Wenn Versprechen Erklärungen brauchen
So Isser … der Deutsche Michel!
Michel hielt Versprechen für etwas ausgesprochen Haltbares. Deshalb lagerte er seine gern sorgfältig ein, bis die äußeren Umstände günstiger geworden waren.
An diesem Samstagmorgen saß er mit roter Zipfelmütze am Küchentisch und betrachtete drei Dinge, die gleichzeitig seine ungeteilte Aufmerksamkeit beanspruchten: zwei Eintrittskarten für den Tierpark, das Fußballprogramm und eine groß angekündigte Jubiläumsshow am Abend.
Dazwischen lag sein Versprechen an Emma, nicht wirklich sichtbar, aber leider gültig.
„Opa, nächsten Samstag fahren wir zusammen. Ganz bestimmt!“, hatte er eine Woche zuvor gesagt.
Michel erinnerte sich daran mit jener unangenehmen Genauigkeit, die Erinnerungen ausschließlich dann entwickeln, wenn man sie gerade nicht gebrauchen kann.
Else stellte ihm Kaffee hin.
„Du guckst, als hätte dir jemand eine Rechnung vorgelesen.“
„Schlimmer“, sagte Michel. „Ich habe etwas versprochen.“
„Na und?“
„Es regnet.“
Else sah aus dem Fenster.
Es nieselte.
„Das ist Regen mit Probezeit.“
Michel hatte allerdings bereits vorgesorgt. Vor ihm lag ein dreiseitiger „Ausflugsverlässlichkeitsplan“, den er am Vorabend erstellt hatte. Punkt eins regelte Ersatztermine. Punkt zwei behandelte meteorologische Sonderlagen. Punkt drei trug die Überschrift „Persönliche Rücktrittsoption bei außergewöhnlichen Ereignissen von emotionaler Tragweite“.
Darunter stand handschriftlich:
Fußball.
Rüdiger, der zufällig vorbeikam und grundsätzlich zufällig vorbeikam, wenn Kaffee im Haus war, studierte das Papier.
„Sauber“, sagte er anerkennend. „Da kommste raus.“
Michel richtete sich ein wenig auf.
„Ich will ja nicht rauskommen. Ich will nur nicht unbedingt hin.“
„Das ist juristisch fast dasselbe.“
In diesem Moment kam Emma herein. Regenjacke, kleiner Rucksack, strahlendes Gesicht.
Michel schob den Vertrag unauffällig unter die Zeitung.
Leider nur zur Hälfte.
Emma zog das Papier heraus.
„Was ist das?“
„Nur eine organisatorische Absicherung unseres gemeinsamen Vorhabens.“
Sie las.
„Persönliche Rücktrittsoption?“
Michel räusperte sich.
„Man muss flexibel bleiben.“
Emma blickte ihn an.
„Opa, ein Versprechen ist doch kein Koalitionsvertrag.“
Rüdiger verschluckte sich am Kaffee.
Michel wollte widersprechen, griff aber lieber zur Zeitung. Dort las er, dass ein örtlicher Politiker sein Wahlversprechen, die Gebühren nicht zu erhöhen, nun „im Lichte veränderter Rahmenbedingungen neu bewerten“ wolle.
Michel hielt inne.
„Siehst du!“, sagte er triumphierend. „Neu bewerten. Genau das wollte ich auch.“
Else nahm die Zeitung.
„Was hatte er versprochen?“
„Keine höheren Gebühren.“
„Und jetzt?“
„Höhere Gebühren.“
„Na prima. Dann hat er sein Versprechen nicht neu bewertet. Er hat es rückwärts erfüllt.“
Rüdiger nickte.
„Politisch nennt man das vermutlich Weiterentwicklung.“
Emma deutete auf Michels Papier.
„Und wie nennst du das?“
Michel wollte antworten, trat beim Aufstehen auf das lange Blatt und zog sich damit gleichzeitig Fußnote 4, den Kalender und beinahe die Tischdecke vom Tisch.
Er blickte auf das Papiergewirr um seine Schuhe.
Dann auf Emma.
Dann auf den Regen.
