Von Alfred-Walter von Staufen
Der Besen trägt jetzt FFP2
Kaum war der alte Hexenmeister namens Verantwortung aus dem Haus, band Jens Spahn sich den Ministermantel um, hob den Beschaffungsstab und sprach jene politische Universalformel, die in Berlin jeden Widerspruch in Nebel verwandelt: Wir mussten handeln. Da richteten sich die Besen auf, setzten Masken auf und marschierten. Erst zu Tausenden, dann zu Millionen, schließlich in Milliardenformation. Im wirklichen Ministerium wurden zu Beginn der Pandemie 5,7 Milliarden Schutzmasken im Wert von rund 5,9 Milliarden Euro beschafft, obwohl der Bundesrechnungshof den tatsächlichen Bedarf rückblickend als deutlich geringer bewertete. Nur zwei Milliarden Masken wurden verteilt, davon etwa 1,7 Milliarden in Deutschland. Der Rest geriet in jenes eigentümliche Zwischenreich des Staates, in dem Waren lagern, Verfallsdaten näher rücken und Zuständigkeiten einander höflich die Hand geben. (1)
Der Zauberspruch hieß Open House. Jeder Anbieter, der rechtzeitig FFP2-Masken liefern konnte, erhielt eine Abnahmegarantie zu 4,50 Euro pro Stück; eine Mengenbegrenzung fehlte. Das vorgesehene Budget von 500 Millionen Euro war binnen weniger Tage überrannt, und Lieferzusagen im Wert von mehr als fünf Milliarden Euro standen vor der Tür. (2) Ein Besen trägt einen Eimer. Ein Berliner Beschaffungsbesen bringt gleich die Rechnung mit, beschäftigt anschließend Juristen und nennt das Ganze Vorsorge. Die Notlage des Frühjahrs 2020 war real, Schutzausrüstung war knapp, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen warteten. Gerade deshalb bestand die Aufgabe eines Ministers nicht allein im Einkauf, auch Maß, Kontrolle und ein belastbares Verfahren gehörten zum Handwerk. Panik erklärt Eile. Sie adelt nicht automatisch jede Entscheidung.
Spahn verteidigte sein Vorgehen mit eben dieser Ausnahmelage. Der später von Margaretha Sudhof erarbeitete Bericht zeichnete ein weit weniger heldisches Bild: Dem früheren Minister wurde vorgeworfen, Warnungen und fachliche Einwände übergangen, überteuerte Beschaffungen begünstigt und Bedarfsprüfungen vernachlässigt zu haben; Spahn wies diese Vorwürfe zurück. Im Bundestag wurde zugleich ein Prozesskostenrisiko von rund 2,3 Milliarden Euro genannt. (3) Das ist der Augenblick, in dem im Märchen das Wasser bereits auf der Treppe steht, während der Lehrling erklärt, die Eimer seien unter den damaligen Umständen alternativlos gewesen.
Fairness gehört auch in die Satire: Mehr als 170 Strafanzeigen führten nicht zu einem Ermittlungsverfahren. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin teilte im März 2026 mit, ihre Prüfung habe keine zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Straftat ergeben. (4) Politische Verantwortung ist jedoch kein kleineres Strafrecht mit schlechteren Perücken. Sie beginnt gerade dort, wo ein Staatsanwalt nichts findet, der Rechnungshof aber sehr wohl etwas zu zählen hat. Der Zauberlehrling dieser Geschichte steht deshalb nicht als verurteilter Täter im Maskenlager. Er steht dort als Virtuose einer Macht, die Milliarden bewegen kann und später vor allem die eigene Unschuld verwaltet. Hinter ihm rascheln die Kartons. Vor ihm laufen die Kameras. Und irgendwo sucht der Bürger noch immer nach dem Wort, das den Besen anhält.
Der Arzneikessel und die diskrete Seitentür
Weil ein Zauberlehrling selten bei einem einzigen Besen bleibt, öffnete Spahn nach dem Maskenlager auch die Hofapotheke. Für zunächst 400 Millionen Euro wurden monoklonale Antikörper gegen Covid-19 eingekauft; weitere Bestellungen ließen die von CORRECTIV rekonstruierte Gesamtsumme auf rund 600 Millionen Euro steigen. Die meisten Dosen seien ungenutzt geblieben und später entsorgt worden, bestätigte das Gesundheitsministerium der Redaktion. Zum Zeitpunkt der ersten Bestellung waren die Mittel in der Europäischen Union noch nicht zugelassen, Fachleute hielten die Datenbasis für unzureichend. (5) Im Märchen dampft der Kessel, im Ministerium läuft das Verfallsdatum. Beides erzeugt Rauch, doch nur eines wird aus Steuern bezahlt.
