So isser … der Deutsche Michel!
Wenn irgendwo Ärger drohte, war Michel sofort zur Stelle, meistens mit gesenktem Kopf, drei Sitze weiter und in der festen Hoffnung, der Ärger habe ihn nicht persönlich gemeint.
Am letzten Dienstag saß er im Linienbus, die Schultern etwas hochgezogen, die rote Zipfelmütze auf Halbmast und Emma neben sich. Michel hatte seiner Enkelin ein Eis versprochen. Vanille für Emma, Stracciatella für ihn. Bei Eissorten war Michel gefestigter Demokrat.
Drei Reihen vor ihnen saß Herr Petersen mit einer Einkaufstasche zwischen den Schuhen. Herr Petersen war einer jener älteren Männer, die so ruhig dasitzen, dass man automatisch vermutet, sie könnten auch einen Schrank aufbauen, ohne vorher das Internet zu fragen.
An der nächsten Haltestelle stieg ein Mann ein, dessen schlechte Laune offenbar bereits eine Fahrkarte besaß.
Er stieß erst gegen einen Sitz, dann gegen Petersens Einkaufstasche und schließlich gegen Petersen selbst.
„Nun passen Sie doch mal auf“, sagte Petersen ruhig.
Das genügte.
Der Mann begann zu pöbeln. Laut, aggressiv und mit jener beeindruckenden ungebildeten Wortvielfalt, die Menschen entwickeln, sobald ihnen die Argumente ausgehen.
Im Bus trat augenblicklich eine seltene Form kollektiver Hochkonzentration ein.
Eine Frau studierte ihr Telefon, obwohl der Bildschirm schwarz war. Ein junger Mann scrollte derart entschlossen, als müsse er durch beherztes Wischen persönlich das Grundgesetz aktualisieren. Eine Dame betrachtete das Wetter für Donnerstag. Offenbar hoffte sie, der Pöbler werde bis dahin abziehen.
Michel griff ebenfalls zum Smartphone.
„Was machst du?“, fragte Emma.
„Ich informiere mich.“
„Worüber?“
Michel flüsterte: „Zivilcourage.“
Er tippte in die Suchleiste: „Zivilcourage richtig machen“.
Kein Empfang.
Michel hob das Telefon höher.
Nichts.
Er hielt es ans Fenster.
Noch weniger.
„Typisch“, murmelte er. „Wenn man einmal dringend Rückgrat braucht, hat man nur zwei Balken. Und die auch nicht im Rücken.“
Das Display wurde schwarz.
Michel sah darin sein eigenes Spiegelbild.
Runde Brille. Hochgezogene Schultern. Eingezogener Kopf. Die Spitze seiner Zipfelmütze hing so traurig herunter, als schäme sie sich stellvertretend.
Er wischte über den Bildschirm.
Sein Gesicht blieb.
„Das geht nicht weg“, sagte Emma.
„Ich merke es.“
Vorne wurde der Ton schärfer. Herr Petersen sagte nichts mehr. Der Busfahrer blickte mehrfach in den Rückspiegel, als müsse dort neben dem Verkehr auch eine Zuständigkeit auftauchen.
Michel schaute sich um.
Zwanzig Fahrgäste.
Zwanzig Telefone.
Und plötzlich kam ihm ein unangenehmer Gedanke: Vielleicht bestand die moderne Öffentlichkeit hauptsächlich aus Menschen, die alles filmten, solange nur jemand anderes eingriff.
Emma sah ihn an.
„Opa?“
„Ja?“
„Du hast doch eben Zivilcourage gesucht.“
Michel steckte das Telefon langsam ein.
„Hab keinen Empfang.“
Emma nickte.
„Vielleicht funktioniert sie eben offline.“
Michel schluckte.
„Offline“, wiederholte er.
Das klang nach einem Zustand, in dem man früher einfach „Leben“ gesagt hatte.
