Die Märchen der Macht: Philipp Amthor und die goldenen Pantoffeln des Berliner Hofes
Von Alfred-Walter von Staufen
Im Berliner Regierungsviertel gibt es Menschen, die Türen öffnen, Menschen, die vor Türen warten, und jene seltene Gattung, die offenbar schon auf der anderen Seite steht, bevor der Pförtner überhaupt den Besucherausweis ausgedruckt hat. Philipp Amthor gehört inzwischen zur dritten Gruppe. Noch im Frühjahr 2026 war er Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung. Ende Juli wechselte er als Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit ins Bundeskanzleramt. Wer Wilhelm Hauff gelesen hat, erkennt das Problem sofort: Irgendwo müssen Pantoffeln im Spiel sein.
Der kleine Muck kommt bei Hauff als Außenseiter an den Hof. Er ist keine majestätische Erscheinung, kein geborener Feldherr, kein Mann, bei dessen Auftreten die Trompeten von selbst anfangen zu blasen. Seine Stärke liegt anderswo. Er besitzt Schuhe, mit denen er schneller laufen kann als alle anderen, und genau das macht ihn plötzlich interessant für eine Welt, in der Rang auch davon abhängt, wer zuerst dort ist, wo etwas verteilt wird. Dazu gehört jenes wundersame Stöckchen, das verborgene Schätze aufspüren kann. Die Parallele zu Berlin wäre beinahe zu hübsch, wenn Berlin nicht die erstaunliche Fähigkeit besäße, jede Satire irgendwann durch einen Geschäftsverteilungsplan amtlich bestätigen zu lassen.
Amthor musste für diese Rolle nicht einmal kostümiert werden. Ein dunkler Anzug, die runden Brillengläser, eine Haltung, die gelegentlich wirkt, als sei gerade eine Debatte über die Geschäftsordnung des Norddeutschen Bundes vertagt worden und dazu ein Paar goldener Pantoffeln – fertig ist der moderne kleine Muck. Das eigentlich Komische daran ist nicht sein altbackenes altmodisch wirkendes Auftreten. Es ist die Geschwindigkeit dahinter. Während andere Politiker Jugendlichkeit dadurch demonstrieren, dass sie in sozialen Netzwerken Turnschuhe fotografieren, wirkt Amthor, als habe er seine politische Garderobe bei einem pensionierten Ministerialrat geerbt. Und dann zieht er darin an allen vorbei.
Das ist der entscheidende Punkt. Wer über den kleinen Muck lacht, unterschätzt ihn. Im Märchen tun das die anderen ebenfalls. Die Hofleute sehen zuerst die Figur, nicht die Fähigkeit. Sie registrieren das Ungewöhnliche, lächeln über die Erscheinung und merken erst später, dass der vermeintliche Sonderling längst eine Funktion besitzt, die sie selbst gern hätten. Wilhelm Hauff wusste offenbar schon 1826, dass Höfe weniger an Schönheit als an Verwendbarkeit interessiert sind.
Im Berliner Märchenhof sitzt inzwischen Friedrich Merz als Kanzler. Ringsum stehen Minister, Staatssekretäre, Fraktionsstrategen, Referenten und jene politischen Dauerbewohner, die schon drei Regierungswechsel überlebt haben, ohne dass jemand genau sagen könnte, in welchem Flur sie eigentlich zuständig sind. Und durch diese Kulisse läuft Muck-Amthor, nicht hektisch und auch nicht schwitzend. Eher mit jener bemerkenswerten Ruhe eines Mannes, der offenbar weiß, dass Schnelligkeit besonders elegant wirkt, wenn niemand die Bewegung sieht.
Vielleicht sind es also gar keine Zauberpantoffeln. Vielleicht nennt man sie in Berlin nur anders: Parteiarbeit, Timing, Netzwerke, Verlässlichkeit, Präsenz. Märchenhaft wird es erst dort, wo alle Beteiligten behaupten, Geschwindigkeit habe mit Schuhwerk grundsätzlich nichts zu tun.
Interessanter als die Pantoffeln ist allerdings der Zauberstab. Schuhe erklären, wie man schnell vorankommt. Ein Stab erklärt, warum man unterwegs gelegentlich Dinge findet, von denen andere gar nicht wussten, dass sie herumlagen. Im Märchen schlägt Mucks Stöckchen dort aus, wo Schätze verborgen sind. Im Berliner Regierungsviertel müsste ein solches Instrument vermutlich etwas feiner kalibriert werden. Es müsste nicht nach Goldadern suchen, sondern nach Förderlinien, Gesprächskreisen, Netzwerken, Beiräten, Aufsichtsräten, Beraterverträgen und jenen eigentümlichen institutionellen Zwischenräumen, in denen niemand recht verantwortlich ist, aber erstaunlich viele Visitenkarten ausgetauscht werden.
