Freiheit als Lebenssinn: Zwischen Selbstbestimmung und Alltag
Von Alfred-Walter von Staufen
Wie frei sind wir wirklich?
„Vom Sinn des Lebens – Eine Gebrauchsanleitung für ein Leben ohne Gebrauchsanleitung“ beschäftigt sich mit jenen großen Fragen, die der Mensch bevorzugt dann stellt, wenn gerade nichts im Fernsehen läuft und der Akku noch sieben Prozent hat. Die Reihe sucht den Sinn nicht auf Berggipfeln, in Seminarräumen oder zwischen zwei Kalendersprüchen, sondern im Supermarkt, im Büro, am Küchentisch und gelegentlich im eigenen Unsinn. Sie verbindet Alltagsbeobachtung mit satirischer Schärfe und philosophischem Unterton und fragt, wie man in einer bis ins Kleingedruckte organisierten Welt halbwegs vernünftig, menschlich und vielleicht sogar sinnvoll durchs Leben kommt.
Freiheit klingt großartig. Nach offenem Horizont, Wind im Gesicht und dem guten Gefühl, niemand könne einem etwas vorschreiben. Bis man versucht, einen Handyvertrag zu kündigen. Dann sitzt die Freiheit plötzlich in einer Warteschleife, hört Fahrstuhlmusik und erfährt, dass persönliche Unabhängigkeit montags bis freitags zwischen neun und siebzehn Uhr bearbeitet wird.
Freiheit, selbstverständlich nur nach vorheriger Anmeldung
Der moderne Mensch hält sich für frei, weil er zwischen siebenundzwanzig Sorten Joghurt wählen kann, drei Streamingdienste gleichzeitig bezahlt und jederzeit beschließen darf, nach Portugal auszuwandern, sofern Arbeitsvertrag, Mietvertrag, Krankenversicherung, Steuerbescheid, Familie, Kontostand, Haustier und die Tatsache, dass er nicht Portugiesisch spricht, keine Einwände erheben. Freiheit ist also vorhanden. Sie steht irgendwo im Regal, gleich neben der Bio-Mandelmilch, nur leider ein bisschen zu hoch.
Wir lieben das Wort, weil es nach Weite klingt. Kaum jemand sagt morgens beim Zähneputzen: Heute wünsche ich mir mehr Fremdbestimmung. Selbst Menschen, die ihren Tagesablauf vom Wecker über die Schrittzähler-App bis zur Einschlafmeditation vollständig an Geräte delegiert haben, reagieren empfindlich, wenn man ihnen erklärt, sie seien vielleicht nicht ganz so unabhängig, wie ihre Handyhülle mit dem Aufdruck „Live free“ vermuten lässt. Das Telefon sagt, wann wir aufstehen, die Uhr sagt, ob wir uns genug bewegt haben, die Navigationssoftware sagt, wo wir abbiegen sollen, und der Kalender erinnert uns daran, dass wir heute Abend spontan sein wollten. Spontanität von 19.30 bis 21.00 Uhr. Danach Zähneputzen.
Vielleicht liegt das Missverständnis darin, dass wir Freiheit gern mit Auswahl verwechseln. Wer fünfzig Möglichkeiten bekommt, muss deshalb noch lange nicht frei sein. Er kann auch einfach fünfzig Möglichkeiten haben, sich zu beschäftigen. Der Unterschied fällt im Alltag kaum auf, weil Beschäftigung ein hervorragendes Beruhigungsmittel ist. Man klickt, wischt, bestellt, storniert, vergleicht und nennt das Selbstbestimmung, während man gleichzeitig nervös wird, wenn eine Nachricht fünf Minuten unbeantwortet bleibt. Früher saß der Mensch in der Höhle und fürchtete den Säbelzahntiger. Heute sitzt er auf dem Sofa und fürchtet zwei graue Häkchen ohne Antwort. Fortschritt ist eben, wenn die Angst WLAN hat.
Dabei beginnt Freiheit vermutlich nicht dort, wo niemand mehr etwas von uns will. Sonst müsste man auf eine einsame Insel ziehen und würde spätestens am dritten Tag feststellen, dass Kokosnüsse erstaunlich autoritär organisiert sind: Sie hängen oben, man selbst steht unten, und über Mitbestimmung ist nichts bekannt.
