Eine Gebrauchsanleitung für ein Leben ohne Gebrauchsanleitung
Gesundheit als Lebenssinn? – Zwischen Selbstoptimierung, Vorsorge und echter Lebensfreude
Von Alfred-Walter von Staufen
Die großen Fragen des Lebens haben einen entscheidenden Nachteil: Sie tauchen meistens genau dann auf, wenn man eigentlich etwas anderes vorhat. Beim Zähneputzen, im Wartezimmer, an der Supermarktkasse oder nachts um halb drei, wenn der Kühlschrank summt und die eigene Existenz plötzlich verdächtig still wirkt. „Vom Sinn des Lebens – Eine Gebrauchsanleitung für ein Leben ohne Gebrauchsanleitung“ sucht deshalb nicht nach endgültigen Antworten, sondern nach den kleinen Verrenkungen, mit denen wir versuchen, ohne solche Antworten auszukommen. Zwischen Alltag, Selbstoptimierung, Behördenbriefen und menschlicher Sehnsucht liegt womöglich mehr Philosophie, als einem lieb sein kann.
Gesundheit soll bekanntlich das Wichtigste sein. Das merkt man spätestens, wenn sie fehlt. Solange sie da ist, behandeln wir sie allerdings ungefähr wie fließendes Wasser: Man setzt voraus, dass es kommt, dreht den Hahn auf und ist ernsthaft beleidigt, wenn es einmal gluckert. Nur dass beim Menschen inzwischen sogar das Gluckern statistisch ausgewertet wird.
Der gesunde Mensch als Vollzeitprojekt
Es gab einmal eine Zeit, da galt ein Mensch als gesund, wenn er morgens aufstehen konnte, einigermaßen geradeaus lief und nicht unmittelbar nach dem Frühstück einen Arzt benötigte. Heute ist Gesundheit ein Projektmanagementsystem mit Körperanschluss. Man wacht nicht mehr einfach auf. Man wertet zunächst die Nacht aus.
Die Uhr am Handgelenk weiß nämlich bereits, dass man schlecht geschlafen hat, bevor man selbst Gelegenheit hatte, sich darüber eine Meinung zu bilden. Sie kennt den Puls, die Atemfrequenz, die Schlafphasen und vermutlich auch den Augenblick, in dem man nachts um 2.17 Uhr kurz darüber nachgedacht hat, ob es klug war, um halb zehn noch Käsebrot zu essen. Früher sagte man morgens: „Ich bin müde.“ Heute sagt man: „Meine Tiefschlafquote lag nur bei achtzehn Prozent.“ Das klingt natürlich erheblich wissenschaftlicher und hat den Vorteil, dass man nicht nur müde ist, sondern auch noch genau weiß, wie schlecht man dabei abgeschnitten hat.
Der moderne Mensch besitzt inzwischen eine bemerkenswerte Fähigkeit: Er kann sich kerngesund fühlen und sich innerhalb von zwölf Minuten davon überzeugen, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt. Dazu braucht er lediglich einen Internetzugang und einen kleinen Schmerz irgendwo zwischen Ohrläppchen und Kniescheibe. Man gibt ein Symptom ein, liest drei Seiten und verabschiedet sich innerlich bereits von seinen Angehörigen. Dass die betreffende Stelle womöglich nur deshalb weh tut, weil man gestern eine Getränkekiste getragen hat, erscheint nach fünf Minuten medizinischer Internetrecherche fast unseriös banal.
Gesundheit war einmal ein Zustand. Inzwischen ist sie eine kostspielige Beschäftigung.
Wir zählen Schritte, Kalorien, Kohlenhydrate, Herzschläge, Trinkmengen und die Minuten, in denen wir uns angeblich bewegen sollten. Wir kontrollieren Blutdruck, Schlaf, Gewicht, Körperfett und manchmal wahrscheinlich nur deshalb nicht regelmäßig unsere Ohrläppchentemperatur, weil die entsprechende App noch nicht auf dem Markt ist. Dabei entsteht die merkwürdige Situation, dass ausgerechnet der gesunde Mensch einen erheblichen Teil seines Tages damit verbringen kann, nach Hinweisen darauf zu suchen, dass er vielleicht doch nicht gesund genug ist.
Dazu kommt die Ernährung. Essen war früher etwas, das man tat, wenn man Hunger hatte. Heute ist Essen eine weltanschauliche Stellungnahme.
Wer morgens ein Brötchen isst, muss beinahe erklären, warum. Weizen? Gluten? Butter? Marmelade mit Zucker? Man kann sich inzwischen beim Frühstück schuldig fühlen, ohne überhaupt jemanden beleidigt zu haben. Der eine verzichtet auf Kohlenhydrate, der nächste auf Fleisch, der dritte auf Milch, der vierte auf Zucker, und irgendwo sitzt ein Mann vor einer Schale eingeweichter Chiasamen und versucht sich einzureden, dass dies im Grunde auch nur Müsli sei.
