Von Alfred-Walter von Staufen
Die Macht trägt keinen Kapuzenmantel
Die Leopoldina muss keine Regierung stürzen, keinen Minister erpressen und keinen geheimen Eid im Kerzenschein abnehmen, denn sie besitzt etwas wesentlich Bequemeres: den staatlich verliehenen Rang einer wissenschaftlichen Autorität, deren Empfehlungen bereits als vernünftig gelten, bevor der Bürger überhaupt erfahren hat, wer sie formulierte, nach welchen Kriterien die Beteiligten ausgewählt wurden und welche abweichenden Positionen am Konferenztisch vielleicht unterlagen. Seit 2008 ist der eingetragene Verein in Halle Nationale Akademie der Wissenschaften, steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten, wird zu 80 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 20 Prozent vom Land Sachsen-Anhalt finanziert und hat ausdrücklich den Auftrag, Politik und Öffentlichkeit zu beraten; die Akademie selbst erklärt sogar die Bereitstellung von Wissen für politische und gesellschaftliche Entscheidungen zu ihrer Hauptaufgabe und betont, ihre Themen unabhängig auswählen zu können (1). Das ist kein geheimer Staat. Es ist der sichtbare Vorraum des Staates, und gerade deshalb schaut kaum jemand hinein.
Der erste große Fall liegt offen auf dem Tisch: Am 8. Dezember 2020 empfahl die Leopoldina, die Feiertage und den Jahreswechsel für einen „harten Lockdown“ zu nutzen; wenige Tage später beschlossen Bund und Länder weitreichende Schließungen und Kontaktbeschränkungen, wobei die Stellungnahme im politischen Raum eine außerordentliche Legitimität erhielt (2). Die Akademie erließ keine Verordnung, doch genau darin liegt die elegante Arbeitsteilung: Der Wissenschaftler beschreibt die vermeintlich notwendige Richtung, der Politiker unterschreibt, und der Bürger darf anschließend glauben, er werde nicht regiert, sondern sachgerecht behandelt. Wo politische Abwägung eigentlich über Grundrechte, Bildung, wirtschaftliche Schäden, Einsamkeit und die Lebensrealität von Familien sprechen müsste, erzeugt das akademische Gütesiegel den Eindruck, es gebe nur noch eine fachlich zulässige Antwort. Wissenschaft wird damit nicht automatisch falsch. Sie wird politisch mächtig.
Der zweite Fall betrifft die Klimaneutralität. Gemeinsam mit dem Rat für Nachhaltige Entwicklung legte die Leopoldina Empfehlungen für eine transformative Klimastrategie vor, die von Infrastrukturinvestitionen und Kreislaufwirtschaft bis zu Finanzierung, Forschung und gesellschaftlichem Umbau reichen (3). Der dritte Fall reicht bis in den Heizungskeller: In Analysen zur sozial-ökologischen Energiewende im Gebäudebereich werden politische Instrumente für die Umgestaltung des Wohnens, Bauens und Heizens untersucht – also Entscheidungen, die später nicht im abstrakten Modell, sondern auf der Rechnung des Mieters und im Kreditvertrag des Eigentümers auftauchen (4).
Der vierte Fall liegt auf dem Acker und schließlich auf unserem Teller. Die Leopoldina beschäftigt sich mit einer Umgestaltung von Agrarlandschaften zugunsten der Artenvielfalt und diskutiert darüber hinaus Eingriffe in Produktion, Handel und Konsum, darunter Lebensmittelkennzeichnung, Ernährungsbildung, steuerliche Instrumente, Lieferketten und internationale Handelsregeln (5). Das sind keine botanischen Plaudereien. Es geht um Preise, Eigentum, landwirtschaftliche Existenzbedingungen und darum, welche Form des Konsums künftig politisch erwünscht, verteuert oder moralisch markiert wird.
Der fünfte Fall ist die künstliche Intelligenz, die nach Auffassung der Akademie Forschung, Arbeitswelt, gesellschaftliche Verantwortung und ethische Maßstäbe grundlegend verändert; damit bewegt sich ihre Beratung mitten in Fragen der Datenherrschaft, Automatisierung und Kontrolle, die bald über Arbeitsplätze, medizinische Entscheidungen, Versicherungen und staatliche Verwaltung mitbestimmen werden (6). Der sechste Fall betrifft folgerichtig die Zukunft der Arbeit, zu der eine eigene Arbeitsgruppe Empfehlungen für die Neugestaltung von Erwerbsarbeit, Sorgearbeit und anderen Arbeitsformen vorlegte (7). Wer Arbeit neu definiert, berührt Löhne, Sozialversicherung, Familienmodelle und die Verteilung menschlicher Lebenszeit.
