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Von Hein Claasen aus Wesselburen. Dithmarschen!

Morgens am Zaun

Heins Bauernregel:
Wenn einer mit glänzenden Gummistiefeln auf den Hof kommt,
will er selten melken. Meistens will er erklären.

Ich bin Hein Claasen aus Wesselburen. Dithmarschen. Hier weht der Wind nicht, hier nimmt er klare Haltung an. Wer morgens am Zaun steht, hat entweder Arbeit vor sich oder Nachbarn. Ich habe leider beides. Aber der Kaffee dampft, die Kühe kauen, die Schafe gucken, als hätten sie das Wetter erfunden, und die Hühner tun so, als wäre der Hof nur wegen ihnen geöffnet.

Vor einem halben Jahr zog drüben Harald auf den Nachbarhof. Ehemaliger Banker aus Frankfurt am Main. Er nennt sich Börsianer, als komme er vom Nachbarplaneten des Mars. Ein höflicher Mensch. Nicht böse. Nur so weltfern, dass selbst die Krähen beim Überflug kurz langsamer werden um dort ihren Tüddelkram fallen zulassen. Er brachte seine Frau Gudrun mit, drei Kinder und Gummistiefel von Versace. Die Stiefel waren so sauber, dass mein Misthaufen aus Respekt einen Schritt zurückgetreten ist.

Harald stand heute Morgen wieder am Zaun. Frische Geländeweste, Klemmbrett, Stirnfalte. Neben ihm Gudrun mit Kräutertee und diesem Blick von Leuten, die einem erklären möchten, dass eine Kartoffel auch Gefühle haben könnte, wenn man sie nur achtsam genug pellt.

„Hein“, sagte Harald, „wir wollen den Hof neu denken.“

Ich nickte. „Mach man. Aber denk nicht zu lange. Sonst ist das Unkraut schneller.“

Gudrun sprach von Tierwohl, Achtsamkeit und neuen Formen des Zusammenlebens. Ich sah zu meinem Hahn. Der stand auf einem Eimer, rutschte ab und tat danach, als sei es Absicht gewesen. Neue Formen des Zusammenlebens haben wir hier also schon. Sie heißen: einer fällt runter, alle tun normal weiter.

Harald zeigte auf meine Kuh. „Rinder sind schwierig.“

„Für wen?“, fragte ich.

„Für das Klima.“

„Harald“, sagte ich, „meine Kuh steht seit sechs Jahren auf derselben Weide. Wenn hier einer ständig heiße Luft abgibt, dann ist es nicht die Berta.“

Er schrieb sich etwas auf. Harald schreibt viel auf. Früher hat er Geld verschoben, heute verschiebt er Gedanken. Beides macht Geräusche, aber satt wird davon keiner.

Gudrun lächelte mild. „Vielleicht müssen wir Tiere aus alten Rollen befreien.“

Ich sah zum Huhn. Es pickte in den Boden und fand einen Wurm.

„Gudrun“, sagte ich, „das Huhn befreit gerade den Wurm aus seiner alten Rolle. Fraglich ist nur, ob der Wurm das als Fortschritt empfindet.“

Harald lernt den Acker kennen

Harald stand da mit seinem Klemmbrett, als müsste der Boden ihm gleich Rechenschaft ablegen. Seine drei Hochbeete lagen hinter ihm. Sehr ordentlich. Sehr gerade. Sehr teuer. Und sehr angefressen. Die Schnecken hatten dort offenbar eine Familienfeier veranstaltet, mit Salat als kaltem Büfett.

„Wir setzen auf Bio-Anbau“, sagte Harald.

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„Das sehe ich“, sagte ich. „Der Salat ist jedenfalls schon bei den Tieren gut angekommen.“

Er schaute betroffen auf die kahlen Stiele. „Wir wollten ohne Abwehrmittel arbeiten.“

„Das ist gelungen. Die Schnecken hatten keinen Widerstand.“

Gudrun hob beschwichtigend die Hand. „Wir möchten nicht gegen die Natur arbeiten.“

„Das merkt die Natur“, sagte ich. „Sie hat euch gestern Nacht den Mangold abgenommen.“

Die Kinder standen daneben und fragten, ob Schnecken auch ein Recht auf Nahrung hätten. Gute Frage. Kinder fragen geradeaus. Erwachsene bauen daraus gleich eine Gesprächsrunde mit Sitzkissen. Gudrun sagte: „Wir teilen den Garten.“

„Dann habt ihr sehr großzügig geteilt“, sagte ich. „Ihr hattet den Plan und die Schnecken hatten den Appetit.“

Harald zeigte auf meine Schafe. „Aber Schafe sind doch auch problematisch. Wolle, Weide, Besitzverhältnisse.“

Ich sah zu den Schafen. Eins sah zurück. Sehr langsam. Schafe haben diesen Blick, mit dem sie einem klarmachen: Du erklärst uns jetzt schon seit Jahrhunderten, wie dumm wir sind, aber wir tragen immer noch den Pullover.