Man stelle sich Amthor vor, wie er am frühen Morgen durch die langen Flure zieht, den Stab locker in der Hand, während links und rechts Türen mit Messingschildern vorbeiziehen. Bundesministerium. Fraktion. Kanzleramt. Verband. Stiftung. Ausschuss. Hintergrundgespräch. Sobald irgendwo eine politische Gelegenheit unter dem Teppich liegt, beginnt das Holz leise zu vibrieren. Nicht dramatisch. Der deutsche Staatsapparat liebt keine dramatischen Vibrationen. Ein diskretes Summen genügt. Dann bleibt Muck stehen, richtet die Brille, klopft höflich an und sagt vermutlich etwas, das nach Geschäftsordnung klingt, obwohl hinter der Tür gerade Zukunft verteilt wird.
Die Pointe wäre billig, wenn Amthor nur Opfer dieser Symbolik wäre. Gerade das ist er nicht. Sein politisches Talent besteht darin, die Mechanik des Hofes offenbar ernst zu nehmen. Er hat verstanden, dass Macht selten dort beginnt, wo Kameras stehen. Sie beginnt früher. In Sitzungsplänen, Personalentscheidungen, Zuständigkeiten, Loyalitäten und der Fähigkeit, im richtigen Moment nicht aufzufallen. Der politische Anfänger sucht die große Bühne. Der erfahrene Hofläufer sucht den Seiteneingang, an dem bereits jemand wartet.
Amthor besitzt für diese Welt eine fast irritierende Passgenauigkeit. Während andere Politiker bemüht jung wirken wollen, wirkt er bemüht staatstragend. Während manche Abgeordnete ihre Biografie zur Marke ausbauen, pflegt er die Aura eines Mannes, der vermutlich schon als Schüler freiwillig die Niederschrift der Klassenkonferenz gegengelesen hätte. Man kann darüber lächeln. Man sollte nur nicht vergessen, dass in Institutionen oft jene Menschen weit kommen, die ihre Regeln nicht verachten, sondern beherrschen.
Genau hier wird der kleine Muck zur passenden Figur. Wilhelm Hauffs Held gewinnt am Hof nicht deshalb an Bedeutung, weil er plötzlich größer, schöner oder ehrfurchtgebietender wäre. Er bleibt äußerlich derselbe. Nur seine Nützlichkeit verändert seinen Rang. Die anderen Hofleute brauchen einige Zeit, um das zu begreifen. Sie halten ihn für kurios, bis sie feststellen, dass Kuriosität mit Geschwindigkeit ein unangenehmer Konkurrent sein kann.
Auch der Berliner Hof lebt von dieser höfischen Blindheit. Dort wird gern über Habitus gesprochen, über Wirkung, Auftreten, Medienbilder und vermeintliche Modernität. Derweil erledigen andere das alte Geschäft: Beziehungen pflegen, Mehrheiten sichern, Vertrauen gewinnen, Abhängigkeiten verstehen. Wer dabei zu früh verspottet wird, hat mitunter sogar einen Vorteil. Man beobachtet ihn weniger genau.
Vielleicht ist Amthors größte politische Ressource deshalb weder Jugend noch rhetorische Gewandtheit. Vielleicht ist es die Tatsache, dass viele Menschen zuerst seine Brille sehen, seinen Tonfall hören, über den merkwürdig altväterlichen Habitus schmunzeln – und erst sehr spät bemerken, dass der kleine Muck bereits wieder einen Saal weiter ist.
Am Ende wird es beim kleinen Muck bekanntlich ungemütlich. Höfe sind nämlich wunderbare Orte, solange der Zauber dem König nützt. Sobald Neid, Verdacht oder gekränkte Eitelkeit ins Spiel kommen, verwandelt sich Bewunderung erstaunlich schnell in Entfernung aus dem Dienst. Auch darin steckt mehr politische Wahrheit, als Wilhelm Hauff vermutlich beabsichtigt hatte. Wer am Hof besonders schnell läuft, zieht irgendwann die Aufmerksamkeit jener auf sich, die seit Jahren darauf achten, dass niemand schneller läuft als sie selbst.
Genau deshalb wäre es falsch, Philipp Amthor als possierliche Nebenfigur des Berliner Betriebs abzutun. Der Hofnarr darf alles sagen, weil niemand ihn ernst nimmt. Der Hofläufer dagegen wird gefährlich, sobald man merkt, dass er Wege kennt, die anderen verborgen geblieben sind. Amthor spielt nicht den jungen Wilden, der gegen die alten Mauern anrennt. Er scheint vielmehr verstanden zu haben, dass Mauern Türen besitzen, Türen Schlüssel brauchen und Schlüssel häufig bei Menschen hängen, deren Namen in keiner Talkshow fallen. Das ist weniger spektakulär als Revolution. Für eine Karriere ist es erheblich praktischer.
