Warum Liebe vielleicht doch der Sinn des Lebens ist oder wenigstens der Versuch
Von Alfred-Walter von Staufen
„Vom Sinn des Lebens – Eine Gebrauchsanleitung für ein Leben ohne Gebrauchsanleitung“ beschäftigt sich mit jenen großen Fragen, die gewöhnlich erst auftauchen, wenn der Kaffee kalt, das Konto leer oder die Bedienungsanleitung endgültig verschwunden ist. Die Reihe sucht nicht nach Erleuchtung auf Berggipfeln, sondern zwischen Supermarktkasse, Familienchat, Wartezimmer und sonntäglicher Sinnkrise. Dort, wo der Mensch organisiert, plant und optimiert, bis er kaum noch weiß, wofür eigentlich. Satirische Schärfe trifft auf philosophischen Unterton, Alltagskomik auf die leise Vermutung, dass ein brauchbares Leben vielleicht weniger Anleitung braucht als Aufmerksamkeit.
Liebe gilt seit Jahrtausenden als Antwort auf fast alles, was der Mensch nicht versteht. Dichter besingen sie, Sänger ruinieren damit drei Strophen und einen Refrain, und Menschen versprechen einander ewige Treue, obwohl sie schon beim gemeinsamen Aufbau eines Kleiderschranks an die Grenzen der Zivilisation geraten. Trotzdem könnte ausgerechnet darin etwas Wahres stecken.
Liebe, dieser schlecht organisierte Ausnahmezustand
Wenn jemand behauptet, der Sinn des Lebens sei Liebe, klingt das zunächst verdächtig nach Wandtattoo. Irgendwo fehlt nur noch ein geschwungenes Herz, daneben das Wort „Live“, weil der Hersteller beim Englischunterricht gefehlt hat, und darunter eine Lichterkette aus dem Möbelhaus. Liebe hat ein Imageproblem, weil sie inzwischen gleichzeitig Hochzeitsindustrie, Schlagertext, Paartherapie, Parfümwerbung und Entschuldigung für Entscheidungen ist, die man einem Steuerberater niemals erklären würde. Der Mensch sagt: „Ich habe auf mein Herz gehört.“ Das Herz selbst äußert sich dazu nicht. Es pumpt weiter und überlässt die Folgen der Rechtsabteilung.
Dabei ist Liebe zunächst erstaunlich unpraktisch. Sie hält sich nicht an Termine, ignoriert Karrierepläne und fragt weder nach Wohnort noch nach Steuerklasse. Sie entsteht vorzugsweise dann, wenn man gerade beschlossen hat, sein Leben jetzt endlich vernünftig zu ordnen. Kaum sind die Versicherungsunterlagen sortiert, steht jemand in der Tür, lächelt auf eine Weise, gegen die kein Aktenordner hilft, und plötzlich fährt man zweihundert Kilometer, nur um gemeinsam einen Kaffee zu trinken, den man zu Hause für achtundzwanzig Cent hätte haben können. Ökonomisch ist Liebe eine Katastrophe. Menschlich möglicherweise das Gegenteil.
Das Merkwürdige an ihr ist, dass sie uns ausgerechnet dort erwischt, wo wir uns am liebsten für unabhängig halten. Wir verbringen einen beträchtlichen Teil unseres Erwachsenenlebens damit, anderen zu erklären, dass wir sehr gut allein zurechtkommen. Wir können alleine wohnen, reisen, bestellen, streamen, einkaufen und sogar Möbel zusammenbauen, sofern wir bereit sind, zwei Schrauben übrig zu behalten und dem Regal später eine philosophische Schieflage zuzugestehen. Doch dann wird ein anderer Mensch wichtig, und auf einmal bekommt ein banaler Satz wie „Bist du gut angekommen?“ eine Bedeutung, die kein Selbstoptimierungsseminar herstellen kann.
Vielleicht liegt darin der erste ernsthafte Hinweis. Liebe macht das eigene Ich nicht größer, sondern durchlässiger. Plötzlich endet die Welt nicht mehr an der eigenen Haustür. Jemand anderes hat Hunger, Sorgen, schlechte Laune, kalte Füße oder eine vollkommen falsche Auffassung davon, wie eine Spülmaschine eingeräumt wird, und erstaunlicherweise interessiert uns das trotzdem. Nicht immer begeistert, gelegentlich unter Protest, aber doch genug, um zu bleiben, zuzuhören, zu helfen oder nachts noch einmal aufzustehen.
Das klingt unspektakulär, und genau deshalb wird es gern unterschätzt. Der Mensch erwartet vom Sinn des Lebens gern Trompeten, Erkenntnisblitze und wenigstens einen brauchbaren Buchtitel. Vielleicht kommt er stattdessen in Hausschuhen daher und fragt, ob noch Kaffee da ist.