Vorne beugte sich der aggressive Mann inzwischen so dicht zu Herrn Petersen, dass Michel plötzlich eine jener Entscheidungen treffen musste, die er am liebsten vorher mit Else, einem Fachmann und mindestens zwei Vergleichsportalen besprochen hätte.
Er stand auf.
Nicht entschlossen. Eher so, wie man aufsteht, wenn man nicht weiß, ob man wirklich aussteigen möchte.
Dabei stieß sein Ellbogen gegen den Halteknopf.
„Piep.“
Michel erschrak und fasste zur Stange.
„Piep.“
Noch ein Halteknopf.
Als er sich umdrehte, geriet seine Einkaufstasche an den dritten Drücker.
„Piep.“
Überall leuchtete binnen Sekunden „Wagen hält“.
Der Bus hatte nun mehr Haltewillen als seine Insassen.
„Entschuldigung“, sagte Michel.
Der Busfahrer blickte in den Spiegel.
„Wo wollen Sie denn raus?“
Michel sah zu Petersen.
„Eigentlich hier.“
Der Fahrer runzelte die Stirn.
„Hier ist keine Haltestelle.“
„Das ist ja gerade das Problem.“
Emma grinste.
Der aggressive Mann drehte sich zu Michel.
„Was glotzen Sie so?“
Michel wollte antworten: „Gar nicht.“
Das erschien ihm plötzlich ungünstig, weil er tatsächlich glotzte.
Also sagte er: „Ich gucke.“
Der Mann starrte ihn an.
Michel ergänzte nervös: „Glotzen klingt gleich so unhöflich.“
Ein älterer Fahrgast hustete. Vielleicht aus Nervosität. Vielleicht war es aber auch das erste unterdrückte Lachen der deutschen Zivilgesellschaft.
Michel ging nach vorn und setzte sich neben Herrn Petersen.
Nicht zwischen ihn und den Mann. Das wäre ihm zu heroisch, viel zu heldenhaft gewesen. Helden hatten in Michels Vorstellung Umhänge, Muskelpakete und keine orthopädischen Einlagen.
„Petersen“, sagte Michel etwas zu laut, „kennen wir uns nicht vom Baumarkt?“
Petersen sah ihn an.
„Seit zwölf Jahren, Michel.“
„Gut. Dann ist das geklärt.“
Der Pöbler schnaubte.
„Was soll das jetzt?“
Michel spürte, wie seine Knie ihren eigenen improvisierten Dialog eröffneten.
„Ich wollte nur…“ Er räusperte sich. „Also… der Herr möchte offenbar seine Ruhe.“
„Hat Sie keiner gefragt.“
„Stimmt“, sagte Michel. „Deshalb antworte ich ja freiwillig.“
Emma legte eine Hand vor den Mund.
Michel war überrascht. Er hatte einen Satz gesagt, den er sich selber nicht genehmigt hatte.
Der Mann machte einen Schritt auf ihn zu.
Michel wurde blass.
Dann blickte er zum Busfahrer.
„Könnten Sie bitte helfen?“
Zum ersten Mal schaute jemand nicht weg.
Der Fahrer schaltete den Warnblinker ein, hielt an der nächsten regulären Haltestelle und drehte sich um.
„Sie bleiben bitte sitzen“, sagte er zu Petersen. Dann sah er den Mann an. „Und Sie beruhigen sich oder steigen aus.“
Plötzlich nahm ein weiterer Fahrgast die Kopfhörer ab.
„Ich habe gesehen, was passiert ist.“
Eine Frau steckte ihr Handy ein.
„Ich auch.“
Der junge Mann mit der Wetter-App hob den Kopf.
„Ich ebenfalls.“
Michel betrachtete ihn.
„Und wie wird der Donnerstag?“
„Regnerisch.“
„Na wenigstens auf irgendwas ist Verlass.“
Der Bus hielt.
Natürlich tat er das.
Michel hatte schließlich für die nächsten drei Haltestellen vorsorglich gefrückt.
Der aggressive Mann stand noch einen Augenblick da und blickte in die Runde.
Das war neu.
