Von Alfred-Walter von Staufen
Der Ruf aus der Tiefe: Eine Strandung, die mehr erzählt als sie zeigt
Es war ein Morgen, wie ihn die Ostsee kennt – flach atmend, grau schimmernd, beinahe friedlich in seiner Zurückhaltung, als hätte das Meer selbst beschlossen, seine Geschichten nicht mehr laut zu erzählen, sondern nur noch jenen, die bereit sind zuzuhören, und doch lag dort, im seichten Wasser der Lübecker Bucht bei Timmendorfer Strand, ein Körper, der diese Stille durchbrach, nicht mit Lautstärke, sondern mit seiner schieren Existenz, mit seiner Größe, seiner Fremdheit, seiner Tragik: ein Buckelwal, gestrandet, fehl am Platz, ein Gigant der offenen Ozeane gefangen in einer topografischen Sackgasse (1).
Und während sich Menschen versammelten, einige mit ernstem Blick, andere mit gezücktem Smartphone, wieder andere mit dem ehrlichen Wunsch zu helfen, entstand ein Bild, das sich tief in das kollektive Gedächtnis einbrennen wird – nicht, weil es spektakulär war, sondern weil es so still war, so unerquicklich menschlich, so beunruhigend symbolisch: der Versuch, ein Tier zurück ins Meer zu schieben, das vielleicht nie hätte hier sein dürfen.
Die Geschichte dieses Wals ist keine Ausnahme, sondern eine Variation eines alten Musters, das sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder wiederholt hat, mal spektakulär, wie bei den Pottwalstrandungen 2016, als ganze Gruppen von Tieren an den Küsten der Nordsee verendeten (2), mal leise, wie jetzt, als einzelnes Tier, das sich verirrt hat, wie man sagt, als wäre „Verirrung“ ein hinreichendes Erklärungsmodell für ein Phänomen, das sich zunehmend in einer Welt abspielt, die längst nicht mehr die gleiche ist wie noch vor fünfzig Jahren.
Denn die Ostsee ist kein natürlicher Lebensraum für Buckelwale, sie ist flach, sie ist eng, sie ist akustisch komplex, ein Labyrinth aus Buchten, Strömungen und Schallreflexionen, das selbst für hochentwickelte Echolokationssysteme zur Falle werden kann (3), und doch stellt sich die Frage, ob diese Erklärung heute noch ausreicht, oder ob sie nicht vielmehr ein bequemes Narrativ darstellt, das uns erlaubt, die tieferliegenden Veränderungen unserer Meere zu übersehen.
Denn während wir an der Oberfläche von „Verirrung“ sprechen, hat sich unter der Wasserlinie eine Realität entwickelt, die mit der romantischen Vorstellung eines stillen, unberührten Ozeans wenig gemein hat, eine Realität, in der Schifffahrt, Energieinfrastruktur und militärische Aktivitäten eine akustische Landschaft geschaffen haben, die man mit Fug und Recht als industriell bezeichnen kann, auch wenn sie unsichtbar bleibt.
Die Nord- und Ostsee gehören heute zu den am stärksten genutzten Meeresgebieten der Welt, dicht befahren von Frachtschiffen, durchzogen von Pipelines und Datenkabeln, gespickt mit Offshore-Windparks, deren Bau und Betrieb nicht nur physische, sondern auch akustische Spuren hinterlassen, die sich über weite Strecken ausbreiten (4), und ergänzt durch eine zunehmende militärische Präsenz, die im Zuge geopolitischer Spannungen weiter zugenommen hat.
Und genau hier beginnt die leise Irritation, die sich in das Bild des gestrandeten Wals einschreibt: die Frage, ob dieses Tier wirklich nur „falsch abgebogen“ ist – oder ob es vielleicht in einer Welt navigiert hat, deren akustische Signale längst nicht mehr das widerspiegeln, was seine evolutionären Instinkte erwarten.
Denn Wale sehen nicht wie wir, sie hören, sie fühlen, sie orientieren sich in einem Medium, das für uns weitgehend unzugänglich ist, und wenn sich dieses Medium verändert, wenn es lauter wird, unruhiger, fragmentierter, dann verändert sich auch ihre Wahrnehmung der Welt, und damit ihr Verhalten, ihre Wege, ihre Entscheidungen.