Wenn Liebe anfängt, Arbeit zu machen
Das eigentliche Missverständnis beginnt dort, wo wir Liebe mit dem Zustand verwechseln, in dem zwei Menschen einander noch hauptsächlich von ihrer Schokoladenseite kennen. Am Anfang ist alles bemerkenswert großzügig. Man hört aufmerksam zu, findet kleine Eigenheiten entzückend und sagt Sätze wie: „Das ist eben typisch du.“ Einige Jahre später sagt man denselben Satz mit einer Betonung, die vor Gericht als Indiz zugelassen werden könnte. Aus dem charmanten Individualisten ist jemand geworden, der grundsätzlich vergisst, die leere Toilettenpapierrolle auszutauschen, und aus der liebenswert spontanen Partnerin eine Person, die fünf Minuten vor der Abfahrt noch beschließt, die Küche umzuräumen.
Genau dort beginnt die interessantere Form der Liebe. Nicht beim Kribbeln, sondern beim Aushalten der Stellen, an denen nichts kribbelt außer dem rechten Augenlid. Liebe zeigt sich schließlich nicht darin, dass man jemanden ständig großartig findet. Das wäre auch biologisch vermutlich eine Zumutung und gesellschaftlich schwer auszuhalten. Sie zeigt sich eher darin, dass man den anderen als vollständigen Menschen erträgt, also inklusive jener Bereiche, die man bei einer Produktbeschreibung empört als verschwiegenen Mangel reklamieren würde.
Das gilt nicht nur für Paare. Liebe zu Kindern besteht bekanntlich ebenfalls nicht aus permanentem Glück, sondern zu erstaunlichen Teilen aus Schuhsuche, Fahrdiensten, Sorgen und der Erkenntnis, dass ein Wesen, das gestern noch nicht selbstständig seine Jacke schließen konnte, heute sehr genaue Vorstellungen davon hat, was an der gesamten Erwachsenenwelt falsch läuft. Freundschaft wiederum beweist sich selten bei gemeinsamen Urlaubsfotos, sondern eher dann, wenn jemand anruft, obwohl gerade überhaupt nichts Lustiges passiert. Und die Liebe zu alten Eltern bekommt eine ganz andere Gestalt, wenn sich Rollen langsam verschieben und aus dem Menschen, der früher jede Antwort kannte, jemand wird, der plötzlich Hilfe braucht.
Das hat wenig mit Romantik zu tun. Vielleicht macht gerade das Liebe so bedeutend. Sie zwingt uns, aus der Zuschauerrolle herauszutreten. Bei fast allem anderen können wir heute wegklicken, kündigen, wechseln, stummschalten oder zurücksenden. Wenn uns eine Serie langweilt, nehmen wir die nächste. Wenn uns ein Produkt enttäuscht, vergeben wir zwei Sterne und erklären der Welt, dass die Verpackung beschädigt war. Menschen funktionieren bedauerlicherweise nicht nach diesem System.
Wer einen anderen wirklich liebt, akzeptiert damit eine gewisse Unverfügbarkeit. Der andere bleibt anders. Er denkt Dinge, die wir nicht bestellt haben, entwickelt Ansichten ohne vorherige Freigabe und besitzt gelegentlich sogar Bedürfnisse, während wir selbst gerade welche haben. Das ist ausgesprochen unkomfortabel.
Vielleicht ist Liebe deshalb weniger Gefühl als Haltung. Gefühle kommen und gehen wie norddeutsches Wetter, nur schlechter vorhersehbar. Haltung zeigt sich darin, was man tut, wenn die Sonne gerade nicht scheint. Dann wird aus dem großen Wort etwas erstaunlich Kleines: anrufen, hinfahren, zuhören, schweigen, bleiben.
Und vielleicht liegt genau darin ihre Größe.
Was übrig bleibt, wenn der Rest erledigt ist
Wir haben uns angewöhnt, ein gelungenes Leben an erstaunlich vielen Dingen zu erkennen, die man zählen kann. Quadratmeter, Gehalt, Urlaubsreisen, Follower, berufliche Positionen, Rücklagen, Schritte pro Tag und neuerdings vermutlich auch die Minuten, in denen die Smartwatch bestätigt, dass wir gerade besonders erholsam geschlafen haben. Der moderne Mensch kann inzwischen nahezu alles vermessen, nur bei der Frage, ob ihm sein Leben eigentlich etwas bedeutet, wird die Datenlage plötzlich dünn. Dafür gibt es noch keine App, was vermutlich nur daran liegt, dass noch niemand ein monatliches Premium-Abo daraus gemacht hat.
Und vielleicht ist genau hier die Liebe so unbequem.
Denn sie entzieht sich der Bilanz. Niemand kann am Ende eines Jahres seriös feststellen, er habe seine Zuneigung gegenüber dem Vorjahr um 7,3 Prozent gesteigert. Man kann einem Menschen auch nicht erklären, dass man ihn wegen ungünstiger Quartalszahlen im nächsten Halbjahr etwas weniger lieben müsse. Liebe widersetzt sich jener Logik, nach der etwas nur dann wertvoll ist, wenn es wächst, Rendite bringt oder sich wenigstens in einer hübschen Grafik darstellen lässt.
Vor allem aber verändert sie die Frage.
