfelfotos und moralischen Verpflichtungen, dicht genug, um jede Frage nach dem Ausgang als verdächtigen Luftzug erscheinen zu lassen.
In diesem Kokon lebt der Westen erstaunlich bequem. Er kann Entschlossenheit zeigen, ohne den Frieden erklären zu müssen. Er kann Milliarden freigeben, ohne ein überzeugendes Bild davon zu liefern, wie ein politisch tragfähiges Ende aussehen soll. Er kann jede neue Lieferung als notwendige Antwort auf die letzte Eskalation darstellen und jede Sorge vor der nächsten Eskalation als mangelnde Solidarität behandeln. Die Sprache erledigt dabei die Arbeit, für die früher noch Argumente nötig waren. Aus Risiken werden Herausforderungen, aus Kosten Investitionen in unsere Sicherheit, aus Zweifeln russische Narrative. Wer nach der Speisekarte fragt, bekommt eine Haltung serviert.
Selenskyj steht in dieser Konstruktion weniger als unersättlicher Gast da denn als unermüdlicher Kellner seines eigenen Notstands. Er trägt die leeren Teller von Front, Staatshaushalt und beschädigter Infrastruktur durch die europäischen Säle und weiß, dass ein leerer Teller vor laufenden Kameras überzeugender wirkt als jeder nüchterne Lagebericht. Seine politische Kunst besteht darin, den Mangel so sichtbar zu machen, dass Ablehnung wie unterlassene Hilfe erscheint. Das ist wirksam. Es ist zugleich ein Mechanismus, der kaum noch Raum für die Frage lässt, ob permanente Unterstützung bereits eine Strategie ersetzt hat.
Unten am Rand des Märchenbuches sitzen die Bürger. Sie tragen keine Kronen, geben keine Pressekonferenzen und werden nur selten zu den historischen Gruppenbildern gebeten. Ihnen erklärt man, der Preis der Unterstützung sei hoch, der Preis des Nichtstuns jedoch höher. Das kann stimmen. Es darf trotzdem geprüft werden. Eine Demokratie, die Kosten, Ziele und Grenzen nur noch im Tonfall einer moralischen Ermahnung behandelt, verwandelt Zustimmung in Gehorsam und Debatte in einen schlechten Charakterzug.
Vielleicht wird aus der Raupe eines Tages doch ein Schmetterling. Vielleicht heißt dieser Schmetterling Frieden, Waffenstillstand oder erschöpfte Vernunft. Bis dahin frisst sich nicht nur Selenskyj durch die Vorratskammern der westlichen Politik. Die westliche Politik frisst sich durch ihre eigenen Gewissheiten, ihre Haushalte und ihre sprachlichen Auswege. Nimmersatt ist längst nicht mehr eine Person. Nimmersatt ist das Verfahren!

Wer verstehen will, weshalb politische Großprojekte so häufig von jenen bezahlt werden, die bei ihrer Planung nicht einmal am Katzentisch sitzen, begegnet in „Die Wut des kleinen Mannes“ derselben alten Schieflage: Oben werden Entscheidungen als historische Notwendigkeit verkündet, unten erscheinen sie als Rechnung, Verzicht und neuer Hinweis darauf, dass Verantwortung vor allem etwas für andere Leute sei.
Mein Buch richtet den Blick auf jene Bürger, deren Zweifel nicht aus Gleichgültigkeit entstehen, sondern aus Erfahrung. Sie haben gelernt, dass politische Bodenhaftung gern beschworen wird, solange niemand verlangt, tatsächlich den Boden zu betreten. Dort stehen Menschen, die steigende Kosten, sinkende Gewissheiten und eine Sprache erleben, in der jede Zumutung zum moralischen Auftrag umetikettiert wird.
„Die Wut des kleinen Mannes“ ist deshalb kein Aufruf zum blinden Zorn. Es ist der Versuch, die Entfernung zwischen Regierungssprache und Lebenswirklichkeit auszumessen. Eine Entfernung, die auch in diesem Märchen sichtbar wird: Während oben immer neue Teller gereicht werden, bleibt unten die Frage liegen, wer sie füllt, wer sie bezahlt und wann endlich jemand den Tisch abräumt.
Quellen:
(1) https://www.nato.int/en/about-us/official-texts-and-resources/official-texts/2026/07/08/the-ankara-summit-declaration
(2) https://www.consilium.europa.eu/en/policies/eu-solidarity-ukraine/
(3) https://www.president.gov.ua/en/news/yevropi-terminovo-potribna-vlasna-spromozhnist-viroblyati-an-105285
(4) https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2026/04/23/council-finalises-90-billion-support-loan-to-ukraine/
(5) https://www.consilium.europa.eu/en/policies/ukraine-solidarity-financial-support/
(6) https://www.president.gov.ua/en/news/zayava-prezidenta-ukrayini-pid-chas-spilnogo-z-generalnim-se-104733



















