Eine Geschichte über Diplomatie, Weltpolitik, Interessen und die regelbasierte Ordnung
Von Alfred-Walter von Staufen
Im Korridor stehen Türen in allen Größen, manche so klein, dass nur ein Prinzip hindurchpasst, andere so hoch, dass gleich eine ganze Resolution hindurchmarschieren könnte und zwischen ihnen läuft Alice mit festem Schritt. Annalena Baerbock ist hier nicht das verlorene Kind mit Schleife im Haar, sondern die ernste Besucherin einer internationalen Wunderkammer, deren gebildete Sätze sitzen, wie mit 3-Wetter-Taft besprüht. Kaum hat jemand von Werten gesprochen, fällt ihm nationaler Nutzen ein. Kaum ist von Verantwortung die Rede, schaut jemand auf die Uhr und verweist auf Zuständigkeiten. So sieht diese Gegend aus: gebügelt im Ton, verwildert in der Sache.
Dass ausgerechnet sie in diese Rolle passt, liegt nicht an billigen Späßen über Formulierungen, die in Deutschland seit Jahren wie Konfetti über jede Debatte geworfen werden. Das wäre zu einfach, zu faul und vor allem zu kurzatmig. Alice eignet sich deshalb besser, weil sie keine Närrin ist, sondern eine Figur, die mit wachem Blick in ein System gerät, dessen Logik ständig die Tapete wechselt. Baerbock war von Dezember 2021 bis Mai 2025 deutsche Außenministerin; im Juni 2025 wurde sie zur Präsidentin der 80. Sitzungsperiode der UN-Generalversammlung gewählt und stellte ihre Präsidentschaft unter das Motto „Better Together“. Das ist kein schlechter Ausgangspunkt für Satire, weil kaum ein Satz so anständig klingt und zugleich so hart an der Wirklichkeit geprüft wird wie dieser. Wer 193 Staaten an einen Tisch bittet, lernt schnell, dass Einigkeit oft nur der höfliche Name für geordneten Dissens ist.
Also läuft diese Alice nicht einem Hasen hinterher, weil sie verträumt wäre, sondern weil in der Weltpolitik immer irgendwo schon wieder der nächste Gipfel beginnt, noch bevor der vorige in Presseerklärungen verdaut ist. Das weiße Kaninchen trägt folgerichtig keinen Zylinder, sondern einen Aktenkoffer, vielleicht auch zwei, und ruft nicht bloß „Zu spät“, sondern „Das Zeitfenster schließt sich“, was im diplomatischen Idiom ungefähr dasselbe bedeutet, nur mit mehr Silben und weniger Ehrlichkeit. Hinter der ersten Tür wartet die Klimakonferenz, hinter der zweiten ein Sanktionspaket, hinter der dritten ein Friedensprozess, der bereits mit den Formulierungen ringt, ehe er zu den Ursachen kommt. Und hinter der vierten sitzt, im feinen Zwirn wie immer, die berühmte internationale Gemeinschaft, diese ehrwürdige Gesellschaft, die in Sonntagsreden geschlossen auftritt und werktags in Fraktionen zerfällt.
Denn das Wunderland der Weltpolitik ist kein Ort des Irrsinns im klinischen Sinn, sondern eines der dauernden Umbenennung. Hier heißt das Ausweichen Flexibilität, das Taktieren Verantwortung, das Vertagen ein wichtiges Signal und das Scheitern ein weiterer Gesprächsanlass. Sprache ist in diesem Kaninchenbau kein Mittel zur Verständigung, sondern oft schon die weich gepolsterte Treppe, auf der man elegant an der Wirklichkeit vorbeigeht. Genau darin steckt der Reiz dieser Märchenrolle. Alice blickt auf Fläschchen, auf denen „Drink me“ steht, doch in der diplomatischen Variante heißt es „regelbasierte Weltordnung“. Nimmt sie davon einen tiefen Zug, wächst Deutschland moralisch in den Himmel. Greift sie stattdessen zu dem Gebäck namens „nationale Interessen“, schrumpft alles plötzlich auf das Format energiepolitischer Nüchternheit zusammen.
Und weil in dieser Welt jede Größe relativ ist, steht Baerbock nun nicht als Karikatur im Raum, sondern als treffende Hauptfigur einer höflich möblierten Absurdität. Sie geht durch den Spiegel und findet dahinter keine Wahrheit, sondern noch einen Spiegel, dahinter noch einen. Das ist die eigentliche Pointe. In der Außenpolitik begegnet man selten dem Monster. Meist begegnet man einem Konferenztisch, an dem acht Leute das Monster definieren, fünf es relativieren, drei eine Arbeitsgruppe dazu gründen und einer fragt, ob man dazu nicht zunächst das Wording abstimmen sollte.
