Warum uns die Jagd nach Glück manchmal unglücklich macht
Von Alfred-Walter von Staufen
Der Mensch hat inzwischen für fast alles eine Anleitung. Für den Kaffeevollautomaten, die Steuererklärung, den Beziehungsstatus und sogar für das richtige Atmen gibt es Kurse, Apps und Menschen mit Headset. Nur für das Leben selbst liegt erstaunlicherweise kein Handbuch bei. Die Reihe „Vom Sinn des Lebens – Eine Gebrauchsanleitung für ein Leben ohne Gebrauchsanleitung“ beschäftigt sich deshalb mit den großen Fragen dort, wo sie meistens auftauchen: zwischen Einkaufswagen, Warteschleife, Familiengruppe und der Erkenntnis, dass der Drucker schon wieder Papierstau hat. Satire trifft Alltag, Philosophie den gesunden Menschenverstand.
Glück gilt als jener Zustand, den angeblich alle suchen und über den erstaunlich viele Menschen sprechen, die dabei aussehen, als hätten sie gerade ihre PIN dreimal falsch eingegeben. Vielleicht liegt das Problem weniger darin, dass Glück so schwer zu finden ist, sondern darin, dass wir vorher sehr genaue Vorstellungen davon bekommen haben, wie es auszusehen hat.
Glück gibt es jetzt auch im Vorteilspack
Glück war früher eine verhältnismäßig bescheidene Angelegenheit. Ein warmer Sommertag, kein Zahnschmerz, jemand brachte Kuchen mit, und wenn der Nachbar seinen Rasenmäher erst nach neun Uhr morgens anwarf, konnte man bereits von einer günstigen Fügung sprechen. Heute reicht das nicht mehr. Glück hat Standards bekommen. Es muss sichtbar, messbar, fotografierbar und möglichst neidfähig sein. Wer glücklich ist, ohne dass es jemand merkt, hat offenbar eine Gelegenheit zur persönlichen Markenbildung ungenutzt verstreichen lassen.
Der moderne Mensch wacht deshalb nicht einfach auf. Er prüft zunächst, ob sein Leben noch konkurrenzfähig ist. Das Smartphone liegt neben dem Bett wie ein kleiner digitaler Dorfplatz, auf dem alle anderen schon seit sechs Uhr morgens erfolgreicher, schlanker, verliebter und an einem landschaftlich reizvolleren Ort sind. Einer joggt bei Sonnenaufgang am Meer, eine andere trinkt grünen Saft aus einem Glas, das vermutlich mehr kostet als der eigene Wocheneinkauf, und ein Dritter erklärt mit entwaffnender Fröhlichkeit, dass er endlich gelernt habe, nur noch Dinge zu tun, die ihm guttun. Vermutlich gehört Arbeiten nicht dazu.
So entsteht eine merkwürdige Form des Unglücks: Man wäre eigentlich ganz zufrieden, wenn man nicht ständig erfahren würde, wie viel zufriedener man sein müsste. Die Wohnung ist warm, der Kühlschrank voll, der Rücken meldet sich nur beim Aufstehen und man kennt sogar jemanden, der freiwillig anruft. Das könnte reichen. Tut es aber nicht, weil Glück inzwischen weniger wie ein Zustand behandelt wird als wie ein Projekt mit Optimierungsbedarf. Man soll an sich arbeiten, an seiner Beziehung, an seiner Morgenroutine, an seinem Mindset und möglichst auch an seiner Darmflora. Der Mensch ist dabei zugleich Baustelle, Bauleiter und Bauamt, nur dass niemand die Fertigstellung genehmigt.
Besonders praktisch ist, dass sich aus dieser dauernden Unzufriedenheit hervorragend ein Markt machen lässt. Glück gibt es als Seminar, Duftkerze, Wochenendkurs, Ratgeber, Retreat und Trinkflasche mit aufgedruckter Lebensweisheit. Wer nach zwei Tagen Waldbaden immer noch über seine Steuererklärung nachdenkt, hat vermutlich nicht tief genug losgelassen. Dabei wäre vielleicht schon viel gewonnen, wenn Glück nicht länger als Dauerzustand verstanden würde. Kein Mensch ist achtzehn Stunden am Tag glücklich, außer möglicherweise ein Labrador mit Zugang zu einer offenen Metzgerei.
Vielleicht beginnt das Missverständnis genau hier: Wir haben aus einem Augenblick eine Verpflichtung gemacht. Glück darf nicht mehr kommen und gehen. Es soll bleiben, planbar sein und bitte pünktlich liefern. Und wenn es ausbleibt, suchen wir den Fehler zuerst bei uns selbst.
Und ausgerechnet dabei übersehen wir, dass sich die besten Momente selten anmelden, geschweige denn einen Termin im Kalender verlangen.
Das Glück hat leider keine Öffnungszeiten
Wer Glück sucht, behandelt es gern wie eine Behörde: Man nimmt eine Nummer, setzt sich hin und erwartet, irgendwann aufgerufen zu werden. Nur arbeitet das Glück nach einem erstaunlich unzuverlässigen Dienstplan. Es erscheint beim falschen Wetter, in unpassender Kleidung und häufig genau dann, wenn man gerade etwas anderes vorhat. Man steht mit einer Tüte Kartoffeln auf dem Parkplatz, der Himmel sieht nach Regen aus, und plötzlich lacht jemand neben einem so herzlich über irgendeinen vollkommen belanglosen Satz, dass für zehn Sekunden alles stimmt. Keine Fanfare, kein Coaching, kein Sonnenuntergang auf Bali. Nur dieser eine Moment. Und ehe man ihn ordentlich würdigen kann, rollt der Einkaufswagen davon.
