Warum „passt schon“ manchmal die größte Lüge ist
So isser … der Deutsche Michel!
Immer am ersten Sonntag im Monat führt Michel seine Frau Else und Enkelin Emma aus, in das Gasthaus „Zur alten Post“. Zumindest denkt er dies.
Michel hatte, wie üblich aus Gewohnheit, im Lokal ein Schnitzel bestellt und bekam ein Baumaterial. Außen war es von jener tiefen Schwärze, die sonst nur Schornsteinfeger und Steuerbescheide nach Mitternacht besitzen, innen dagegen zeigte es Widerstand, starken Widerstand. Nicht geschmacklich, ehr Mechanisch.
Michel saß leicht geduckt auf seinem Stuhl, die rote Zipfelmütze hing ihm über das rechte Ohr, und er betrachtete das Schnitzel mit jener höflichen Besorgnis, die Deutsche entwickeln, wenn sie etwas reklamieren müssten, das bereits bezahlt werden könnte. Ihm gegenüber saß Else und beobachtete, wie Michel zum dritten Mal versuchte, mit dem Brotmesser durch die Panade zu gelangen.
„Vielleicht ist es nur irgendwie sehr knusprig“, sagte Michel.
Else hob eine Augenbraue. „Michel, das Messer ist beim schneiden stumpf geworden.“
„Dann wird es wenigstens frisch geschärft worden.“
Die Bedienung kam heran. Sie trug ein Lächeln, das offenbar zur Dienstkleidung gehörte und deshalb nicht ausgezogen werden durfte. „Und? Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?“
Michel sah auf das Schnitzel. Dann auf die Bedienung. Dann wieder auf das Schnitzel. Seine Gesichtszüge führten eine kleine Koalitionsverhandlung.
„Ja“, sagte er schließlich. „Passt schon.“
Else ließ die Gabel fallen.
„Was denn?“, flüsterte Michel. „Man muss ja nicht gleich einen internationalen Zwischenfall daraus machen.“
„Du kannst es nicht schneiden.“
„Das ist aber kein Grund, persönlich zu werden.“
Michel setzte erneut das stumpfe Messer an. Er drückte, aber das Schnitzel drückte zurück. Für einen Augenblick herrschte zwischen Mensch und Mahlzeit ein Kräftegleichgewicht, wie es sonst nur bei Tarifverhandlungen vorkommt. Dann rutschte erst die Klinge, dann das Schnitzel überraschend ab und landete mit einem trockenen Klack auf dem freien und fein gepolsterten Stuhl neben ihm.
Am Nachbartisch verstummte ein Ehepaar.
Michel blickte auf das Schnitzel, aber das Schnitzel blickte nicht zurück und wirkte somit überlegen.
Die Bedienung erschien augenblicklich. „Was ist denn passiert?“
Michel hätte nun die Wahrheit sagen können. Stattdessen meldete sich seine Höflichkeit, die seit Jahrzehnten jede innere Gegenrede zuverlässig niederverwaltete.
„Nichts“, sagte er. „Ich lasse es nur ein bisschen ruhen.“
Else schloss kurz die Augen.
„Auf dem Stuhl?“ fragte die Bedienung.
„Es hatte auf dem Teller zu wenig Platz.“
Die Bedienung nickte langsam. Offenbar war auch sie entschlossen, den Frieden zu retten, selbst wenn dafür ein Schnitzel Sitzrecht bekam.
In diesem Moment kam Emma vom Waschraum zurück. Sie sah auf den leeren Teller, dann auf den Stuhl.
„Opa, warum sitzt dein Essen dort dort auf dem Stuhl?“
Michel räusperte sich. „Weil es sehr selbstständig ist.“
Emma betrachtete die schwarze Panade. „Schmeckt es denn?“
Michel öffnete den Mund.
„Passt schon“, sagte Else.
Und zum ersten Mal klang der Satz für Michel nicht höflich, sondern streng verdächtig.
