Von Alfred-Walter von Staufen

Die neue Erzählung von der Unabhängigkeit

Es ist bemerkenswert, wie schnell sich politische Begründungen verändern, wenn die alten nicht mehr tragen, und noch bemerkenswerter ist, wie geräuschlos dieser Wandel geschieht, als hätte man nie etwas anderes behauptet, als stünde man seit jeher auf genau diesem Argument, das man gestern noch kaum erwähnte, während heute plötzlich jede Pressekonferenz davon durchzogen ist, dass Windräder und Solarpaneele nicht nur das Klima retten, sondern zugleich die Nation befreien sollen von einer gefährlichen Abhängigkeit, die man nun – unter dem Eindruck geopolitischer Spannungen – neu entdeckt hat.

Dabei liegt die eigentliche Spannung nicht im Nahen Osten, nicht im Iran, nicht in den Schlagzeilen, die uns jeden Abend erreichen, sondern in der Diskrepanz zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was sich messen lässt, und wer sich die Mühe macht, die nüchternen Zahlen anzusehen, der erkennt schnell, dass die Wirklichkeit sich nicht so einfach in politische Narrative pressen lässt, ganz gleich wie oft man sie wiederholt.

Der Primärenergieverbrauch Deutschlands lag im Jahr 2024 bei 10.529 Petajoule, eine Zahl, die für sich genommen kaum etwas sagt, solange man sie nicht in ihre Bestandteile zerlegt, denn erst dann zeigt sich, wie die Energieversorgung tatsächlich aussieht: 36,2 Prozent Mineralöl, 25,9 Prozent Erdgas, 7,3 Prozent Steinkohle, 7,7 Prozent Braunkohle, während die erneuerbaren Energien insgesamt auf 20,0 Prozent kommen (1).

Das bedeutet, in einfachen Worten, dass auch im Jahr 2024 mehr als drei Viertel der Energieversorgung dieses Landes auf fossilen Energieträgern beruhen, und zwar nicht aus ideologischer Sturheit, sondern aus physikalischer Notwendigkeit, aus industrieller Struktur, aus jahrzehntelang gewachsenen Systemen, die sich nicht per politischem Beschluss ersetzen lassen, so sehr man es auch versuchen mag.

Besonders interessant wird es, wenn man die oft beschworenen Hoffnungsträger isoliert betrachtet, also jene Technologien, die nun als Schlüssel zur Unabhängigkeit verkauft werden, und hier lohnt sich ein genauer Blick, denn laut AG Energiebilanzen lag der Beitrag der Windenergie im Jahr 2024 bei etwa 500 Petajoule, während die Solarenergie rund 299 Petajoule beisteuerte (2).

Zusammengenommen ergibt das knapp acht Prozent des gesamten Primärenergieverbrauchs, eine Zahl, die weder schlecht noch spektakulär ist, sondern vor allem eines zeigt: den Abstand zwischen Anspruch und Realität, zwischen politischer Erzählung und physischer Grundlage.

Denn wer aus diesen acht Prozent eine kurzfristige Energieunabhängigkeit ableiten möchte, der muss entweder sehr optimistisch sein oder sehr großzügig mit den Begriffen umgehen, die er verwendet, und genau hier beginnt das eigentliche Problem dieser Debatte, die nicht daran krankt, dass sie Ziele formuliert, sondern daran, dass sie Zeiträume verkürzt, Komplexität reduziert und Unsicherheiten verschweigt.

Der Iran-Krieg, so tragisch er ist, wird in diesem Kontext zu einem rhetorischen Werkzeug, zu einem Argumentverstärker, der eine ohnehin bestehende politische Linie mit zusätzlicher Dringlichkeit auflädt, obwohl die strukturellen Probleme der Energieversorgung nicht erst seit gestern existieren und auch nicht durch ein einzelnes geopolitisches Ereignis gelöst oder verschärft werden können.

Und doch funktioniert diese Argumentation, weil sie an ein Gefühl appelliert, das tief sitzt: die Angst vor Abhängigkeit, die Sehnsucht nach Kontrolle, der Wunsch, sich aus den Zwängen globaler Märkte zu befreien, und genau deshalb ist sie politisch so wirksam, selbst wenn sie ökonomisch und technisch nur begrenzt belastbar ist.