Die Grinsekatze kennt den Weg – nur nicht das Ziel
Ein paar Türen weiter sitzt die Grinsekatze auf einem Globus und lächelt jenes Lächeln, das in der Diplomatie normalerweise kurz vor dem Satz erscheint, man habe ein „offenes und konstruktives Gespräch“ geführt. Was genau dabei offen war und was konstruiert wurde, bleibt wie so vieles im Wunderland dem Protokoll überlassen. Alice fragt nach dem Weg. Die Katze antwortet, das komme darauf an, wohin sie wolle. „Zu einer gemeinsamen Position“, sagt Alice. Darauf lächelt die Katze noch breiter. Eine gemeinsame Position, erklärt sie, sei in dieser Gegend jener kostbare Zustand, in dem alle dieselben Worte verwenden und anschließend etwas Verschiedenes darunter verstehen.
Das ist der Augenblick, in dem Lewis Carroll vermutlich zufrieden die Teetasse abgestellt hätte. Denn kaum irgendwo entfaltet Sprache ein so erstaunliches Eigenleben wie zwischen Staaten, die sich gleichzeitig verständigen und voneinander abgrenzen müssen. „Besorgnis“ kann alles bedeuten zwischen Stirnrunzeln und Sanktionen, „Dialogbereitschaft“ reicht vom ernsthaften Gespräch bis zur höflichen Mitteilung, dass man derzeit lieber nicht miteinander redet, und wer von einer „regelbasierten Ordnung“ spricht, muss irgendwann feststellen, dass die Beteiligten zwar Regeln schätzen, über deren Auslegung aber ungefähr so einig sind wie die Figuren beim Krocketspiel der Herzkönigin.
Dann sitzt da die Raupe auf ihrem Pilz und stellt die kürzeste Frage des ganzen diplomatischen Betriebs: „Wer bist du?“ Alice holt Luft. Früher hätte sie antworten können: deutsche Außenministerin. Später war sie Präsidentin der 80. UN-Generalversammlung, deren Amtszeit am 8. September 2026 endete. Dort sollte sie, wie das Amt es verlangt, die Versammlung leiten und zwischen 193 Mitgliedstaaten vermitteln, die jeweils eine Stimme besitzen. Das klingt nach Gleichheit, bis Interessen, Bündnisse, Vetorechte an anderer Stelle und geopolitisches Gewicht den Raum betreten und sich ungefragt an den Tisch setzen. Die institutionelle Kulisse bleibt symmetrisch, die Welt dahinter ist es nicht.
Die Raupe zieht an ihrer Pfeife. „Und wer bist du jetzt?“ Das ist die interessantere Frage, denn internationale Politik liebt Rollen fast so sehr wie Märchen. Heute spricht man für ein Land, morgen für eine Institution, übermorgen für einen Prozess, und jedes Amt verlangt seine eigene Sprache. Baerbock hatte bei ihrer Wahl angekündigt, allen 193 Mitgliedstaaten als Vermittlerin dienen zu wollen; „Better Together“ wurde zum Leitmotiv ihrer Präsidentschaft. Das ist ein programmatischer Satz mit dem Charme eines Türschildes, hinter dem sich sofort 193 Vorstellungen davon versammeln, was „together“ eigentlich heißen soll.
Beim verrückten Hutmacher ist inzwischen Teezeit, also ungefähr seit 1945. Auf dem Tisch stehen Kannen mit den Aufschriften „Frieden“, „Sicherheit“, „Entwicklung“ und „Menschenrechte“, und jeder reicht sie weiter, wobei auffällt, dass manche Tassen erstaunlich leer bleiben. Der Hutmacher schlägt eine Arbeitsgruppe vor. Der Märzhase empfiehlt Konsultationen. Eine Maus regt einen Folgeprozess an. Alice fragt, wann eigentlich entschieden werde. Betretenes Schweigen. Dann ruft das weiße Kaninchen aus dem Flur: „Zu spät! Der nächste Gipfel!“ Und alle stehen erleichtert auf.
Vor dem letzten Spiegel
Am Ende des Korridors wartet die Herzkönigin und damit jene Figur, die im Wunderland wenigstens den Vorteil besitzt, ihre Macht nicht hinter einer Märchenfigur zu verstecken. Sie ruft „Kopf ab!“, bevor überhaupt geklärt ist, wer zuständig ist. In der Weltpolitik geht es gesitteter zu. Dort werden Erklärungen abgegeben, Botschafter einbestellt, Resolutionen eingebracht, Gesprächskanäle offengehalten und rote Linien gezogen, die später erstaunliche Wandereigenschaften entwickeln können. Das Verfahren ist höflicher geworden, der Machtkampf nicht. Alice lernt hier, dass Recht, Interesse und Einfluss zwar gemeinsam im selben Saal sitzen, aber keineswegs dieselbe Sitzordnung bevorzugen.