Der siebte Fall überschreitet längst die Grenzen der Bundesrepublik. Die Leopoldina vertritt die deutsche Wissenschaft in internationalen Akademienetzwerken, erarbeitet gemeinsame Stellungnahmen und beteiligt sich an der Beratung im Umfeld der G7, etwa zu künstlicher Intelligenz, Landwirtschaft, Gesundheit und globalen Forschungsfragen (8). Damit endet die Erzählung vom harmlosen Gelehrtenverein. Eine Institution mit mehr als 1.700 Mitgliedern aus über 30 Ländern, Dutzenden Nobelpreisträgern und inzwischen mehr als 350 veröffentlichten Stellungnahmen und Diskussionspapieren ist kein Schattenspieler im Keller, sondern ein öffentlich finanziertes Deutungszentrum mit Zugang zu den Räumen, in denen aus wissenschaftlichen Annahmen politische Zumutungen werden (9).
Wenn aus Empfehlungen Lebensregeln werden
Die eigentliche Reichweite der Leopoldina zeigt sich dort, wo ihre Papiere nicht mehr nur Kraftwerke, Forschungsbudgets oder abstrakte Zukunftsmodelle betreffen, sondern den menschlichen Körper, die Erziehung von Kindern, die Zulässigkeit medizinischer Verfahren und selbst die Frage, welche wirtschaftlichen Anreize der Staat einer Industrie gewähren soll. Besonders deutlich wird das bei den Antibiotikaresistenzen: Die Akademie empfahl 2025 ein Subskriptionsmodell mit garantierten jährlichen Einnahmen, Markteintrittsprämien und Meilensteinzahlungen, um Pharmaunternehmen zur Entwicklung neuer antimikrobieller Wirkstoffe zu bewegen; damit berät sie nicht lediglich über medizinische Notwendigkeiten, sondern über Geschäftsmodelle, öffentliche Finanzierung und die Verteilung unternehmerischer Risiken zwischen Konzernen und Allgemeinheit (10). Der weiße Kittel steht hier bereits mit einem Fuß im Finanzministerium, und wer diese Feststellung für polemisch hält, sollte erklären, wie man staatlich garantierte Einnahmen für Arzneimittelhersteller sonst nennen möchte.
Noch näher rückt die Akademie dem privaten Leben bei der Fortpflanzungsmedizin. Gemeinsam mit der Union der deutschen Akademien empfahl sie 2019 ein zeitgemäßes Fortpflanzungsmedizingesetz und behandelte dabei unter anderem Embryonenspende, Eizellspende, Kinderwunschbehandlungen, genetische Untersuchungen und die rechtliche Stellung der Beteiligten; das sind keine Nebensächlichkeiten der Laborordnung, sondern Entscheidungen darüber, unter welchen Bedingungen Leben erzeugt werden darf, wer als Elternteil gilt und welche medizinischen Möglichkeiten der Gesetzgeber öffnen oder verschließen soll (11). Natürlich muss eine Republik solche Fragen fachlich beraten. Sie sollte nur nicht so tun, als verschwänden die moralischen Konflikte, sobald einige Professorentitel auf dem Umschlag stehen.
Auch das Kinderzimmer bleibt von dieser Beratungsarchitektur nicht unberührt. Die Leopoldina empfiehlt, die Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen zu einer Leitperspektive des deutschen Bildungssystems zu machen; Kitas und Schulen sollen demnach stärker darauf ausgerichtet werden, Aufmerksamkeit, Emotionen, Verhalten und Lernprozesse systematisch zu formen (12). Was pädagogisch vernünftig klingen kann, besitzt eine politische Rückseite: Eine Akademie formuliert Leitvorstellungen darüber, welche inneren Fähigkeiten ein junger Mensch entwickeln soll und wie staatliche Einrichtungen daran mitzuwirken haben. Das ist gesellschaftliche Normsetzung im Vokabular der Entwicklungspsychologie.