Was dabei oft untergeht, ist die Tatsache, dass jede Form der Energieversorgung Abhängigkeiten erzeugt, dass also auch eine auf Wind und Sonne basierende Infrastruktur nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern Rohstoffe benötigt, Lieferketten, industrielle Kapazitäten, technologische Vorleistungen, die ihrerseits global verteilt sind und damit neue Verwundbarkeiten schaffen.

Die Vorstellung einer vollständigen Autarkie ist deshalb weniger ein realistisches Ziel als eine politische Metapher, ein Bild, das Orientierung geben soll, ohne jemals vollständig eingelöst werden zu können, und genau hier wäre Ehrlichkeit gefragt, nicht als moralische Geste, sondern als Voraussetzung für eine funktionierende Energiepolitik.

Denn wer falsche Erwartungen weckt, wird am Ende nicht an der Realität gemessen, sondern an den eigenen Versprechen, und diese Versprechen sind es, die zunehmend unter Druck geraten, je deutlicher sich zeigt, dass der Weg zur klimaneutralen und zugleich unabhängigen Energieversorgung länger, teurer und komplizierter ist, als es die politischen Parolen vermuten lassen.

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Kern dieser Entwicklung: nicht, dass die Energiewende grundsätzlich falsch wäre, sondern dass ihre Begründungen sich ständig verändern müssen, um politisch tragfähig zu bleiben, was wiederum ein Hinweis darauf ist, dass sie in ihrer jetzigen Form noch nicht die Stabilität erreicht hat, die man ihr gerne zuschreiben würde.

 

Die Kosten der Illusion

Man kann über Energiepolitik lange diskutieren, man kann Szenarien entwerfen, Modelle rechnen, Zukunftsbilder zeichnen, doch am Ende entscheidet sich jede dieser Debatten an einem Punkt, der sich nicht weg reden lässt: dem Preis, den eine Gesellschaft bereit ist zu zahlen, und noch wichtiger, dem Preis, den sie tatsächlich zahlt, oft ohne es in voller Höhe zu bemerken, weil die Kosten sich nicht in einer einzigen Rechnung bündeln, sondern sich über Jahre und Jahrzehnte in Haushalten, Netzentgelten, Steuern und indirekten Belastungen verteilen.

Die Förderung der erneuerbaren Energien, die lange Zeit über die EEG-Umlage organisiert wurde und heute aus dem Bundeshaushalt finanziert wird, liegt für das Jahr 2025 bei rund 16,53 Milliarden Euro (3), eine Zahl, die für sich genommen weder skandalös noch trivial ist, sondern zunächst einmal beschreibt, wie viel ein Staat bereit ist zu investieren, um einen strukturellen Umbau voranzutreiben, der politisch gewollt ist.

Doch diese Zahl ist nur der sichtbare Teil eines Systems, das weit darüber hinausgeht, denn wer sich mit den tatsächlichen Kosten der Energiewende beschäftigt, der stößt schnell auf eine Vielzahl von Posten, die selten gemeinsam betrachtet werden: Netzausbau, Speichertechnologien, Reservekraftwerke, Subventionen für Elektromobilität, Förderprogramme für Wärmepumpen, industrielle Transformationshilfen, und nicht zuletzt die steigenden Strompreise, die sich aus all diesen Faktoren speisen.

Deutschland gehört seit Jahren zu den Ländern mit den höchsten Strompreisen weltweit, ein Umstand, der sich nicht allein mit Marktmechanismen erklären lässt, sondern in erheblichem Maße auf politische Entscheidungen zurückgeht, die bewusst höhere Kosten in Kauf nehmen, um langfristige Ziele zu erreichen, wobei die Frage offen bleibt, wie lange diese Balance tragfähig ist, insbesondere für energieintensive Industrien, die im internationalen Wettbewerb stehen.

Die politische Kommunikation neigt dazu, diese Kosten zu relativieren, indem sie ihnen potenzielle Einsparungen gegenüberstellt, etwa die oft genannte Summe von rund 80 Milliarden Euro jährlich für Energieimporte, die durch eine stärkere Nutzung erneuerbarer Energien reduziert werden könnten, doch auch hier lohnt sich ein genauer Blick, denn diese Einsparungen sind keine kurzfristige Realität, sondern eine langfristige Perspektive, die nur dann eintritt, wenn der Umbau vollständig gelingt und gleichzeitig neue Abhängigkeiten nicht zu ähnlich hohen Kosten führen.