Vor ihr liegt das große Krocketfeld der internationalen Politik. Die Tore bewegen sich, die Schläger haben eigene Vorstellungen und die Kugeln gehören verschiedenen Bündnissen. Wer eben noch Mitspieler war, kann beim nächsten Konflikt Vermittler, Zuschauer oder Gegner sein. Genau an diesem Punkt wird aus dem Märchen eine politische Parabel. Die oft beschworene regelbasierte Ordnung lebt davon, dass Regeln gelten sollen, während ihre Anwendung in der realen Staatenwelt immer wieder mit Macht, Sicherheitsinteressen und unterschiedlichen Rechtsauffassungen kollidiert. Das ist keine Besonderheit Baerbocks. Ihre Figur eignet sich für Alice gerade deshalb, weil sie diesen Widerspruch sichtbar durchwandert: mit dem Anspruch auf Regeln, Werte und multilaterale Zusammenarbeit, während die Kulisse ununterbrochen daran erinnert, dass Staaten keine Märchenfiguren sind und Interessen selten aus Höflichkeit verschwinden.
Am 8. September 2026 stand Baerbock zum letzten Mal als Präsidentin der 80. UN-Generalversammlung am Rednerpult. In ihrer Abschlussrede verteidigte sie die Vereinten Nationen ausdrücklich gegen den Vorwurf der Bedeutungslosigkeit und betonte die Notwendigkeit der Organisation in einer konfliktreichen Welt. Mit dem Ende der Sitzungsperiode ging das Amt an Khalilur Rahman aus Bangladesch, den Präsidenten der 81. Generalversammlung. Das Wunderland schloss also nicht. Es wechselte lediglich den Vorsitz.
Alice steht derweil vor dem Spiegel und entdeckt darin vielleicht die eigentliche Zumutung der Weltpolitik: Man kann an gemeinsame Regeln glauben und trotzdem in einer Ordnung arbeiten, in der dieselbe Regel von verschiedenen Regierungen verschieden gewichtet wird. Man kann Verständigung wollen und mit Staaten verhandeln müssen, die einander kaum zuhören. Man kann „Better Together“ über eine Sitzungsperiode schreiben und am Ende feststellen, dass das „Together“ keine Einigkeit verspricht, lediglich die Verpflichtung, trotz Uneinigkeit im selben Raum zu bleiben. Das klingt bescheidener als die großen Formeln. Vielleicht ist es gerade deshalb näher an der Wirklichkeit.
Baerbocks Alice geht also durch eine weitere Tür, während hinter ihr bereits Namensschilder ausgetauscht und neue Erklärungen vorbereitet werden. Das weiße Kaninchen hastet längst zur nächsten Krise. Die Grinsekatze lächelt professionell. Der Hutmacher schenkt neuen Tee ein. Nur der Spiegel bleibt stehen. Er zeigt eine Welt, die sich auf Regeln beruft, weil die Alternative die offene Herrschaft der Stärke wäre, und die doch täglich vorführt, wie schwer Regeln durchzusetzen sind, sobald Interessen, Macht und Angst den Raum betreten.
Und wenn sie nicht gestorben ist, dann sucht sie noch heute den Ausgang aus dem Kaninchenbau der regelbasierten Weltordnung.

Wer lange genug durch das politische Wunderland läuft, begegnet irgendwann einer Figur, die in internationalen Konferenzsälen eher selten am Tisch sitzt: dem Bürger. Er trägt keinen Diplomatenpass, verfügt über keinen Stab von Referenten und kann eine Zumutung nicht dadurch entschärfen, dass er sie in eine Arbeitsgruppe überweist. Er bekommt sie meistens zugestellt.
Genau dort beginnt mein Bestseller „Die Wut des kleinen Mannes“, von Alfred-Walter von Staufen. Das Buch beschäftigt sich mit jener wachsenden Entfernung zwischen politischer Sprache und alltäglicher Erfahrung, zwischen großen Versprechen und kleinen Rechnungen, zwischen Institutionen, die ihre Entscheidungen erklären, und Menschen, die deren Folgen tragen. Nicht jede politische Entscheidung ist falsch, nur weil sie unbequem ist. Aber Politik bekommt ein Problem, wenn sie den Bürger irgendwann hauptsächlich als Adressaten von Erwartungen, Verordnungen und moralischen Hinweisen wahrnimmt.
Vielleicht liegt die eigentliche rote Linie deshalb gar nicht irgendwo auf einer Weltkarte. Vielleicht verläuft sie dort, wo Menschen den Eindruck gewinnen, dass über ihre Wirklichkeit ausführlicher gesprochen wird als mit ihnen. Wer nach Alice‘ Reise durch das Wunderland der Macht noch ein paar Schritte weitergehen möchte, findet dort den kleinen Mann. Er besitzt keinen Zaubertrank. Dafür hat er inzwischen Fragen.

















