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Corona, Cleopatra und ein Blitz über Dithmarschen – Hein Claasen erinnert sich an seine Ilse

Heins Bauernregel:

„Ist morgens Gudrun schon am Zaun,
wird selbst der Kaffee misstrauisch schaun.“

Moin. Ich bin Hein Claasen aus Wesselburen. Dithmarschen. Hier weht der Wind nicht, hier nimmt er Stellung.

Fast jeden Morgen stehe ich mit meinem Kaffeebecher am Zaun. Nicht aus Geselligkeit. Ein Mann braucht schließlich Gründe, weshalb er irgendwo herumsteht.

Auf der anderen Seite stehen meistens Harald und Gudrun.

Harald war früher Banker in Frankfurt am Main und hat deshalb lange Zeit beruflich mit Dingen gehandelt, die keiner sehen konnte, aber trotzdem Millionen wert waren. Heute besitzt er drei Hochbeete und freut sich, wenn eine Zucchini kommt. Das nenne ich sozialen Abstieg mit Aussicht auf Ernte.

Gudrun steht daneben und hat meistens einen Schal um, selbst wenn der Wetterdienst Hitzewarnung ausgibt. Sie sagt, der Schal sei kein Kleidungsstück, sondern ein Statement.

Ich habe eine Mütze.

Die hält den Kopf warm.

Damit ist das Thema für mich erledigt.

An diesem Morgen sagte ich nicht viel. Das kommt bei mir zwar häufiger vor, aber diesmal merkte sogar Gudrun, dass mein Schweigen nicht mein übliches Schweigen war.

Es gibt nämlich verschiedene Sorten Schweigen.

Das normale Schweigen.

Das ärgerliche Schweigen.

Das Schweigen, wenn jemand im Fernsehen sagt: „Sen Klimawandel müssen wir den Menschen besser erklären.“

Und das Schweigen, bei dem einem etwas fehlt.

Gudrun sah mich an.

„Hein, ist etwas?“

Ich nahm einen Schluck Kaffee.

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„Jo.“

Mehr sagte ich zunächst nicht.

Mein Vater hat immer gesagt: Ein Junge muss stark sein.

Mein Vater hat allerdings auch gesagt, dass ein Diesel bei minus fünfzehn Grad nur deshalb schlecht anspringt, weil man ihn nicht entschlossen genug anschaut. Man darf also nicht jede väterliche Weisheit ungeprüft ins Grundgesetz übernehmen.

Trotzdem zeige ich Gefühle nicht gern. Wer sein Herz offen auf den Tisch legt, darf sich nicht wundern, wenn irgendeiner einen Untersetzer darunter schiebt.

„Was ist denn?“, fragte Harald vorsichtig.

Ich sah übers Feld.

„Heute vor fünf Jahren ist meine Ilse für immer gegangen.“

Da wurde sogar Gudrun still.

Harald nahm seine Kaffeetasse herunter.

„Oh, Hein. Das tut mir leid.“

Ich nickte.

„Meine schöne Ilse.“

Dann sagte ich: „Kurz nach der Corona-Impfung.“

Und plötzlich konnte ich sehen, wie in Gudruns Kopf sämtliche Warnlampen gleichzeitig angingen.

Sie stellte ihren Becher auf den Zaunpfahl.

„Aber Hein“, sagte sie sehr langsam, „ist denn wirklich bewiesen, dass Ilse an der Corona-Impfung gestorben ist?“

Ich sah sie an.

„An der Impfung? Wer hat denn das behauptet?“

„Du gerade.“

„Nein. Ich habe gesagt: nach der Impfung.“

Gudrun holte Luft.

Ich hob die Hand.

„Zeitlich, Gudrun. Nicht medizinisch. Wenn ich nach dem Mittagessen in den Graben falle, hat mich ja auch nicht der Grünkohl umgebracht.“

Harald nickte beeindruckt.

Ich glaube, er hätte früher für solche Erkenntnisse eine wissenschaftliche Quelle gebraucht.

