Leben wir, um zu arbeiten?
Von Alfred-Walter von Staufen
Über den Sinn zwischen Wecker und Feierabend
Es gibt Menschen, die suchen den Sinn des Lebens in Religion, Philosophie, Selbstverwirklichung oder einem sehr teuren Wochenendseminar mit Klangschale.
Diese Reihe mit dem Titel „Der Sinn des Lebens“ sucht vorsichtshalber dort, wo das Leben tatsächlich stattfindet: zwischen Einkaufswagen, Wecker, Steuererklärung, Familienfeier und der Frage, warum ausgerechnet die andere Kassenschlange immer schneller ist.
„Vom Sinn des Lebens – Eine Gebrauchsanleitung für ein Leben ohne Gebrauchsanleitung“ betrachtet die großen Menschheitsfragen aus der niedrigen Flughöhe des Alltags, mit satirischer Schärfe, philosophischem Unterton und der leisen Hoffnung, dass man auch in einer vollständig durchorganisierten Welt noch halbwegs sinnvoll durchs eigene Leben stolpern kann.
Arbeit soll adeln, erfüllen, unabhängig machen und im Idealfall sogar Spaß bereiten. Das klingt verdächtig nach einem Produktprospekt. Die meisten Menschen arbeiten zunächst aus einem weniger metaphysischen Grund: Am Monatsende bestehen Vermieter, Energieversorger und Supermärkte auf einer erstaunlich materialistischen Deutung des Daseins. Trotzdem machen wir aus Erwerbstätigkeit gern eine Weltanschauung.
Wenn der Wecker zum Sinnstifter wird
Arbeit hat einen unschlagbaren Vorteil gegenüber allen anderen Sinnangeboten: Sie beginnt zu einer Uhrzeit. Liebe ist unzuverlässig, Freundschaft kennt keine Kernarbeitszeit, Glück lässt sich schlecht in Outlook eintragen und die Frage nach dem eigenen Daseinszweck erscheint grundsätzlich dann, wenn man gerade keine Lust darauf hat. Arbeit dagegen klingelt morgens um 6.15 Uhr. Das ist zwar keine Antwort auf die großen Fragen der Menschheit, aber immerhin ein Termin.
Der moderne Mensch steht also auf, obwohl sein Körper noch sehr überzeugend dafür plädiert, die Evolution an dieser Stelle abzubrechen, schleppt sich ins Badezimmer, betrachtet im Spiegel einen Menschen, den er ohne Termin wahrscheinlich nicht empfangen würde und beginnt mit jener heiligen Zeremonie, die wir Werktag nennen. Kaffee, Dusche, Schlüssel, Tasche und Handy. Wo ist nochmal das Handy? Noch einmal zurück, weil das Handy auf dem Küchentisch liegt, obwohl man es eben in der Hand hatte. Dann hinaus in die Welt, wo Millionen andere Sinnsucher bereits im Berufsverkehr stehen und gemeinsam darüber nachdenken können, warum ausgerechnet alle anderen heute unterwegs sein müssen.
Kaum angekommen, beginnt die eigentliche Sinnproduktion. Man schaltet einen Rechner ein, der zunächst Updates installieren möchte, obwohl er gestern bereits acht Stunden lang Gelegenheit dazu gehabt hätte. Danach öffnet man Programme, beantwortet Nachrichten, verschiebt Dateien, nimmt an Besprechungen teil und schreibt gelegentlich eine E-Mail mit dem Satz „Vielen Dank für die Rückmeldung“, obwohl man bei ehrlicher Betrachtung weder dankbar war noch eine Rückmeldung gebraucht hätte. Das gehört sich eben so. Zivilisation besteht zu einem erheblichen Teil daraus, Gedanken so lange höflich zu verpacken, bis niemand mehr erkennt, was ursprünglich darin lag.
Besonders eindrucksvoll wird Arbeit dort, wo sie sich selbst verwaltet. Dann gibt es Besprechungen zur Vorbereitung weiterer Besprechungen, Arbeitsgruppen zur Optimierung von Arbeitsgruppen und Tabellen, in denen dokumentiert wird, warum eine andere Tabelle noch nicht fertig ist. Menschen verbringen Stunden damit, ihre Tätigkeit zu erklären, statt sie auszuüben und nennen das „Prozess“. Wer dabei besonders ernst blickt und Ellenbogen besitzt, kann Karriere machen.
