„Versorgung statt Verschwendung“ – das neue Reformbuch über einen Staat, der den Bürgern wieder dienen soll.
TIMMY – Wenn das Meer um Hilfe ruft – Premium-Buch von edition leseReich

Die Märchen der Macht: Wie Lars Klingbeil den Haushalt tauscht und die Schulden als Fortschritt verkauft

Von Alfred-Walter von Staufen

Lars Klingbeil als „Hans im Glück“ – Vom Goldklumpen zum Sondervermögen

Am Anfang steht ein Mann auf der Landstraße, aalglatt, etwas Antifa, etwas rote Socke, aber as reicht für ein Ministerposten und ist auch genug für die Kamera, genug für jene freundliche Art von politischer Zuversicht, die immer dann besonders selbstbewusst auftritt, wenn andere, sprich der Michel die Rechnung bezahlen. Über seinem ordentlichen Anzug flattert ein roter Wanderrock, in der Hand trägt er nicht etwa einen Knotenstock, wie es sich für einen Märchenhelden gehören würde, sondern einen schweren Haushaltsordner, dessen Gewicht sich nicht aus Papier erklärt, sondern aus Erwartungen, Versprechen und der alten Kunst, aus Mangel eine Vision zu formen. Lars Klingbeil geht nicht wie einer, der etwas verloren hat. Er geht wie einer, der den Verlust bereits in Fortschritt umbenannt hat. Das ist die eigentliche Modernisierung dieser Figur. Der alte Hans im Glück war naiv. Der neue Hans im Glück ist politisch professionell.

Hinter ihm leuchtet noch der Goldklumpen, jener prächtige Brocken namens Steuereinnahmen, der in besseren Erzählungen ein Grund zur Vorsicht wäre, in Berlin aber eher als Einladung verstanden wird. Wo Geld ist, entsteht sofort jene warme, überparteiliche Erregung des politischen Betriebs, die sich stets als Verantwortung ausgibt und fast immer auf Verteilung hinausläuft. Ein Goldklumpen ruft dort keine Sparsamkeit hervor, sondern Phantasie. Man sieht nicht den Wert, man sieht bereits die vielen Hände, Programme, Vorhaben, Projekte, Kommissionen und moralisch aufgeladenen Ausgabenpfade, die sich an ihn hängen wie Hofschranzen an einen frisch gekrönten König. Klingbeil nun steht vor diesem Klumpen nicht als Schatzmeister, sondern als Märchenwanderer der modernen Republik, der mit ernster Miene erklärt, man müsse beweglich bleiben, zukunftsfähig handeln, Spielräume eröffnen und dürfe sich von der bloßen Schwerkraft des Geldes nicht aufhalten lassen.

Also wird getauscht. Das Gold wird zum Pferd, und das Pferd trägt den schönen Namen Wahlversprechen. Ein prächtiges Tier auf dem Papier, temperamentvoll im Wahlkampf, erstaunlich störrisch in der Wirklichkeit. Wer ihm zu nahe kommt, merkt rasch, dass es vor allem auf Bühnen gut läuft. Kaum ist der Ritt begonnen, folgt schon die nächste Verwandlung, und aus dem stolzen Pferd wird eine Kuh namens Sozialstaat. Auch sie macht auf den ersten Blick etwas her. Sie wirkt nützlich, beruhigend, unverzichtbar, fast heilig. Doch je länger der Blick auf ihr ruht, desto deutlicher wird, dass an diesem Tier längst mehr gemolken als gefüttert wird. Jeder will mitreden, jeder will daraus Gerechtigkeit gewinnen, und am Ende bleibt von der fürsorglichen Kuh oft nur ein Verwaltungswesen übrig, das Formulare ausgibt, Zuständigkeiten prüft und dem Bürger erklärt, warum Hilfe selbstverständlich versprochen, aber leider nur eingeschränkt verfügbar sei.

Und weil in diesem Märchen die Wirklichkeit nicht als Störung, sondern als Komplizin auftritt, erscheint hinter der Kuh schon das Schwein namens Sondervermögen, rosig, rundlich, freundlich grunzend und so verführerisch harmlos, wie politische Begriffe eben wirken, wenn man sie lang genug geschniegelt hat. Sondervermögen ist eines jener Wörter, die in Berlin klingen, als habe man einen Schatz im Keller entdeckt, obwohl in Wahrheit meist nur ein eleganter Seiteneingang zur Verschuldung geöffnet wird. Das Kunststück besteht darin, Lasten wie Möglichkeiten aussehen zu lassen. Ein Kredit heißt dann nicht mehr Belastung, sondern Instrument. Ein Umweg heißt Flexibilität. Ein Griff in die Zukunft heißt Investition. Und der Mann im roten Wanderrock hebt schon die Arme, noch bevor der Schleifstein der Schulden überhaupt im Brunnen verschwunden ist, als wolle er dem Land zurufen: Seht her, wie leicht man regiert, wenn man sich nur rechtzeitig von der Schwere des eigenen Geldes befreit.

