Zwischen WLAN-Passwörtern, Biotonne und Heizlüfter
So isser … der Deutsche Michel: Er kannte im Haus inzwischen sechs WLAN-Namen, aber nur zwei Nachbarn. Einer davon war Else, und die wohnte mit ihm zusammen.
Am Dienstagmorgen stand Michel leicht geduckt im Treppenhaus und versuchte, mit hochgezogenen Schultern so unauffällig am schwarzen Brett vorbeizukommen, als könne man von Hausordnungen persönlich angesprochen werden. Dort hing ein Zettel: „Heizungsausfall Wohnung 3B. Bitte Rücksicht nehmen.“ Michel blieb stehen.
„Rücksicht“, murmelte er. „Das ist vernünftig. Rücksicht nehme ich gern. Wohin denn?“
Emma, die gerade die Treppe herunterkam, sah ihn an. „Opa, da friert jemand.“
Michel nickte. „Das steht da nicht.“
„Es steht da in erwachsen.“
Das überzeugte ihn nur halb, aber immerhin mehr als die Hausgruppe auf seinem Handy. Dort waren inzwischen siebenundvierzig Nachrichten eingegangen. Drei davon betrafen die Heizung. Vierundvierzig die Biotonne.
Rüdiger aus dem zweiten Stock hatte ein Foto geschickt. Die Tonne stand tatsächlich etwa drei Zentimeter zu weit links. Darunter schrieb er: „So fängt es an.“
Niemand wusste genau, was anfing. Aber alle waren dagegen.
Michel las weiter. „Die Wegeordnung muss eingehalten werden“, schrieb jemand. „Brandschutz!“, schrieb ein anderer. Ein Dritter verlangte eine außerordentliche Eigentümerversammlung, obwohl er zur Miete wohnte. Michel fand das beeindruckend. Deutschland war schließlich das einzige Land, in dem man selbst fremdes Eigentum ordentlich verwalten konnte.
„Und wer wohnt in 3B?“, fragte Emma.
Michel überlegte. „Vielleicht FRITZBox-7490-Gastzugang.“
Emma blinzelte. „Das ist kein Mensch.“
„Man weiß heute ja nie.“
Also begann Michel zu klingeln. Bei der ersten Tür öffnete ein Mann im Bademantel.
„Guten Abend“, sagte Michel um halb zehn morgens. „Sind Sie vielleicht FRITZBox-7490-Gastzugang?“
Der Mann schloss wortlos die Tür.
„Nein“, notierte Michel sorgfältig auf seinem Zettel. „Schon mal einer weniger.“
Bei der nächsten Wohnung meldete sich eine Frau hinter der Sprechanlage.
„Hier Michel aus 2A. Wissen Sie zufällig, wer NETGEAR_5G_EXT ist?“
„Mein Drucker.“
Michel strich ebenfalls etwas durch. „Dann friert wenigstens der nicht.“
Nach vier Türen kannte Michel immer noch keinen Namen, aber zwei Router, einen Drucker und das Passwort „Sommerurlaub2019!“, das Rüdiger versehentlich laut durch den Flur gerufen hatte.
Dann kam Herr Petersen die Treppe hoch, Werkzeugtasche in der Hand, ruhig wie jemand, der Probleme nicht diskutierte, solange man sie festschrauben konnte.
„Wen suchst du?“
Michel zeigte auf den Zettel.
Petersen las kurz. „Frau Krüger. Dritter Stock. Seit zwanzig Jahren.“
Michel sah nach oben. „Ach. Hilde.“
„Du kennst sie also.“
„Jetzt wieder.“
In diesem Augenblick öffnete oben eine Tür. Hilde stand dort in zwei Strickjacken und einer Wolldecke.
„Die Heizung ist seit gestern kalt“, sagte sie. „Aber ich wollte niemanden stören.“
Michel sah auf sein Handy. Die Hausgruppe meldete inzwischen Nachricht Nummer achtundfünfzig.
Rüdiger hatte nachgemessen.
Die Biotonne stand jetzt vier Zentimeter zu weit links.
Michel reagierte auf Hilde sofort. Also beinahe sofort. Zunächst musste er Else erklären, warum er mit einem WLAN-Verzeichnis im Treppenhaus stand.
Else sah auf den Zettel.
„Michel, warum steht hier bei Frau Krüger FRITZBox unbekannt?“
„Weil wir noch ermitteln.“
„Was?“
„Die Nachbarschaft.“
Else nahm ihm den Zettel aus der Hand. „Hilde braucht Wärme. Keine Rasterfahndung.“
Das war der Moment, in dem Michel beschloss zu handeln. Er hatte nämlich durchaus Gemeinsinn. Er bewahrte ihn nur bisher sorgfältig für besondere Gelegenheiten auf.
„Wir haben doch im Keller diesen Heizlüfter.“
„Genau.“
„Dann hole ich ihn.“
„Genau.“
Else kannte ihren Mann gut genug, um bei zweimal „genau“ bereits nervös zu werden.
Michel verschwand im Keller und kam fünf Minuten später schwer atmend zurück. Vor sich schob er die grüne Biotonne.
Emma stand auf der Treppe.
„Opa.“
„Ja?“
„Das ist die Biotonne.“
Michel blieb stehen.
Er betrachtete die Tonne.
Dann betrachtete er Emma.
„Deshalb hat sie so schlecht geheizt.“
Herr Petersen nahm ihm wortlos den Deckel aus der Hand, den Michel offenbar vorsichtshalber mitgebracht hatte.
„Der Heizlüfter steht rechts neben deinem Fahrrad.“
Michel nickte. „Natürlich. Ich wollte nur testen, ob hier jemand aufpasst.“
„Bestanden“, sagte Emma.