Michel nahm das Schnitzel wieder vom Stuhl. Es hinterließ einen kleinen fettigen Fleck und genau das beunruhigte ihn mehr als alles andere.
„Vielleicht“, sagte er vorsichtig, „ist es einfach eine neue Zubereitungsart.“
Else sah ihn an. „Michel, wenn man es an die Wand wirft, bleibt die Wand garantiert nicht stehen.“
Am Nebentisch saß der alte Herr Petersen, den Michel flüchtig kannte. Früher Schlossermeister, inzwischen Rentner und deshalb ein Mann, der Zeit hatte, Unsinn bis zum Ende anzuhören. Petersen blickte über seinen Kaffeetassenrand.
„Früher“, sagte er, „haben wir solche Dinger unter Maschinen gelegt, wenn der Boden schief war.“
Michel lächelte gequält. „Es ist ja nicht schlecht.“
Petersen nickte. „Dann iss es doch.“
Michel schwieg. Manche Argumente waren erschreckend kurz, aber durchaus ehrlich.
Die Bedienung kam zurück und legte einen kleinen Bewertungszettel auf den Tisch. „Wenn Sie mögen, können Sie uns noch sagen, wie zufrieden Sie waren.“
Michel mochte nicht. Aber er war wohlerzogen, und wohlerzogene Menschen tun bekanntlich vieles, was sie nicht mögen, damit hinterher niemand merkt, dass sie es nicht mochten.
Auf dem Zettel standen mehrere Kästchen: sehr zufrieden, zufrieden, teilweise zufrieden, nicht zufrieden. Michel setzte seine Brille zurecht, griff zum Stift und wollte bei „teilweise zufrieden“ ankreuzen. In diesem Augenblick fragte Emma: „Opa, warum sagst du eigentlich immer, alles sei gut, wenn es nicht gut ist?“
Michel drehte sich zu ihr. „Weil man höflich sein muss.“
„Dann darf man höflich lügen?“
Der Stift rutschte Michel über das Papier. Ein Kreuz landete bei „sehr zufrieden“.
„Nein“, sagte Michel hastig und wollte es korrigieren. Dabei verrutschte der Zettel unter seiner Hand. Noch ein Kreuz. Und noch eins. Und noch eins.
Als er fertig war, war Michel mit dem Essen, dem Service, der Atmosphäre, der Sauberkeit und vermutlich auch mit der hitzigen Wetterlage sehr zufrieden.
Else nahm ihm den Zettel aus der Hand.
„Du hast überall die Bestnote gegeben.“
„Das war ein Versehen.“
„Dann sag es.“
Michel erschrak. „Jetzt?“
„Nein, Michel. Erst zu Weihnachten.“
Die Bedienung kam zurück, nahm den Zettel und strahlte. „Ach, das freut uns aber! Sehr zufrieden!“
Michel hob einen Finger. Dann senkte er ihn wieder. Sein Mut hatte offenbar keine Sprechzeit.
„Sehen Sie“, sagte die Bedienung, „wir bekommen fast nur positive Rückmeldungen.“
Herr Petersen räusperte sich.
„Vielleicht“, sagte er ruhig, „weil die unzufriedenen Leute genauso höflich sind wie der hier.“
Er zeigte auf Michel.
Michel wollte widersprechen, aber leider war es wahr. Das war das Unangenehme an der Wahrheit: Sie kam häufig ohne Termin.
Emma sah ihn an. „Wenn alle sagen, es passt, woher sollen die dann wissen, dass es nicht passt?“
Michel betrachtete sein Schnitzel. Zum ersten Mal erschien ihm das Problem größer als der Teller.
Die Bedienung kam wieder an den Tisch und betrachtete Michels Teller. Dann den Stuhl. Dann wieder Michel.
„Darf ich fragen, ob mit dem Schnitzel wirklich alles in Ordnung ist?“
Michel spürte, wie sich seine Schultern automatisch nach oben zogen. Sein Körper wollte offenbar schon einmal in Deckung gehen, bevor sein Mund etwas Unhöfliches tat.