Denn genau das ist der Punkt, an dem sich die Debatte häufig im Kreis dreht: Man ersetzt eine Abhängigkeit durch eine andere, ohne dass dies offen ausgesprochen wird, und während man sich von Öl und Gas aus politisch instabilen Regionen lösen möchte, entsteht gleichzeitig eine neue Abhängigkeit von seltenen Erden, Lithium, Kobalt und industriellen Vorprodukten, die überwiegend aus Ländern stammen, deren politische Stabilität und wirtschaftliche Verlässlichkeit ebenfalls nicht garantiert sind.

Die Energiewende ist also kein Befreiungsprojekt im klassischen Sinne, sondern ein Transformationsprojekt, das neue Risiken schafft, während es alte reduziert, und wer dies nicht klar benennt, der verkauft eine Illusion von Sicherheit, die es in dieser Form nicht gibt.

Besonders problematisch wird diese Verkürzung, wenn sie mit moralischem Druck kombiniert wird, denn dann entsteht eine Atmosphäre, in der jede Kritik an den Kosten oder an der Umsetzbarkeit der Energiewende schnell als rückständig oder verantwortungslos gilt, obwohl gerade diese Kritik notwendig wäre, um Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen und zu korrigieren.

Man muss sich nur die industrielle Realität ansehen, um zu verstehen, wie ernst die Lage ist: Große Unternehmen stehen unter massivem Druck, ihre Produktionskosten zu senken, gleichzeitig steigen die Energiepreise, und während die Politik von Transformation spricht, reagieren Märkte mit Standortverlagerungen, Investitionszurückhaltung und im schlimmsten Fall mit Arbeitsplatzabbau, ein Prozess, der sich nicht in einer einzigen Schlagzeile zusammenfassen lässt, sondern sich langsam, fast unmerklich vollzieht, bis er irgendwann nicht mehr zu übersehen ist.

Hier zeigt sich eine der größten Schwächen der aktuellen Energiepolitik: Sie unterschätzt die Trägheit realer Systeme, die sich nicht beliebig schnell verändern lassen, und überschätzt gleichzeitig die Geschwindigkeit, mit der neue Technologien skalieren können, insbesondere wenn diese Technologien von komplexen Lieferketten und globalen Märkten abhängen.

Und während man in politischen Reden von Innovation und Fortschritt spricht, wächst im Hintergrund ein Gefühl der Unsicherheit, das sich nicht nur in wirtschaftlichen Kennzahlen ausdrückt, sondern auch im Alltag der Menschen, die steigende Kosten spüren, ohne genau zu wissen, woher sie kommen und wohin sie führen.

An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Blick auf ein Thema, das mir persönlich besonders am Herzen liegt und das ich in meinem Buch „Die Wut des kleinen Mannes“ ausführlich behandelt habe, denn dort geht es genau um diese schleichende Verschiebung von Verantwortung, um das Gefühl vieler Menschen, dass Entscheidungen über ihre Lebensrealität hinweg getroffen werden, ohne dass sie wirklich Einfluss darauf haben.

In diesem Buch versuche ich nicht, einfache Antworten zu geben, sondern die Mechanismen sichtbar zu machen, die dazu führen, dass politische Entscheidungen zunehmend abstrakt wirken, während ihre Folgen sehr konkret sind, sei es bei Energiepreisen, Wohnkosten oder der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung, und ich zeige, wie sich daraus eine stille Frustration entwickelt, die lange unter der Oberfläche bleibt, bevor sie sich irgendwann entlädt, oft in Formen, die dann wiederum politisch instrumentalisiert werden.

Es ist ein Buch über Wahrnehmung und Wirklichkeit, über das Auseinanderdriften von politischer Sprache und alltäglicher Erfahrung, und gerade im Kontext der Energiewende wird dieses Spannungsfeld besonders deutlich, weil hier große Ziele auf konkrete Belastungen treffen, die nicht immer gerecht verteilt sind.

Zurück zur Energiepolitik bleibt festzuhalten, dass die aktuelle Strategie nicht nur an technischen und ökonomischen Herausforderungen gemessen werden muss, sondern auch an ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz, und diese Akzeptanz hängt maßgeblich davon ab, ob die Menschen das Gefühl haben, dass die Kosten fair verteilt sind und dass die politischen Versprechen zumindest in Teilen eingelöst werden.