Frei sein heißt leider auch, selbst schuld sein zu dürfen
Das Unangenehme an echter Selbstbestimmung ist, dass sie einem nicht nur Türen öffnet, sondern hinterher auch die Rechnung auf den Tisch legt. Solange andere entscheiden, kann man sich herrlich empören. Der Chef war schuld, die Eltern waren schuld, die Umstände, der Staat, das Wetter, der Algorithmus und notfalls Merkur, der angeblich wieder rückwärts läuft. Wer dagegen tatsächlich selbst entscheidet, verliert nach und nach diese komfortable Sammlung fremder Verantwortlicher. Plötzlich steht man mit der eigenen Wahl da wie mit einem schlecht aufgebauten IKEA-Schrank: Er wackelt, zwei Schrauben sind übrig, und man kann diesmal nicht einmal die Anleitung beschuldigen, weil man sie aus Prinzip nicht gelesen hat.
Vor einer Entscheidung fühlt sich Unabhängigkeit großartig an. Alles scheint möglich, jeder Weg offen, die Welt wartet geradezu darauf, dass man endlich beherzt durch eine Tür tritt. Hinterher wird es gewöhnlicher. Man kündigt einen sicheren Beruf, weil man endlich etwas Eigenes machen will, und entdeckt, dass Selbstverwirklichung erstaunlich viele Rechnungen produziert. Man beendet eine Beziehung, weil man wieder nur für sich selbst entscheiden möchte, und merkt am ersten stillen Sonntag, dass Eigenständigkeit keinen Kaffee kocht und auf die Frage „Was machen wir heute?“ nicht antwortet. Man sagt endlich Nein, wo man jahrelang Ja gesagt hat, und stellt fest, dass manche Menschen persönliche Grenzen außerordentlich begrüßen, solange diese auf dem Grundstück der anderen verlaufen.
Vielleicht liegt genau darin unser Problem. Wir möchten selbst bestimmen, aber möglichst mit Rückgaberecht. Wir hätten gern den freien Willen inklusive Kundenservice, Entscheidungen ohne Nebenwirkungen und ein Leben, bei dem man nach vierzehn Tagen erklären kann: War doch nichts für mich, bitte einmal zurück auf Werkseinstellung. Das Universum hat diesen Service bislang nicht eingerichtet. Vermutlich wegen schlechter Personalplanung.
Richtig interessant wird es ohnehin erst dort, wo der eigene Wille auf den eines anderen trifft. Der Nachbar darf seine Musik mögen. Der Kollege darf zu völlig anderen Schlüssen kommen. Die Kinder dürfen irgendwann ein Leben führen, das mit den sorgfältig angelegten Plänen ihrer Eltern ungefähr so viel gemeinsam hat wie ein Fischbrötchen mit einem Ernährungsseminar. Selbstbestimmung funktioniert nämlich nicht wie eine Privatparzelle mit exklusivem Wegerecht. Eher wie ein dicht bebautes Wohngebiet, in dem jeder seinen Grill aufstellen möchte und niemand den Rauch des anderen bestellt hat.
Deshalb gehört zu einem selbstbestimmten Leben etwas, das inzwischen beinahe verdächtig altmodisch klingt: Verantwortung. Nicht als moralische Strafarbeit, sondern als Preis dafür, eigene Wege gehen zu können. Man darf entscheiden, muss aber auch mit dem Ergebnis leben. Man darf gehen, sollte jedoch nicht behaupten, niemand habe die Tür gehört. Man darf widersprechen, scheitern, neu anfangen, sich täuschen und später erkennen, dass die großartige Entscheidung vom vergangenen Donnerstag vielleicht doch eher mittelmäßig war.
Gerade darin steckt Würde. Nicht darin, immer richtig zu wählen, sondern überhaupt das eigene Leben führen zu dürfen und dessen Irrtümer nicht vollständig an andere auszulagern. Ein selbstbestimmtes Dasein verspricht keinen Komfort. Es verspricht etwas Schwierigeres: dass man sich am Ende wenigstens in den eigenen Entscheidungen wiedererkennen kann.