Beim Umgang mit sozialen Medien geht der Zugriff weiter. Ein Diskussionspapier gibt Handlungsempfehlungen zum Schutz der psychischen Gesundheit Minderjähriger und bewegt sich damit zwangsläufig in Richtung Plattformregulierung, Altersgrenzen, schulischer Medienbildung und elterlicher Verantwortung (13). Wieder entscheidet die Leopoldina nicht selbst, doch sie liefert die begrifflichen Schienen, auf denen spätere Verbote, Pflichten oder Kontrollinstrumente rollen können.
Selbst die Lehrpläne geraten ins Blickfeld. In einer Stellungnahme zur evolutionsbiologischen Bildung erklärte die Akademie Kenntnisse der Evolution zum unverzichtbaren Fundament naturwissenschaftlicher Bildung und verlangte eine stärkere Verankerung in Schule und Hochschule (14). An anderer Stelle forderte sie, wissenschaftliches Verständnis bereits ab der Grundschule zu fördern, damit Bürger wissenschaftliche Beiträge zu politischen Entscheidungen besser einordnen und ihnen Vertrauen entgegenbringen können (15). Das klingt nach Aufklärung, kann jedoch leicht zur Einbahnstraße werden, wenn Vertrauen nicht mehr als Ergebnis offener Prüfung, sondern als pädagogisch herzustellende Voraussetzung erscheint.
Auch Bürgerwissenschaft wird institutionell eingerahmt. Die Leopoldina empfahl besondere Förderprogramme, Informationssysteme, ethische Regeln und neue Bildungsangebote für Citizen Science; der Bürger darf also forschen, aber möglichst in Verfahren, die wissenschaftliche Institutionen strukturieren, bewerten und absichern (16). Sogar die verbreitete Skepsis gegenüber grüner Gentechnik wird auf einer eigenen Themenseite geprüft und mit wissenschaftlichen Gegenargumenten konfrontiert, während die Akademie zugleich die gesellschaftliche Ablehnung dieser Technologie ausdrücklich dokumentiert (17). Damit wird nicht bloß Wissen vermittelt; es wird festgelegt, welche Sorge als sachlich begründet und welche als Vorurteil behandelt wird.
Schließlich reicht dieser Einfluss bis zur Weltgesundheitspolitik. Die Leopoldina übergab gemeinsam mit internationalen Partnerakademien Empfehlungen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung direkt an die deutsche G20-Präsidentschaft und arbeitet im G7-Format an Papieren zu Antibiotikaresistenzen, Tropenkrankheiten, Klimafolgen, Ernährung und widerstandsfähigen Gesundheitssystemen (18). Wer hier noch immer nur eine honorige Versammlung älterer Gelehrter erkennt, betrachtet das Gebäude, aber nicht die Leitungen, die von dort in Ministerien, Gipfeltreffen, Schulen, Kliniken und Märkte führen.
Die Republik im Gutachtenmodus
Die Leopoldina beschäftigt sich sogar mit der Luft, die wir atmen, und forderte gemeinsam mit internationalen Akademien wirksame Maßnahmen gegen Luftverschmutzung, weil diese erhebliche gesundheitliche und wirtschaftliche Schäden verursache; daraus können strengere Grenzwerte, Verkehrsregeln, technische Vorgaben und milliardenschwere Umbauten folgen, die wissenschaftlich begründet sein mögen, politisch aber dennoch zwischen Gesundheitsschutz, Mobilität, Industrie und sozialer Belastbarkeit abgewogen werden müssen (19). Wer bestimmt, welches Risiko noch hinnehmbar ist, bestimmt eben nicht nur über Messwerte. Er beeinflusst, welche Fahrzeuge fahren dürfen, welche Betriebe investieren müssen und welche Kosten am Ende bei Menschen landen, die weder einen Dienstwagen noch ein professorales Einkommen besitzen.
Ein weiteres Feld ist der demografische Wandel. Die Akademie behandelt niedrige Geburtenraten, steigende Lebenserwartung, Pflege, soziale Sicherung, Arbeitswelt und gesellschaftliche Teilhabe ausdrücklich als ressortübergreifende Gestaltungsaufgabe; damit berührt sie Renteneintritt, Zuwanderung, Familienpolitik, Gesundheitsversorgung und die Frage, wie lange der Mensch für ein System arbeiten soll, das ihn im Alter zunehmend als Kostenstelle betrachtet (20). Der demografische Befund mag stimmen. Seine politische Übersetzung ist trotzdem keine Naturkonstante. Ob man Familien stärker entlastet, Beiträge erhöht, Leistungen kürzt, das Rentenalter verschiebt oder Arbeitsmigration ausweitet, entscheidet keine mathematische Formel, sondern eine Republik, die sich nicht hinter Diagrammen verstecken darf.