Es war erstaunlich, wie kompliziert ein Versprechen werden konnte, sobald man beschlossen hatte, es nicht einfach zu halten.
Zehn Minuten später stand Michel tatsächlich vor dem Haus.
Im Regen.
Mit Emma.
Und mit einem Regenschirm, der sich beim ersten Windstoß entschlossen auf die Seite der Meteorologie schlug.
Else erschien am Fenster, sah den meterlangen Verlässlichkeitsplan aus Michels Jackentasche hängen und griff nach einer Schere.
„Was machst du?“
„Verwaltungsabbau.“
Schnipp.
Michel betrachtete betroffen die abgeschnittenen Fußnoten.
„Da war meine Rücktrittsklausel drin.“
„Jetzt nicht mehr.“
Emma grinste. „Dann ist das Versprechen jetzt wetterfest.“
An der Bushaltestelle wartete bereits Rüdiger. Er trug keine Regenjacke, weil seine Wetter-App für 10.15 Uhr lediglich zwölf Prozent Niederschlagswahrscheinlichkeit angezeigt hatte. Es regnete allerdings zu hundert Prozent auf Rüdiger.
„Die App sagt trocken“, murmelte er.
Michel nickte verständnisvoll.
„Vielleicht regnet es nur analog.“
Der Bus kam sieben Minuten zu spät. Michel empfand das als beruhigend. Offenbar war Unzuverlässigkeit kein persönliches Problem, sondern öffentlicher Nahverkehr.
Während der Fahrt vibrierte sein Handy. Fußball.
„Anstoß in 30 Minuten!“
Michel drehte das Display um.
Zehn Sekunden später drehte er es wieder zurück.
Emma sah ihn an.
„Nur die Uhrzeit“, erklärte er.
„Da steht 0:0.“
„Eine sehr genaue Uhrzeit.“
Im Tierpark waren wegen des Wetters ungefähr zwölf Besucher unterwegs, darunter Michel, Emma und eine Ente, die vermutlich keinen Eintritt bezahlt hatte.
Michel stapfte durch Pfützen, verlor zweimal den Lageplan und suchte fünf Minuten lang seine Eintrittskarte, bis Emma darauf hinwies, dass er sie die ganze Zeit zwischen den Lippen hielt.
„Ich wollte sie trocken halten.“
„Sie ist innen im Mund.“
„Siehst du. Funktioniert.“
Am Gehege der Waschbären blieb Emma lange stehen. Michel ebenfalls, allerdings hauptsächlich, weil sein rechter Schnürsenkel sich mit dem linken Hosenbein über die Frage geeinigt hatte, dass Weitergehen vorläufig nicht im veränderten Gesamtkontext vorgesehen sei.
Als er sich wieder aufgerichtet hatte, klingelte Rüdiger an.
„Michel! Zwei zu null!“
Michel erschrak.
„Für wen?“
Kurze Pause.
„Keine Ahnung. Ich dachte, du weißt das.“
Michel steckte das Handy weg.
Zum ersten Mal seit langer Zeit erlebte er ein wichtiges Fußballspiel, ohne zu wissen, wer gerade wichtig war.
Es tat erstaunlich wenig weh.
Auf dem Rückweg kaufte Emma zwei heiße Schokoladen. Michel bestand darauf zu bezahlen.
„Ich hab dich eingeladen.“
„Das hast du nicht versprochen.“
„Jetzt schon.“
Emma sah ihn prüfend an.
„Keine Wetterklausel?“
Michel blickte in den Himmel.
Es schüttete inzwischen.
„Bei dem Wetter wäre eine Klausel sowieso ersoffen.“
Als sie am späten Nachmittag nach Hause kamen, lag auf dem Küchentisch ein Werbezettel für eine öffentliche Gesprächsrunde im Bürgerhaus. Der örtliche Politiker wollte dort am Abend über „Verlässlichkeit in bewegten Zeiten“ sprechen.
Michel las die Überschrift.
Dann las er sie noch einmal.
Else stellte ihm trockene Socken hin.
