Ursula von der Leyen schüttelt Europa aus – Gold für die Folgsamen, Pech für den Rest
Von Alfred-Walter von Staufen
Ursula von der Leyen als Frau Holle
Über Brüssel hängt ein Federbett, groß genug, um einen Kontinent darunter verschwinden zu lassen. Am Fenster steht die Magd Ursula von der Leyen, greift mit jener entschlossenen Ruhe hinein, die in Behörden gewöhnlich bedeutet, dass gleich etwas „auf den Weg gebracht“ wird, und schüttelt. Ja sie kennt sich aus, denn sie las sich vorher ein! Erst rieseln ein paar weiße Flocken, dann werden es Verordnungen, Strategiepapiere, Förderbescheide, Berichtspflichten und Programme mit Namen, die klingen, als habe eine Unternehmensberatung Grimms Märchen neu aufgelegt. Unten steht Europa, zieht den Kragen hoch und versucht zu unterscheiden, was davon Schnee ist, was Gold und was bereits Pech.
Frau Holle passt erstaunlich gut in diese politische Landschaft. Im alten Märchen herrschte wenigstens eine gewisse Übersichtlichkeit: Wer fleißig war, bekam Gold, wer bequem blieb, Pech. Die moralische Buchhaltung war grob, aber verständlich. In Brüssel ist die Sache feiner geworden. Hier erhält niemand Gold, weil er morgens rechtzeitig den Backofen ausräumt. Hier heißen die Tugenden Wettbewerbsfähigkeit, Transformation, Resilienz, Nachhaltigkeit und strategische Autonomie, und wer wissen will, welche davon gerade besonders vergoldet wird, braucht kein Märchenbuch, sondern das Arbeitsprogramm der Kommission.
Ursula von der Leyen steht inzwischen zum zweiten Mal am Fenster. Das Europäische Parlament wählte sie am 18. Juli 2024 mit 401 Stimmen erneut zur Präsidentin der Europäischen Kommission; ihre zweite Kommission trat am 1. Dezember 2024 ihr Amt an. (1) Damit ist aus der vorübergehenden Märchenfigur längst eine Hausherrin geworden. Sie kennt die Flure, die Falltüren, die Ausschüsse und jene wundersame europäische Kunst, eine politische Entscheidung so lange durch Institutionen wandern zu lassen, bis niemand mehr genau weiß, wer sie eigentlich zuerst wollte.
Auch das neue Märchenbuch ist bereits geschrieben. Die politischen Leitlinien für 2024 bis 2029 versprechen unter anderem mehr Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit, Verteidigung, sozialen Zusammenhalt, Demokratie, einen stärkeren EU-Haushalt und weitere Reformen. (2) Das ist politisch durchaus nachvollziehbar. Satirisch betrachtet ähnelt es allerdings einem Federbett, in das man jede Sorge Europas hineingestopft hat, bis selbst Frau Holle Mühe haben dürfte, es aus dem Fenster zu bekommen.
Und genau hier beginnt das Problem mit dem Gold. Wer oben am Fenster steht, entscheidet zwar nicht allein über Europas Schicksal, aber er prägt, was als vernünftig, förderwürdig, modern und alternativlos erscheint. Macht zeigt sich selten darin, dass jemand laut „Ich befehle!“ ruft. Eleganter ist es, die Begriffe festzulegen, unter denen später andere entscheiden. Dann heißt Pech nicht mehr Pech. Es heißt Anpassungskosten. Gold heißt Investitionsanreiz. Und wenn beides gleichzeitig vom Himmel fällt, erklärt eine Pressekonferenz, weshalb man darin einen historischen Fortschritt erkennen sollte.
Das eigentlich Faszinierende an Frau Holle ist nicht, dass sie Gold verteilt. Interessanter ist, wer vorher durch welches Tor kriechen muss. Im Märchen entscheidet noch die Arbeit. In Europa entscheidet zunehmend die Fähigkeit, politische Wünsche in jenes Vokabular zu übersetzen, bei dem irgendwo eine Förderschublade aufspringt. Wer früher einen Stall bauen wollte, baute einen Stall. Heute entsteht womöglich ein klimaresilientes, digital anschlussfähiges Transformationsvorhaben zur Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten. Der Stall steht am Ende immer noch da. Nur hat er inzwischen drei Berater, fünf Logos und eine Dokumentationspflicht.
Frau Holle schüttelt derweil weiter. Aus dem Kissen fallen Milliarden, aber sie berühren den Boden selten in ihrem ursprünglichen Aggregatzustand. Auf dem Weg nach unten streifen sie Programme, Behörden, Projektträger, Ausschreibungen, Prüfstellen und Kommunikationskonzepte. Wenn der Euro schließlich beim Bürger ankommt, trägt er einen Helm, einen QR-Code und die Auflage, bis 2032 halbjährlich über seine Wirkung zu berichten. Der Bürger betrachtet ihn kurz, legt ihn auf den Küchentisch und fragt sich, ob Bargeld früher nicht unkomplizierter gewesen sei.
