Von Alfred-Walter von Staufen
Der Krieg, der angeblich längst begonnen hat
Viele Kanalbetreiber des sogenannten Widerstands reden seit Jahren so, als laufe der Dritte Weltkrieg längst, nur eben ohne offizielle Pressekonferenz, ohne saubere Kriegserklärung und ohne jene eindeutigen Bilder, die der Mensch aus Dokumentationen über 1914 oder 1939 kennt, weshalb dann jede Pipeline-Störung, jede Drohne über einem Kasernenzaun, jede Havarie auf einem Datenkabel, jede Rede aus Moskau, Washington, Paris oder Brüssel gleich als weiterer Beweis dafür gedeutet wird, dass wir uns bereits mitten im Weltenbrand befänden und nur die Schlafenden noch nicht begriffen hätten, dass der Vorhang längst gefallen sei. Ganz falsch ist an diesem Gefühl nicht alles, aber fast alles wird schief zusammengesetzt, weil zwischen einer gefährlichen geopolitischen Dauerkrise und einem tatsächlichen Weltkrieg eben doch ein Unterschied liegt, und zwar kein sprachlicher, sondern ein militärischer, ökonomischer und zivilisatorischer Unterschied von erheblicher Größenordnung.
Man muss den Leuten zugestehen, dass ihr Alarmismus aus einem realen Hintergrund wächst, denn Europa lebt tatsächlich in einer gefährlicheren Lage als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren, Russland wird in der neuen deutschen militärischen Gesamtkonzeption ausdrücklich als größte und unmittelbarste Bedrohung für Frieden und Sicherheit in Deutschland und im euro-atlantischen Raum bezeichnet, und das Verteidigungsministerium hält fest, dass Russland seine Strukturen klar auf einen großmaßstäblichen Konflikt gegen die NATO ausrichtet und bereits unterhalb der Schwelle des offenen Krieges hybride Mittel gegen Bündnisstaaten einsetzt (1). Wer also sagt, die Zeiten seien friedlich, harmlos oder nur von ein paar missverstandenen diplomatischen Verstimmungen geprägt, der schaut nicht hin oder will nicht hinschauen, denn wir leben längst in einer Epoche des systematischen Drucks, der strategischen Drohung und des kalten Härtetests, bei dem ausgelotet wird, wie weit man gehen kann, ohne den Bündnisfall auszulösen.
Nur folgt daraus eben nicht automatisch, dass bereits Weltkrieg herrscht, so wie ein Gewitterhimmel nicht identisch ist mit dem Einschlag ins eigene Dach. NATO selbst beschreibt die Sicherheitslage als gefährlicher, unberechenbarer und anspruchsvoller als in den Jahrzehnten zuvor und betont zugleich, dass die Verstärkung der Ostflanke gerade dazu dient, einen offenen Angriff abzuschrecken, also den Krieg zu verhindern, nicht ihn zu erklären (2). Abschreckung ist das Wort, das in den hysterischen Telegram-Erzählungen fast nie vorkommt, weil es nicht gut in die Dramaturgie passt, aber genau dieses Wort erklärt, warum Europa trotz aller Eskalation bislang noch nicht im offenen Großkrieg steht: Es gibt rote Linien, militärische Präsenz, nukleare Zweitschlagsfähigkeit und eine nüchterne Kenntnis darüber, dass der Preis einer direkten Konfrontation katastrophal wäre.
Auch die jüngeren Einschätzungen aus dem Baltikum, wo man russische Absichten gewiss nicht romantisiert, sprechen eine deutlich differenziertere Sprache als die digitale Untergangskanzel. Der estnische Auslandsnachrichtendienst hielt in seinem letzten Lagebild fest, Russland bereite sich auf eine langfristige Konfrontation mit dem Westen vor, zugleich sei ein unmittelbarer Angriff auf einen NATO-Staat im kommenden Jahr nicht die wahrscheinlichste Entwicklung, gerade weil NATO ihre Abschreckungsfähigkeit erheblich verbessert habe (3). Das ist eine Formulierung, die weder beruhigt noch panisch macht, sondern ernst nimmt, was ernst ist, und genau diese Haltung fehlt vielen jener selbsternannten Erweckten, die in jedem Tag ohne totale Eskalation nur einen weiteren Beweis dafür sehen, dass der totale Krieg eben heimlich stattfinde.