Die Tür steht offen, aber wir haben noch einen Termin
Vielleicht besteht die seltsamste Form der Unfreiheit darin, dass irgendwann niemand mehr vor der Tür steht und sie trotzdem geschlossen bleibt. Kein Wärter, kein Verbotsschild, keine Kette. Nur Gewohnheiten, Erwartungen und diese unscheinbaren Sätze, die sich über Jahre im Kopf eingerichtet haben: Das macht man nicht. Dafür bist du zu alt. Dafür verdienst du zu wenig. Was sollen die anderen denken? Jetzt kannst du doch nicht noch einmal anfangen. So wird aus einem offenen Ausgang eine Wand, ohne dass je jemand einen Ziegelstein gesetzt hätte.
Der Mensch ist nämlich erstaunlich begabt darin, seine Käfige selbst zu möblieren. Erst hängt er Gardinen auf, dann stellt er eine Kaffeemaschine hinein, irgendwann bestellt er noch ein bequemes Sofa und erklärt Besuchern, draußen sei es ohnehin zugig. Man richtet sich ein in Berufen, die einen jeden Montag ein kleines Stück müder machen, in Bekanntschaften, bei denen man seit Jahren dieselben höflichen Sätze austauscht, und in Vorstellungen vom eigenen Leben, die irgendwann andere für einen entworfen haben. Das Tragische daran ist nicht einmal, dass wir bleiben. Manchmal gibt es gute Gründe dafür. Tragisch wird es, wenn wir vergessen, dass wir überhaupt eine Wahl haben.
Dabei muss ein eigenständiges Leben nicht aussehen wie eine Werbeanzeige für Wohnmobile. Man braucht keinen VW-Bus, keinen Sonnenuntergang in der Toskana und schon gar keinen Mann mit Dreitagebart, der barfuß vor einem Bergsee Kaffee aus einer Emailletasse trinkt und offenbar seit drei Jahren keine Steuererklärung mehr abgegeben hat. Das ist nicht Unabhängigkeit. Das ist im günstigsten Fall Urlaub mit gutem Fotografen.
Die größeren Entscheidungen sind oft unspektakulär. Einen Menschen nicht mehr beeindrucken zu wollen, dessen Urteil einem seit Jahren nicht guttut. Sich einzugestehen, dass ein einmal eingeschlagener Weg nicht deshalb richtig bleibt, weil man bereits lange darauf unterwegs ist. Einen Nachmittag leer zu lassen, obwohl die Welt inzwischen sogar aus Erholung ein Projekt mit Zielvorgaben gemacht hat. Oder schlicht zu sagen: Ich weiß es nicht. Auch das kann ein bemerkenswert souveräner Satz sein in einer Gesellschaft, in der jeder zu allem sofort eine Meinung besitzt, vorzugsweise bevor er den dazugehörigen Artikel gelesen hat.
Vielleicht ist das ohnehin der tiefere Kern: Ein eigenes Leben beginnt nicht mit grenzenlosen Möglichkeiten, sondern mit der Fähigkeit, Grenzen bewusst anzunehmen und andere zurückzuweisen. Niemand kann alles haben, alles erleben, überall dazugehören und gleichzeitig vollständig bei sich bleiben. Jede wirkliche Entscheidung schließt etwas aus. Genau deshalb bedeutet sie etwas.
Am Ende geht es nicht darum, sämtliche Bindungen abzuschütteln. Wer niemanden braucht, niemandem etwas schuldet und für nichts Verantwortung trägt, ist womöglich nicht unabhängig, sondern einfach allein. Entscheidend ist etwas anderes: ob die Bindungen, Pflichten und Wege, die unser Leben bestimmen, wenigstens teilweise aus einem eigenen Ja entstanden sind.
Die Moral
Der Sinn liegt vielleicht nicht darin, jederzeit alles tun zu können. Sondern darin, oft genug zu erkennen, wann man auch Nein sagen dürfte. Ein selbstbestimmtes Leben erkennt man nicht an offenen Türen, sondern daran, dass man gelegentlich tatsächlich durch eine hindurchgeht.
