„Du guckst schon wieder so.“
„Wie?“
„Als hätte ein Satz einen Fehler gemacht.“
Michel betrachtete den Werbezettel, dann Emma.
Sein Fußballspiel hatte er verpasst.
Sein Versprechen nicht.
Und plötzlich hatte er eine Frage, die wesentlich länger haltbar war als seine Fußnoten.
Am Abend saß Michel im Bürgerhaus in der dritten Reihe, weil die zweite ihm zu nah an der Verantwortung und die vierte zu weit vom Kuchenbuffet entfernt war.
Vorn stand der örtliche Politiker vor einem Plakat mit der Aufschrift „Verlässlich. Gemeinsam. Zukunft.“ Michel fand, drei Wörter seien mutig, wenn schon eines davon Schwierigkeiten mache.
„Ein Wahlversprechen“, erklärte der Politiker, „ist stets im veränderten gesellschaftlichen und finanziellen Gesamtkontext zu betrachten.“
Rüdiger flüsterte: „Was heißt das?“
Michel dachte kurz nach.
„Ich glaube, das Versprechen hat einen Kontext und wir die Rechnung.“
Dann folgten „neue Prioritäten“, „Anpassungsfähigkeit“ und eine „dynamische Weiterentwicklung früherer Zielsetzungen“.
Michel hörte aufmerksam zu. Nach fünf Minuten verstand er zumindest, warum man früher einfach „Nein“ gesagt hatte. Es sparte Wörter.
Als die Fragerunde begann, senkten sich Michels Schultern automatisch. Sein Blick fiel auf einen Rest seines abgeschnittenen Verlässlichkeitsplans, der noch aus der Jackentasche hing.
Darauf stand:
„Rücktritt bei Unbequemlichkeit.“
Neben ihm hob Emma die Hand.
„Opa wollte auch was fragen.“
Michel fuhr herum.
„Emma!“
„Du wolltest doch.“
„Innerlich.“
Der Saal sah zu ihm. Michel stand langsam auf. Seine rote Zipfelmütze richtete ihre Spitze ein kleines Stück auf, als hätte sogar sie genug von Fußnoten.
„Ich hätte nur eine Verständnisfrage.“
Der Politiker lächelte. Kleine Verständnisfragen waren vermutlich eingeplant.
„Sie haben vor der Wahl versprochen, dass die Gebühren nicht steigen.“
„Im damaligen Kontext, ja.“
Michel nickte.
„Ich habe meiner Enkelin versprochen, heute mit ihr in den Tierpark zu fahren. Es hat geregnet. Fußball war auch. Ich hatte sogar drei Ersatztermine und eine Rücktrittsklausel.“
Rüdiger murmelte: „Sehr vernünftig.“
Michel fuhr fort.
„Emma meinte aber, ein Versprechen sei kein Koalitionsvertrag.“
Der Saal lachte.
Der Politiker weniger.
„Darum frage ich: Warum war mein Versprechen an ein Kind verbindlicher als Ihres an ein Rathaus voller Erwachsener?“
Es wurde still.
Der Politiker begann eine Antwort über Haushaltszwänge, Rahmenbedingungen und verantwortungsvolle Abwägungen.
Michel hörte höflich zu.
Dann sagte er:
„Also war es doch kein Versprechen.“
Mehr brauchte es nicht.
Auf dem Heimweg war das Fußballspiel vorbei, die Jubiläumsshow halb gelaufen und die Welt erstaunlicherweise nicht untergegangen.
Michel begriff, dass Verlässlichkeit sich nicht an bequemen Tagen beweist. Sie beginnt dort, wo die Ausrede schon fertig ist und man sie trotzdem nicht benutzt. Ein gehaltenes Wort macht wenig Lärm. Aber Menschen können sich daran festhalten.
Michel ging etwas aufrechter als am Morgen. Nicht viel. Zehn Zentimeter mussten reichen.
Wer Worte gibt, soll Worte halten,
statt später Ausnahmen zu verwalten.
Denn wer sein Wort erst neu erklärt,
hat meist versprochen, was ihm selbst nichts wert.















