Macht Geld glücklich?
Vom teuersten Irrtum unseres Lebens
Von Alfred-Walter von Staufen
Es gibt Fragen, die begleiten die Menschheit seit Jahrtausenden, und dann gibt es den Dienstagmorgen, an dem die Kaffeemaschine entkalkt werden will, das Finanzamt eine Nachricht schickt und irgendein Passwort plötzlich acht Zeichen, eine Zahl, ein Sonderzeichen und vermutlich einen Ariernachweis verlangt. Genau dort beginnt „Vom Sinn des Lebens – Eine Gebrauchsanleitung für ein Leben ohne Gebrauchsanleitung“. Diese Reihe sucht keine letzte Wahrheit, sondern beobachtet, womit wir uns täglich darüber hinwegtrösten, dass wir keine haben. Zwischen Einkaufswagen, Terminkalender, Ehrgeiz und Selbstoptimierung prüft Alfred-Walter von Staufen die großen Sinnversprechen des kleinen Lebens.
Geld ist dabei ein besonders überzeugender Kandidat. Es raschelt, glänzt, überweist pünktlich und hat gegenüber Philosophie den Vorteil, dass man damit Brötchen bekommt. Wer genug davon besitzt, so lautet das heimliche Versprechen, kann sich Freiheit, Sicherheit, Anerkennung und vielleicht sogar einen besseren Gesichtsausdruck leisten. Das klingt vernünftig. Verdächtig vernünftig.
Das Leben als Kontoauszug
Der moderne Mensch hat das Geld nicht erfunden, um den Sinn des Lebens zu ersetzen. Das wäre ihm vermutlich zu offensichtlich gewesen. Er hat es erst einmal nur als praktisches Mittel gebraucht, damit er beim Bäcker nicht jedes Mal ein Huhn gegen drei Brote tauschen muss und am Ende mit einem halben Schwein in der Straßenbahn sitzt. Das war vernünftig. Dann aber geschah etwas, das uns Menschen häufiger passiert: Ein Hilfsmittel wurde so nützlich, dass wir ihm irgendwann die Geschäftsführung übergaben. Seitdem fragen wir nicht mehr nur, was etwas wert ist, sondern was es kostet, und wenn beides nicht dasselbe ist, werden wir nervös. Ein Nachmittag mit einem alten Freund kostet fast nichts und kann unbezahlbar sein. Eine Designeruhr kostet mehrere Monatsgehälter und zeigt trotzdem nur, dass es zehn nach drei ist. Trotzdem gilt die Uhr gesellschaftlich als Erfolg, während der Nachmittag mit dem Freund unter Freizeit verbucht wird, also jener verdächtigen Restkategorie, in der Dinge stattfinden, die keinen Umsatz machen.
Das Faszinierende am Geld ist seine erstaunliche Fähigkeit, sich als neutrale Zahl zu verkleiden, obwohl es in Wahrheit dauernd Geschichten über uns erzählt. Wer viel davon hat, gilt schnell als tüchtig, wer wenig hat, soll sich offenbar irgendwo nicht genug angestrengt haben, und wer freiwillig auf mehr verzichtet, muss entweder erleuchtet oder schlecht beraten sein. Selbst Menschen, die behaupten, Geld bedeute ihnen nichts, sagen das bevorzugt in Küchen, deren Kochinsel mehr kostet als der erste Wagen ihrer Eltern. Geld ist eben diskret. Es drängt sich nicht auf. Es steht nur überall herum, auf Gehaltsabrechnungen, Mietverträgen, Restaurantkarten und Kontoauszügen, und flüstert dabei sehr höflich: Du kannst selbstverständlich tun, was du willst. Ich sage dir nur, was davon möglich ist.