Die Wahrheit ist unerquicklich genug, man muss sie nicht aufblasen. Deutschland steht nicht vor russischen Panzerspitzen auf der A2, aber Deutschland ist längst Teil einer Konfliktlandschaft geworden, in der es als Logistikraum, Waffenunterstützer, Drehscheibe der NATO und wirtschaftliches Rückgrat Europas immer stärker unter Spannung gerät; zugleich sehen wir eine Zunahme jener Erscheinungen, die man früher als Vorfeldhandlungen, Zersetzung, Einflussoperationen oder strategische Sabotage bezeichnet hätte, heute aber gern technisch verklausuliert als hybride Bedrohungen beschreibt, obwohl es sich für den Bürger ganz schlicht darin äußert, dass das Vertrauen in Sicherheit, Infrastruktur und politische Berechenbarkeit langsam angefressen wird. Der niederländische Militärnachrichtendienst MIVD sprach erst in diesen Tagen von der größten Sicherheitsbedrohung seit dem Zweiten Weltkrieg und warnte davor, Russland rüste sich nicht nur für den Krieg in der Ukraine, sondern für eine lange Konfrontation mit Europa insgesamt (4). Wer solche Sätze liest, versteht, weshalb die Nerven blanker liegen als früher; wer aus solchen Sätzen jedoch sofort „Weltkrieg läuft schon“ macht, verwechselt Zuspitzung mit Analyse.
Denn Weltkrieg ist kein metaphorischer Oberbegriff für allgemeine Nervosität, sondern ein Zustand, in dem mehrere Großmächte oder Bündnissysteme offen und umfassend gegeneinander Krieg führen, mit direkter militärischer Konfrontation in großem Maßstab, Mobilisierung ganzer Gesellschaften, massiver Störung aller internationalen Wirtschaftsströme und sehr schnell auch unter nuklearem Schatten. Genau diesen Zustand erleben wir bislang nicht, und gerade deshalb ist es wichtig, die Lage nicht zu verniedlichen und auch nicht zu mythologisieren. Wer alles Krieg nennt, erkennt den Krieg nicht mehr, wenn er wirklich beginnt. Wer jede Krise bereits als Apokalypse etikettiert, stumpft sein Publikum ab, bis Warnungen und Wirklichkeit ununterscheidbar werden. Das ist politisch unerquicklich und moralisch unerquicklich, weil Angst als Geschäftsmodell immer denselben Mechanismus nutzt: Man verkauft das Gefühl exklusiver Erkenntnis und lebt davon, dass der Ausnahmezustand nie ganz ausbricht, aber immer kurz bevorsteht.
Dabei wäre eine nüchterne Sprache für Deutschland gerade jetzt von Wert. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz empfiehlt Haushalten weiterhin, sich auf Krisenlagen so vorzubereiten, dass eine Eigenversorgung für mehrere Tage, idealerweise bis zu zehn Tage, möglich ist, was keine Weltkriegsansage ist, sondern der vernünftige Hinweis, dass moderne Gesellschaften verletzlich sind, gerade weil sie so hochgradig vernetzt und so knapp getaktet funktionieren (5). Zwischen Vorsorge und Panik liegt ein Unterschied, den der erwachsene Bürger verstehen sollte. Zwischen Bedrohung und Endzeit liegt ebenfalls einer. Und genau dieser Unterschied ist der Punkt, an dem man mit dem Denken beginnen muss.