„Natürlich ist meine Ilse kurz nach der Impfung gestorben“, sagte ich. „Das ist doch kein Tüddelkram. Sie kam vom Hausarzt und fuhr mit dem Fahrrad nach Hause.“

Gudrun sah mich jetzt sehr konzentriert an.

„Und was ist passiert?“

„Blitzschlag.“

Stille.

Sogar der Wind schien kurz nachzudenken.

„Ein Blitz?“, fragte Harald.

„Jo.“

„Direkt?“

„Harald, bei einem indirekten Blitzschlag hätte ich vermutlich gesagt: indirekter Blitzschlag.“

Gudrun öffnete den Mund.

Schloss ihn wieder.

Ich sah zurück über den Acker.

„Ich mache mir bis heute Vorwürfe. Ich hätte sie mit dem Auto fahren sollen. Aber der Kohl musste vom Feld, und ich hatte sieben Erntehelfer bestellt. Wenn der Kohl reif ist, fragt der nicht nach der persönlichen Lebenslage. Der liegt da und erwartet Organisation.“

Ich rieb mit dem Daumen über meinen Kaffeebecher.

„Meine schöne Ilse.“

Harald legte mir kurz die Hand auf die Schulter.

Diese Nähe bei Männern war noch in Ordnung.

Gudrun hingegen sah aus, als hätte sie bereits drei verschiedene gesellschaftliche Debatten entdeckt, die dringend aus meinem Trauertag gerettet werden mussten.

Und ich ahnte: Der Blitz war damals nicht die letzte elektrische Entladung in dieser Geschichte.

Gudrun stand noch immer da und sortierte innerlich offenbar meine letzten drei Sätze nach gesellschaftlicher Sprengkraft.

Das kann sie gut.

Andere Menschen hören einem zu.

Gudrun führt währenddessen eine unsichtbare Ausschusssitzung im Kopf durch.

„Also Hein“, begann sie, „ich finde trotzdem schwierig, wenn du sagst, Ilse sei kurz nach der Corona-Impfung gestorben. Solche Formulierungen können missverstanden werden.“

„Gudrun“, sagte ich, „sie war beim Impfen. Danach fuhr sie los. Dann kam der Blitz. Wie soll ich das denn sonst erzählen?“

Harald schlug vorsichtig vor: „Vielleicht: Ilse starb an einem Blitzschlag auf dem Heimweg nach einem Impftermin.“

Ich sah ihn an.

„Harald, du bist jetzt seit einem halben Jahr in Dithmarschen und sprichst noch immer wie eine Börsenmitteilung.“

Er nickte.

„Berufskrankheit.“

„Meine Ilse“, sagte ich leiser, „war eine wunderschöne Frau. Dunkle Haare und große Augen, wie eine Zigeunerin. Wenn die sonntags ihr gutes Kleid angezogen hat, dann hätte selbst Elizabeth Taylor in Cleopatra gesagt: Gut, dann bleibe ich heute mal zu Hause.“

Harald hustete plötzlich so heftig in seinen Kaffee, dass ich kurz dachte, er hätte eine Bohne quer sitzen.

Gudrun hingegen bekam diesen Gesichtsausdruck, den sie sonst nur bekommt, wenn jemand Plastikbesteck in den Biomüll wirft.

„Hein!“

„Was denn?“

„Wie redest du über deine verstorbene Frau?“

„Liebevoll.“

„Du kannst doch eine Frau nicht einfach auf ihr Aussehen reduzieren.“

„Tue ich ja nicht. Ilse konnte außerdem besser rückwärts mit einem Anhänger fahren als ich. Und den Stall konnte sie auch gut versorgen.“

Harald stellte seinen Becher ab.

„Das ist tatsächlich eine starke Kompetenz.“

„War sie auch. Zwei Tonnen Kartoffeln hinten dran, einmal um den Schuppen, zack, stand der Anhänger drin. Ich brauche dafür heute noch eine Viertelstunde, zwei Flüche und gelegentlich einen neuen Zaunpfahl da hinten.“

Gudrun schüttelte den Kopf.

„Darum geht es doch gar nicht.“

Das ist bei Gudrun ein wichtiger Satz.

Darum geht es grundsätzlich nie.