„Harald“, sagte ich, „ein Schaf ist nicht kompliziert. Es frisst Gras, gibt Wolle und guckt so, als hätte es die Grundsteuer erfunden. Das ist mehr Leistung als manche Ausschusssitzung.“

Heins Bauernregel:
Wenn der Städter dem Schaf die Freiheit erklärt,
wartet das Schaf nur, bis er fertig ist, und frisst dann weiter.

Gudrun sagte: „Vielleicht sollten wir nicht immer in Nutzen denken.“

„Da bin ich bei dir“, sagte ich. „Ich denke bei meinem alten Trecker auch nicht mehr in Nutzen. Ich denke in Hoffnung.“

Harald ging zum Hühnerzaun. Ein Huhn stand vor ihm, scharrte einmal, sah ihn an und ging weg. Das hat Harald getroffen. Banker sind es gewohnt, dass man ihnen zuhört, wenn sie ernst gucken.

„Hühnerhaltung“, sagte er, „müsste man völlig neu betrachten.“

„Harald“, sagte ich, „das Huhn betrachtet dich gerade auch neu, es ist nur schon fertig.“

Gudrun sprach von „achtsamen Eierbeziehungen“. Da habe ich kurz in meinen Kaffee gesehen, ob da jemand heimlich Schnaps hineingetan hatte. War aber nur Kaffee. Leider.

„Eierbeziehungen“, sagte ich. „Bei uns heißen die Frühstück.“

Harald runzelte die Stirn. „Aber ist das nicht zu einfach?“

„Doch“, sagte ich. „Genau deshalb funktioniert es seit längerem.“

Dann kam das Schwein an den Zaun. Es grunzte einmal. Tief, kurz, amtlich. Harald trat einen halben Schritt zurück.

„Es wirkt sehr direkt“, sagte er.

„Das Schwein ist ehrlich“, sagte ich. „Wenn es Hunger hat, grunzt es. Wenn du Hunger hast, eröffnest du bestimmt erst einen Ernährungskreis.“

Gudrun nickte nachdenklich. „Vielleicht können wir vom Schwein lernen.“

„Könnt ihr“, sagte ich. „Fang mit Pünktlichkeit an. Beim Futter versteht das Schwein keine Selbstfindung.“

Warum hier noch jedes Huhn bleiben darf

Ich stellte meinen Kaffeebecher auf den Zaunpfahl und sah rüber zu Harald. Er stand da, stolz bis in die Schuhsohle, und blickte auf meinen Hof, als sei das Ganze ein Fehler in der Planung. Gudrun nickte in die Landschaft, als wolle sie den Tieren erst einmal innerlich danken, dass sie überhaupt da waren.

„Hein“, sagte Harald, „man muss doch fragen dürfen, ob Kühe, Schafe, Schweine und Hühner überhaupt noch zeitgemäß sind.“

„Natürlich darf man das“, sagte ich. „Man darf auch fragen, ob Regen nass sein muss. Nur kommt man so im Leben nicht rascher voran.“

Gudrun nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. „Wir wünschen uns einen Hof, auf dem kein Lebewesen mehr in eine Funktion gedrängt wird.“

Ich nickte. „Das verstehe ich. Mein Hahn drängt sich allerdings jeden Morgen freiwillig in die Rolle des Ortsausrufers.“

Harald zeigte auf die Schweine. „Aber man kann doch nicht bestreiten, dass Tierhaltung ein altes Modell ist.“

„Doch“, sagte ich, „das kann man sogar sehr gut. Vor allem, wenn man noch nie einen Stall von innen gesehen hat.“

Die Kinder standen am Zaun und schauten den Hühnern zu. Das war der vernünftigste Teil der Versammlung. Kinder sehen ein Huhn und freuen sich. Erwachsene sehen ein Huhn und gründen erst einmal eine neu Weltanschauung.