Was Deutschland wirklich bedroht
Die eigentliche Gefahr für Deutschland liegt nämlich nicht zuerst in jener plakativen Vorstellung, dass irgendwann im Morgengrauen feindliche Verbände über offene Grenzen rollen, sondern in einer viel unerquicklicheren Form der Unsicherheit, die deshalb so schwer zu greifen ist, weil sie den Alltag nicht mit einem einzigen Knall zerstört, sondern ihn langsam, zäh und systematisch unter Druck setzt, bis aus der scheinbar stabilen Normalität eine nervöse Zwischenwelt wird, in der Stromnetze, Datenleitungen, Lieferketten, Verwaltungsabläufe, Bahnknoten, Kommunikationssysteme und politische Entscheidungsräume plötzlich nicht mehr als selbstverständliche Infrastruktur erscheinen, sondern als verwundbare Organe einer hochkomplexen Gesellschaft. Genau das ist der Kern dessen, was heute unter hybriden Bedrohungen verhandelt wird: koordinierte schädliche Aktivitäten, die nicht notwendig den offenen militärischen Angriff darstellen, aber doch darauf zielen, einen Staat zu schwächen, Vertrauen zu zersetzen, Institutionen zu überlasten und den Gegner mürbe zu machen, noch bevor der eigentliche Ernstfall beginnt. Der Rat der Europäischen Union beschreibt hybride Bedrohungen ausdrücklich als Kombinationen aus Desinformation, Cyberangriffen, wirtschaftlichem Druck, verdeckter Einflussnahme, diplomatischer Nötigung und der Drohung mit militärischer Gewalt; im März 2026 hat der Rat seine Entschlossenheit bekräftigt, solchen Kampagnen gegen die Union und ihre Mitgliedstaaten mit allen verfügbaren Mitteln zu begegnen. (6)
Deutschland ist für solche Strategien ein besonders attraktives Ziel, nicht weil es militärisch schwach wäre, sondern weil es in der Mitte Europas liegt, logistisch unverzichtbar geworden ist, von dicht verknüpfter Infrastruktur lebt und in jeder Krise zugleich Schaltstelle, Versorgungsraum, Transitland und politische Projektionsfläche ist. Die Bundeswehr hält in ihrer neuen Gesamtkonzeption fest, dass Russland bereits jetzt hybride Operationen gegen Mitgliedstaaten der Allianz durchführt und Deutschland gemeinsam mit seinen Verbündeten auf Landes- und Bündnisverteidigung ausgerichtet sein muss; ergänzend erklärt das Operative Führungskommando, der sogenannte Operationsplan Deutschland regele das zivil-militärische Zusammenwirken nicht nur für Frieden, Krise und Krieg, sondern ausdrücklich auch für hybride Bedrohungslagen, und er bindet dafür Behörden, Wirtschaft, Verkehrsinfrastruktur und Gesellschaft in ein abgestuftes Gesamtkonzept ein. Schon diese Sprache zeigt, dass der Staat nicht mit einer idyllischen Sicherheitslage rechnet, sondern mit einem Kontinuum zwischen Frieden und offenem Konflikt, auf das man sich organisatorisch vorbereiten muss, gerade weil moderne Kriege selten erst dort beginnen, wo die ersten Schüsse fallen. (7)
Wer das für bürokratische Übervorsicht hält, möge sich die jüngsten Vorfälle in Europa ansehen, die wie lose Splitter eines Musters wirken: Litauen hat heute 13 Personen im Zusammenhang mit zwei versuchten Tötungsdelikten angeklagt, die nach Angaben der Behörden im Interesse des russischen Militärgeheimdienstes GRU organisiert worden sein sollen; zugeordnet werden diesem Netzwerk zudem Brandstiftung an für die Ukraine bestimmtem Militärequipment in Bulgarien und Spionage gegen militärische Abläufe in Griechenland. Das ist noch kein Weltkrieg, aber es ist die Sprache einer Konfrontation, die längst den europäischen Innenraum erreicht hat und dort nicht mit Panzern, sondern mit Netzen, Mittelsmännern, Einschüchterung, Aufklärung und Sabotage arbeitet. Parallel berichtete die Nachrichtenagentur AP heute, dass deutsche Behörden Russland hinter einer Phishing-Kampagne gegen hochrangige Amtsträger vermuten, bei der über manipulierte Signal-Zugänge zahlreiche Konten kompromittiert wurden; derartige Eingriffe richten sich nicht bloß gegen einzelne Personen, sondern gegen die Verlässlichkeit vertraulicher Kommunikation in einem Staat, der politisch und militärisch unter Dauerbeobachtung steht. Wer da noch glaubt, Krieg beginne erst mit Sirenen und Einschlagkratern, hängt geistig an der Grammatik des 20. Jahrhunderts, während die Realität längst eine andere geworden ist. (8)