Wenn dieses Vertrauen schwindet, dann wird jede noch so gut gemeinte Maßnahme zum politischen Risiko, und genau das ist die eigentliche Gefahr, die derzeit oft unterschätzt wird: nicht der technische Fehlschlag der Energiewende, sondern der gesellschaftliche.

Denn Systeme können sich anpassen, Technologien können sich entwickeln, Märkte können reagieren, aber Vertrauen, einmal verloren, lässt sich nur schwer wieder herstellen, und genau deshalb wäre es klüger, die Energiewende nicht als Heilsversprechen zu verkaufen, sondern als das, was sie tatsächlich ist: ein komplexer, teurer und unsicherer Prozess, dessen Ausgang offen ist.

 

Der Preis der Selbsttäuschung

Was sich derzeit abzeichnet, ist kein plötzlicher Zusammenbruch, kein dramatischer Moment, an dem alles kippt, sondern etwas viel Unangenehmeres, weil es schwerer zu greifen ist: eine langsame Verschiebung der Realität, bei der politische Versprechen und tatsächliche Entwicklung immer weiter auseinanderdriften, während gleichzeitig der Ton schärfer wird, die Argumente moralischer, die Kritik unerwünschter, als müsse man die wachsende Differenz durch Lautstärke kompensieren.

Denn wenn ein Projekt nur noch durch seine Unumkehrbarkeit gerechtfertigt wird, dann hat es bereits begonnen, seine ursprüngliche Begründung zu verlieren, und genau das lässt sich in der deutschen Energiepolitik beobachten, wo Begriffe wie „alternativlos“ oder „irreversibel“ nicht mehr als Beschreibung eines Zustands dienen, sondern als Schutzschild gegen Zweifel, obwohl Zweifel in einer offenen Gesellschaft nicht das Problem sind, sondern die Voraussetzung für Korrektur.

Dabei wäre gerade jetzt der Moment für eine solche Korrektur, nicht im Sinne eines radikalen Kurswechsels, sondern im Sinne einer ehrlichen Bestandsaufnahme, die anerkennt, dass die Energiewende weder gescheitert noch erfolgreich ist, sondern sich in einem Zustand befindet, der beides zugleich enthält: Fortschritte im Stromsektor, massive Defizite im Gesamtsystem, ambitionierte Ziele, aber unklare Wege dorthin.

Doch statt diese Ambivalenz auszuhalten, wird sie zunehmend überdeckt, indem man externe Ereignisse in die Argumentation integriert, der Iran-Krieg ist dafür nur das jüngste Beispiel, ein geopolitisches Ereignis, das zweifellos Auswirkungen auf Energiemärkte hat, aber nun als Beleg für eine energiepolitische Strategie herangezogen wird, die mit diesem Ereignis ursprünglich nichts zu tun hatte.

Hier zeigt sich ein Muster, das weit über die Energiepolitik hinausgeht: Krisen werden nicht nur bewältigt, sondern auch genutzt, um bestehende politische Projekte zu legitimieren, was aus Sicht der politischen Kommunikation verständlich ist, aus Sicht der langfristigen Glaubwürdigkeit jedoch problematisch wird, weil es die Grenze zwischen Analyse und Instrumentalisierung verwischt.

Die Folge ist ein Diskurs, der sich immer weiter von der Realität entfernt, weil er nicht mehr danach fragt, was ist, sondern danach, was gesagt werden muss, um eine bestimmte Richtung aufrechtzuerhalten, und genau an diesem Punkt beginnt die Selbsttäuschung, die gefährlicher ist als jede falsche Entscheidung, weil sie die Grundlage für Korrektur untergräbt.

Man kann eine falsche Entscheidung revidieren, man kann ein gescheitertes Projekt neu denken, aber man kann schwerlich aus einem System ausbrechen, das sich selbst für unfehlbar hält, und genau deshalb ist die größte Gefahr der aktuellen Energiepolitik nicht ihr mögliches Scheitern, sondern ihre Unfähigkeit, dieses Scheitern überhaupt zu erkennen.

