Eine Satire über Steuergeld und Verschwendung
Von Alfred-Walter von Staufen
So isser … der Deutsche Michel
Der Deutsche Michel hatte beschlossen, die Gemeinde zu retten. Nicht politisch, das wäre ihm zu anstrengend gewesen, sondern mit einem Teebeutel.
Am Dienstagmorgen lag zwischen der Werbung für Dachrinnenreinigung und einem Prospekt über rückenschonende Fernsehsessel eine Broschüre mit dem Titel „Jeder Tropfen zählt“. Michel las das sofort als persönlichen Auftrag. Er war schließlich Bürger, und wenn jeder Tropfen zählte, wollte er nicht ausgerechnet den Tropfen spielen, der durchfiel.
Die Gemeinde empfahl kürzeres Duschen, sparsames Händewaschen, mehrfach verwendete Teebeutel und das besonders gründliche Auskratzen von Joghurtbechern. Michel nickte bei jedem Punkt. Beim Joghurt sogar zweimal, weil er den ersten Nicker für eine Lesebrille gehalten hatte und suchte, obwohl sie auf seiner Nase saß.
„Else“, sagte er feierlich, „wir leben offenbar über unsere Verhältnisse.“
Else sah auf seinen Teller mit zwei Frühstückseiern, drei Scheiben Toast und einem Stück Mettwurst. „Du vielleicht.“
Michel begann noch am selben Vormittag mit der kommunalen Selbstrettung. Zum Duschen stellte er eine Eieruhr auf drei Minuten. Leider war es die mechanische, die nach Ablauf so laut klingelte, dass Michel erschrak, die Seife fallen ließ und weitere vier Minuten damit verbrachte, sie unter dem Duschvorhang hervorzufischen. Sparsamkeit, stellte er fest, war offenbar zeitintensiv.
Das kalte Vorlaufwasser fing er gewissenhaft auf. Erst in einem Topf, dann in drei, schließlich in zwölf. Als Else zum Mittagessen Kartoffeln kochen wollte, standen sämtliche Töpfe im Badezimmer voll mit Wasser.
„Wofür ist der große Bräter?“
„Waschbeckenreserve.“
„Und worin koche ich?“
Michel dachte kurz nach. „Wir könnten kalte Suppe essen. Spart Energie.“
Else nahm den Bräter. Damit war bereits die erste kommunale Einsparmaßnahme privatisiert.
Beim Tee wurde Michel ehrgeizig. Der erste Aufguss schmeckte nach Darjeeling, der zweite nach Erinnerung, der dritte nach warmem Gerücht. Beim vierten hielt Michel die Tasse gegen das Fenster und meinte, man könne die Farbe erahnen, wenn man an Tee glaube.
Emma, die nach der Schule vorbeikam, probierte einen Schluck und verzog das Gesicht.
„Opa, das ist heißes Wasser.“
„Nein“, sagte Michel. „Das ist nachhaltiger Tee.“
„Wo ist der Tee?“
Michel betrachtete den Beutel. „Im Ruhestand.“
Während er den Joghurtbecher mit einem Teelöffel so gründlich auskratzte, dass das Plastik vermutlich bald um Zeugenschutz bitten würde, kippte er den dritten Teeaufguss versehentlich in Elses Zimmerpflanze. Die ließ augenblicklich ein Blatt hängen.
„Siehst du“, sagte Else. „Sogar der Ficus will richtigen Tee.“
Michel wollte gerade widersprechen, als ihm das Gemeindeblatt auffiel. Auf Seite drei stand: „Neuer multifunktionaler Begegnungswürfel stärkt urbane Aufenthaltsqualität.“
Michel blinzelte.
„Was begegnet sich denn da?“
Emma las weiter. „Das wird noch in einem Beteiligungsverfahren ermittelt.“
Michel sah auf seinen nahezu durchsichtigen Tee.
Zum ersten Mal an diesem Tag hatte er das Gefühl, dass vielleicht nicht nur sein Teebeutel zu lange im Wasser lag.