Und trotzdem geschieht etwas Merkwürdiges: Gegen Abend fühlt man sich oft auf eine schwer erklärbare Weise berechtigt, müde zu sein. Man hat etwas getan. Vielleicht nichts Weltbewegendes, vielleicht nicht einmal etwas, das am nächsten Morgen noch jemand bemerkt, aber der Tag besitzt Konturen. Er hatte Anfang, Aufgabe und Feierabend. Das ist mehr Struktur, als das Leben selbst gewöhnlich anbietet. Vielleicht beginnt deshalb der Irrtum genau hier: Weil Arbeit dem Tag eine Form gibt, halten wir sie irgendwann für seinen Inhalt.
Wenn der Beruf plötzlich den Menschen ersetzt
Gefährlich wird die Sache erst, wenn Arbeit nicht mehr nur Rechnungen bezahlt, sondern die eigene Person erklärt. Das beginnt oft harmlos: Man trifft jemanden auf einer Feier, kennt weder dessen Lieblingsessen noch seine politischen Ansichten, weiß nichts über Kindheit oder Träume und fragt trotzdem nach spätestens drei Minuten: „Und was machst du so?“ Gemeint ist selbstverständlich nicht: Was machst du aus deinem Leben? Gemeint ist: Wofür überweist dir jemand Geld?
Die Antwort entscheidet erstaunlich oft darüber, in welche gedankliche Schublade ein Mensch einsortiert wird. Arzt klingt anders als Lagerarbeiter, Unternehmer anders als Hausmeister, Professor anders als Busfahrer. Dabei kann der Busfahrer ein kluger, belesener, warmherziger Mensch sein und der Professor ein eitler Langweiler, der sogar beim Grillen Fußnoten spricht. Der Beruf verrät einiges über unsere Tätigkeit, aber erschreckend wenig darüber, wer wir sind. Trotzdem tragen manche ihre Stellenbezeichnung vor sich her wie andere ein Familienwappen.
Ein Beruf liefert nicht nur Einkommen, sondern auch eine fertige Antwort auf die unangenehme Frage nach dem eigenen Wert. Wer gebraucht wird, fühlt sich wichtig. Wer Termine hat, wird erwartet. Wer morgens irgendwo erscheinen muss, kann sich einreden, dass die Welt wenigstens an einer kleinen Stelle auf ihn wartet. Und je leerer andere Bereiche werden, desto verführerischer wird dieses Gefühl. Dann bleibt man länger im Büro, beantwortet Nachrichten beim Abendessen und nennt es Engagement, obwohl man vielleicht nur nicht recht weiß, was man mit einem Abend anfangen soll, an dem niemand etwas von einem verlangt.
Arbeit kann nämlich auch ein hervorragendes Versteck sein. Wer ständig beschäftigt ist, braucht sich mit vielem nicht zu beschäftigen. Nicht mit einer Beziehung, die seit Jahren nur noch organisatorisch funktioniert. Nicht mit Freunden, die man irgendwann „unbedingt mal wieder“ anrufen wollte. Nicht mit der Frage, ob das Leben, das man so erfolgreich verwaltet, überhaupt das eigene ist. Ein voller Kalender wirkt beruhigend, weil jede freie Stunde plötzlich gefährlich werden könnte. In ihr könnte ein Gedanke auftauchen.
Und irgendwann sitzt ein Mensch am Sonntagabend auf dem Sofa und spürt dieses seltsame Ziehen, das gern als Montagsblues bezeichnet wird. Vielleicht graut ihm aber gar nicht vor der Arbeit. Vielleicht graut ihm vielmehr davor, dass sie inzwischen so viel Raum beansprucht, dass außerhalb von ihr kaum noch etwas steht, worauf er sich freuen kann.