Das Erstaunliche daran ist nicht, dass Menschen gesund leben möchten. Das ist vernünftig. Das Erstaunliche ist die Ernsthaftigkeit, mit der Gesundheit langsam von einer Voraussetzung für das Leben zum eigentlichen Lebensinhalt geworden ist.
Denn irgendwann entsteht eine ziemlich unangenehme Frage: Wenn ich jeden Tag zwei Stunden darauf verwende, möglichst lange zu leben – wann genau beginne ich dann eigentlich damit?
Wenn Gesundheit zur moralischen Leistung wird
Schwierig wird es nicht dort, wo Menschen auf sich achten. Schwierig wird es dort, wo Gesundheit plötzlich als Charaktereigenschaft gilt.
Wer schlank ist, regelmäßig joggt, Brokkoli freiwillig kauft und morgens aussieht, als habe er bereits vor dem ersten Kaffee drei persönliche Ziele erreicht, genießt heute schnell den Verdacht, sein Leben grundsätzlich im Griff zu haben. Wer dagegen mit Rücken, Bauch und leichter Kurzatmigkeit aus dem Fahrstuhl steigt, wirkt beinahe, als habe er beim Erwachsenwerden irgendwo die Allgemeinen Geschäftsbedingungen nicht gelesen.
Dabei ist der Körper kein Sparkonto, auf das man nur ausreichend Vernunft einzahlen muss, damit am Ende garantiert Gesundheit herauskommt.
Menschen können vieles beeinflussen. Aber eben nicht alles.
Genau diese schlichte Erkenntnis stört die große Gesundheitsindustrie ein wenig, denn mit Unsicherheit lässt sich schlechter werben als mit Versprechen. Deshalb bekommen wir gern den Eindruck vermittelt, der Körper sei eine Art biologischer Bausatz: genügend Bewegung hier, ausreichend Mineralstoffe dort, acht Stunden Schlaf hinein, Stress reduzieren, Darmflora pflegen, Haltung optimieren, genügend Wasser trinken, zwischendurch etwas Achtsamkeit – und schon schnurrt der Mensch bis 93 wie ein regelmäßig gewarteter Mittelklassewagen.
Wenn nicht, muss irgendwo ein Bedienfehler vorliegen.
Vielleicht war es das Schnitzel von 1998.
Vielleicht die drei Jahre Nachtschicht.
Vielleicht der Stress.
Stress ist überhaupt großartig, weil er sich für fast alles verantwortlich machen lässt und gleichzeitig zuverlässig steigt, sobald man erfährt, wie gesundheitsschädlich Stress angeblich ist.
Man kann inzwischen ein bemerkenswertes Doppelleben führen: tagsüber arbeiten, Rechnungen bezahlen, Angehörige versorgen, Termine organisieren, einkaufen und sich nachts Sorgen darüber machen, dass man unbedingt besser auf sich achten müsste.
Erholung bekommt dadurch etwas von einer zusätzlichen Pflichtaufgabe.
Man soll abschalten.
Aber richtig.
Am besten täglich.
Mit Atemübung.
Und wenn man beim Abschalten nicht entspannt genug ist, hat man offenbar sogar die Entspannung falsch gemacht.
Der moderne Mensch trägt deshalb nicht nur die Last seiner Beschwerden, sondern häufig auch noch die Frage, ob er selbst daran schuld sein könnte. Das ist besonders bequem für eine Gesellschaft, die gern über Eigenverantwortung spricht, solange sie nicht erklären muss, warum manche Menschen überhaupt kaum Zeit, Geld oder Kraft haben, aus Gesundheit ein ambitioniertes Hobby zu machen.
Denn Gesundheit verteilt sich nicht nach Fleißpunkten.
Ein kranker Mensch hat nicht automatisch falsch gelebt. Ein gesunder Mensch hat nicht zwangsläufig alles richtig gemacht. Und wer mit 84 bei Butterkuchen und Filterkaffee sitzt, ist noch lange kein wissenschaftlicher Gegenbeweis gegen Ernährungsmedizin, sondern vielleicht einfach jemand, der Glück hatte und seinen Kuchen nicht mit schlechtem Gewissen verdorben hat.
Vielleicht besteht ein vernünftiges Verhältnis zur Gesundheit deshalb nicht darin, den Körper vollständig unter Kontrolle bringen zu wollen.
Vielleicht reicht es zunächst, ihn nicht ständig vor Gericht zu stellen.