Am Nachmittag setzte Michel seine Sparoffensive fort. Er klebte einen Zettel an den Kühlschrank: „Licht aus! Wasser aus! Zweifel später!“ Den letzten Punkt hatte Else ergänzt.
Dann kam Nachbar Rüdiger vorbei. Rüdiger war ein Mann, der im Internet schon dreimal die Republik gerettet hatte, allerdings immer zwischen Abendessen und Sportschau.
„Habt ihr das mit dem Würfel gelesen?“, fragte er und hielt sein Handy hoch.
Michel nickte. „Begegnungswürfel. Multifunktional.“
Rüdiger schnaubte. „Hundertachtzigtausend Euro.“
Michel verschluckte sich an seinem fünften Teeaufguss, was bemerkenswert war, weil sich darin inzwischen kaum noch etwas befand, woran man sich verschlucken konnte.
„Hundertachtzigtausend? Für einen Würfel?“
„Mit Konzept.“
„Ach so“, sagte Michel erleichtert. „Dann ist er ja nicht leer.“
Rüdiger wischte über sein Display. Der Würfel sollte aus wetterfestem Verbundmaterial bestehen, durch eine „niedrigschwellige Aufenthaltsarchitektur“ spontane Begegnungsformate fördern und in einer zweiten Projektphase „partizipativ funktionalisiert“ werden.
Michel las den Satz zweimal. Beim dritten Mal vermutete er, sein Deutsch sei abgelaufen.
„Kann man sich da reinsetzen?“
„Noch offen.“
„Kann man was kaufen?“
„Nein.“
„Ist wenigstens eine Toilette drin?“
„Nicht vorgesehen.“
Michel kratzte nachdenklich am Joghurtdeckel. „Dann ist die Funktion ja schon ziemlich gut geschützt.“
Am Abend fand im Rathaus die öffentliche Haushaltsberatung statt. Michel wollte eigentlich nur zuhören. Else schickte ihn trotzdem hin.
„Frag nach.“
„Ich will nicht unangenehm auffallen.“
„Michel, du trägst eine rote Zipfelmütze.“
Das Argument war schwer zu widerlegen.
Im Sitzungssaal saß Herr Knösel hinter drei Aktenmappen, zwei Tabellen und einem Gesichtsausdruck, der vermutlich ebenfalls abgeheftet war. Er erläuterte, der Begegnungswürfel sei Bestandteil eines integrierten kommunalen Transformationsansatzes mit externer Prozessbegleitung.
Michel hob zaghaft die Hand, allerdings nur, weil er seine Broschüre auffangen wollte, die ihm vom Schoß rutschte.
Herr Knösel sah ihn.
„Bitte, Herr Michel.“
Michel erstarrte. Rüdiger, zwei Reihen hinter ihm, duckte sich sofort hinter sein Smartphone.
„Äh“, begann Michel, „ich wollte eigentlich nur meinen Tropfen retten.“
Stille.
Dann hielt er die Broschüre hoch. „Hier steht, ich soll beim Duschen drei Minuten sparen, den Teebeutel mehrfach benutzen und den Joghurtdeckel ablecken.“
Herr Knösel nickte dienstlich.
„Das sind niederschwellige individuelle Ressourceneffizienzimpulse.“
Michel blickte zu Emma, die neben Else saß.
„Ist das Deutsch?“
Emma flüsterte: „Nur wenn es Geld kostet.“
Ein paar Leute lachten.
Herr Knösel räusperte sich. „Die Maßnahme ist selbstverständlich förderfähig.“
Michel nickte langsam. „Das beruhigt mich. Ich bin auch förderfähig. Else fördert mich seit Jahren aus dem Sessel.“
Diesmal lachte sogar jemand aus der Verwaltung. Herr Knösel nicht. Möglicherweise war Lachen im Haushaltsplan nicht vorgesehen.
Michel wurde rot. Aber er setzte sich nicht.
Noch nicht.