Während draußen Bürger auf Abstand warteten, gab es im Schloss eine diskrete Seitentür für Menschen, deren Anliegen bereits einen Briefkopf besaßen. Der damalige Galeria-Eigentümer René Benko warb bei Spahn für die Öffnung großer Warenhäuser. Am Morgen des 6. Mai 2020 schickte Spahn ihm nach Medienrecherchen einen Entwurf der Beschlussvorlage für die Ministerpräsidentenkonferenz, versehen mit „vertraulich z Kt.“; noch am selben Tag wurden Öffnungsschritte für alle Geschäfte beschlossen. Spahns Sprecher erklärte später, Kontakte zu besonders betroffenen Branchen seien damals üblich und hilfreich gewesen. (6) Das kann stimmen. Es erklärt nur nicht, weshalb politische Gleichbehandlung in Krisenzeiten bisweilen wie ein Wartezimmer organisiert ist: Einige ziehen eine Nummer, andere kennen den Lehrling.
Auch die bürgerliche Geselligkeit bekam ihren eigenen Zauber. Am 20. Oktober 2020 speiste Spahn in Leipzig mit etwa einem Dutzend Unternehmern; am folgenden Tag wurde seine Corona-Infektion öffentlich. Im Nachgang flossen Spenden an seinen CDU-Kreisverband Borken, laut damaliger Berichterstattung in Höhe von 9.999 Euro und damit einen Euro unter der seinerzeitigen Veröffentlichungsschwelle. Die Namen der Spender wurden nicht offengelegt; Spahns Büro betonte, er habe privat teilgenommen, und die Spenden seien nicht an ihn persönlich gegangen. (7) Juristisch mag ein Euro eine Grenze sein. Politisch ist er eine Pointe, die sich selbst schreibt.
Dann tauchten 570.000 FFP2-Masken auf, geliefert von der Burda GmbH, bei der Spahns Ehemann Daniel Funke damals die Berliner Repräsentanz leitete. Burda erklärte, Funke sei weder informiert noch beteiligt gewesen, es habe keine Provision gegeben und die Masken seien zum Selbstkostenpreis weitergereicht worden; das Ministerium sprach von einem standardisierten Verfahren zu marktüblichen Preisen. (8) Ein persönlicher Vorteil ist damit nicht belegt. Doch Macht lebt nicht allein von justiziablen Verfehlungen. Sie verliert Vertrauen bereits dort, wo Nähe, Geschäft und Amt so eng beieinanderstehen, dass der Bürger eine Lupe braucht, um ihre Grenzen zu erkennen.
So wird aus dem Zauberlehrling allmählich ein Meister der politischen Verwandlung: Aus Fehlmengen werden Vorsorge, aus privilegierten Kontakten wird Branchenkenntnis, aus punktgenauen Spenden wird ordnungsgemäße Parteienfinanzierung, aus jeder auffälligen Nähe ein bedauerliches Missverständnis. Nichts davon beweist persönliche Bereicherung. Zusammen ergibt es dennoch ein Regierungsverständnis, in dem Verantwortung stets groß angekündigt und am Ende in sehr kleine Zuständigkeiten portioniert wird.
Die feinen Geschäfte des Lehrlings
Im letzten Zimmer des Zauberschlosses stehen keine Besen mehr, dort liegen Kaufverträge. 2017 erwarben Spahn und sein Ehemann für 980.000 Euro eine Berliner Wohnung vom damaligen Pharmamanager Markus Leyck Dieken; 2019 berief Spahn ihn an die Spitze der Gematik. Das Ministerium erklärte, Leyck Dieken habe sich in einem offenen Verfahren gegen sieben Mitbewerber durchgesetzt. Sein Fixgehalt betrug 300.000 Euro, 110.000 Euro mehr als das seines Vorgängers. Beide bestritten, dass persönliche Bekanntschaft oder Wohnungsgeschäft bei der Besetzung eine Rolle gespielt hätten. (9) Belegt ist keine Begünstigung. Sichtbar bleibt eine Nähe, bei der der politische Zufall auffallend gut möbliert wirkt.
Als Journalisten diese Räume ausleuchten wollten, griff der Hausherr nicht zum Kerzenhalter, er schickte Anwälte. Diese verlangten vom Grundbuchamt Namen, Anfragen und Schriftverkehr von Medienvertretern, die Spahns Immobiliengeschäfte untersuchten; das Amt gab die Informationen heraus. Journalistenverbände kritisierten den Vorgang als verstörend und mahnten die Achtung der Pressefreiheit an. (10) Im Märchen lässt der Lehrling den Spiegel verhängen, weil ihm das Spiegelbild zu neugierig geworden ist.
Das Talent zur günstigen Grenzführung zeigte sich schon früher. Als Finanzstaatssekretär beteiligte sich Spahn mit 15.000 Euro am Steuer-Start-up Pareton und erhielt dafür einen staatlichen Zuschuss von 3.000 Euro; nach Kritik kündigte er an, die Beteiligung zu verkaufen und die Förderung zurückzuzahlen. (11) Die Bundesregierung hielt die bloße Unternehmensbeteiligung rechtlich für zulässig. (12) Zwischen 2006 und 2010 hielt er außerdem genau 25 Prozent an Politas, einer Beratungs- und Lobbyagentur mit Kunden aus Medizin und Pharma, während er dem Gesundheitsausschuss angehörte. Offenlegungspflicht bestand damals erst oberhalb von 25 Prozent; Spahn erklärte, es habe keinen Interessenkonflikt gegeben. (13) Der Zauber steckt bisweilen in einem einzigen Prozentpunkt, gelegentlich sogar in dessen Abwesenheit.
