Warum der Bürger pünktlich sein muss und das Amt Zeit hat
Von Alfred-Walter von Staufen
So Isser … der Deutsche Michel
Michel war an diesem Morgen so pünktlich, dass selbst die Zeit noch nicht da war.
Um 5.47 Uhr klingelte der erste Wecker. Um 5.49 Uhr der zweite, um 5.52 Uhr der dritte und um 5.55 Uhr der vierte, wobei Michel beim dritten bereits vollständig angezogen im Schlafzimmer stand und den vierten suchte. Er fand ihn schließlich im Kühlschrank neben der Butter.
„Warum liegt der Wecker im Kühlschrank?“, fragte Else.
Michel betrachtete das Gerät nachdenklich. „Damit ich einen kühlen Kopf behalte.“
Else sagte nichts. Es gab Sätze, die musste man nicht verbessern. Man musste sie nur überleben.
Sechs Monate hatte Michel auf diesen Termin beim Amt gewartet. Sechs Monate, drei Erinnerungsschreiben, zwei automatische Eingangsbestätigungen und eine Nachricht mit dem beruhigenden Hinweis, sein Anliegen sei „in Bearbeitung“. Michel hatte daraus geschlossen, dass irgendwo tatsächlich jemand arbeitete.
Der Termin war um 9.00 Uhr.
Um 7.38 Uhr saß Michel im Auto.
„Du brauchst zwölf Minuten“, sagte Else.
„Bei normaler Verkehrslage.“
„Es ist Wesselweg.“
„Eben. Man weiß nie.“
Michel hatte einen Ordner dabei, in dem sich sämtliche Unterlagen befanden, die verlangt worden waren, sämtliche Unterlagen, die möglicherweise verlangt werden könnten, und vorsichtshalber die Garantiekarte seines Toasters. Man konnte bei Behörden nie wissen, wann die Haushaltsgeräte ins Verfahren einbezogen wurden.
Um 7.54 Uhr stand Michel vor einem Verwaltungsgebäude.
Über dem Eingang hing ein Schild: „Bürgernähe“.
Michel lächelte erleichtert.
„Siehste“, murmelte er. „Da bin ich richtig.“
War er nicht.
Nach sieben Minuten stellte er fest, dass das Gebäude geschlossen war. Nach weiteren fünf Minuten entdeckte er einen Zettel an der Seitentür:
„Fachbereich Bürgernähe ausgelagert. Bitte wenden Sie sich an Standort Nord.“
Michel las den Satz dreimal.
Bürgernähe war also ausgelagert worden.
Er empfand das als verwaltungstechnisch konsequent.
Um 8.16 Uhr erreichte er Standort Nord, der südlich vom ersten Gebäude lag. Michel überprüfte vorsichtshalber den Kompass seines Mobiltelefons, hielt das Telefon dabei verkehrt herum und war anschließend überzeugt, die Stadt habe offenbar auch die Himmelsrichtungen neu organisiert.
Vor dem Amt warteten bereits neun Menschen.
Michel stellte sich an.
„Termin?“, fragte ein älterer Herr mit Schiebermütze.
„Neun Uhr“, sagte Michel.
„Dann sind Sie aber früh.“
Michel nickte ernst.
„Pünktlichkeit ist schließlich eine Tugend.“
Der alte Herr Petersen sah auf die noch verschlossene Tür.
„Für wen?“
Michel wollte antworten, doch in diesem Augenblick öffnete sich das Amt.
8.31 Uhr.
Michel erschrak.
Damit hatte er nicht gerechnet.
Drinnen zog er eine Wartemarke.
Nummer 17.
Dann sah er einen zweiten Automaten.
Zur Sicherheit zog er dort ebenfalls.
Nummer 24.
Neben dem Kaffeeautomaten entdeckte er einen dritten.
Michel überlegte kurz.
Man durfte Vorsorge nicht mit Misstrauen verwechseln.
Er zog Nummer 31.
Dann setzte er sich unter die große Wanduhr, legte seinen Ordner auf die Knie und wartete pflichtbewusst auf neun Uhr.
Was Michel noch nicht wusste:
Neun Uhr würde pünktlich kommen.
Sein Termin nicht.
Um 9.03 Uhr blickte Michel zum ersten Mal auf die Wanduhr.