Es ist kein Zufall, dass wissenschaftliche Studien seit Jahren darauf hinweisen, dass Unterwasserlärm – insbesondere durch Schifffahrt und industrielle Aktivitäten – das Verhalten von Meeressäugern beeinflusst, ihre Kommunikation stört, ihre Navigation erschwert und in extremen Fällen sogar zu Strandungen beitragen kann (5), auch wenn die direkte Kausalität im Einzelfall oft schwer nachzuweisen ist.
Und so steht dieser Wal, oder vielmehr liegt er, als stummer Zeuge einer Entwicklung, die wir zwar messen können, aber nur unzureichend verstehen, als Symbol für eine Welt, in der die Grenzen zwischen Natur und Technik, zwischen Ökologie und Geopolitik, zwischen Fortschritt und Verlust zunehmend verschwimmen.
Vielleicht ist es genau diese Ambivalenz, die das Bild so verstörend macht: dass wir gleichzeitig Retter und Verursacher sind, dass wir mit unseren Händen versuchen, ein Tier zu retten, während wir mit unseren Systemen eine Umwelt geschaffen haben, in der solche Rettungsversuche überhaupt erst notwendig werden.
Und während das Wasser langsam wieder um den Körper des Wals schwappt, während er vielleicht noch einmal Kraft sammelt, vielleicht auch nicht, stellt sich eine Frage, die weit über diesen Moment hinausweist, eine Frage, die sich nicht in Schlagzeilen beantworten lässt, sondern nur in einem langen, unbequemen Nachdenken über die Art und Weise, wie wir diese Welt gestalten:
Was, wenn die Strandung nicht das Problem ist – sondern das Symptom?
Das unsichtbare Dröhnen: Wenn das Meer seine Stimme verliert
Es ist eine der großen Ironien unserer Zeit, dass wir die Meere immer genauer vermessen, kartieren, modellieren und überwachen, dass wir ihre Temperaturen auf Zehntelgrade bestimmen, ihre Strömungen simulieren, ihre chemische Zusammensetzung analysieren, und doch gleichzeitig einen ihrer wesentlichsten Aspekte überhören – im wahrsten Sinne des Wortes: ihre akustische Integrität, jene fragile, evolutionär gewachsene Klanglandschaft, die für Wesen wie Wale nicht bloß Hintergrundrauschen ist, sondern Lebensgrundlage, Orientierungssystem und Kommunikationsraum in einem.
Denn während wir an Land über Feinstaub, CO₂ und visuelle Umweltverschmutzung diskutieren, hat sich unter der Wasseroberfläche ein Phänomen etabliert, das man mit wachsender wissenschaftlicher Klarheit als das bezeichnen muss, was es ist: akustische Verschmutzung, ein permanentes, technisch erzeugtes Dröhnen, das die natürlichen Geräuschkulissen der Meere zunehmend überlagert und verzerrt (6).
Die Ursachen sind vielfältig, sie greifen ineinander, sie verstärken sich gegenseitig, und genau darin liegt ihre eigentliche Problematik, denn es ist nicht der einzelne Lärmimpuls, der das System destabilisiert, sondern die Summe, die Überlagerung, die Dauer.
Beginnen wir mit der Schifffahrt, jener unsichtbaren Lebensader der globalisierten Welt, die rund 90 Prozent des Welthandels abwickelt und deren akustischer Fußabdruck oft unterschätzt wird, obwohl er längst messbar ist: Große Frachtschiffe erzeugen durch ihre Propeller und Maschinen kontinuierliche niederfrequente Geräusche, die sich über hunderte Kilometer ausbreiten können und genau in jenem Frequenzbereich liegen, den viele Walarten für ihre Kommunikation nutzen (7).
Was bedeutet das konkret? Es bedeutet, dass ein Wal, der vor hundert Jahren vielleicht noch über Distanzen von mehreren hundert Kilometern mit Artgenossen kommunizieren konnte, heute in einem akustischen Nebel lebt, in dem seine Signale überlagert, verzerrt oder schlicht übertönt werden, ein Zustand, den man sich vorstellen kann wie ein Gespräch in einem Raum voller ständig laufender Motoren.
Hinzu kommt der Ausbau der Offshore-Windenergie, jener zentrale Baustein der sogenannten grünen Transformation, die politisch gewollt, ökologisch notwendig und technologisch beeindruckend ist, und doch eine Schattenseite besitzt, über die man ungern spricht: den enormen Unterwasserlärm, der insbesondere beim Bau entsteht, wenn tonnenschwere Fundamente in den Meeresboden gerammt werden, begleitet von Schalldruckpegeln, die selbst in großer Entfernung noch messbar sind und nachweislich Stressreaktionen bei Meeressäugern auslösen können (8).