Hinzu kommt eine zweite Ebene, die oft unterschätzt wird, weil sie so abstrakt klingt, bis sie plötzlich sehr konkret wird: Abschreckung. NATO hat ihre Ostflanke in den vergangenen Jahren kontinuierlich verstärkt, zusätzliche Fähigkeiten in Cyber- und Weltraumdomänen ergänzt und mit neuen Formaten wie „Eastern Sentry“ die Wachsamkeit entlang des östlichen Bündnisraums erhöht; das Bündnis betont selbst, dass diese Maßnahmen der Stärkung von Abschreckung und Verteidigung dienen. Daraus folgt zweierlei zugleich: Zum einen ist die Lage ernst genug, um solche Maßnahmen überhaupt für notwendig zu halten; zum anderen zeigt gerade diese Verstärkung, dass der Westen den offenen Krieg verhindern will, indem er den möglichen Preis für einen Angriff so hoch treibt, dass er für Moskau unattraktiv bleibt. Abschreckung ist kein friedlicher Begriff, aber sie ist oft das letzte Instrument, mit dem Frieden in gefährlichen Zeiten praktisch organisiert wird. Deshalb ist die Lage paradox: Je mehr Europa aufrüstet, plant, übt und koordiniert, desto nervöser wirkt es nach außen, und doch kann gerade diese Nervosität ein Grund dafür sein, dass der große Zusammenstoß ausbleibt. (9)
Das Gefährlichste ist deshalb nicht der eine große Entschluss zum Weltenbrand, sondern das allmähliche Hineingleiten in eine Logik, die jede Seite für defensiv hält und die doch objektiv eskaliert. Wenn Russland europäischen Staaten offen damit droht, sie im Konfliktfall zu Zielen zu machen, sollten sie französische nuklearfähige Bomber aufnehmen, dann ist das keine exotische Randnotiz mehr, sondern ein Symptom dafür, wie dicht Europa inzwischen an der Zone jener Sprache operiert, in der aus militärischer Planung politische Schicksalsfrage wird. Gleichzeitig bleibt es wichtig, nicht in die Geschäftsidee der Panikunternehmer einzusteigen, denn weder das Verteidigungsministerium noch NATO noch europäische Regierungen reden von einem unmittelbar bevorstehenden Weltkrieg auf deutschem Boden; sie reden von Bedrohung, Vorbereitung, Resilienz und Abschreckung. Genau darin liegt die Wahrheit der Stunde: Deutschland steht nicht im Feuersturm, aber es lebt am Rand eines sicherheitspolitischen Klimas, in dem Fehler, Sabotageakte, Missverständnisse und Kettenreaktionen erheblich schneller in etwas Größeres umschlagen können als viele Bürger noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten hätten. Man sollte das nicht dramatisieren. Aber man darf es erst recht nicht mehr belächeln. (10)
Zwischen Nüchternheit und Panik
Am Ende bleibt deshalb ein Satz, der unspektakulär klingt und gerade deshalb Gewicht hat: Deutschland steht nicht am Vorabend eines sicheren Weltkriegs, aber es lebt in einer europäischen Sicherheitslage, die Fehler kaum noch verzeiht. Das ist weniger dramatisch, als es die Alarmhändler des digitalen Widerstands verkaufen, und zugleich ernster, als es jene Berufsbeschwichtiger wahrhaben wollen, die jede Warnung sofort für Militarismus halten. Deutschland reagiert auf diese Lage nicht deshalb mit neuer Strategie, mehr Reservisten, Luftverteidigung und engerer Bündnisplanung, weil irgendwo in einem Ministerium ein paar Generäle schlecht geschlafen hätten, sondern weil der Staat seine Umgebung als dauerhaft gefährlicher beurteilt und daraus organisatorische Konsequenzen zieht; die Bundesregierung hat vor wenigen Tagen ihre erste militärische Gesamtstrategie vorgelegt, Reuters berichtet über das Festhalten am Ziel von 260.000 aktiven Soldaten bei einem Gesamtziel von 460.000 Kräften einschließlich Reservisten, und parallel betont der neue Außenminister die Notwendigkeit glaubwürdiger Abschreckung angesichts nuklearer Drohungen gegen Deutschland und seine Partner. (11)