Nicht vorwurfsvoll. Eher staatsbürgerlich besorgt.
Vielleicht war irgendwo etwas passiert.
Um 9.11 Uhr erschien auf der Anzeige:
Nummer 14 – Schalter 3.
Michel entspannte sich. Es ging voran.
Um 9.26 Uhr kam Nummer 15.
Um 9.48 Uhr Nummer 16.
Michel rückte auf seinem Stuhl nach vorn.
Jetzt wurde es ernst.
Nummer 17.
Er sprang auf, klemmte sich den Ordner unter den Arm, verlor dabei die Wartemarke 24 und trat auf Nummer 31.
„Schalter 2“, sagte die Anzeige.
Michel marschierte los, blieb auf halbem Weg stehen und blickte auf seine drei Marken.
„Welche 17 bin ich denn?“
Emma, die mit ihrer Mutter zwei Stühle weiter saß, sah ihn an.
„Die mit der 17.“
„Ja“, sagte Michel. „Aber verwaltungstechnisch?“
Emma dachte kurz nach.
„Als Mensch oder als Nummer?“
Michel blieb stehen.
Kinder konnten Fragen stellen, die in keinem Formular vorgesehen waren.
Am Schalter saß Herr Knösel. Dünn, blass, grauer Anzug, schmale Brille und ein Gesichtsausdruck, als habe er persönlich die DIN-Norm für Gesichtsausdrücke geprüft.
„Guten Morgen“, sagte Michel.
Herr Knösel sah auf die Uhr.
„Es ist 9.51 Uhr.“
Michel erschrak.
„Entschuldigung.“
„Wofür?“
Michel wusste es plötzlich selbst nicht mehr.
„Für die Uhrzeit.“
Herr Knösel nahm die Wartemarke.
„Sie haben einen Termin um neun Uhr?“
„Ja.“
„Dann sind Sie zu spät.“
Michel öffnete den Mund.
Schloss ihn wieder.
Öffnete ihn erneut.
„Ich war um halb neun hier.“
„Das ist für die Terminzeit unerheblich.“
„Aber ich habe gewartet.“
„Das ist für die Terminzeit ebenfalls unerheblich.“
Michel blinzelte.
„Was wäre denn erheblich?“
Herr Knösel rückte seine Brille zurecht.
„Dass Sie um neun Uhr aufgerufen worden wären.“
„Bin ich aber nicht.“
„Eben.“
Michel empfand das Gespräch zunehmend als Kreisverkehr ohne Ausfahrt.
Herr Knösel tippte etwas in seinen Computer.
„Ihr Vorgang kann heute leider nicht abschließend bearbeitet werden.“
„Warum?“
„Die zuständige Kollegin ist im Termin.“
Michel sah sich um.
„Mit wem?“
Herr Knösel senkte die Stimme.
„Mit einem internen Vorgang.“
Michel nickte langsam.
Das klang wichtig. Vielleicht kannte der Vorgang jemanden.
„Wie lange dauert das?“
„Das lässt sich derzeit nicht prognostizieren.“
„Fünf Minuten?“
„Ungewiss.“
„Eine Stunde?“
„Möglich.“
„Bis Weihnachten?“
Herr Knösel blickte auf den Kalender.
„Welches?“
Michel setzte sich wieder.
Um 10.17 Uhr klingelte sein erster mitgebrachter Wecker.
Das gesamte Wartezimmer sah ihn an.
Michel stellte ihn ab.
Um 10.19 Uhr klingelte der zweite.
„Ich wollte pünktlich sein“, erklärte Michel.
Herr Petersen grinste hinter seinem Kaffeebecher.
Um 10.22 Uhr begann der dritte.
Emma zählte mit.
Beim vierten Wecker applaudierte jemand leise.
Michel wurde rot.
In diesem Moment erschien auf der Anzeige:
Nummer 24 – Schalter 4.
Michel sprang auf.
Gleichzeitig blinkte am anderen Ende des Flurs:
Nummer 31 – Schalter 1.
Michel stand mitten im Raum, eine Wartemarke in jeder Hand, und sah abwechselnd nach links und rechts.
„Jetzt werde ich gleichzeitig gebraucht“, sagte er.
Herr Petersen nahm einen Schluck Kaffee.