Zwar gibt es mittlerweile technische Maßnahmen zur Lärmminderung, etwa Blasenschleier, die den Schall dämpfen sollen, doch bleibt die grundsätzliche Frage bestehen, ob wir hier nicht ein Problem verschieben, anstatt es zu lösen, ob wir also eine fossile Belastung durch eine akustische ersetzen, die weniger sichtbar, aber nicht minder wirksam ist.
Und dann ist da der militärische Faktor, jener Bereich, der sich naturgemäß einer vollständigen Transparenz entzieht, der aber gerade in der Ostsee, einem geopolitisch hochsensiblen Raum, eine zunehmende Rolle spielt, sei es durch Patrouillenfahrten, Überwachungsmaßnahmen oder Manöver, bei denen auch aktive Sonarsysteme eingesetzt werden können.
Es ist wissenschaftlich belegt, dass insbesondere mittel- und hochfrequentes Militärsonar bei bestimmten Walarten zu Desorientierung, Panikreaktionen und in einigen dokumentierten Fällen zu Massenstrandungen geführt hat, etwa bei Schnabelwalen im Mittelmeer und vor den Kanarischen Inseln (9), wobei der Mechanismus komplex ist und von der Art, Intensität und Dauer der Schallimpulse abhängt.
Doch gerade hier beginnt die Grauzone, die den öffentlichen Diskurs so schwierig macht, denn während die grundsätzliche Wirkung von Sonar auf Meeressäuger wissenschaftlich anerkannt ist, bleibt der konkrete Einsatz in bestimmten Regionen oft unklar, nicht zuletzt aus militärischen Gründen, was wiederum Raum für Spekulationen lässt, die zwischen berechtigter Sorge und unbegründeter Zuschreibung oszillieren.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob militärischer Lärm grundsätzlich Einfluss haben kann – das kann er –, sondern ob er im konkreten Fall eine Rolle gespielt hat, und genau hier stoßen wir an die Grenzen unseres Wissens, oder vielleicht auch an die Grenzen dessen, was wir wissen dürfen.
Was sich hingegen klar sagen lässt, ist, dass die Gesamtlautstärke der Meere in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat, insbesondere im niederfrequenten Bereich, der für viele große Walarten relevant ist, eine Entwicklung, die eng mit der Zunahme des globalen Schiffsverkehrs korreliert und in Studien mehrfach nachgewiesen wurde (10).
Die Nord- und Ostsee sind dabei keine Ausnahme, sondern eher ein Brennglas dieser Entwicklung, da sie relativ flach, stark genutzt und von zahlreichen wirtschaftlichen und militärischen Interessen durchzogen sind, was dazu führt, dass sich Schallwellen hier anders ausbreiten und länger „stehen“ können als in offenen Ozeanen.
Man könnte also sagen, dass wir es nicht mit einem einzelnen Störfaktor zu tun haben, sondern mit einer akustischen Verdichtung, einem Zustand, in dem sich verschiedene Lärmquellen überlagern und eine permanente Grundbelastung erzeugen, die für die dort lebenden Tiere zur neuen Normalität geworden ist, eine Normalität, die jedoch mit den evolutionären Voraussetzungen dieser Tiere nur schwer vereinbar ist.
Und genau hier schließt sich der Kreis zur Strandung jenes Buckelwals in der Lübecker Bucht, denn auch wenn es keine belastbaren Hinweise darauf gibt, dass ein konkretes militärisches Ereignis oder ein einzelner Lärmimpuls diese Strandung verursacht hat, so lässt sich doch kaum leugnen, dass dieses Tier in einer Umwelt navigiert hat, die sich fundamental von jener unterscheidet, für die seine Sinne gemacht sind.
Vielleicht ist es also nicht das eine Ereignis, das wir suchen sollten, nicht der eine Auslöser, der uns die ersehnte Klarheit verschafft, sondern vielmehr das Zusammenspiel vieler Faktoren, die in ihrer Summe eine neue Realität geschaffen haben, eine Realität, in der Orientierung schwieriger, Kommunikation eingeschränkter und Fehlentscheidungen wahrscheinlicher werden.