Auch die Grenzen der Forschung werden von der Leopoldina mitvermessen. Gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft formulierte sie Empfehlungen zur Wissenschaftsverantwortung bei sogenannter Dual-Use-Forschung, deren Ergebnisse sowohl nützlichen als auch schädlichen Zwecken dienen können; angesprochen werden einzelne Forscher, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ethikkommissionen, also genau jene Stellen, an denen über gefährliche Erreger, technische Überwachung, militärisch nutzbare Erkenntnisse oder andere sicherheitsrelevante Arbeiten entschieden wird (21). Hier steht die Akademie nicht mehr am Rande einer politischen Debatte. Sie wirkt an den moralischen Leitplanken jener Forschung mit, die im besten Fall Leben rettet und im schlimmsten Fall Instrumente hervorbringt, mit denen Leben vernichtet, überwacht oder manipulierbar gemacht werden kann.
Selbst beim Befristungsrecht für wissenschaftliche Beschäftigte äußert sich die Nationale Akademie zu konkreten Gesetzesvorhaben, wie ihre Stellungnahme zum Entwurf einer Modernisierung des Wissenschaftszeitvertragsrechts zeigt (22). Das betrifft Zehntausende Beschäftigte, ihre Familienplanung, berufliche Sicherheit und Abhängigkeit von Institutsleitungen. Auch hier gilt: Beratung ist legitim. Doch wer regelmäßig zu Gesetzen, Gesundheit, Bildung, Energie, Ernährung, Technologie, Bevölkerung und internationaler Sicherheit Stellung nimmt, sollte nicht mehr als ehrwürdiger Verein mit Festreden betrachtet werden, sondern als das, was er tatsächlich ist: ein institutionelles Machtzentrum der vorparlamentarischen Meinungsbildung.
Die Vergangenheit, die nicht im Archiv bleiben will
Diese Macht erhält eine besondere Schwere, weil die Geschichte wissenschaftlicher Institutionen eben nicht nur aus Erkenntnis, Aufklärung und humanistischem Fortschritt besteht. Die Leopoldina selbst untersucht inzwischen die Rolle ihrer Mitglieder während des Nationalsozialismus und veröffentlicht Arbeiten zur NS-Belastung wissenschaftlicher Eliten, zu Parteimitgliedschaften, ideologischer Verstrickung und zur Beteiligung von Wissenschaftlern an problematischen oder verbrecherischen Forschungszusammenhängen (23). Die Akademie hat die Diktatur nicht erfunden, und man darf heutige Mitglieder nicht für die Schuld früherer Generationen haftbar machen. Genauso unredlich wäre es jedoch, die Geschichte als bedauerlichen Betriebsunfall abzulegen, denn sie zeigt, wie schnell wissenschaftliche Anerkennung, staatliche Interessen, Karriere, medizinische Zweckbehauptungen und moralische Enthemmung eine Verbindung eingehen können.
Genau an dieser Stelle setzt mein Buch „BLUTGELD – Die seelenlosen Profiteure des Todes“ an. Es geht nicht darum, jedem Forscher niedere Motive zu unterstellen oder aus jeder Akademiesitzung eine Verschwörung zu basteln. Das wäre billig und würde von den tatsächlichen Strukturen ablenken. Das Buch verfolgt vielmehr die historischen und gegenwärtigen Verbindungen zwischen Wissenschaft, wirtschaftlichen Interessen, staatlicher Macht und jenen Industrien, die an Krankheit, Aufrüstung, Krieg und gesellschaftlichen Krisen verdienen. Die Rolle der Leopoldina bildet dabei einen wichtigen Teil der Untersuchung: von den Belastungen einzelner Mitglieder und wissenschaftlicher Milieus während der NS-Zeit über die nachkriegsdeutsche Kontinuität akademischer Autorität bis zur globalisierten Gegenwart, in der Empfehlungen aus Expertenkreisen politische Programme, Gesundheitsstrategien, Forschungsförderung und wirtschaftliche Anreizsysteme vorbereiten können.