Der Vorteil des Schweins liegt darin, dass es nicht reiten, nicht gemolken und nicht einmal verstanden werden muss. Es genügt, ihm einen würdevollen Namen zu geben, eine Pressekonferenz davorzustellen und den Bürgern zu versichern, dieses Tier sei keineswegs gemästet worden, um später geschlachtet zu werden. Es diene der Zukunft. Das beruhigt. Zukunft ist in der politischen Sprache jener geräumige Stall, in dem jede Ausgabe untergebracht werden kann, sofern man nur ein Schild mit Kindern, Brücken, Sicherheit oder Modernisierung an die Tür hängt. Wer dann noch nach Kosten fragt, gilt schnell als Kleingeist, der vermutlich auch bei einem brennenden Haus erst den Wasserzähler prüfen würde.

Klingbeils Hans hat diese Sprache verinnerlicht. Er tauscht nicht aus Versehen. Er tauscht mit Haltung. Bei jeder Station erscheint ein Berater, ein Staatssekretär oder ein freundlich dreinblickender Experte aus dem Gebüsch und erklärt ihm, weshalb der nächste Gegenstand zwar kleiner, schwerer oder nutzloser wirkt, in Wahrheit jedoch von außerordentlicher strategischer Bedeutung sei. Das Pferd war zu unberechenbar, die Kuh zu teuer, das Schwein dagegen sei krisenfest, europatauglich und haushaltspolitisch anschlussfähig. Hans nickt. Er hat gelernt, dass ein schlechter Tausch nicht schlecht bleibt, wenn man ihn in ausreichender Länge erläutert.

Am Wegesrand stehen die Bürger, die in diesem Märchen keine sprechenden Tiere und keine guten Feen bekommen haben. Sie halten Steuerbescheide, Stromrechnungen, Mietforderungen und jene Formulare in den Händen, deren Sinn vor allem darin besteht, den Antragsteller an seiner eigenen Berechtigung zweifeln zu lassen. Ein Handwerker betrachtet den vorbeiziehenden Zug und fragt sich, weshalb bei ihm jede Anschaffung eine Kalkulation verlangt, während der Staat seine größten Vorhaben bevorzugt mit dem Hinweis begründet, Nichtstun werde noch teurer. Diese Behauptung besitzt eine eigentümliche Unwiderlegbarkeit. Sie gleicht dem Satz eines Wirtes, der jede weitere Flasche damit rechtfertigt, der Kater wäre ohne sie vermutlich schlimmer.

Hans im Glück hört solche Einwände kaum. Vor ihm liegt bereits der Schleifstein. Ein prachtvolles Ungetüm, grau, schwer und mit dem Wort „Schulden“ versehen, damit auch der letzte Zuschauer versteht, was hier gerade zur Tugend verarbeitet wird. Früher galt ein Schleifstein als Last. Heute wäre er vermutlich ein Transformationsfonds mit generationenübergreifender Wirkung. Man würde ihn nicht tragen, man würde ihn hebeln. Man würde nicht fragen, wem er gehört, sondern welche volkswirtschaftlichen Impulse von ihm ausgehen. Und sollte er eines Tages jemanden erschlagen, ließe sich immer noch eine Kommission einsetzen, die prüft, ob der Aufprall sozial ausgewogen erfolgte.

Klingbeil stemmt den Stein dennoch auf seine Schultern, zumindest für den kurzen Weg bis zum Brunnen. Die Fotografen laufen nebenher, Kommentatoren loben seinen Mut, und aus der Ferne ruft jemand, dies sei nun der entscheidende Schritt zur Wiedergewinnung staatlicher Handlungsfähigkeit. Der Satz klingt so groß, dass niemand bemerkt, wie klein die Handlung ist: Man wirft die Last nicht fort. Man lässt sie nur dort hinab, wo man sie vom Weg aus nicht mehr sieht.

Dann geschieht, was in Berlin gern als Befreiung gilt: Der Schleifstein rutscht aus den Händen, schlägt gegen den Brunnenrand und verschwindet mit einem dumpfen Krachen in der Tiefe. Wasser spritzt, Akten fliegen, die Kameras halten drauf. Hans steht daneben, richtet den roten Rock, hebt die Arme und sagt mit jener Erleichterung, die nur Menschen kennen, deren Rechnung erst nach der nächsten Wahl eintrifft: „Endlich sind wir wieder handlungsfähig.“ Der Satz ist vollkommen. Er erklärt nichts, aber er klingt nach Bewegung. Er verschweigt die Last, ohne sie zu leugnen. Und er verwandelt das Geräusch eines fallenden Steins in den Applaus einer gelungenen Finanzpolitik.