Das ist vermutlich der Grund, warum wir Glück so oft erst rückblickend erkennen. Während es geschieht, sind wir beschäftigt. Wir kontrollieren, organisieren, vergleichen und denken darüber nach, was als Nächstes erledigt werden muss. Ein gemeinsames Abendessen wird zur Gelegenheit, noch schnell Nachrichten zu beantworten. Ein Spaziergang bekommt Schrittziel und Pulsmessung. Selbst Ferien brauchen inzwischen eine Dramaturgie, damit man nach der Rückkehr nicht erklären muss, man habe einfach nur herumgesessen. Herumsitzen gilt als verdächtig. Wer nichts optimiert, könnte am Ende noch merken, dass er genug hat.
Dabei ist Glück häufig unspektakulär bis zur Beleidigung. Es steckt in einem vertrauten Geräusch, in einem guten Gespräch, im ersten Kaffee am Morgen, in einem alten Lied, das zufällig im Radio läuft, oder darin, dass jemand noch da ist, den man längst für selbstverständlich hält. Genau deshalb taugt es so schlecht für große Versprechen. Niemand verkauft ein Wochenendseminar mit dem Titel „Vielleicht ist eigentlich schon ziemlich viel in Ordnung“. Das klingt nicht nach Durchbruch, sondern nach Sonntag bei Tante Gerda.
Unser Problem ist deshalb nicht nur die Jagd nach dem Glück, sondern die Vorstellung, es müsse außergewöhnlich sein. Wir erwarten Höhepunkte und übersehen die Ebene dazwischen, obwohl dort der größte Teil unseres Lebens stattfindet. Geburtstage, Reisen und große Erfolge bleiben Erinnerungspunkte. Aber das Leben selbst besteht überwiegend aus Montagen, Brotdosen, halbwegs freundlichen Begegnungen, funktionierenden Heizungen und Menschen, die fragen, ob man gut nach Hause gekommen ist.
Wer darin nichts Wertvolles erkennen kann, wird selbst unter Palmen irgendwann schlechte Laune bekommen. Denn auch im Paradies muss jemand die Handtücher waschen.
Vielleicht ist Glück also weniger eine Belohnung am Ende eines gelungenen Lebens als die Fähigkeit, das Gelungene überhaupt zu bemerken, bevor es Vergangenheit geworden ist.
Wer glücklich sein will, sollte nicht dauernd danach fragen
Vielleicht ist der Satz „Der Sinn des Lebens ist Glück“ deshalb zugleich richtig und falsch. Richtig ist er, weil kaum jemand freiwillig ein Leben wählen würde, das ausschließlich aus Kummer, Enttäuschung und Dienstagvormittagen im Wartezimmer besteht. Falsch wird er dort, wo Glück zum obersten Zweck erklärt wird, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Denn wer jede Entscheidung danach trifft, ob sie ihn möglichst schnell möglichst glücklich macht, landet früher oder später bei einer merkwürdigen Lebensführung, in der Verpflichtungen stören, Verantwortung lästig wird und andere Menschen vor allem danach beurteilt werden, ob sie zur eigenen Stimmung beitragen.
Ein Kind großzuziehen macht nicht jeden Tag glücklich. Einen Angehörigen zu pflegen ebenso wenig. Eine Freundschaft durch eine schwere Zeit zu tragen, kann anstrengend sein, eine Ehe manchmal nervtötend, ein Beruf über Jahre mühsam. Trotzdem würden viele Menschen gerade diese Erfahrungen nicht aus ihrem Leben streichen wollen. Offenbar gibt es also etwas, das tiefer reicht als angenehme Gefühle. Bindung vielleicht. Verantwortung. Das Wissen, gebraucht zu werden. Oder schlicht das Gefühl, nicht nur Zuschauer im eigenen Dasein gewesen zu sein.
Das ist für die Glücksindustrie natürlich eine schlechte Nachricht, weil sich Sinn schwerer in hübsche Kartons verpacken lässt. Man kann Zugehörigkeit nicht im Monatsabo bestellen und Charakter wächst bedauerlicherweise selten während eines Wellnesswochenendes. Dafür entwickelt er sich gern an Stellen, die im Prospekt niemand fotografieren würde: wenn man bleibt, obwohl Weggehen bequemer wäre; wenn man hilft, obwohl gerade keiner zusieht; wenn man etwas zu Ende bringt, obwohl die Begeisterung längst Feierabend gemacht hat.
Vielleicht kommt Glück deshalb oft von hinten. Man arbeitet nicht daran, glücklich zu sein, sondern an etwas, das einem wichtig ist, und irgendwann sitzt man abends da, müde, vielleicht sogar ein bisschen zerknittert, und merkt, dass dieser Tag trotz allem Gewicht hatte. Kein Dauerlächeln. Keine Erleuchtung. Nur das angenehme Gefühl, nicht völlig sinnlos Sauerstoff verbraucht zu haben.
Und vielleicht wäre das schon eine brauchbare Gebrauchsanleitung: Nicht jeden Morgen prüfen, ob man glücklich ist. Sondern gelegentlich fragen, ob das eigene Leben jemanden wärmt, trägt, erfreut oder wenigstens nicht unnötig schwerer macht. Glück könnte dann das sein, was sich einstellt, wenn man für einen Moment aufhört, es zu jagen.
Der Sinn des Lebens wäre damit tatsächlich Glück. Nur eben nicht als Beute, sondern als leiser Begleiter eines Lebens, das auch dann noch Wert hat, wenn gerade niemand lächelt.
Der Sinn des Lebens ist Glück
Der Sinn des Lebens ist Arbeit