„BLUTGELD“ ist keine Einladung zum Kaninchenbau. Es ist der Versuch, ihn zu verlassen. Statt geheimnisvoller Zeichen betrachtet das Buch Mitgliedschaften, Veröffentlichungen, historische Biografien, institutionelle Netzwerke und dokumentierte Entscheidungen. Statt von einer allmächtigen Zentrale zu fantasieren, fragt es, wie Verantwortung verdunstet, wenn der Wissenschaftler nur forscht, der Unternehmer nur produziert, der Berater nur empfiehlt und der Politiker angeblich keine Alternative sieht. Am Ende will niemand entschieden haben, obwohl die Folgen sehr real sind. Genau diese Arbeitsteilung des guten Gewissens ist der rote Faden des Buches.
Wissenschaft darf beraten, aber nicht herrschen
Die Leopoldina ist kein geheimer Orden, und gerade deshalb verdient sie mehr öffentliche Aufmerksamkeit als die üblichen Märchen über verborgene Weltenlenker. Ihre Macht besteht nicht darin, dass sie Gesetze unterschreibt, sondern darin, dass sie Begriffe setzt, Risiken einordnet, Handlungsräume verengt und Empfehlungen mit jener wissenschaftlichen Autorität versieht, vor der viele Politiker nur allzu bereitwillig ihre eigene Verantwortung ablegen. Der Satz „Die Wissenschaft verlangt es“ ist schließlich die bequemste Form politischer Selbstentlastung, weil er eine Entscheidung wie eine Naturerscheinung aussehen lässt: Niemand hat sie gewollt, niemand trägt Schuld, und dennoch soll der Bürger zahlen, verzichten, dulden oder gehorchen.
Eine freie Republik braucht Wissenschaft. Sie braucht unbequeme Forschung, fachkundige Beratung und Menschen, die Politikern erklären, was diese nicht verstehen. Sie braucht jedoch ebenso offenen Widerspruch, konkurrierende Gutachten, transparente Auswahlverfahren, veröffentlichte Interessenkonflikte und eine klare Trennung zwischen wissenschaftlichem Befund und politischem Werturteil. Ein Epidemiologe kann Infektionswege beschreiben, aber nicht allein entscheiden, wie viele Freiheitsrechte eine Gesellschaft preisgeben darf. Ein Klimaforscher kann Entwicklungen modellieren, aber nicht bestimmen, welche sozialen Belastungen den Bürgern zuzumuten sind. Ein Ökonom kann Anreizsysteme entwerfen, doch er besitzt kein höheres moralisches Stimmrecht als die Verkäuferin, der Handwerker oder die Rentnerin, die deren Folgen tragen.
Die Leopoldina darf beraten. Sie darf warnen, empfehlen und widersprechen. Aber ihre Nähe zur Politik muss ebenso kritisch betrachtet werden wie der Einfluss eines Industrieverbandes, einer Großbank oder einer mächtigen Stiftung. Wissenschaftliche Würde ist kein demokratisches Mandat. Der Professorentitel ersetzt weder Wahlurne noch Gewissen.
Bitte werden oder bleiben Sie gesund, denn das ist das höchste Gut, das wir haben.