Unten im Brunnen liegt der Stein freilich weiter. Er ist nicht verschwunden, nur aus dem Blickfeld geraten. Dort unten heißen seine Kanten Zinsen, spätere Haushalte, vertagte Entscheidungen und jene unsichtbaren Verpflichtungen, die irgendwann wieder ans Licht kommen, meist in Gestalt einer Steuer, einer Kürzung oder eines Ministers, der seinem Vorgänger mangelnde Vorsorge bescheinigt. Das ist der feine Unterschied zwischen Märchen und Regierung: Im Märchen wird eine Last abgeworfen. In der Politik wird sie umgebucht. Aus dem schweren Gegenstand wird eine Zahl, aus der Zahl ein Titel, aus dem Titel ein Fonds und aus dem Fonds ein moralischer Auftrag. Wer dagegen Einwände erhebt, muss erklären, warum er gegen Zukunft, Sicherheit und funktionierende Schulen sei. Der Stein selbst schweigt. Er kennt seine Zeit.

Hans aber wandert weiter, leichtfüßig und zufrieden, vorbei an den Wegweisern nach Bildung, Infrastruktur und Wohlstand, die alle in verschiedene Richtungen zeigen. Das Volk steht am Rand und betrachtet die seltsame Ökonomie dieses Glücks. Es hat den Goldklumpen erwirtschaftet, das Pferd gefüttert, die Kuh versorgt und wird vermutlich auch das Schwein schlachten müssen. Dennoch soll es nun dankbar sein, weil der Mann im roten Rock so sichtbar erleichtert wirkt. Vielleicht liegt darin das eigentliche Geheimnis politischer Märchen: Nicht der Tausch muss überzeugen, sondern das Gesicht des Tauschenden. Wer freundlich genug lächelt, kann selbst den Verlust als gelungene Entlastung verkaufen.

Lars Klingbeil als Hans im Glück ist deshalb keine Karikatur eines einfältigen Mannes. Nein, diese Figur wäre zu billig, wenn sie bloß Dummheit unterstellte. Ihr satirischer Kern liegt in einer politischen Kultur, die jeden Verzicht auf Maß in ein Zeichen von Tatkraft verwandelt und jeden finanziellen Umweg mit einem Wort versieht, das größer klingt als die Verantwortung dahinter. Der moderne Hans weiß sehr wohl, was er tut. Er weiß nur auch, dass politische Verluste selten demjenigen zugerechnet werden, der sie freundlich moderiert. So verlässt er die Bühne ohne Gold, ohne Pferd, ohne Kuh und ohne Schwein, aber mit der Gewissheit, im nächsten Haushalt wieder etwas gefunden zu haben, das sich tauschen lässt.

Und wenn er nicht gestorben ist, macht er weiter neue Schulden Sondervermögen!


… mehr davon: Die Wut des kleinen Mannes

Die Wut des kleinen Mannes - Vom Stammtisch zur Straße – Eine Abrechnung mit Eliten, Medien und Systemversagen - Autor Alfred-Walter von Staufen
Vom Stammtisch zur Straße – Eine Abrechnung mit Eliten, Medien und Systemversagen

Wer den Weg des politischen Hans im Glück bis zum Brunnen verfolgt hat, begegnet dort einer Figur, die im Märchen meist nur am Rand steht: dem Bürger, der den Goldklumpen erarbeitet, die Tiere füttert und am Ende für den versunkenen Schleifstein haftet. Genau an diesem Punkt setzt das Buch „Die Wut des kleinen Mannes“ von mir, Alfred-Walter von Staufen an. Es handelt nicht von jener lauten Empörung, die sich für einige Stunden in den sozialen Netzwerken entlädt, sondern von der langsam gewachsenen Entfremdung zwischen politischer Sprache und erlebter Wirklichkeit.

Wenn Zumutungen regelmäßig als Fortschritt, Verluste als notwendige Transformation und neue Belastungen als Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung verkauft werden, verliert der Bürger nicht nur Geld. Er verliert das Gefühl, mit seiner Arbeit, seiner Sorge und seinem Alltag überhaupt noch vorzukommen. Das Buch führt diese Entwicklung nicht als bloße Anklage vor, sondern als Diagnose eines Staates, dessen Vertreter den Boden unter den Füßen verlieren, während sie behaupten, gerade besonders weit vorauszuschauen. Nach Hans im Glück bleibt deshalb eine nüchterne Frage zurück: Wie lange kann Politik die Wirklichkeit umbenennen, bevor die Wirklichkeit selbst antwortet?


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Autor

  • Porträt von Alfred-Walter von Staufen, Autor und Essayist bei Freunde der Erkenntnis

    Alfred-Walter von Staufen, geboren 1969 in der DDR, begann als Wasserwerker und Industriemeister – in einer Welt, in der Systeme funktionieren müssen, nicht diskutiert werden. Nach Jahren in Industrie und Maschinenprogrammierung verlagerte eine schwere Erkrankung seine Arbeit ins Digitale und schließlich ins Analytische.

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    Seit 2003 erforscht er politische Narrative, Machtstrukturen und Verwaltungsrealitäten. Seine Essays verbinden handwerklichen Systemblick mit publizistischer Präzision – stets mit der Frage, wie Denken gelenkt wird und wo Systeme sich selbst im Weg stehen.

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