Das ist die stille Komik moderner Macht. Niemand muss mehr mit der Faust auf den Tisch schlagen. Es genügt, den Tisch so zu bauen, dass nur noch bestimmte Dinge darauf Platz haben. Wer die Begriffe kontrolliert, muss die Debatte nicht verbieten. Er bestimmt vorher, welche Position als fortschrittlich, verantwortlich, europäisch, wissenschaftlich oder solidarisch gilt und welche bereits beim Betreten des Raumes nach Pech riecht. So entsteht eine politische Moralordnung, die erstaunlich freundlich aussieht. Keine Kerker. Keine Fallbeile. Nur Leitlinien. Und Leitlinien haben den unschätzbaren Vorteil, dass sie aussehen wie Orientierung, selbst wenn sie längst zur Fahrbahnbegrenzung geworden sind.
Goldmarie hat das verstanden. Sie nickt. Sie transformiert. Sie diversifiziert. Sie dekarbonisiert. Sie trägt ihre Resilienz wie früher das Sonntagskleid und hat vorsorglich schon einmal einen Antrag auf Förderung ihrer gesellschaftlichen Teilhabe gestellt. Pechmarie dagegen stellt eine unhöfliche Frage. Zum Beispiel, ob eine Maßnahme funktioniert. Oder was sie kostet. Oder warum eine Regel, die gestern alternativlos war, heute vereinfacht werden muss. Damit beginnt ihr gesellschaftlicher Abstieg. Nicht dramatisch. Niemand wirft sie aus dem Dorf. Man erklärt ihr lediglich mit sehr ernster Stimme, ihre Frage greife zu kurz.
„Zu kurz greifen“ ist überhaupt eine der schönsten Formulierungen des politischen Märchenwaldes. Sie bedeutet meistens, dass jemand etwas so verständlich gefragt hat, dass die Antwort unangenehm werden könnte. Also muss die Frage verlängert werden, bis sie zwischen Kontext, Transformation, geopolitischer Lage und europäischer Gesamtverantwortung vollständig verschwunden ist.
Und oben am Fenster steht Frau Holle mit tadelloser Frisur und festem Griff am Federbett. Das Seltsame an dieser Figur ist ihre vollkommene Unerschütterlichkeit. Wo andere Politiker wenigstens gelegentlich aussehen, als ahnten sie, dass draußen Menschen leben, deren Kühlschrank keine Pressemitteilungen liest, besitzt diese Frau Holle die beneidenswert reine Mimik institutioneller Gewissheit. Jede Krise bestätigt die Notwendigkeit weiterer europäischer Handlungsfähigkeit, jede Fehlentwicklung begründet eine neue Initiative, und jede neue Initiative beweist anschließend, wie unverzichtbar die Institution war, die sie erfunden hat.
Das ist ein nahezu perfekter Kreislauf. Wenn es funktioniert, war Brüssel weitsichtig. Wenn es nicht funktioniert, war Europa noch nicht europäisch genug.
Früher nannte man so etwas im Märchen Zauberei.
Heute heißt es Governance.
Der Bürger hat unterdessen gelernt, dass man bei Frau Holle besser nicht fragt, ob man das Federbett vielleicht einfach im Schlafzimmer lassen könnte. Solche Gedanken verraten mangelnde europäische Ambition. Also steht er unten, den Aktenordner über dem Kopf, und versucht herauszufinden, ob das, was gerade auf ihn niedergeht, bereits eine Förderung ist oder noch die Voraussetzung dafür. Neben ihm hält Goldmarie einen Regenschirm mit zwölf Sternen hoch und erklärt, man müsse die Chancen sehen. Pechmarie murmelt, ihr Dach sei undicht. Goldmarie antwortet, genau darin liege doch das Potenzial für energetische Transformation.
So funktioniert das moderne Märchen ausgezeichnet. Für jedes Problem gibt es zunächst einen Begriff, dann einen Aktionsplan, anschließend eine Strategie und schließlich ein Förderprogramm, das den Zustand bekämpft, der während der Ausarbeitung der Strategie bereits wieder einen neuen Namen bekommen hat. Der normale Mensch würde vielleicht einen Handwerker rufen. Europa richtet erst eine Plattform ein. Danach folgt ein Stakeholder-Dialog. Wenn das Dach anschließend immer noch tropft, besitzt man wenigstens ein gemeinsames Verständnis der Herausforderungen.