Leben ist kein Vorsorgeprogramm
Gesundheit hat einen eigentümlichen Ruf: Sie soll das höchste Gut sein. Das klingt überzeugend, solange man nicht fragt, wofür dieses Gut eigentlich gebraucht wird.
Denn gesund zu sein ist zunächst einmal nur die Möglichkeit, etwas zu tun. Zu lieben. Zu arbeiten. Unsinn zu machen. Einen Menschen zu vermissen. Mit Freunden zu lachen. Einen Nachmittag zu vertrödeln, obwohl man sich vorgenommen hatte, endlich den Keller aufzuräumen. Gesundheit stellt gewissermaßen die Bühne bereit. Das Stück muss trotzdem noch gespielt werden.
Man kann einen ausgezeichnet funktionierenden Körper besitzen und ein erstaunlich ungelebtes Leben führen.
Vielleicht liegt darin die heimliche Komik unserer Gesundheitsbesessenheit. Wir versuchen, Jahre zu gewinnen, behandeln aber manche Tage, als müssten wir sie möglichst schadlos überstehen. Wir schützen uns vor Zucker, Sonne, Stress, Fett, Alkohol, Bewegungsmangel, falscher Haltung und vermutlich irgendwann vor dem Aufenthalt in der Nähe anderer Menschen, weil dort unkontrollierbare Gefühle auftreten können. Gleichzeitig verschieben wir Gespräche, Reisen, Versöhnungen, Entscheidungen und kleine Verrücktheiten auf später.
Später ist überhaupt die beliebteste Lebensversicherung des Menschen.
Wenn erst weniger Arbeit ist. Wenn das Geld reicht. Wenn der Rücken besser ist. Wenn die Kinder größer sind. Wenn man fitter ist. Wenn das Wetter stimmt. Wenn irgendwann dieser geheimnisvolle Zustand erreicht ist, in dem nichts mehr stört und das eigentliche Leben endlich beginnen kann.
Nur besitzt das Leben die unangenehme Eigenschaft, während dieser Vorbereitung bereits stattzufinden.
Gesundheit verdient Fürsorge, aber keine Anbetung. Man darf vernünftig essen und trotzdem Geburtstagstorte mögen. Man darf spazieren gehen, ohne die Strecke anschließend digital zu einem persönlichen Triumph umzubauen. Man darf einen Arzttermin ernst nehmen und danach trotzdem über etwas anderes reden. Vor allem darf man akzeptieren, dass ein Körper nicht dafür geschaffen wurde, uns für immer unangreifbar zu machen.
Wer nur gesund bleiben will, um gesund zu bleiben, gerät irgendwann in einen hübsch gepflegten Kreisverkehr: Alles funktioniert, nur ein Ziel fehlt.
Der Körper trägt uns, jedoch nur eine Weile.
Vielleicht ist Gesundheit deshalb nicht der Sinn des Lebens, sondern eine seiner großen Freiheiten: die Freiheit, an einem gewöhnlichen Dienstag aufzustehen und etwas mit diesem Tag anfangen zu können.
Und wenn dieser Körper eines Tages Grenzen setzt, verschwindet der Sinn nicht automatisch mit der Beweglichkeit, dem Blutbild oder einer Diagnose. Denn ein Mensch ist mehr als die Summe seiner funktionierenden Teile.
Das ist möglicherweise die beruhigendste Nachricht für alle, die morgens schon vor dem Frühstück ihre Vitalwerte kontrollieren:
Man muss nicht perfekt funktionieren, um lebendig zu sein.
Die Moral
Gesundheit ist kein Lebenszweck, sondern Lebensraum. Man sollte gut auf sie aufpassen. Aber wer sein ganzes Leben damit verbringt, es möglichst lange zu erhalten, könnte am Ende feststellen, dass Haltbarkeit und Inhalt zwei verschiedene Dinge sind.
Wenn das Leben irgendwann auf den Blutdruck schlägt

Wer sich fragt, warum der ganz normale Alltag inzwischen so oft zwischen Überforderung, Ärger und stillem Kopfschütteln stattfindet, begegnet diesem Gefühl auch in meinem Buch „Die Wut des kleinen Mannes“, von Alfred-Walter von Staufen.
Das Buch handelt von jener wachsenden Kluft zwischen dem, was Menschen täglich erleben, und dem, was Politik, Medien und Institutionen ihnen darüber erzählen. Satirisch, scharf, manchmal unbequem – aber immer mit dem Blick auf den Menschen, der morgens aufsteht, seinen Alltag bewältigt und irgendwann feststellen muss, dass man nicht alles mit einem gesunden Frühstück ausgleichen kann.
„Die Wut des kleinen Mannes“ – erschienen bei edition leseReich.


