Und so stellt sich am Ende dieses zweiten Blicks eine Frage, die unangenehmer ist als jede einfache Erklärung, weil sie uns nicht erlaubt, die Verantwortung auf einen einzelnen Faktor zu schieben, sondern uns zwingt, das Ganze zu betrachten:
Was, wenn das Meer nicht mehr still genug ist, damit seine Bewohner den Weg finden?
Der Preis des Fortschritts: Wenn Wissen zur Macht und Natur zur Randnotiz wird
Es gibt Momente, in denen sich eine Epoche selbst entlarvt, nicht durch große Gesten, nicht durch politische Reden oder wissenschaftliche Durchbrüche, sondern durch stille Bilder, die mehr sagen als jede Statistik, mehr offenbaren als jede Pressemitteilung, und eines dieser Bilder ist zweifellos der gestrandete Wal in der Lübecker Bucht, ein Wesen, das nicht nur fehl am Platz wirkte, sondern geradezu wie ein Fremdkörper in einer Welt, die sich selbst längst nicht mehr als Natur, sondern als Projekt versteht.
Denn während wir uns in politischen Sonntagsreden zur Rettung des Planeten bekennen, während wir Milliarden in die sogenannte grüne Transformation investieren, während wir gleichzeitig die sicherheitspolitische Lage neu definieren und die militärische Präsenz in strategischen Räumen ausbauen, entsteht eine Konstellation, die man nur dann versteht, wenn man bereit ist, sie in ihrer Gesamtheit zu betrachten: eine Welt, in der ökologische Ziele, wirtschaftliche Interessen und militärische Strategien nicht nebeneinander existieren, sondern sich gegenseitig überlagern, verstärken und mitunter widersprechen.
Die Frage, ob Walstrandungen zunehmen, ist dabei ein gutes Beispiel für diese Komplexität, denn die Antwort ist – wie so oft – weder eindeutig noch bequem: Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Arten und Regionen häufiger betroffen sind, insbesondere in Verbindung mit spezifischen Ereignissen wie militärischen Sonarübungen oder extremen Umweltveränderungen, doch gleichzeitig fehlt eine durchgängige, global konsistente Datengrundlage, die einen klaren Trend belegen würde (11).
Was wir jedoch wissen, ist, dass die Belastung der Meere insgesamt zunimmt, sei es durch Lärm, durch chemische Einträge, durch physische Strukturen oder durch klimatische Veränderungen, und dass diese Faktoren nicht isoliert wirken, sondern in einem komplexen Wechselspiel, das die Lebensbedingungen für viele Arten grundlegend verändert.
Und genau hier beginnt die eigentliche Kritik, die sich nicht gegen einzelne Technologien oder Institutionen richtet, sondern gegen ein Denkmuster, das man als wissenschaftlich-technokratischen Komplex bezeichnen könnte, eine Allianz aus Forschung, Industrie und Politik, die sich selbst als Problemlöser versteht, dabei jedoch nicht selten neue Probleme erzeugt, die wiederum nach weiteren Lösungen verlangen, ein Kreislauf, der sich mit jeder Iteration beschleunigt.
Es ist ein System, das auf Effizienz, Kontrolle und Skalierbarkeit ausgerichtet ist, das in Gigawatt, Tonnen und Milliarden denkt, das Meere als Flächen, als Ressourcen, als Infrastrukturräume betrachtet, und dabei leicht vergisst, dass diese Räume nicht leer sind, sondern bewohnt, belebt, durchzogen von unsichtbaren Netzwerken aus Kommunikation und Orientierung, die sich nicht ohne Weiteres in technische Parameter übersetzen lassen.
Die grüne Transformation, so notwendig sie im Angesicht des Klimawandels auch sein mag, ist dabei kein unschuldiges Projekt, sondern ein tiefgreifender Eingriff in bestehende Ökosysteme, der neue Konfliktlinien schafft, etwa wenn Offshore-Windparks nicht nur Energie liefern, sondern auch akustische und physische Barrieren darstellen, wenn sie Wanderbewegungen verändern, wenn sie Lebensräume fragmentieren, auch wenn diese Effekte oft schwer zu quantifizieren sind.