Ursula von der Leyen schüttelt weiter. Ein paar Münzen fallen tatsächlich herunter. Sofort stürzen sich Ministerien, Verbände, Kommunen, Forschungsinstitute, Beratungsunternehmen und Menschen mit PowerPoint-Lizenzen darauf. Der Bürger bückt sich ebenfalls, doch ein freundlicher Herr mit Namensschild erklärt ihm, für diese Münze sei er leider nicht antragsberechtigt. Dafür könne er sich auf einer Internetseite über eine andere Münze informieren, deren Förderperiode voraussichtlich im übernächsten Quartal beginne. Voraussetzung sei allerdings, dass er vorher nachweise, warum er die Münze brauche, ohne sie bisher gebraucht zu haben.
Der Bürger nickt. Er hat geheiratet, Kinder großgezogen, Steuererklärungen ausgefüllt und einmal versucht, telefonisch einen Termin beim Bürgeramt zu bekommen. Ihn erschüttert so schnell nichts mehr.
Dann öffnet sich das Fenster erneut.
„Achtung!“, ruft Frau Holle.
Alle schauen nach oben.
Diesmal kommt Bürokratieabbau.
Er fällt in drei Aktenordnern herunter.
Spätestens hier zeigt sich die eigentliche Schönheit der europäischen Frau-Holle-Erzählung. Sie benötigt keinen bösen Wolf, keine Hexe und nicht einmal einen Drachen. Der Drache wäre ohnehin schwierig, weil zunächst geklärt werden müsste, ob sein CO2-Ausstoß unter den Emissionshandel fällt. Das Ungeheuer ist viel höflicher geworden. Es spricht Englisch, verschickt PDFs und bedankt sich am Ende jeder Mail für die konstruktive Zusammenarbeit.
Und doch wäre es zu billig, Frau Holle allein für den Zustand des Märchenreichs verantwortlich zu machen. Unten stehen schließlich genügend Könige, Minister, Beamte, Lobbyisten und Landesfürsten, die begeistert jedes Federbett stopfen, solange sie später erklären können, der Inhalt sei aus Brüssel gekommen. Nationale Politik besitzt seit Jahren eine bemerkenswerte Doppelbegabung: In Brüssel stimmt man einer Regel zu, zu Hause stellt man sich vor die Kamera und beklagt, Brüssel habe schon wieder eine Regel beschlossen. Selbst das tapfere Schneiderlein hätte Mühe, auf einen Gürtel zu schreiben, wie viele politische Fliegen man damit auf einen Schlag erschlägt.
Vielleicht liegt deshalb der größte Zauber nicht im Goldregen, sondern in der Verantwortungsverdunstung. Je größer der Apparat, desto kleiner wird derjenige, der angeblich etwas dafür kann. Entscheidungen besitzen plötzlich keine Eltern mehr, nur noch Rechtsgrundlagen. Niemand wollte es so. Alle haben zugestimmt. Und am Ende steht der Bürger mit seinem neuen Formular da und fragt, wer sich das ausgedacht habe.
Die Antwort lautet meistens: Europa.
Europa ist in solchen Momenten ausgesprochen praktisch. Es kann keine Pressekonferenz geben, auf der es rot wird.
Oben schließt Frau Holle langsam das Fenster. Für heute ist genug gefallen. Goldmarie zählt ihre Förderbescheide, Pechmarie ihre Auflagen, und irgendwo arbeitet bereits eine Arbeitsgruppe an einem Verfahren zur Vereinfachung des Verfahrens zur Verfahrensvereinfachung. Der Bürger nimmt seinen Ordner unter den Arm und geht nach Hause. Morgen wird er wiederkommen. Vielleicht fällt dann Gold.
Vielleicht auch nur ein Merkblatt.
Und wenn er nicht gestorben ist, so füllt der Bürger noch immer den Antrag aus.

Vielleicht liegt genau hier der Punkt, an dem das Märchen aufhört und der Alltag beginnt. Denn unter all den Strategien, Verordnungen, Förderkulissen und wohltemperierten Erklärungen steht am Ende immer einer, der weder einen Sitz im Ausschuss noch einen Beratervertrag besitzt: der Bürger. Er soll verstehen, bezahlen, sich anpassen, Vertrauen haben und möglichst nicht den unziemlichen Verdacht äußern, dass zwischen politischer Absicht und erlebter Wirklichkeit gelegentlich ein ziemlich breiter Graben liegt.
Von diesem Graben handelt auch mein „Die Wut des kleinen Mannes“. Nicht von der Wut als Selbstzweck und schon gar nicht vom billigen politischen Gebrüll, sondern von der Frage, was geschieht, wenn Menschen über Jahre das Gefühl bekommen, dass über ihre Lebenswirklichkeit gesprochen wird, ohne noch wirklich mit ihnen zu sprechen. Wenn Zumutungen erklärt, Belastungen eingeordnet und Zweifel pädagogisch betreut werden, während politische Bodenhaftung langsam zur seltenen Tugend wird.
Frau Holle schüttelt schließlich nur das Bett. Entscheidend ist, wer unten steht und den ganzen Inhalt auffangen soll.



