Wenn ich sage, der Kaffee ist kalt, geht es plötzlich um globale Lieferketten.

Wenn eine Kuh durch den Zaun geht, geht es um unser Verhältnis zur Natur.

Und wenn ich erzähle, dass meine Frau schön war, befinden wir uns offenbar mitten in einem Seminar über historische Rollenbilder.

„Du hast gerade gesagt, sie sei wie Cleopatra gewesen“, sagte Gudrun.

„Jo.“

„Das ist ein Frauenbild aus einer völlig anderen Zeit.“

„Natürlich. Cleopatra ist ja auch schon eine Weile tot.“

Harald drehte sich weg.

Ich hörte ihn trotzdem lachen.

Gudrun nicht.

Heins Bauernregel:

„Wenn jedes Wort erst Prüfung braucht,
ist manches Gespräch schon abgeraucht.“

„Und überhaupt“, sagte Gudrun, „manche alten Begriffe und Beschreibungen sollte man heute einfach nicht mehr benutzen. Sprache verändert sich.“

Da hatte sie ja nicht einmal ganz unrecht.

Das Problem bei Gudrun ist nur: Wenn sie einmal recht hat, feiert sie das innerlich drei Tage lang.

„Sprache darf sich verändern“, sagte ich. „Aber ich möchte beim Reden nicht jedes Mal das Gefühl haben, ich müsste vorher beim TÜV vorfahren.“

„Es geht um Sensibilität.“

„Jo. Hab ich.“

„Das klingt gerade nicht so.“

„Doch. Ich vermisse meine Frau seit fünf Jahren. Empfindlicher war ich lange nicht.“

Da war kurz Ruhe.

Und das war vielleicht der einzige Satz an diesem Morgen, bei dem Gudrun nicht sofort eine Gegenrede fand.

Harald schaute auf seine Schuhe.

Ich schaute wieder Richtung Feld.

Gudrun sagte schließlich etwas leiser: „Das verstehe ich ja, Hein.“

Dann hätte sie eigentlich aufhören können.

Aber Gudrun ist eine Frau, die auch nach der Landung noch weiterfliegt.

„Nur müssen wir trotzdem darüber sprechen, welche Wirkung bestimmte Sprache auf gesellschaftliche Gruppen hat. Gerade heute, wo Hass und Ausgrenzung wieder zunehmen.“

Ich seufzte.

„Gudrun, ich habe dir gerade erzählt, wie sehr ich meine Frau geliebt habe.“

„Das bestreite ich doch gar nicht.“

„Und fünf Minuten später stehe ich hier wie der Pressesprecher vom Untergang des Abendlandes.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Noch nicht.“

Harald hob beschwichtigend beide Hände.

„Vielleicht reden wir gerade aneinander vorbei.“

„Nein“, sagte ich. „Gudrun redet. Ich stehe daneben.“

„Hein!“

„Was?“

„Jetzt machst du dich lustig.“

„Natürlich. Wenn ich damit aufhöre, muss ich Gefühle zeigen.“

Das verstand sogar Gudrun.

Für ungefähr drei Sekunden.

Dann kam sie auf öffentliche Debatten, politische Lager, Demonstrationen, Identität und darauf, dass manche Menschen sich durch bestimmte Worte verletzt fühlen könnten.

Ich hörte zu.

Wirklich.

Ich hörte bestimmt vier Minuten zu.

Für einen Dithmarscher ist das beinahe Mediation.

Dann sagte ich:

„Gudrun, ich habe grundsätzlich nichts dagegen, wenn jeder Mensch sein Leben so lebt, wie er möchte. Soll einer den Klaus heiraten, die Claudia, beide nacheinander oder niemanden. Solange keiner morgens um halb sieben meinen Rasenmäher verlangt, ist mir das Privatleben meiner Mitmenschen ziemlich egal.“

Harald nickte.

„Eigentlich eine liberale Haltung.“

„Ich weiß nicht, was das für eine Haltung ist. Bei uns hieß das früher: Kümmere dich um deinen eigenen Kram.“

„Aber Sichtbarkeit ist wichtig“, sagte Gudrun.