„Genieß den Moment. Das passiert einem Bürger nicht oft.“
Michel entschied sich für Schalter 4, weil Nummer 24 älter war als Nummer 31 und er der Meinung war, auch Wartemarken hätten ein gewisses Dienstalter.
„Nummer 24?“, fragte Herr Knösel, der inzwischen überraschenderweise auch an Schalter 4 saß.
Michel blieb stehen.
„Sie schon wieder?“
„Personelle Flexibilität.“
„Ach so. Ich dachte schon, ich hätte Sie doppelt gezogen.“
Herr Knösel nahm die Wartemarke.
„Diese Nummer betrifft allerdings die Auskunftsstelle.“
„Ich möchte eine Auskunft.“
„Welche?“
Michel sah zur Wanduhr.
10.43 Uhr.
Dann auf seinen Terminzettel.
9.00 Uhr.
Dann wieder zu Herr Knösel.
„Wie lange ich noch warten muss.“
Herr Knösel faltete die Hände.
„Die konkrete Wartezeit lässt sich aufgrund des dynamischen Bearbeitungsaufkommens nicht verbindlich beziffern.“
Michel nickte langsam.
„Also wissen Sie es nicht.“
Herr Knösel sah ihn an, als hätte Michel gerade ein achtseitiges Verwaltungshandbuch auf drei Wörter gekürzt.
„So würde ich das nicht formulieren.“
„Ich schon.“
Das überraschte Michel selbst.
Von hinten hörte er Emma.
„Frag doch, warum du pünktlich sein musst, wenn die nicht pünktlich sein müssen.“
Im Wartezimmer wurde es still.
Sogar der Kaffeeautomat schien kurz nachzudenken.
Herr Knösel räusperte sich.
„Es kann im Verwaltungsablauf naturgemäß zu Verzögerungen kommen.“
Michel sah zum Fenster.
Das Wetter war hervorragend.
„Naturgemäß?“
„Im übertragenen Sinne.“
„Ach so. Ich dachte, die Verspätung käme aus Nordwest.“
Herr Petersen lachte so plötzlich, dass er sich am Kaffee verschluckte.
Michel richtete seine Strickjacke, hob den Kopf und bemerkte dabei, dass seine rote Zipfelmütze nicht mehr ganz so traurig herunterhing.
„Herr Knösel“, sagte er, „ich will keine Sonderbehandlung. Ich möchte bloß wissen, ob ich noch zehn Minuten, eine Stunde oder bis zur Rente warten soll.“
„Das lässt sich schwer sagen.“
„Dann sagen Sie es schwer.“
Wieder dieses kurze Schweigen.
Michel räusperte sich.
„Wenn ich eine Frist verpasse, steht da ein Datum. Manchmal sogar eine Uhrzeit. Wenn Sie eine Frist verpassen, heißt es Verzögerung. Meine Zeit heißt offenbar Termin, Ihre heißt Bearbeitung.“
Herr Petersen nickte.
Michel sah auf die große Uhr.
„Dabei ist meine Lebenszeit auch begrenzt. Vielleicht ist die sogar eine öffentliche Ressource. Immerhin verbringe ich einen beachtlichen Teil davon hier.“
Herr Knösel schwieg einen Moment.
Dann sah er tatsächlich im System nach.
„Ungefähr zwanzig Minuten.“
Michel lächelte.
Mehr hatte er gar nicht verlangt.
Und vielleicht begann Pünktlichkeit genau dort: nicht beim Sekundenzeiger, sondern beim Respekt vor der Zeit des anderen. Michel war an diesem Morgen nicht mutiger geworden, nicht lauter und schon gar nicht revolutionär. Er hatte nur aufgehört, seine eigene Zeit für weniger wichtig zu halten als die fremde.
Als er das Amt verließ, stand er ein wenig gerader. Herr Petersen ging neben ihm.
„Na, Michel. Pünktlichkeit entdeckt?“
Michel nickte.
„Ja. Sie funktioniert hervorragend.“
„Tatsächlich?“
„Ja. Man muss nur aufpassen, auf welcher Seite der Uhr man sitzt.“
Michel kam früh, der Staat kam spät,
weil Zeit dort andre Wege geht.
Doch seit Michel höflich Fragen stellt,
geht seine Uhr wieder vor – vor allem vor der Welt.

