Herr Knösel blätterte in seiner Akte, als könne sich irgendwo zwischen Seite 47 und Anlage C eine Antwort verstecken.
„Der Begegnungswürfel“, begann er, „wird durch ein abgestimmtes Förderkulissenmanagement unter Einbeziehung externer Expertise begleitet.“
Michel hob die Augenbrauen. „Ist das die Beratung?“
„Unter anderem.“
„Was kostet die?“
Herr Knösel blätterte schneller.
„Die konzeptionelle Begleitung beläuft sich auf 38.500 Euro.“
Michel sah auf seine Sparbroschüre. Dann auf Herr Knösel. Dann wieder auf die Broschüre.
„Für 38.500 Euro könnte man aber sehr viele Teebeutel nicht wegwerfen.“
Rüdiger nickte energisch aus sicherer Entfernung. „Genau!“
Else drehte sich um. „Dann sag es doch selbst.“
Rüdiger sah plötzlich sehr beschäftigt aus. Offenbar war auf seinem Handy gerade die Revolution abgestürzt.
Herr Knösel erklärte weiter, dass zusätzlich eine Machbarkeitsstudie, ein Gestaltungskonzept und eine „moderierte Nutzungsfindung“ vorgesehen seien.
Michel runzelte die Stirn. „Sie haben also einen Würfel gekauft, bevor Sie wussten, was man damit macht?“
„So würde ich das nicht formulieren.“
„Wie würden Sie es formulieren?“
Herr Knösel holte Luft.
Michel hob rasch die Hand. „Nein, lassen Sie. Sonst brauchen wir noch eine zweite Sitzung.“
Jetzt lachte der ganze Saal.
Michel spürte, wie seine Schultern ein kleines Stück nach unten und gleichzeitig sein Rücken ein kleines Stück nach oben wanderte. Anatomisch war das vermutlich kompliziert, politisch jedoch erstaunlich einfach.
Er blickte noch einmal auf die Broschüre.
„Ich habe heute zwölf Töpfe mit Duschwasser gefüllt, meinen Tee so oft aufgegossen, dass er inzwischen nur noch von seiner Vergangenheit lebt, und einen Joghurtbecher ausgekratzt, bis ich beinahe auf der anderen Seite herauskam.“
Else murmelte: „Stimmt leider alles.“
Michel schluckte.
„Und nun möchte ich nur wissen: Warum soll der Bürger beim Joghurtdeckel sparen, während die Gemeinde einen Begegnungswürfel finanziert, dem bislang hauptsächlich die Begegnung mit Steuergeld gelungen ist?“
Es wurde still.
Herr Knösel sah nicht verärgert aus. Eher wie ein Mann, der plötzlich entdeckt hatte, dass ein Formular auch Rückfragen zuließ.
Emma lächelte.
Michel setzte sich wieder. Langsam. Fast ein wenig überrascht über sich selbst.
Am nächsten Morgen duschte er vier Minuten. Das Vorlaufwasser fing er weiterhin auf, allerdings nur in einem Eimer. Den Teebeutel benutzte er zweimal. Beim dritten Aufguss verweigerte Else ihm vorsorglich den Wasserkocher.
Michel hatte verstanden, dass Sparsamkeit nichts mit Geiz zu tun hatte. Wer mit eigenen Dingen sorgsam umging, tat etwas Vernünftiges. Wer jedoch über das Geld anderer entschied, trug noch mehr Verantwortung, nicht weniger. Kleine Beträge wurden nicht dadurch bedeutungslos, dass daneben große standen.
Aber selbst Sparsamkeit beginnt bekanntlich klein.
Michel spart Wasser, Strom und Tee,
der Würfel kostet trotzdem weh.
Man mahnt den Bürger: „Spare fein!“
Beim fremden Geld fällt’s leichter ein.
Seine rote Zipfelmütze hing an diesem Morgen etwas weniger nach unten. Nicht viel. Vielleicht zehn Zentimeter.
