„Kann sein. Nur muss Sichtbarkeit nicht bedeuten, dass ich beim Stadtfest Dinge sehe, die ich selbst beim Tierarzt nicht sehen möchte.“

Harald verschluckte sich erneut.

Ich zeigte auf ihn.

„Siehst du? Der Mann überlebt unseren Zaun irgendwann nicht.“

Gudrun verdrehte die Augen.

Und ich wusste: Jetzt wurde es kompliziert.

Denn Gudrun wollte die Welt verbessern und ich wollte nur meine Ilse vermissen.

Dazwischen lagen ungefähr sieben politische Grundsatzdebatten, drei Fremdwörter und ein kalter Kaffee.

Also ein ganz normaler Morgen in Dithmarschen.

Gudrun nahm ihren Becher wieder in beide Hände.

„Hein, genau solche Sätze meine ich. Wenn du über Menschen redest, als wären sie ein gesellschaftliches Problem, dann entsteht ein Klima.“

Ich sah zum Himmel.

„Das Klima sieht heute eigentlich ganz vernünftig aus.“

„Hein.“

„Jo.“

„Du weißt genau, was ich meine.“

Leider wusste ich das und weil ich traurig war, wurde ich nicht lauter, sondern genauer. Das ist bei mir meistens gefährlicher.

„Gudrun, ich habe nichts dagegen, wenn zwei Männer sich lieben. Ich habe nichts dagegen, wenn zwei Frauen sich lieben. Ich habe auch nichts dagegen, wenn jemand sein Leben anders führt als ich. Ich habe jahrzehntelang mit Kühen zusammengelebt. Da lernt man früh, dass nicht jeder dasselbe macht und trotzdem morgens alle Futter brauchen.“

Harald nickte.

„Das ist erstaunlich versöhnlich.“

„Warte ab.“

Gudrun schloss kurz die Augen.

Ich fuhr fort.

„Was mich stört, ist dieses dauernde Theater drumherum. Jeder soll leben, wie er will. Aber ich muss nicht alles beklatschen, nur weil jemand es öffentlich vorführt. Ich klatsche bei Harald ja auch nicht, wenn er auf Toilette geht.“

„Die ist ziemlich komplex“, sagte Harald.

„Das glaube ich sofort.“

Gudrun sagte, bei öffentlichen Veranstaltungen gehe es um Sichtbarkeit, Akzeptanz und darum, dass Menschen jahrzehntelang ausgegrenzt worden seien.

„Das verstehe ich sogar“, sagte ich. „Aber zwischen sichtbar sein und sich benehmen wie ein umgekippter Kostümfundus liegt doch noch ein bisschen Straße.“

„Hein!“

„Gudrun, ich rede nicht über alle. Ich rede über die Leute, die unbedingt auffallen wollen. Die gibt es überall. Beim Schützenfest auch. Da braucht nur einer drei Korn zu viel, und plötzlich hält er die Blaskapelle für seine persönliche Vorgruppe.“

Harald grinste.

„Das ist tatsächlich nicht gruppenspezifisch.“

„Siehst du. Der Banker lernt.“

Dann kam Gudrun auf Kinder, Bildung und darauf, dass auch Kindergärten heute unterschiedliche Lebensentwürfe zeigen müssten.

Da wurde ich vorsichtig.

„Kinder sollen lernen, dass Menschen verschieden sind. Dagegen habe ich nichts. Kinder können viel mehr Wahrheit vertragen, als Erwachsene glauben. Was ich nicht verstehe, ist, warum Erwachsene aus jeder einfachen Kinderfrage gleich eine Fachtagung machen.“

Harald fragte: „Wie meinst du das?“

„Wenn ein Junge sagt, er möchte heute Prinzessin spielen, dann soll er Prinzessin spielen. Früher hat mein Cousin Dieter mit acht Jahren behauptet, er sei Winnetou. Wir haben trotzdem nicht das Grundbuch vom Bauernhof auf Apachenland umschreiben lassen.“

Harald prustete.

Gudrun wollte etwas sagen.

Ich hob den Finger.