Während Michel erneut in den Keller ging, hatte sich die Hausgruppe weiterentwickelt. Inzwischen war die Diskussion um die Biotonne in drei Fraktionen zerfallen. Die erste wollte sie zurückstellen. Die zweite wollte zunächst klären, wer sie verstellt hatte. Die dritte forderte ein grundsätzliches Konzept für Müllgefäßstandorte.
Rüdiger schrieb: „Es geht hier ums Prinzip.“
Hilde saß derweil mit kalten Händen in ihrer Wohnung.
Michel las die Nachricht und blieb stehen.
„Komisch“, sagte er.
„Was?“, fragte Petersen.
„Wir sind vierzehn Leute im Haus und schaffen es innerhalb von sieben Minuten, eine Arbeitsgruppe für eine Mülltonne zu bilden. Aber für Hilde brauchen wir offenbar eine Tagesordnung.“
Petersen nickte. „Dann lass die Tagesordnung weg.“
Das war für Michel ein ungewöhnlicher Gedanke. Fast revolutionär. Allerdings ohne Transparent, was ihm entgegenkam.
Zehn Minuten später saß Hilde mit zwei Decken auf dem Sofa. Emma brachte Tee. Petersen schloss den Heizlüfter an. Michel stellte eine Thermoskanne auf den Tisch und erklärte stolz, er habe sogar den Notdienst angerufen.
„Und?“, fragte Hilde.
„Es kommt jemand zwischen zwölf und achtzehn Uhr.“
„Heute?“
Michel sah auf seinen Zettel.
„Das hätte ich vielleicht fragen sollen.“
Da klingelte es.
Vor der Tür stand Rüdiger mit seinem Smartphone.
„Ich wollte nur sagen, dass die Biotonne wieder richtig steht.“
Michel blickte ihn an.
Dann auf Hilde.
Dann wieder auf Rüdiger.
„Prima“, sagte er. „Jetzt fehlt nur noch der Mensch.“
Rüdiger blieb in der Tür stehen.
„Wie meinst du das?“
Michel wollte gerade antworten, als sein Handy piepte. In der Hausgruppe hatte jemand geschrieben: „Wer hat den Heizlüfter aus dem Gemeinschaftskeller genommen?“
Michel sah auf das Gerät.
Dann auf Petersen.
Dann auf Hilde.
„Wir“, schrieb er.
Drei Sekunden später erschien: „Ohne vorherige Abstimmung?“
Michel tippte: „Mit vorherigem Frieren.“
Else, die inzwischen mit einer zweiten Thermoskanne gekommen war, las über seine Schulter.
„Schreib noch: Hilde braucht Hilfe.“
Michel tippte.
Dann löschte er wieder.
„Warum löschst du?“
„Klingt so persönlich.“
Else sah ihn an.
„Michel. Hilde ist eine Person.“
Das war schwer zu widerlegen.
Also schrieb Michel: „Frau Krüger in 3B hat keine Heizung. Wir haben einen Heizlüfter, Decken und Tee gebracht. Wer noch eine Decke oder einen zweiten Heizlüfter hat, bitte melden.“
Für fast eine Minute geschah nichts.
Eine ganze Minute Stille in einer deutschen Hausgruppe war bemerkenswert. Normalerweise reichte bereits ein falsch abgestellter Kinderwagen, damit jemand die Genfer Konvention heranzog.
Dann schrieb Frau Lehmann aus 1A: „Ich habe eine Wolldecke.“
Herr Özdemir aus 4C: „Kann Suppe bringen.“
Jemand namens „Sonnenschein72“, den Michel bisher für ein WLAN gehalten hatte, schrieb: „Ich habe einen zweiten Heizlüfter.“
Michel starrte auf das Display.
„Sonnenschein72 ist Frau Baumann!“
Emma grinste. „Du lernst heute richtig viele Menschen kennen.“
Eine Viertelstunde später wurde Hildes Wohnung voller. Einer brachte Suppe, eine andere Decken, Petersen telefonierte noch einmal mit dem Notdienst, und Rüdiger stand etwas verloren im Flur.
Schließlich räusperte er sich.
„Ich könnte… also… die Biotonne morgen rausstellen.“
Hilde lächelte. „Das wäre nett.“
Rüdiger nickte erleichtert. Endlich eine Aufgabe in seinem Kompetenzbereich.
Am Abend schlug Michel in der Hausgruppe vor, künftig neben Beschwerden auch Hilfeanfragen hineinzuschreiben.
„Vielleicht“, formulierte er vorsichtig, „könnten wir uns auch mal gegenseitig helfen. Nur freiwillig natürlich.“
Rüdiger antwortete: „Grundsätzlich guter Gedanke. Sollte man aber strukturieren.“
Michel schrieb: „Wir könnten anfangen, bevor die Struktur fertig ist.“
Danach legte er das Handy weg. Das war vermutlich seine mutigste Handlung des Tages.
Später stand Michel noch einmal im Treppenhaus. Etwas aufrechter als morgens. Nicht viel. Vielleicht zehn Zentimeter. Aber genug, um zu merken, dass Nachbarschaft nicht dort beginnt, wo Menschen dieselbe Adresse haben. Sie beginnt dort, wo einer merkt, dass dem anderen kalt ist, und nicht zuerst fragt, wer zuständig ist.
Michel kannte an diesem Abend Hilde, Frau Baumann, Herrn Özdemir und Frau Lehmann. Vier neue Namen. Dafür hatte er zwei WLAN-Passwörter vergessen.
Es war ein ausgesprochen guter Tausch.
Wo jeder nur sein eigenes Süppchen kocht,
wird viel gemeckert, selten noch gepocht.
Doch hilft man dem Nachbarn, statt Regeln zu hüten,
steht selbst die Biotonne plötzlich auf der Seite der Guten.



