Dabei liefern die Zahlen genügend Anlass zur Reflexion: Ein Anteil von rund 20 Prozent erneuerbarer Energien am Primärenergieverbrauch (4) ist kein Zeichen von Versagen, aber auch kein Grund zur Selbstzufriedenheit, sondern ein Hinweis darauf, wie weit der Weg noch ist, während gleichzeitig Milliardenbeträge investiert werden, deren langfristiger Nutzen nicht garantiert ist.

Und genau hier entsteht eine Spannung, die sich nicht mehr allein technisch oder ökonomisch lösen lässt, sondern politisch und gesellschaftlich, denn je höher die Investitionen, desto größer die Erwartung, dass sie sich auszahlen, und je größer diese Erwartung, desto schwieriger wird es, einzugestehen, wenn sich bestimmte Annahmen als zu optimistisch erweisen.

Das ist kein deutsches Phänomen, sondern ein allgemeines Muster politischer Großprojekte, doch in Deutschland trifft es auf eine besondere Ausgangslage, weil hier die Energiewende nicht nur ein technisches Projekt ist, sondern auch ein moralisches, ein identitätsstiftendes, fast schon ein kulturelles Narrativ, das weit über die eigentliche Energiepolitik hinausreicht.

Und genau deshalb fällt es so schwer, Kritik zuzulassen, weil sie nicht nur als sachliche Einwände verstanden wird, sondern als Angriff auf ein Selbstbild, das sich über Jahre aufgebaut hat, und das erklärt auch, warum die Debatte oft so emotional geführt wird, obwohl es eigentlich um nüchterne Fragen der Versorgungssicherheit, der Kosten und der technologischen Machbarkeit gehen müsste.

Doch diese Nüchternheit ist selten, weil sie unbequem ist, weil sie keine einfachen Antworten liefert, weil sie Unsicherheit sichtbar macht, und Unsicherheit ist politisch schwer zu vermitteln, besonders in Zeiten, in denen viele Menschen ohnehin das Gefühl haben, dass sich die Welt schneller verändert, als sie es verarbeiten können.

Und genau hier schließt sich der Kreis zu dem, was ich im zweiten Teil angesprochen habe: dem Vertrauen, das eine Gesellschaft in ihre politischen Entscheidungen haben muss, damit große Transformationsprozesse gelingen können, und dieses Vertrauen entsteht nicht durch immer neue Begründungen, sondern durch Konsistenz, durch Ehrlichkeit, durch die Bereitschaft, Fehler einzugestehen.

Denn am Ende geht es nicht um Windräder oder Solarpaneele, nicht um Förderprogramme oder Investitionssummen, sondern um die Frage, wie eine Gesellschaft mit Unsicherheit umgeht, ob sie bereit ist, komplexe Probleme als solche anzuerkennen, oder ob sie sie lieber in einfache Geschichten verpackt, die kurzfristig beruhigen, langfristig jedoch neue Probleme schaffen.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieser Entwicklung: dass politische Projekte, so gut sie gemeint sein mögen, nicht allein durch ihre Ziele legitimiert werden, sondern durch die Art und Weise, wie sie umgesetzt werden, und dass eine Politik, die ihre eigenen Grenzen nicht kennt, Gefahr läuft, genau das zu verlieren, was sie eigentlich schützen will.

Und deshalb ist die entscheidende Frage nicht, ob die Energiewende richtig oder falsch ist, sondern ob sie ehrlich ist, ob sie die Realität abbildet oder überdeckt, ob sie bereit ist, sich selbst zu hinterfragen, oder ob sie sich hinter immer neuen Narrativen verschanzt, die zwar kurzfristig überzeugen, langfristig jedoch Vertrauen kosten.

 

Es gibt Momente, in denen eine Gesellschaft innehalten sollte, nicht aus Schwäche, sondern aus Klugheit, nicht um aufzugeben, sondern um neu zu justieren, und genau ein solcher Moment scheint erreicht, wenn die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit so groß wird, dass sie nicht mehr übersehen werden kann, ohne dass man sich selbst etwas vormacht.

Energiepolitik ist kein Glaubenssystem, sondern eine Frage der Physik, der Ökonomie und der politischen Vernunft, und wer sie zu einem moralischen Projekt erhebt, riskiert, dass Kritik nicht mehr als notwendiger Bestandteil eines Lernprozesses verstanden wird, sondern als Störung, die es zu beseitigen gilt, und genau darin liegt die eigentliche Gefahr.