Gleichzeitig wächst die militärische Bedeutung der Meere, insbesondere in Regionen wie der Ostsee, die zu einem geopolitischen Brennpunkt geworden ist, in dem Infrastruktur, Energieversorgung und Sicherheitspolitik untrennbar miteinander verbunden sind, was wiederum zu einer Intensivierung von Überwachung, Übungen und technologischer Präsenz führt, deren ökologische Auswirkungen zwar bekannt, aber selten im Zentrum der Debatte stehen.
Und so entsteht ein Spannungsfeld, in dem sich zwei Narrative gegenüberstehen, die auf den ersten Blick unvereinbar erscheinen, in Wahrheit jedoch Teil desselben Systems sind: Auf der einen Seite die Vision einer nachhaltigen, technologisch gesteuerten Zukunft, auf der anderen Seite die Realität einer zunehmend industrialisierten Natur, in der selbst die entlegensten Räume Teil eines globalen Netzwerks aus Nutzung und Kontrolle geworden sind.
Der gestrandete Wal wird in diesem Kontext zu einem Symbol, nicht im kitschigen Sinne, sondern als konkreter Ausdruck einer Entwicklung, die sich nicht in einfachen Schuldzuweisungen auflösen lässt, sondern eine tiefere Reflexion erfordert, eine Reflexion darüber, wie wir Fortschritt definieren, wie wir Risiken bewerten und wie wir mit den unbeabsichtigten Folgen unserer eigenen Systeme umgehen.
Vielleicht liegt die größte Gefahr nicht in der einzelnen Technologie, nicht im einzelnen Schiff, nicht im einzelnen Sonarsignal, sondern in der Summe, in der Selbstverständlichkeit, mit der wir Eingriffe vornehmen, ohne ihre langfristigen Wechselwirkungen vollständig zu verstehen, in der Annahme, dass sich jedes Problem technisch lösen lässt, solange wir nur genug Daten sammeln und genug Modelle entwickeln.
Doch was, wenn es Grenzen gibt, nicht nur technische, sondern auch epistemische, also Grenzen unseres Wissens selbst? Was, wenn wir zwar messen können, wie laut das Meer geworden ist, aber nicht vollständig erfassen, was diese Lautstärke für ein Tier bedeutet, dessen Wahrnehmung sich grundlegend von der unseren unterscheidet?
In diesem Sinne ist der Wal nicht nur ein Opfer, sondern auch ein Bote, ein Hinweis darauf, dass es in einer Welt, die immer komplexer, immer dichter, immer vernetzter wird, vielleicht nicht ausreicht, einzelne Ursachen zu identifizieren, sondern dass wir lernen müssen, Systeme zu denken, Zusammenhänge zu erkennen und auch jene Fragen zu stellen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.
Und genau hier, an diesem Punkt zwischen Wissen und Zweifel, zwischen Analyse und Verantwortung, beginnt das, was man vielleicht als die eigentliche Aufgabe unserer Zeit bezeichnen könnte: nicht nur die Welt zu verändern, sondern auch die Art und Weise, wie wir über sie nachdenken.
Denn wenn wir weiterhin glauben, dass wir die Natur beliebig gestalten, optimieren und kontrollieren können, ohne selbst Teil dieser Natur zu sein, dann werden wir immer wieder vor denselben Bildern stehen, vor denselben Fragen, vor denselben leisen Katastrophen, die sich nicht in Schlagzeilen erschöpfen, sondern in der Tiefe wirken.
Vielleicht ist es also an der Zeit, nicht nur zu fragen, wie wir den Wal retten können, sondern auch, wie wir das Meer wieder zu einem Ort machen, in dem er gar nicht erst verloren geht.
Es ist leicht, sich auf die Oberfläche der Dinge zu konzentrieren, auf das sichtbare Drama, auf den gestrandeten Wal, auf die Schlagzeilen, die Betroffenheit, die kurzfristige Empörung, doch die eigentliche Herausforderung liegt tiefer, sie liegt in der Bereitschaft, die unbequemen Fragen zu stellen, die sich nicht in einfache Schuldzuweisungen auflösen lassen, sondern ein grundlegendes Umdenken erfordern, ein Innehalten in einer Zeit, die kaum noch Pausen kennt, denn wir leben in einer Epoche, in der Fortschritt zur Selbstverständlichkeit geworden ist, in der jede neue Technologie als Lösung präsentiert wird, während ihre Nebenwirkungen oft erst dann sichtbar werden, wenn sie sich nicht mehr ignorieren lassen, und genau hier, in diesem Spannungsfeld zwischen Innovation und Verantwortung, entscheidet sich, ob wir aus Ereignissen wie dieser Strandung lernen – oder ob wir sie lediglich verwalten.