So wird aus einem Tauschmittel langsam ein Bewertungssystem für das eigene Leben. Die Wohnung wird größer, das Auto neuer, der Urlaub weiter weg, und irgendwo zwischen Premiumkonto, Bonusprogramm und Loungezugang entsteht die Hoffnung, man müsse nur noch eine Einkommensstufe höher klettern, dann werde dieses diffuse Gefühl verschwinden, dass irgendetwas fehlt. Das Problem ist nur: Geld kennt kein Wort für genug. Es kennt Zahlen. Und Zahlen haben die unangenehme Eigenschaft, nach oben offen zu sein. Wer hundert hat, sieht tausend. Wer tausend hat, sieht zehntausend. Und wer zehn Millionen besitzt, entdeckt plötzlich Menschen mit hundert Millionen und nennt das vermutlich Marktumfeld. Auf diese Weise kann man ein ganzes Leben damit verbringen, die Leiter hinaufzusteigen, ohne je zu fragen, ob sie überhaupt an der richtigen Wand steht.
Wenn Sicherheit plötzlich eine Preisliste hat
Nun wäre es billig, über Geld zu spotten, als könne man Miete, Heizkosten und Zahnersatz mit innerem Frieden bezahlen. Geld ist nicht bloß Eitelkeit in Scheinen, sondern vor allem die sehr praktische Möglichkeit, morgens aufzuwachen, ohne sofort auszurechnen, welcher Brief im Briefkasten heute die Stimmung übernimmt. Wer genug Geld hat, kauft sich nicht automatisch Glück, aber er kann eine erstaunliche Menge Unglück fernhalten. Das ist weniger romantisch als ein Sonnenuntergang, hilft im Januar jedoch meistens mehr.
Vielleicht liegt genau darin seine größte Verführung. Geld kann Probleme tatsächlich lösen. Die kaputte Waschmaschine wird ersetzt, der Anwalt bezahlt, der Urlaub gebucht, der Kühlschrank gefüllt. Nach einigen solchen Erfolgen liegt der Gedanke nahe, man müsse nur genügend Geld anhäufen, dann lasse sich irgendwann auch der Rest des Lebens reparieren. Leider kennt das Leben keine Ersatzteilnummer. Gegen Einsamkeit gibt es keine Garantieverlängerung, gegen den Tod keine Premiumversicherung und gegen die Erkenntnis, zwanzig Jahre dem falschen Ziel hinterhergelaufen zu sein, noch nicht einmal einen Kundenservice mit Warteschleife.
Trotzdem behandeln wir Geld gern wie eine Schutzschicht gegen die Zumutungen des Daseins. Man spart für später, arbeitet für später, verzichtet für später und stellt irgendwann fest, dass dieses ominöse Später ein ausgesprochen schlechter Geschäftspartner ist. Es verlangt Jahrzehnte Vorauszahlung und garantiert gar nichts. Besonders hübsch wird es, wenn jemand sein halbes Leben damit verbringt, möglichst viel Freizeit zu opfern, um genug Geld zu verdienen, damit er sich später Freizeit leisten kann. Das ist ungefähr so, als würde man sein Bett verkaufen, um Geld für Schlafmittel zu haben.
Noch merkwürdiger wird es, wenn Geld zur Eintrittskarte für gesellschaftliche Bedeutung wird. Ein Mensch, der sehr viel verdient, muss offenbar etwas sehr Wichtiges tun. Ein Mensch, der Kinder pflegt, Alte betreut, Nachbarn hilft oder seine kranke Frau versorgt, bekommt dagegen häufig nicht einmal eine Visitenkarte dazu. Unsere Gesellschaft behauptet gern, jeder Mensch habe denselben Wert, führt aber gleichzeitig Tabellen, in denen ziemlich exakt steht, welche Stunde wie viel kostet. Das ist kein Widerspruch, solange man nicht darüber nachdenkt. Deshalb hat sich das Nichtdarübernachdenken wirtschaftlich so bewährt.
Geld kann also vieles erleichtern, manches verhindern und einiges ermöglichen. Problematisch wird es erst, wenn aus diesem nützlichen Werkzeug der stille Beweis dafür werden soll, dass das eigene Leben gelungen ist. Denn dann besitzt man Geld nicht mehr. Dann führt es Buch über einen.