Gerade darin liegt die unbequeme Wahrheit, die weder in das Lager der Verharmloser noch in das der Weltuntergangsprediger passt: Die gefährlichste Entwicklung wäre wahrscheinlich nicht der große Beschluss zum Weltkrieg, sondern eine Kette von Vorgängen, die jede Seite einzeln noch für beherrschbar hält, bis sie es plötzlich nicht mehr sind. SIPRI warnt seit dem Auslaufen tragender Rüstungskontrollregime und mit Blick auf multidimensionale Eskalationsrisiken ausdrücklich vor wachsenden Gefahren für strategische Stabilität und europäische Sicherheit; wer diese Sätze liest, merkt schnell, dass moderne Eskalation eben nicht nur aus Panzern, Bombern und Frontlinien besteht, sondern aus der gefährlichen Verknüpfung von Cyberraum, Satelliten, kritischer Infrastruktur, regionalen Kriegen, nuklearer Signalisierung und politischer Fehleinschätzung. Ein beschädigtes Datenkabel, ein massiver Cyberangriff, eine falsche Zuschreibung, ein tödlicher Zwischenfall im Ostseeraum oder eine Operation gegen Versorgungsketten können in einer solchen Lage mehr Sprengkraft haben, als es der friedliche Alltag auf den ersten Blick ahnen lässt. (12)
Und doch wäre es töricht, dem Bürger nun jene Endzeitstimmung zu verkaufen, von der manche Kanäle leben wie andere von Nahrungsergänzung oder Krisengold. Selbst die estnische Auslandsaufklärung, die über russische Absichten gewiss nicht naiv urteilt, hält einen militärischen Angriff auf Estland oder einen anderen NATO-Staat im kommenden Jahr nicht für die wahrscheinlichste Entwicklung, gerade weil Europas Abschreckung inzwischen ernster genommen werden muss als noch vor wenigen Jahren. Das ist kein Grund, sich zurückzulehnen, aber sehr wohl ein Grund, die Nerven beisammenzuhalten. Wer aus jeder Drohung bereits den Einschlag macht, raubt seinem Publikum nicht nur die Urteilskraft, sondern auch die Fähigkeit zur vernünftigen Vorbereitung. Denn Vorsorge ist etwas anderes als Panik: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz empfiehlt, dass sich Haushalte möglichst zehn Tage selbst versorgen können; schon ein Vorrat für drei Tage ist laut BBK ein sinnvoller Anfang. Das ist keine Apokalypse in Dosenform, sondern zivile Vernunft in einer verletzlichen Gesellschaft. (13)
Der moralische Punkt liegt deshalb nicht in martialischen Parolen, sondern in der Frage, wie ein freies Land unter Druck seine innere Form bewahrt. Eine Demokratie verrät sich nicht erst dann, wenn die ersten Raketen fliegen; sie verrät sich schon früher, wenn sie zwischen Angstgeschäft und Beschwichtigung jede Maßstäblichkeit verliert, wenn Regierungssprache nur noch beruhigt und Gegenöffentlichkeit nur noch hetzt, wenn Bürger entweder infantil gehalten oder hysterisiert werden. Was Deutschland jetzt braucht, ist weder die Pose des tapferen Schläfers noch die Pose des berufsmäßigen Propheten, sondern erwachsene Öffentlichkeit: nüchterne Lagebilder, belastbare Abschreckung, robuste Infrastruktur, politische Ehrlichkeit und Bürger, die weder jede Schlagzeile für den Beginn der Apokalypse halten noch jede Warnung als Kriegstreiberei wegwischen. Europa muss lernen, in Gefahr klar zu denken, weil genau das die Voraussetzung dafür ist, nicht kopflos in die größere Gefahr hineinzustolpern. Und vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieser Jahre: Der Frieden stirbt selten mit einem einzigen Knall, er erodiert vorher in Sprache, Leichtsinn, Täuschung und dem bequemen Wunsch, extreme Deutungen seien leichter auszuhalten als die komplizierte Wirklichkeit.
Wer über Krieg, Aufrüstung, Interessen und geopolitische Eskalation schreibt, kommt irgendwann an den Punkt, an dem er sich fragen muss, wer an all dem verdient, wer die Rechnungen kassiert, während andere die Särge zählen, und wer sich hinter moralischen Phrasen, Sicherheitsformeln und strategischen Notwendigkeiten in Wahrheit ein Geschäftsmodell aus Blut, Angst und Dauerkrise gebaut hat. Genau dort setzt mein Buch „BLUTGELD Die seelenlosen Profiteure des Todes“ an. Es ist kein Trostbuch und kein dekoratives Regalstück für Menschen, die sich mit ein paar wohlfeilen Floskeln über die Welt beruhigen möchten, sondern ein scharfes, unbequemes Buch über jene ökonomischen und politischen Mechanismen, die aus Krieg mehr machen als aus einem Verbrechen, nämlich aus einem Markt. Wer diesen Essay zu Ende gelesen hat und sich nicht mit den üblichen Erklärungen abspeisen lassen will, findet dort die größere, düsterere und leider allzu reale Landschaft hinter den Schlagzeilen. Manche Bücher will man nicht unbedingt lesen. Gerade deshalb sollte man es tun.
