
Über Stil, Anstand und die kleinen Katastrophen des gesellschaftlichen Lebens
Es gab einmal eine Zeit, da wusste man wenigstens, warum man sich danebenbenahm. Heute hält man es häufig für Individualität.
Willkommen in meinem Salon der guten Manieren.
Keine Sorge: Sie müssen hier weder wissen, welches Messer zum Fisch gehört, noch vor dem Betreten des Salons nachsehen, ob Ihre Schuhe zum Teppich passen. Ich werde Sie auch nicht fragen, ob Sie Ihren Kaffee rechts oder links umrühren. Solange Sie dabei nicht den Löffel ablecken und anschließend wieder in die Zuckerdose legen, werden wir miteinander auskommen.
Dieser Salon beschäftigt sich mit guten Manieren, aber nicht mit gesellschaftlicher Dressur. Mir geht es nicht um hundert Jahre alte Vorschriften, deren ursprünglichen Sinn längst niemand mehr kennt. Ich möchte vielmehr über jene kleinen Regeln sprechen, die das Zusammenleben erstaunlich angenehm machen können.
Rücksicht zum Beispiel.
Höflichkeit.
Aufmerksamkeit.
Und jene beinahe exotische Fähigkeit, einen anderen Menschen ausreden zu lassen, ohne währenddessen auf das Smartphone zu schauen.
Gute Manieren sind keine Frage des Silberbestecks
Wer bei Benimmregeln sofort an steife Abendgesellschaften, Stoffservietten und Menschen denkt, die wissen, welcher Löffel für Grapefruit vorgesehen ist, hat verständlicherweise wenig Lust auf das Thema.
Ich übrigens auch nicht.
Gute Umgangsformen haben mit gesellschaftlichem Rang erstaunlich wenig zu tun. Ein Mensch kann in einem maßgeschneiderten Anzug sitzen und trotzdem einen Kellner behandeln, als habe dieser persönlich das Wetter verdorben. Ein anderer kann in Jeans erscheinen, die Serviette falsch herum benutzen und dennoch der angenehmste Mensch im ganzen Raum sein.
Stil erkennt man selten daran, wie jemand eine Gabel hält.
Man erkennt ihn daran, wie jemand mit Menschen umgeht, von denen er gerade nichts braucht.
Genau dort beginnt für mich gute Erziehung.
Die kleinen Katastrophen des Alltags
Material für diese Rubrik liefert das Leben freundlicherweise jeden Tag kostenlos.
Menschen führen Videotelefonate im Zug, als befänden sie sich allein in ihrem Wohnzimmer. Im Restaurant wird das Essen erst kalt fotografiert und anschließend warm gepostet. Sprachnachrichten werden im Wartezimmer auf Lautsprecher abgespielt. Bei Einladungen erscheinen Gäste mit einer zusätzlichen Person, von deren Existenz der Gastgeber fünf Minuten vorher noch nichts wusste.
Und irgendwo steht immer jemand in einer Tür.
Einfach so.
Warum, weiß niemand.
Vielleicht ist es ein uralter menschlicher Instinkt.
Die moderne Welt hat unsere Möglichkeiten erweitert. Unsere Umgangsformen konnten dabei nicht immer Schritt halten. Früher musste kein Benimmratgeber erklären, ob es höflich ist, beim Abendessen alle vier Minuten WhatsApp zu kontrollieren. Das Problem existierte schlicht nicht.
Heute braucht es keine neue Sammlung starrer Vorschriften. Es braucht etwas viel Einfacheres: ein wenig Nachdenken darüber, was das eigene Verhalten bei anderen Menschen auslöst.
Knigge war übrigens kein Besteckpolizist
Der Name Knigge wird heute gern verwendet, sobald irgendwo ein Weinglas falsch steht oder jemand beim Empfang seine Jacke nicht schnell genug abgibt.
Adolph Freiherr Knigge hatte allerdings erheblich mehr im Sinn als die Frage, ob man zuerst die Suppe oder den Salat serviert. Sein Werk „Über den Umgang mit Menschen“ beschäftigte sich mit gesellschaftlichem Verhalten, Menschenkenntnis und der Kunst, vernünftig miteinander umzugehen.