Was am Ende auf keiner Rechnung steht
Vielleicht erkennt man die wahre Bedeutung des Geldes am besten dort, wo es plötzlich nichts mehr ausrichten kann. Im Krankenzimmer etwa, wenn ein Mensch neben einem Bett sitzt und feststellen muss, dass Vermögen zwar die Privatstation bezahlt, aber keine zusätzliche Stunde kaufen kann. Oder an einem Grab, wo sich selbst der erfolgreichste Unternehmer für einen Moment in derselben bemerkenswert ungünstigen Verhandlungsposition befindet wie der Mann, der sein Leben lang Mindestlohn bekam. Der Tod ist überhaupt ein ziemlich radikaler Sozialist. Er interessiert sich weder für Depotgrößen noch für Bonusmeilen und kennt keine bevorzugte Kundenbetreuung.
Bis dahin allerdings lässt sich hervorragend verdrängen, dass unsere eigentliche Währung eine andere ist. Wir besitzen nämlich etwas, das jeden Morgen weniger wird und sich unter keinen Umständen nachdrucken lässt: Zeit. Ausgerechnet sie tauschen wir bereitwillig gegen Geld ein, oft sogar zu Bedingungen, bei denen jeder Gebrauchtwagenhändler wegen sittenwidriger Geschäftspraktiken erröten würde. Wir verkaufen Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag und freuen uns dann, wenn wir Samstag mit dem Erlös Dinge kaufen dürfen, die uns darüber hinwegtrösten, dass wir Montag wieder anfangen müssen. Das nennen wir Arbeitswoche und nicht, was natürlich unnötig unangenehm klänge, Lebensverkauf in Raten.
Natürlich muss gearbeitet werden. Brot wächst nicht geschnitten im Supermarktregal, Häuser bauen sich nicht aus positiver Energie und auch der Klempner erscheint ungern für ein herzliches Dankeschön und einen inspirierenden Sinnspruch. Doch zwischen „Ich brauche Geld zum Leben“ und „Ich lebe für Geld“ liegt ein kleiner sprachlicher Unterschied, hinter dem sich ein ziemlich großer menschlicher Abgrund verbirgt. Wer ihn übersieht, kann wirtschaftlich außerordentlich erfolgreich auf der falschen Seite ankommen.
Denn eines Tages interessiert vielleicht erstaunlich wenig, wie viele Gehaltsstufen man erreicht, wie geschickt man investiert oder ob der Nachbar endlich das kleinere Auto hatte. Dann bleiben andere Bilanzen. Wem habe ich zugehört, als es nichts zu gewinnen gab? Bei wem bin ich geblieben, als Weggehen bequemer gewesen wäre? Welche Stunden habe ich nicht verkauft? Welche Menschen mussten bei mir keinen Termin buchen? Und gab es irgendetwas, das ich getan habe, obwohl es sich überhaupt nicht gerechnet hat?
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Geld wieder das wird, was es einmal sein sollte: ein Mittel. Ein sehr wichtiges, manchmal lebensnotwendiges und ausgesprochen angenehmes Mittel. Aber eben kein Zweck. Man kann damit ein Haus bezahlen, jedoch kein Zuhause bestellen, eine Reise buchen, aber keine Neugier, einen Tisch reservieren, aber kein gutes Gespräch und beinahe alles versichern außer der Gewissheit, richtig gelebt zu haben.
Wer das früh genug bemerkt, muss deshalb nicht arm werden. Er muss nur aufhören, Reichtum mit Leben zu verwechseln.
Die Moral
Geld ist ein hervorragender Diener und ein miserabler Lebenszweck. Es kann Freiheit schaffen, Sorgen mindern und Möglichkeiten öffnen. Aber wer sein Leben ausschließlich danach bewertet, wie viel davon am Ende übrig ist, hat womöglich die einzige Rechnung übersehen, die wirklich zählt: ob unterwegs genug Leben übrig geblieben ist.

