Bitte werden oder bleiben Sie gesund, denn das ist das höchste Gut was wir haben.
Herzlichst
Ihr Alfred-Walter von Staufen
Abbildung:
- Alfred-Walter von Staufen
Quellen:
(1) https://www.bmvg.de/resource/blob/6093766/01b1718498c25db9010ea13724d7a37a/dl-gesamtkonzeption-der-militaerischen-download-deu-data.pdf
(2) https://www.nato.int/en/what-we-do/deterrence-and-defence/strengthening-natos-eastern-flank
(3) https://raport.valisluureamet.ee/en/
(4) https://www.reuters.com/business/media-telecom/dutch-are-facing-biggest-security-threat-decades-intelligence-agency-says-2026-04-23/
(5) https://www.bbk.bund.de/DE/Warnung-Vorsorge/Vorsorge/Ratgeber-Checkliste/ratgeber-checkliste_node.html
(6) https://www.consilium.europa.eu/en/policies/hybrid-threats; https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2026/03/16/council-adopts-conclusions-on-advancing-the-eu-s-capacity-to-counter-hybrid-threats
(7) https://www.bmvg.de/resource/blob/6093766/01b1718498c25db9010ea13724d7a37a/dl-gesamtkonzeption-der-militaerischen-download-deu-data.pdf; https://www.bundeswehr.de/en/organization/bundeswehr-joint-force-command/missions/operational-plan-for-germany
(8) https://www.reuters.com/world/lithuania-charges-14-people-with-attempted-murders-linked-russias-gru-police-say-2026-04-27/; https://apnews.com/article/2ab1bac973919bf1e49997b7892bd276
(9) https://www.nato.int/en/what-we-do/deterrence-and-defence/strengthening-natos-eastern-flank; https://www.nato.int/en/what-we-do/deterrence-and-defence/deterrence-and-defence; https://www.europeafrica.army.mil/ArticleViewPressRelease/Article/4389074/press-release-dynamic-front-26
(10) https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/russia-warns-european-states-against-hosting-french-nuclear-bomber-planes-2026-04-23/; https://www.bmvg.de/resource/blob/6093766/01b1718498c25db9010ea13724d7a37a/dl-gesamtkonzeption-der-militaerischen-download-deu-data.pdf; https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2026/03/16/council-adopts-conclusions-on-advancing-the-eu-s-capacity-to-counter-hybrid-threats/
(11) https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/germany-unveils-military-strategy-sticks-troop-target-2026-04-22/; https://www.reuters.com/world/german-foreign-minister-we-need-deterrence-face-nuclear-threats-2026-04-27/; https://www.bmvg.de/resource/blob/6093998/678875025812878cfa657f9801f62ffc/dl-gesamtkonzeption-der-verteidigung-eng-data.pdf
(12) https://www.sipri.org/commentary/essay/2026/after-new-start-expires-europe-needs-step-arms-control; https://www.sipri.org/publications/2026/policy-reports/addressing-multidomain-nuclear-escalation-risk; https://www.reuters.com/world/europe/nato-must-be-ready-respond-hybrid-threats-top-commander-says-2025-12-04/
(13) https://www.valisluureamet.ee/doc/raport/2026-en.pdf; https://www.reuters.com/world/china/estonia-says-russia-planning-military-buildup-shift-power-europe-2026-02-10/; https://www.bbk.bund.de/DE/Warnung-Vorsorge/Vorsorge/Ratgeber-Checkliste/ratgeber-checkliste_node.html; https://www.bbk.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Mediathek/Publikationen/Buergerinformationen/Ratgeber/BBK-Vorsorgen-fuer-Krisen-und-Katastrophen.pdf?__blob=publicationFile&v=42