Wer ausschließlich nach dem Sinn seines Lebens fragt, gerät leicht in eine merkwürdige Sackgasse. Dann wird Sinn zu einem persönlichen Besitzstück, ähnlich einem Eigenheim, einem Oldtimer oder einem besonders leistungsfähigen Kaffeevollautomaten: Man möchte ihn finden, erwerben und anschließend möglichst störungsfrei nutzen. Liebe macht daraus etwas anderes. Sie verschiebt den Mittelpunkt vom „Was bekomme ich?“ zum „Wem bin ich verbunden?“
Das ist kein Aufruf zur Selbstaufgabe. Wer sich selbst vollständig abschafft, wird dadurch kein liebenderer Mensch, sondern irgendwann nur müde und vermutlich ziemlich schlecht gelaunt. Liebe verlangt keine Heiligsprechung. Sie verlangt eher das Gegenteil: zwei Menschen, die beide Ecken haben und trotzdem nicht sofort nach dem Umtauschrecht fragen.
Vielleicht wird deshalb gerade in Abschiedssituationen sichtbar, was sonst gern unter Terminen, Rechnungen und Alltagslärm verschwindet. Kaum jemand dürfte sich am Ende wünschen, noch einen Dienstag länger im Büro verbracht, drei weitere Newsletter gelesen oder endlich die Garage alphabetisch sortiert zu haben. Wichtig werden Menschen. Gespräche. Berührungen. Namen. Gemeinsame Stunden, die damals unspektakulär wirkten und plötzlich das Gewicht eines ganzen Lebens bekommen.
Das klingt beinahe zu einfach für eine Spezies, die Kathedralen gebaut, Philosophien entwickelt und mehrere hundert Sorten Zahnpasta hervorgebracht hat. Der Mensch misstraut einfachen Antworten, besonders wenn sich daraus kein Geschäftsmodell entwickeln lässt.
Vielleicht ist Liebe deshalb keine endgültige Antwort auf den Sinn des Lebens. Aber sie könnte der Moment sein, in dem die Frage weniger wichtig wird.
Weil man beschäftigt ist, mit jemandem.
Und manchmal begegnet man einem Menschen, bei dem die vielen Fragen im eigenen Kopf für einen Augenblick leiser werden. Nicht, weil plötzlich alles einfach wäre, nicht weil Zweifel, Vergangenheit und Vorsicht verschwinden, sondern weil da etwas ist, das sich nicht herbeireden lässt und auch keiner Begründung bedarf. Man spürt es in der Ruhe, die dieser Mensch mitbringt, in der Selbstverständlichkeit seiner Nähe, in dem seltenen Gefühl, nichts darstellen zu müssen. Wahre Liebe kündigt sich nicht immer mit großen Gesten an. Oft kommt sie leise, beinahe unscheinbar, und verlangt am Ende doch das Mutigste, was ein Mensch tun kann: sich wirklich einzulassen. Denn wer liebt, macht sich verletzlich, legt einen Teil seiner Sicherheiten aus der Hand und akzeptiert, dass das Wichtigste im Leben niemals mit Garantie geliefert wird. Vielleicht ist das der eigentliche Prüfstein der Liebe: nicht, ob wir sie erkennen, sondern ob wir den Mut haben, dort zu bleiben, wo unser Herz längst angekommen ist.
Denn manchmal besteht der größte Mut des Lebens einfach darin, die Liebe nicht vorbeiziehen zu lassen.
Die Moral
Vielleicht besteht der Sinn des Lebens nicht darin, möglichst viel vom Leben zu bekommen, sondern darin, für jemanden nicht gleichgültig gewesen zu sein. Liebe löst nicht jedes Problem. Aber sie erklärt erstaunlich gut, warum wir uns mit manchen Problemen überhaupt die Mühe machen.
Wenn aus stillem Unbehagen irgendwann Wut wird

Liebe, Nähe und Menschlichkeit können einem Leben Sinn geben. Sie lösen allerdings nicht jene gesellschaftlichen Spannungen, die entstehen, wenn Menschen über Jahre das Gefühl bekommen, zwar funktionieren, zahlen und sich anpassen zu sollen, mit ihren Sorgen aber kaum noch vorzukommen.
Genau dort setzt mein Buch „Die Wut des kleinen Mannes“ an.
Es geht um jene Menschen, die morgens aufstehen, arbeiten, Rechnungen bezahlen, ihre Familien versorgen und den Eindruck gewinnen, dass über sie viel gesprochen wird, mit ihnen jedoch immer seltener. Um steigende Belastungen, politische Entfremdung, gesellschaftliche Bruchlinien und die Frage, weshalb aus Frust irgendwann Wut werden kann.
Dabei geht es nicht um die Verherrlichung von Zorn und ebenso wenig um einfache Schuldzuweisungen. Es geht um die Ursachen hinter einer Stimmung, die längst nicht mehr mit dem Hinweis verschwindet, man müsse die Dinge nur positiver betrachten.
„Die Wut des kleinen Mannes“ ist ein Buch über das Gefühl, nicht mehr gehört zu werden – und darüber, was mit einer Gesellschaft geschieht, wenn sie dieses Gefühl zu lange unterschätzt.
Alfred-Walter von Staufen
Die Wut des kleinen Mannes
Erhältlich bei edition leseReich auf www.lesereich.net.

