Das Problem ist nicht, dass Arbeit wichtig ist. Das Problem beginnt dort, wo aus „Ich arbeite als …“ unbemerkt „Ich bin …“ wird. Denn wer sich vollständig über seine Funktion definiert, steht eines Tages ziemlich nackt da, wenn die Funktion endet.
Der Feierabend gehört auch zum Leben
Arbeit kann dem Leben tatsächlich Sinn geben. Sie kann einen Menschen fordern, ihm Fähigkeiten abverlangen, Verantwortung schenken und das schöne Gefühl hinterlassen, am Abend etwas geschaffen, repariert, geordnet, geholfen oder wenigstens verhindert zu haben. Ein Tischler sieht einen Tisch. Eine Pflegerin sieht einen Menschen, dem sie durch einen schweren Tag geholfen hat. Ein Bäcker sieht Brot, ein Gärtner einen Garten, ein Mechaniker einen Motor, der wieder läuft. Selbst jemand, dessen Arbeit hauptsächlich aus Bildschirmen, Zahlen und Formularen besteht, kann wissen, dass sein Tun an irgendeiner Stelle etwas bewegt. Daran ist nichts klein.
Merkwürdig wird es erst, wenn wir daraus eine Religion machen. Dann heißt es plötzlich, man müsse für seine Arbeit brennen. Das klingt beeindruckend, ist aber bei genauerem Hinsehen ein fragwürdiger Gesundheitsrat. Wer dauerhaft brennt, ist irgendwann ausgebrannt, und kein Feuerwehrmann würde auf die Idee kommen, das als berufliche Selbstverwirklichung zu bezeichnen.
Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn Arbeit wieder das sein dürfte, was sie für die meisten Menschen immer war: ein wichtiger Teil des Lebens, aber nicht dessen alleiniger Eigentümer. Man darf seine Arbeit gern lieben. Man darf stolz auf sie sein. Man darf morgens sogar freiwillig gute Laune haben, obwohl das unter Kollegen leicht als Provokation empfunden wird. Aber man sollte daneben noch etwas besitzen, das keinen Lebenslauf verbessert, keinen Umsatz bringt und bei LinkedIn niemanden beeindruckt.
Zeit zum Beispiel. Einen Menschen, mit dem man reden kann, ohne dass daraus ein Termin entsteht. Einen Spaziergang ohne Schrittzähler. Eine Tätigkeit, in der man miserabel ist und die gerade deshalb Freude macht. Ein Abendessen, bei dem das Telefon nicht auf dem Tisch liegt wie ein kleiner schwarzer Vorgesetzter. Vielleicht sogar gelegentlich Langeweile. Sie hat einen schlechten Ruf, weil sie keinen messbaren Ertrag liefert, aber möglicherweise ist genau das ihre heimliche Qualität.
Denn Sinn entsteht nicht automatisch dort, wo Leistung entsteht. Manchmal liegt er in der Verantwortung für andere, manchmal in einer Aufgabe, manchmal im Schaffen, manchmal im Dasein. Und manchmal besteht ein sinnvoller Nachmittag schlicht darin, mit jemandem auf einer Bank zu sitzen, den man gernhat, und dabei nichts zu produzieren außer Erinnerungen.
Am Ende wird vermutlich niemand auf sein Leben zurückblicken und bedauern, dass er 2007 eine E-Mail nicht noch am selben Abend beantwortet hat. Vielleicht erinnert man sich hingegen an den Kollegen, der einem half, an den Stolz auf eine gute Arbeit, an gemeinsame Pausen, an ein gelungenes Werk und an den Tag, an dem man rechtzeitig nach Hause ging.
Arbeit kann Sinn geben. Aber sie sollte genug Anstand besitzen, ihm gelegentlich Feierabend zu machen.
Die Moral
Arbeit darf ein Stück Sinn sein, vielleicht sogar ein ziemlich großes. Nur sollte man aufpassen, dass man beim fleißigen Aufbau eines Berufslebens nicht versehentlich das Leben drum herum abreißt. Der schönste Arbeitsplatz der Welt bleibt schließlich nur ein Arbeitsplatz. Und selbst der Sinn des Lebens hat irgendwann Feierabend verdient.