Friedrich Merz könnte in diesem Märchen deshalb tatsächlich den König geben, allerdings keinen orientalischen Potentaten mit Turban und Pfauenfeder, sondern die bundesrepublikanische Variante: dunkler Anzug, Aktenmappe, Terminkalender, Regierungsapparat. Um ihn herum die üblichen Hofchargen, die seit Jahrzehnten erklären, Politik sei selbstverständlich ausschließlich eine Frage von Leistung, Verantwortung und demokratischer Auswahl. Und dann zischt plötzlich der kleine Muck vorbei, die goldenen Pantoffeln blitzen kurz auf, irgendeine Tür fällt ins Schloss, und im Vorzimmer fragt jemand irritiert: War der nicht eben noch woanders?
Das Schöne an dieser Figur liegt in ihrer Doppelbödigkeit. Amthor wirkt wie jemand, den man sich eher neben einem alten Globus als auf einer politischen Überholspur vorstellt. Gerade dadurch entsteht die Täuschung. Unsere Zeit hat sich daran gewöhnt, Karriere mit Lautstärke zu verwechseln. Wer ständig sendet, gilt als mächtig. Wer dauernd provoziert, gilt als durchsetzungsstark. Wer jeden politischen Gedanken in ein Mobiltelefon spricht, gilt bereits als Bewegung. Dabei funktioniert Macht häufig viel stiller. Sie besteht aus Zutritt, Vertrauen, Verfügbarkeit und der Fähigkeit, im entscheidenden Augenblick bereits im Raum zu sein.
Vielleicht erklären die Pantoffeln deshalb nur die halbe Geschichte. Der eigentliche Zauber liegt darin, dass Muck weiß, wann er sie anziehen muss. Wer ständig rennt, wirkt gehetzt. Wer nur dann rennt, wenn sich am Ende des Flures eine Tür öffnet, wirkt vorbereitet.
Und auch der Schatzsucherstab bekommt am Schluss noch einmal Bedeutung. Denn die wertvollsten Schätze des politischen Betriebs liegen selten in Truhen. Sie heißen Zuständigkeit, Nähe, Information, Einfluss und Gelegenheit. Man kann sie nicht ausgeben wie Goldstücke, aber man kann mit ihnen erstaunlich weit kommen. Manchmal reicht ein kleiner Ausschlag des Stabes, ein Gespräch zur rechten Zeit, ein Platz am richtigen Tisch. Märchen brauchen Magie. Politik bevorzugt Verfahren.
Vielleicht besteht das eigentliche Märchen also gar nicht darin, dass Philipp Amthor Zauberpantoffeln besitzt. Vielleicht besteht es darin, dass in Berlin noch immer alle so tun, als würden Posten ausschließlich zu Fuß erreicht.
Und wenn er nicht gestorben ist, dann rennt der kleine Muck noch heute mit seinen goldenen Pantoffeln durch die Regierungsgebäude der Macht – immer höflich, immer ordentlich gekleidet und meistens schon einen Flur weiter, bevor die anderen überhaupt bemerkt haben, dass das Rennen begonnen hat.

P.S.: Wer beim kleinen Muck nur über goldene Pantoffeln lächelt, übersieht leicht die andere Seite des Märchens: Unten im Hof stehen immer jene, die weder Zauberschuhe noch einen Stab besitzen, der ihnen verrät, hinter welcher Tür gerade Möglichkeiten verteilt werden. Sie zahlen Steuern, arbeiten, gründen Betriebe, erziehen Kinder und erfahren politische Entscheidungen häufig erst dann, wenn aus ihnen bereits eine Vorschrift, eine Rechnung oder eine neue Zumutung geworden ist.
Genau an diesem Punkt setzt mein Buch „Die Wut des kleinen Mannes“ an. Nicht als Anleitung zum Zorn und schon gar nicht als romantische Verklärung des politischen Protests, sondern als Blick auf jene wachsende Entfernung zwischen Regierenden und Regierten, zwischen den Fluren der Institutionen und dem Alltag der Menschen draußen vor der Tür. Es geht um Wirklichkeitsverlust, politische Sprache, Vertrauen und die Frage, wann aus stiller Unzufriedenheit das Gefühl entsteht, im eigenen Staat nur noch Zuschauer zu sein.
Vielleicht braucht der Bürger keine Zauberpantoffeln. Aber gelegentlich wäre es schon hilfreich, wenn die Mächtigen wieder Schuhe trügen, mit denen man den Boden spürt.
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