Denn Fortschritt entsteht nicht durch das Festhalten an einmal gefassten Beschlüssen, sondern durch die Fähigkeit, diese Beschlüsse zu überprüfen, anzupassen und gegebenenfalls zu korrigieren, und diese Fähigkeit setzt voraus, dass man bereit ist, auch unangenehme Wahrheiten zu akzeptieren, selbst wenn sie dem eigenen Narrativ widersprechen.

Vielleicht liegt die größte Stärke einer funktionierenden Demokratie nicht darin, immer recht zu haben, sondern darin, Fehler erkennen zu können, bevor sie zu groß werden, und genau deshalb wäre es ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche, die Energiewende als das zu betrachten, was sie ist: ein offenes Projekt mit ungewissem Ausgang, das Ehrlichkeit mehr braucht als Begeisterung.

Die Wut des kleinen Mannes - Vom Stammtisch zur Straße – Eine Abrechnung mit Eliten, Medien und Systemversagen - Autor Alfred-Walter von Staufen
Vom Stammtisch zur Straße – Eine Abrechnung mit Eliten, Medien und Systemversagen

An dieser Stelle drängt sich ein Gedanke auf, der über Zahlen, Förderprogramme und politische Strategien hinausgeht, weil er tiefer reicht als jede Statistik und sich nicht in Petajoule oder Milliardenbeträgen ausdrücken lässt, sondern im Gefühl vieler Menschen, dass sich etwas verschiebt, ohne dass sie es wirklich greifen können – ein Gefühl, das ich in meinem Buch „Die Wut des kleinen Mannes“ ausführlich aufgegriffen habe.

Dort beschreibe ich nicht einfach nur wirtschaftliche Entwicklungen oder politische Entscheidungen, sondern vor allem die leise, oft unsichtbare Erosion von Vertrauen, die entsteht, wenn große Projekte immer wieder neu begründet werden müssen, während ihre konkreten Auswirkungen im Alltag der Menschen immer spürbarer werden, sei es durch steigende Energiekosten, unsichere Perspektiven oder das diffuse Empfinden, dass man zwar zahlen darf, aber kaum noch mitreden kann.

Es ist kein Buch des Zorns im klassischen Sinne, sondern eher ein Versuch, diese stille Spannung zu verstehen, die sich zwischen politischem Anspruch und gelebter Realität aufbaut, und die sich nicht in Schlagzeilen entlädt, sondern in Gesprächen am Küchentisch, in vorsichtigen Zweifeln, in dem leisen Satz: „Irgendetwas stimmt hier nicht mehr ganz.“

Gerade die Energiewende wirkt in diesem Zusammenhang wie ein Brennglas, weil sie exemplarisch zeigt, wie weit politische Sprache und individuelle Erfahrung auseinanderdriften können – und warum es so gefährlich ist, wenn dieser Abstand nicht ehrlich benannt wird.

Bitte werden oder bleiben Sie gesund, denn das ist das höchste Gut was wir haben.

Herzlichst
Ihr Alfred-Walter von Staufen


Abbildung:

  • Alfred-Walter von Staufen

Quellen:

(1)          https://ag-energiebilanzen.de/wp-content/uploads/AGEB_Jahresbericht2024_20250801_dt.pdf
(2)          https://ag-energiebilanzen.de/wp-content/uploads/AGEB_Jahresbericht2024_20250801_dt.pdf
(3)          https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1039794
(4)          https://ag-energiebilanzen.de/wp-content/uploads/AGEB_Jahresbericht2024_20250801_dt.pdf

Autor

  • Porträt von Alfred-Walter von Staufen, Autor und Essayist bei Freunde der Erkenntnis

    Alfred-Walter von Staufen, geboren 1969 in der DDR, begann als Wasserwerker und Industriemeister – in einer Welt, in der Systeme funktionieren müssen, nicht diskutiert werden. Nach Jahren in Industrie und Maschinenprogrammierung verlagerte eine schwere Erkrankung seine Arbeit ins Digitale und schließlich ins Analytische.

    Seit 2003 erforscht er politische Narrative, Machtstrukturen und Verwaltungsrealitäten. Seine Essays verbinden handwerklichen Systemblick mit publizistischer Präzision – stets mit der Frage, wie Denken gelenkt wird und wo Systeme sich selbst im Weg stehen.

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