Der Wal in der Ostsee ist kein Einzelfall im moralischen Sinne, sondern ein Hinweis, ein leiser, aber eindringlicher Appell, die Welt nicht nur als Ressource zu begreifen, sondern als komplexes Gefüge, in dem jede Veränderung Folgen hat, die sich nicht immer sofort zeigen, aber dennoch real sind.
Und vielleicht besteht die größte Weisheit nicht darin, alles erklären zu können, sondern darin, anzuerkennen, dass es Grenzen gibt, dass nicht jedes System vollständig kontrollierbar ist, dass nicht jede Störung sofort kompensiert werden kann, und dass echte Verantwortung dort beginnt, wo wir bereit sind, diese Grenzen ernst zu nehmen.
Denn am Ende ist es nicht die Frage, ob wir technisch in der Lage sind, die Welt zu verändern, sondern ob wir auch die Demut besitzen, dies nicht immer zu tun.
Apropos leise Katastrophen und laute Systeme: Wer verstehen möchte, warum sich immer mehr Menschen von politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Großprojekten entfremdet fühlen, warum Misstrauen wächst, wo eigentlich Vertrauen herrschen sollte, und weshalb sich das Gefühl breitmacht, dass Entscheidungen zunehmend über die Köpfe der Bürger hinweg getroffen werden, dem sei das Werk „Die Wut des kleinen Mannes“ ans Herz gelegt.
In diesem Buch wird nicht nur analysiert, sondern seziert, mit jener Mischung aus Schärfe, Ironie und Ernsthaftigkeit, die notwendig ist, um die Mechanismen unserer Zeit offenzulegen, von der Energiepolitik über die Medienlandschaft bis hin zu den großen Erzählungen, die unser Denken prägen, und immer wieder stellt sich die gleiche Frage: Wer entscheidet eigentlich – und in wessen Interesse?
Gerade im Kontext der hier beschriebenen Entwicklungen, in denen ökologische Ziele, wirtschaftliche Interessen und sicherheitspolitische Strategien ineinander greifen, bietet das Buch eine wertvolle Perspektive, weil es nicht bei der Oberfläche stehen bleibt, sondern tiefer geht, dorthin, wo die eigentlichen Konflikte entstehen.
Das Buch „Die Wut des kleinen Mannes“ ist für alle geschrieben, die nicht nur fühlen, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, sondern auch verstehen wollen, warum.
Bitte werden oder bleiben Sie gesund, denn das ist das höchste Gut was wir haben.
Herzlichst
Ihr Alfred-Walter von Staufen
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Wale, Wetter, Wahnsinn – Was zur Hölle passiert in der Meldorfer Bucht?

Es gibt Orte auf dieser Welt, da scheint die Natur sich selbst zu parodieren. Die Meldorfer Bucht etwa – idyllisch gelegen zwischen Wattenmeer und Windkraft, offiziell ein „geschützter Lebensraum“ für Deichschafe, Dünenflöhe und den dänischen Wohnwagenadel. Doch hinter der Kulisse aus Wattwurm-Romantik und Vogelbeobachtung tobt ein ganz anderes Schauspiel: das große Meeressterben im Reigen der „ungeklärten Naturphänomene“.
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Abbildung:
- Alfred-Walter von Staufen
Quellen:
(1) https://www.deutsches-meeresmuseum.de/news
(2) https://www.tiho-hannover.de/universitaet/aktuelles-veroeffentlichungen/pressemitteilungen/detail/untersuchung-der-pottwalstrandungen-2016-abgeschlossen
(3) https://www.schutzstation-wattenmeer.de/wissen/tiere/saeuger/pottwalstrandungen/
(4) https://www.umweltbundesamt.de/themen/meere/laerm-im-meer
(5) https://www.nature.com/articles/nature.2012.11476
(6) https://www.umweltbundesamt.de/themen/meere/laerm-im-meer
(7) https://www.nature.com/articles/s41467-020-19030-5
(8) https://www.bfn.de/themen/meeresnaturschutz/erneuerbare-energien-im-meer/laermminderung
(9) https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fmars.2017.00342/full
(10) https://www.science.org/doi/10.1126/science.aba4658
(11) https://www.nature.com/articles/s41598-020-59330-1