„Wir wollen“, sagte Gudrun, „mehr Miteinander.“

„Habt ihr schon“, sagte ich. „Das Schwein neben dir atmet, das Huhn vor dir läuft, die Kuh da hinten verdaut. Mehr Miteinander wird’s selten. Nur stiller wird’s nicht.“

Harald sah etwas ratlos in die Runde. „Und du meinst wirklich, man sollte nichts abschaffen?“

„Doch“, sagte ich. „Einiges schon. Zum Beispiel den Gedanken, dass ein Bauernhof erst dann gut ist, wenn er klingt wie ein Kurhausprospekt. Das ist doch alles Tüddelkram“

Da musste sogar Gudrun lachen.

Ich zeigte auf meine Tiere. „Die Kuh bleibt, weil sie eine Kuh ist. Das Schaf bleibt, weil Wolle nicht am Kleiderbügel wächst. Das Schwein bleibt, weil Ehrlichkeit selten geworden ist. Und das Huhn bleibt, weil irgendeiner morgens so tun muss, als sei hier noch Ordnung.“

Harald schwieg einen Moment. Dann fragte er: „Und was bin ich in diesem Ganzen?“

Ich nahm den Becher wieder in die Hand. „Du bist mein Nachbar. Das ist auf dem Land schon fast Familie. Und solange du nicht versuchst, dem Schwein das freie Denken beizubringen, kommen wir aus.“

Gudrun lächelte. Die Kinder lachten. Das Huhn pickte weiter. Das Schwein grunzte. Die Kuh kaute. Und ich dachte: So fängt Nachbarschaft an. Einer redet von neuer Welt, und der andere zeigt ihm erst mal den Misthaufen.

Heins Bauernregel:
Wenn einer den Hühnerstall verbessern will,
soll er erst prüfen,
ob er morgens überhaupt vor dem Hahn wach wird.


Hein Claasen steht mit Kaffeebecher am Zaun und blickt trocken auf Nachbar Harald und Gudrun zwischen Hühnern und Vieh.

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Hein Claasen erklärt seine Nachbarschaft, den Banker Harald und warum ein Hof ohne Tiere vor ...

Autor

  • Porträt von Hein Claasen in wetterfester Jacke und Mütze, der ruhig schmunzelnd an einem alten Holzzaun in der Dithmarscher Marsch steht.

    Hein Claasen

    Autor der Rubrik „Neues aus der Marsch“

    Hein Claasen stammt aus Wesselburen in Dithmarschen und gehört zu jener selten gewordenen norddeutschen Spezies, die erst spricht, wenn andere schon drei Sitzungen, zwei Arbeitskreise und ein Leitbild hinter sich haben. Er beobachtet das Leben in der Marsch mit trockenem Blick, wetterfester Geduld und jenem leisen Schmunzeln, das in Norddeutschland bereits als Gefühlsausbruch gilt.

    In seiner Rubrik „Neues aus der Marsch“ schreibt Hein Claasen über Dorf, Deich, Leute, Politik, Alltag, Behördenpost, Nachbarschaftsdramen und die großen Fragen, die manchmal mit einem Matschfleck auf zu sauberen Gummistiefeln beginnen. Zwischen Schafen, Amtsbriefen, Kaffeebecher und Küstenwind findet er die kleinen Wahrheiten, die man in Talkshows selten hört, auf alten Höfen aber jeden Dienstagmorgen.

    Hein ist kein Lautsprecher, kein Weltverbesserer und schon gar kein Mann für modische Erregung. Er sagt die Dinge lieber so, dass sie erst harmlos klingen und dann zwei Stunden später im Kopf weiterarbeiten. Seine Texte verbinden ländliche Bodenhaftung, norddeutschen Humor und eine feine gesellschaftliche Satire, die nicht brüllt, sondern trocken feststellt.

    Wenn Hein Claasen über die Marsch schreibt, geht es nie nur um die Marsch. Es geht um Deutschland im Kleinen: um neue Moral auf altem Boden, um Leute, die alles besser wissen, bis sie das erste Mal im Kuhfladen stehen, und um jene stille Vernunft, die keinen Applaus braucht, weil sie auch bei Gegenwind stehen bleibt.

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TIMMY – Wenn das Meer um Hilfe ruft – Premium-Buch über Meeresschutz, Geisternetze und die stille Krise unter Wasser