Am Ende holte Spahn ein Zauber ein, der weder Maskenlager noch Geschäftsfreunde betraf. Er und sein Ehemann wurden mithilfe einer Leihmutter in den USA Eltern. Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten, die CDU lehnt ihre Legalisierung ab, und auch Spahn hatte sich in der Vergangenheit dagegen ausgesprochen. Am 18. Juli 2026 trat er als Vorsitzender der Unionsfraktion zurück; Friedrich Merz nannte den Schritt „richtig und unvermeidlich“. (14) Die politische Pointe liegt im Widerspruch zwischen öffentlichem Maßstab und privater Entscheidung. Das Kind ist kein Requisit der Satire, die Familienform kein Anlass für Häme. Wer den Lehrling kritisiert, darf seine Doppelmoral beschreiben; wer das Kind herabsetzt, verlässt das Feuilleton und betritt den Jahrmarkt.
So endet die Geschichte ohne Hexenmeister, denn in der wirklichen Politik kommt selten jemand zurück, der den Besen zerschlägt. Es bleiben Maskenberge, Arzneikisten, diskrete Zugänge, schmale Offenlegungsgrenzen und ein Mann, der in fast jeder Affäre denselben letzten Zauber beherrscht: Verantwortung wird in Umstände verwandelt, Kritik in Unfairness und der eigene Machtverlust in persönliche Verfolgung.
… und wenn er nicht gestorben ist, so mimt er noch heute das Opferlamm – in jener politischen Villa, in der Verantwortung immer nur zur Untermiete wohnt.
Wenn Macht die Bodenhaftung verliert

Wer nach diesem Maskenmärchen wissen möchte, weshalb politische Zumutungen bei den Bürgern nicht einfach verschwinden, findet in „Die Wut des kleinen Mannes“ von Alfred-Walter von Staufen eine unbequeme Fortsetzung. Das Buch handelt von jener wachsenden Entfernung zwischen Regierenden und Regierten, in der Milliardenentscheidungen als Sachzwang erscheinen, während der Bürger jede Rechnung, jede Vorschrift und jede Verteuerung persönlich zu tragen hat.
Diese Wut entsteht nicht aus mangelndem Verständnis für Krisen. Sie wächst aus dem Eindruck, dass Verantwortung nach oben hin immer leichter und Rechenschaft nach unten hin immer schwerer wird. Wenn politische Fehler folgenlos bleiben, offensichtliche Widersprüche zu Kommunikationsproblemen erklärt werden und aus Kritikern plötzlich Störenfriede werden, verliert der Staat seine Glaubwürdigkeit nicht mit einem großen Knall. Er verliert sie Bescheid für Bescheid, Ausrede für Ausrede, Maskenkarton für Maskenkarton.
„Die Wut des kleinen Mannes“ beschreibt diese Entfremdung mit Schärfe, aber auch mit dem notwendigen Blick auf jene politische Bodenhaftung, ohne die Demokratie zur bloßen Kulisse ihrer eigenen Sonntagsreden wird.
Quellen:
(1) https://www.bundesrechnungshof.de/SharedDocs/Downloads/DE/Berichte/2024/maskenbeschaffung-volltext.pdf?__blob=publicationFile&v=2
(2) https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/corona-masken-spahn-sudhof-bericht-100.html
(3) https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw26-de-aktuelle-stunde-maskenbeschaffung-sonderberauftragter-1095266
(4) https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/masken-kauf-jens-spahn-cdu-corona-verfahren-100.html
(5) https://correctiv.org/aktuelles/das-spahn-netzwerk/2025/09/15/wie-jens-spahn-hunderte-millionen-euro-verbrannte/
(6) https://www.tagesspiegel.de/politik/offnungszeiten-von-kaufhausern-woruber-sich-jens-spahn-und-milliardar-rene-benko-in-der-pandemie-ausgetauscht-haben-13484668.html
(7) https://www.tagesspiegel.de/politik/jens-spahn-will-namen-der-spender-nicht-nennen-4239268.html
(8) https://www.tagesspiegel.de/politik/arbeitgeber-von-spahns-ehemann-verkaufte-masken-an-gesundheitsministerium-5393545.html
(9) https://www.tagesspiegel.de/politik/wie-jens-spahn-einen-alten-freund-in-einen-top-job-holte-5863036.html
(10) https://www.tagesspiegel.de/politik/ein-bundesminister-sollte-die-pressefreiheit-achten-4232827.html
(11) https://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-08/jens-spahn-fintech-startup-beteiligung-kritik-reaktion
(12) https://dserver.bundestag.de/btd/18/135/1813533.pdf
(13) https://www.abgeordnetenwatch.de/recherchen/lobbyismus/jens-spahn-an-lobbyfirma-beteiligt
(14) https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/jens-spahn-ruecktritt-100.html

