„Also“, begann er, „im Großen und Ganzen …“
Else stieß ihn unter dem Tisch ans Schienbein.
„Aua.“
„Das war ehrlich“, sagte Else.
Emma grinste.
Michel sah auf das Schnitzel. Es lag wieder auf dem Teller und hatte inzwischen etwas Amtliches. Man erwartete beinahe einen Stempel.
„Nein“, sagte Michel plötzlich.
Die Bedienung erstarrte.
Am Nebentisch hielt jemand mitten im Trinken inne.
Michel erschrak selbst ein wenig über das Wort. „Nein“ war in seinem aktiven Wortschatz bisher hauptsächlich bei Haustürvertretern und Rosinenstollen vorgekommen.
„Wie bitte?“ fragte die Bedienung.
Michel setzte sich ein kleines Stück gerader hin.
„Ehrlich gesagt passt es nicht.“
Die Bedienung sah aus, als habe Michel gerade die Monarchie ausgerufen.
„Was genau passt denn nicht?“
Michel nahm das Brotmesser und klopfte vorsichtig gegen die Panade.
Tok. Tok.
Herr Petersen hob den Kopf. „Klingt staatstragend.“
Michel musste lachen. „Das Schnitzel ist verbrannt und zäh. Also wirklich sehr zäh und trocken. Wenn ich es noch länger schneide, brauche ich eine Baugenehmigung.“
Die Bedienung presste die Lippen zusammen. „Bisher hat sich noch niemand beschwert.“
„Das glaube ich Ihnen sofort“, sagte Michel. „Ich habe mich vor fünf Minuten ja selbst noch gelobt.“
Else hielt den Bewertungszettel hoch.
„Sogar schriftlich.“
Die Bedienung wirkte gekränkt. „Unser Koch macht die Schnitzel seit achtzehn Jahren so.“
Michel nickte anerkennend. „Dann ist es wenigstens kein Unfall.“
Emma verschluckte sich an ihrer Apfelschorle.
Herr Petersen hustete verdächtig in seinen Kaffee.
Michel hob sofort beschwichtigend die Hände. „Ich möchte niemanden beleidigen. Der Koch ist bestimmt ein guter Mensch.“
„Es geht ums Schnitzel, Opa“, sagte Emma.
„Siehst du“, sagte Else. „Schon wieder rettest du einen Mann, den keiner angegriffen hat.“
Die Bedienung nahm schließlich den Teller. „Ich kann Ihnen natürlich ein neues bringen.“
Michel blinzelte. „Einfach so?“
„Natürlich.“
Michel sah Else verblüfft an. Er hatte mit mindestens einem lebenslangen Lokalverbot, zwei empörten Leserbriefen und einer diplomatischen Krise gerechnet.
Zehn Minuten später stand ein neues Schnitzel vor ihm. Goldbraun. Zart. Essbar. Wunderbar. Michel schnitt hinein, ohne dass Möbel verrückt oder hinterher geputzt werden mussten.
„Und?“ fragte Emma.
Michel kaute. Dann lächelte er.
„Jetzt passt es.“
Diesmal meinte er es auch wirklich so.
Michel begriff an diesem Sonntag etwas Kleines, das erstaunlich schwer geworden war: Ehrlichkeit bedeutet nicht, grob zu sein. Man muss niemanden niedermachen, um zu sagen, dass etwas nicht stimmt. Manchmal genügt ein ruhiger Satz. Kein Donnern. Kein Aufstand. Nicht einmal ein Ausrufezeichen.
Als Michel später das Gasthaus verließ, stand seine rote Zipfelmütze ein wenig höher als zuvor. Vielleicht lag es am Wind. Vielleicht auch nicht.
Wer immer nur sagt: „Es passt schon fein“,
lädt jeden Unsinn höflich ein.
Die Wahrheit macht nicht jeden froh –
doch manches Schnitzel wieder roh.