Herzlichst
Ihr Alfred-Walter von Staufen
Abbildung:
- Alfred-Walter von Staufen
Quellen:
(1) https://www.leopoldina.org/akademie/rolle-der-leopoldina/; https://www.leopoldina.org/aufgaben/empfehlen-und-beraten/politikberatung-in-deutschland/
(2) https://www.leopoldina.org/newsroom/nachrichten/detail/coronavirus-feiertage-und-jahreswechsel-bieten-chance-zur-eindaemmung-der-pandemie/
(3) https://www.leopoldina.org/fileadmin/Daten/Publikationen/Dokumente/2021_RNE_Leopoldina_Klimaneutralitaet_geschuetzt.pdf
(4) https://www.leopoldina.org/fileadmin/Daten/Publikationen/Dokumente/2025_ESYS_Analyse_Energiewende_im_Geb%C3%A4udebereich.pdf
(5) https://www.leopoldina.org/themen/biodiversitaet/massnahmen-zum-schutz-der-artenvielfalt-landwirtschaft/; https://www.leopoldina.org/fileadmin/Daten/Publikationen/Dokumente/2025_Leopoldina_Diskussionspapier_Internationaler_Agrarhandel.pdf
(6) https://www.leopoldina.org/themen/kuenstliche-intelligenz/kuenstliche-intelligenz-und-gesellschaft/; https://www.leopoldina.org/themen/kuenstliche-intelligenz/kuenstliche-intelligenz-in-der-forschung/
(7) https://www.leopoldina.org/aufgaben/empfehlen-und-beraten/politikberatung-in-deutschland/abgeschlossene-arbeitsgruppen/zukunft-der-arbeit/
(8) https://www.leopoldina.org/aufgaben/vernetzen/; https://www.leopoldina.org/aufgaben/empfehlen-und-beraten/internationale-politikberatung/g7/; https://www.leopoldina.org/newsroom/nachrichten/detail/von-nachhaltiger-landwirtschaft-bis-ki-wissenschaftsakademien-legen-stellungnahmen-fuer-g7-gipfel-vor/
(9) https://www.leopoldina.org/
(10) https://www.leopoldina.org/newsroom/nachrichten/detail/antibiotikaresistenzen-leopoldina-policy-brief-empfiehlt-wirtschaftliche-anreize-fuer-entwicklung-neuer-medikamente
(11) https://www.leopoldina.org/fileadmin/Migrierte_Daten/Publikationen/Dokumente/2019_Stellungnahme_Fortpflanzungsmedizin_web_01.pdf
(12) https://www.leopoldina.org/ergebnisse-und-termine/publikationen/detail/foerderung-der-selbstregulationskompetenzen-von-kindern-und-jugendlichen-in-kindertageseinrichtungen-und-schulen-2024
(13) https://www.leopoldina.org/ergebnisse-und-termine/publikationen/detail?cHash=c9ef1b33348e2fa6fcc861655a2a3161&tx_ximaleopublication_ximaleopublicationdetail%5Bcontroller%5D=Publication&tx_ximaleopublication_ximaleopublicationdetail%5Bentity%5D=585&tx_ximapublication_ximaleopublicationdetail%5Baction%5D=detail
(14) https://www.leopoldina.org/ergebnisse-und-termine/publikationen/detail/evolutionsbiologische-bildung-in-schule-und-hochschule-2017
(15) https://www.leopoldina.org/ergebnisse-und-termine/publikationen/detail/wissenschaft-und-vertrauen-2019
(16) https://www.leopoldina.org/ergebnisse-und-termine/publikationen/detail/citizen-science-im-internetzeitalter-2019
(17) https://www.leopoldina.org/themen/gruene-gentechnik/die-rechtliche-regulierung-und-die-vorschlaege-zur-aenderung/fakt-oder-vorurteil-haeufige-aussagen-ueber-gruene-gentechnik-auf-dem-pruefstand
(18) https://www.leopoldina.org/newsroom/nachrichten/detail/verbesserte-gesundheitsversorgung-empfehlungen-fuer-den-g20-gipfel-an-angela-merkel-uebergeben; https://www.leopoldina.org/aufgaben/empfehlen-und-beraten/internationale-politikberatung/g7
(19) https://www.leopoldina.org/ergebnisse-und-termine/publikationen/detail?cHash=4a67e14345bb9a42c2089632debcb148&tx_ximaleopublication_ximaleopublicationdetail%5Bcontroller%5D=Publication&tx_ximaleopublication_ximaleopublicationdetail%5Bentity%5D=370&tx_ximapublication_ximaleopublicationdetail%5Baction%5D=detail
(20) https://www.leopoldina.org/ergebnisse-und-termine/publikationen/detail/demografischen-wandel-und-altern-gestalten-interdisziplinaere-impulse-fuer-einen-ressortuebergreifenden-ansatz-2025
(21) https://www.leopoldina.org/ergebnisse-und-termine/publikationen/detail/wissenschaftsfreiheit-und-wissenschaftsverantwortung-2022; https://www.leopoldina.org/ergebnisse-und-termine/publikationen/detail/wissenschaftsfreiheit-und-wissenschaftsverantwortung-2014
(22) https://www.leopoldina.org/ergebnisse-und-termine/publikationen/detail/referentenentwurf-eines-gesetzes-zur-modernisierung-des-befristungsrechts-im-wissenschaftsbereich-2026
(23) https://www.leopoldina.org/themen/wissenschaftsfreiheit/grenzen-der-wissenschaftsfreiheit; https://levana.leopoldina.org/receive/leopoldina_mods_01229

