Das gefällt mir wesentlich besser.
Denn die interessante Frage lautet nicht: „Macht man das?“
Die interessante Frage lautet: „Warum macht man das?“
Wenn eine alte Regel keinen vernünftigen Sinn mehr besitzt, darf sie gern gemeinsam mit dem Grapefruitlöffel in der hintersten Schublade verschwinden.
Wenn eine Regel dagegen verhindert, dass acht Menschen wegen eines einzelnen Gastes zwanzig Minuten auf ihr Essen warten, bekommt sie meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit.
Zwischen Smartphone und Stoffserviette
In diesem Salon treffen deshalb zwei Welten aufeinander.
Die klassische Idee von Höflichkeit begegnet Smartphones, WhatsApp, sozialen Netzwerken, Restaurantbesuchen, Familienfeiern, Nachbarschaften, Hotels, Bahnreisen, Hochzeiten, Beerdigungen, Arbeitsplätzen und all jenen Situationen, in denen Menschen erstaunlicherweise noch immer auf andere Menschen treffen.
Wir werden uns über Tischmanieren unterhalten.
Über Gesprächskultur.
Über Einladungen.
Über Kleidung.
Über Pünktlichkeit.
Über Gastgeber und Gäste.
Über Nachbarn, Kollegen, Kellner, Familienfeiern und Menschen, die ihre Jacke auf den einzigen freien Stuhl legen.
Vor allem aber werden wir über Rücksicht sprechen.
Denn wahrscheinlich steckt hinter fast jeder vernünftigen Benimmregel derselbe Gedanke: Mach es anderen Menschen nicht unnötig schwer.
Ein Salon darf auch lachen
Wer über gute Manieren schreibt, läuft schnell Gefahr, selbst unangenehm zu werden.
Ich habe nicht vor, Ihnen vorzuschreiben, wie Sie Ihr Leben führen müssen.
Ich werde allerdings gelegentlich darauf hinweisen, wenn wir gesellschaftlich Dinge für völlig normal halten, die bei näherer Betrachtung bemerkenswert komisch sind.
Zum Beispiel, dass Menschen für einen Abend gemeinsam essen gehen und anschließend eine beträchtliche Zeit damit verbringen, mit Personen zu kommunizieren, die gar nicht dabei sind.
Oder dass jemand eine zweiminütige Sprachnachricht verschickt, um mitzuteilen, dass er gerade keine Zeit zum Telefonieren hat.
Das Leben schreibt seine Pointen häufig selbst. Man muss lediglich hinsehen.
Und manchmal das Smartphone weglegen.
Nehmen Sie Platz
Dieser Salon wird keine Schule für perfekte Menschen.
Perfekte Menschen wären ohnehin furchtbar anstrengend.
Er soll ein Ort sein für Beobachtungen über Stil und Stillosigkeit, über Höflichkeit und ihre merkwürdigen modernen Gegner, über alte Regeln mit überraschend vernünftigem Kern und neue Gewohnheiten, bei denen man sich gelegentlich fragt, ob technischer Fortschritt zwangsläufig gesellschaftlichen Fortschritt bedeutet.
Wir dürfen dabei lachen.
Auch über uns selbst.
Denn vermutlich hat jeder von uns schon einmal eine Nachricht beantwortet, während ihm jemand gegenüber etwas erzählt hat. Jeder hat einmal zu lange telefoniert, jemanden warten lassen oder erst hinterher bemerkt, dass ein freundliches „Danke“ vielleicht ganz passend gewesen wäre.
Gute Manieren beginnen nicht mit Perfektion.
Sie beginnen mit Aufmerksamkeit.
Also nehmen Sie Platz.
Der Kaffee steht bereit, die Servietten liegen richtig, und falls Ihr Smartphone klingelt, werde ich selbstverständlich nichts sagen.
Ich werde nur schauen.
Herzlich willkommen in Mara-Josephines Salon der guten Manieren.
Mara-Josephine Lützeler von Roden