„Und wenn ein Mädchen lieber Fußball spielt als mit Puppen, dann spielt sie eben Fußball. Fertig. Da muss doch nicht sofort ein Arbeitskreis kommen und prüfen, ob der Ball geschlechtlich korrekt angesprochen wurde.“

„Das tut doch niemand“, sagte Gudrun.

„Gut. Dann sind wir uns ja einig.“

Das ärgerte sie beinahe mehr.

Ich nahm den letzten Schluck Kaffee.

„Manchmal habe ich das Gefühl, wir Erwachsenen machen aus Kindern kompliziertere Wesen, als sie sind. Ein Kind fragt: Warum trägt der Mann ein Kleid? Dann sagt man: Weil er das gern trägt. Das Kind sagt: Ach so. Und fünf Minuten später will es ein Eis. Nur wir Erwachsenen brauchen anschließend achtundvierzig Seiten Begleitmaterial.“

Harald lachte.

„Das ist möglicherweise der vernünftigste Satz heute.“

„Danke. Schreib ihn nicht auf, sonst wird noch ein Konzept daraus.“

Gudrun sah mich an.

„Aber Sprache ist trotzdem wichtig.“

„Natürlich ist Sprache wichtig. Ich möchte nur noch sprechen dürfen, ohne dass hinter jedem Wort ein kleiner Sachbearbeiter sitzt und einen Antrag abstempelt.“

Ich deutete auf meinen Hof.

„Stell dir vor, das würde bei meinen Tieren anfangen. Der Hahn erklärt morgens, er sei heute lieber Milchvieh und stellt sich zwischen die Kühe. Das Schaf beantragt die Stelle als Hofhund, und die Katze teilt mir mit, sie fühle sich seit Dienstag als Haselnussstrauch.“

Harald lachte laut.

Gudrun verzog den Mund.

„Das ist ein ziemlich schiefer Vergleich.“

„Natürlich. Deshalb ist er ja lustig.“

„Menschen sind keine Tiere.“

„Hab ich auch nie behauptet. Wobei ich bei manchen Gemeinderatssitzungen nicht vollständig ausschließen möchte, dass der Vergleich für die Tiere beleidigend wäre.“

Jetzt musste sogar Gudrun lachen.

Nur kurz, aber ich sah es.

„Da“, sagte ich. „Geht doch.“

Dann wurde ich wieder still.

„Was mich heute eigentlich ärgert, Gudrun, ist etwas anderes.“

Sie schaute mich an.

„Ich habe euch zum ersten Mal erzählt, wie sehr mir Ilse fehlt. Und innerhalb von zehn Minuten sind wir bei Impfdebatten, Sprache, Politik, Minderheiten und gesellschaftlicher Verantwortung gelandet.“

Ich stellte den leeren Becher auf den Zaun.

„Vielleicht ist genau das unser Problem. Einer sagt: Mir fehlt ein Mensch. Und drei Minuten später diskutiert das ganze Land darüber, ob er ihn korrekt vermisst.“

Gudrun sagte nichts.

Harald auch nicht.

Der Wind ging über die Marsch.

Dann sagte Gudrun leise: „Das war wirklich nicht meine Absicht.“

„Das weiß ich und du kannst ja auch nichts dafür“

Und das wusste ich tatsächlich.

Gudrun ist nicht böse. Sie will die Welt nur manchmal so gründlich verbessern, dass man zwischendurch Angst bekommt, man müsse während der Renovierung ausziehen.

Harald räusperte sich.

„Hein?“

„Jo?“

„Was hältst du davon, wenn wir heute Nachmittag zu Ilse fahren? Zum Friedhof. Wir holen Blumen.“

Ich sah ihn an.

„Du willst Blumen kaufen?“

„Ja.“

„Freiwillig?“

„Ja.“

„Als ehemaliger Banker?“

„Auch Banker haben Gefühle.“

„Das erklärt einiges über die Finanzkrise.“

Harald lachte.

Gudrun schüttelte den Kopf.

Ich nickte schließlich.

„Vier Uhr.“

„Vier Uhr“, sagte Harald.