Vor einer Minute hatte er zwanzig einzelne Fahrgäste vor sich gehabt. Jetzt waren es plötzlich Menschen. Für manche Probleme ist schon das eine empfindliche Verschlechterung der Geschäftsgrundlage.
„Was seid ihr denn jetzt alle so mutig?“, knurrte er.
Niemand antwortete sofort.
Michel schon.
Allerdings unbeabsichtigt.
„Weil Sie jetzt in der Minderheit sind.“
Er hielt erschrocken inne.
Herr Petersen sah zu ihm hoch.
„Michel?“
„Ja?“
„Den Satz behältst du.“
Der Mann schnaubte, murmelte noch etwas, das vermutlich als letzter großer außenpolitischer Kommentar gedacht war und stieg aus.
Die Bustür schloss sich.
Im Wagen wurde hörbar ausgeatmet.
Ein Herr hinten sagte: „Ich wäre gleich auch aufgestanden.“
Michel nickte.
„Natürlich, ganz bestimmt.“
„Ich wollte nur erst sehen, wie sich die Lage entwickelt.“
„Verstehe“, sagte Michel. „Sie waren strategische Reserve.“
Die Frau mit dem schwarzen Bildschirm steckte ihr Handy weg.
„Man weiß ja nie, ob so jemand gewalttätig wird.“
„Stimmt“, sagte Petersen. „Deshalb ist es praktisch, wenn nicht einer allein danebensteht.“
Der Busfahrer fuhr wieder an.
An der nächsten Haltestelle hielt er.
Niemand stieg aus.
An der übernächsten stoppte er ebenfalls.
Wieder niemand.
Der Fahrer sah in den Spiegel.
„Wer hat eigentlich dauernd gedrückt?“
Michel betrachtete plötzlich mit großem Interesse sein Busticket.
Emma hob die Hand und zeigte auf ihn.
„Opa.“
„Emma!“
„Du sagst doch immer, man soll die Wahrheit sagen.“
„Ja, aber doch nicht gleich öffentlich.“
Petersen lachte.
„Zivilcourage fängt offenbar beim Halteknopf an.“
Michel sank zurück auf seinen Sitz. Seine Zipfelmütze allerdings blieb merkwürdig aufrecht.
Emma setzte sich neben ihn.
„Warst du mutig?“
Michel dachte nach.
„Nein.“
„Doch.“
„Ich hatte Angst.“
Emma zuckte mit den Schultern.
„Na und?“
Michel sah sie an.
Das war so ein Kindersatz, für den Erwachsene erst eine Podiumsdiskussion und drei Fachbegriffe brauchten.
Herr Petersen drehte sich zu ihm um.
„Mut ohne Angst gibt’s nicht, Michel. Das andere ist Leichtsinn.“
Michel nickte langsam.
Er hatte Zivilcourage immer für etwas Großes gehalten. Für Menschen, die dazwischengehen, laut werden, Helden spielen und anschließend in der Zeitung neben Steinmeier stehen. Dabei hatte er heute nichts Heldenhaftes getan. Er hatte sich hingesetzt. Neben jemanden. Er hatte gesprochen. Andere angesprochen. Hilfe verlangt. Seine Knie hatten gezittert, seine Stimme auch und der Bus hatte wegen ihm halb Deutschland anhalten wollen.
Vielleicht bestand Zivilcourage genau darin: nicht darauf zu warten, dass man keine Angst mehr hat. Nicht allein den Helden zu spielen, sondern dafür zu sorgen, dass jemand nicht allein bleibt. Michel saß etwas gerader als vorher. Nur ein paar Zentimeter. Aber manchmal beginnen Veränderungen nicht mit einem Aufstand, sondern damit, dass einer den Kopf hebt und der Nächste merkt, dass er das ebenfalls kann.
Wer wegschaut, hofft: Das geht vorbei,
und hält sich selbst dabei schön frei.
Doch Mut beginnt, ganz unspektakulär:
Man schaut nicht weg – und plötzlich sind wir mehr.



