Gudrun fragte: „Welche Blumen mochte Ilse?“

Ich musste nicht überlegen.

„Rote Rosen.“

Gudrun lächelte.

„Sehr klassisch.“

„Jo. Ilse war auch nicht dafür zuständig, originell zu wirken. Die war einfach schön.“

Diesmal korrigierte Gudrun mich nicht.

Kluges Mädchen.

Ich nahm meinen Becher und ging Richtung Haus.

Nach ein paar Schritten drehte ich mich noch einmal um.

„Und Gudrun?“

„Ja?“

„Wenn wir nachher Blumen kaufen, dann bitte einfach Rosen.“

„Natürlich.“

„Keine regionalen, diskriminierungssensiblen, klimapädagogisch begleiteten Erlebnisrosen mit QR-Code.“

Harald bog sich über den Zaun.

Gudrun rief: „So etwas gibt es überhaupt nicht!“

„Noch nicht“, sagte ich. „Darum müssen wir wachsam bleiben.“

Heins Bauernregel:

„Wenn einer trauert, halt erst mal still –
nicht jedes Herz braucht ein Streitprofil.“

Meine Ilse hätte über den ganzen Morgen wahrscheinlich nur den Kopf geschüttelt. Dann hätte sie mich angesehen und gesagt: „Hein, du kannst aber auch keinen Satz sagen, ohne hinterher einen Flächenbrand zu löschen.“

Und ich hätte geantwortet: „Ilse, ich hab doch bloß Kaffee getrunken.“

Manchmal fehlt mir genau das.

Nicht die großen Worte. Nicht irgendeine Erklärung. Nur jemand, der einen so lange kennt, dass er beim größten Tüddelkram noch weiß, was man eigentlich sagen wollte.

Tach auch noch!


Hein Claasen steht mit Kaffeebecher neben Harald und Gudrun an einem Gartenzaun in Dithmarschen und erinnert sich an seine verstorbene Frau Ilse.

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Autor

  • Porträt von Hein Claasen in wetterfester Jacke und Mütze, der ruhig schmunzelnd an einem alten Holzzaun in der Dithmarscher Marsch steht.

    Hein Claasen

    Autor der Rubrik „Neues aus der Marsch“

    Hein Claasen stammt aus Wesselburen in Dithmarschen und gehört zu jener selten gewordenen norddeutschen Spezies, die erst spricht, wenn andere schon drei Sitzungen, zwei Arbeitskreise und ein Leitbild hinter sich haben. Er beobachtet das Leben in der Marsch mit trockenem Blick, wetterfester Geduld und jenem leisen Schmunzeln, das in Norddeutschland bereits als Gefühlsausbruch gilt.

    In seiner Rubrik „Neues aus der Marsch“ schreibt Hein Claasen über Dorf, Deich, Leute, Politik, Alltag, Behördenpost, Nachbarschaftsdramen und die großen Fragen, die manchmal mit einem Matschfleck auf zu sauberen Gummistiefeln beginnen. Zwischen Schafen, Amtsbriefen, Kaffeebecher und Küstenwind findet er die kleinen Wahrheiten, die man in Talkshows selten hört, auf alten Höfen aber jeden Dienstagmorgen.

    Hein ist kein Lautsprecher, kein Weltverbesserer und schon gar kein Mann für modische Erregung. Er sagt die Dinge lieber so, dass sie erst harmlos klingen und dann zwei Stunden später im Kopf weiterarbeiten. Seine Texte verbinden ländliche Bodenhaftung, norddeutschen Humor und eine feine gesellschaftliche Satire, die nicht brüllt, sondern trocken feststellt.

    Wenn Hein Claasen über die Marsch schreibt, geht es nie nur um die Marsch. Es geht um Deutschland im Kleinen: um neue Moral auf altem Boden, um Leute, die alles besser wissen, bis sie das erste Mal im Kuhfladen stehen, und um jene stille Vernunft, die keinen Applaus braucht, weil sie auch bei Gegenwind stehen bleibt.

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TIMMY – Wenn das Meer um Hilfe ruft – Premium-Buch über Meeresschutz, Geisternetze und die stille Krise unter Wasser