Wenn der Balkon stiller ist als das Internet
Tomaten lügen nicht von Robert R. Manor
Es gibt diese Abende, an denen man eigentlich nur kurz raus auf den Balkon will, ein bisschen Luft schnappen, die Tomatenpflanzen begutachten – die wachsen nämlich stoisch vor sich hin, ohne Hashtag, ohne Haltungskampagne, ohne Talkshoweinladung –, und dann macht man den Fehler, doch noch einmal auf dieses kleine leuchtende Rechteck zu schauen, das wir Smartphone nennen, und plötzlich steht man nicht mehr zwischen Basilikum und Cherrytomaten, sondern mitten im digitalen Bürgerkrieg zwischen Mann und Frau.
Und während die Tomaten einfach weiter Tomaten sind – weder toxisch noch strukturell unterdrückend, sondern schlicht rot und bemüht –, wird im Netz gerade so getan, als sei das Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Grunde nichts anderes als ein schlecht moderiertes Kriegsgebiet, in dem jeder Tweet ein Molotowcocktail ist und jede Story ein moralischer Luftangriff, und irgendwo dazwischen sitzt dann der durchschnittliche Mensch, der eigentlich nur dachte, er hätte eine Beziehung – und stellt fest, dass er offenbar Teil eines geopolitischen Konflikts ist.
Ich saß also da, mit meinem Kaffee, der schon kalt war, weil man beim Scrollen die Zeit vergisst, und las mich durch Kommentare, die klangen, als hätte jemand den Stammtisch mit einem Algorithmus verheiratet: Männer sind dies, Frauen sind das, und irgendwo dazwischen gibt es offenbar nur noch Schuldzuweisungen, aber keine Menschen mehr.
Und dann dachte ich mir: Das ist eigentlich erstaunlich.
Nicht, weil es neu wäre – Streit zwischen den Geschlechtern gibt es, seit es zwei davon gibt –, sondern weil es heute eine neue Qualität hat, eine mediale Verstärkung, die aus jeder persönlichen Erfahrung ein politisches Statement macht und aus jeder Enttäuschung eine ideologische Waffe, als würde man beim Bäcker ein Brötchen bestellen und stattdessen eine Grundsatzdebatte über die Systemfrage serviert bekommen.
Und genau da, zwischen Balkon und Bildschirm, beginnt dieses Gefühl, das man schwer beschreiben kann, aber sofort erkennt: Es ist diese leise Wut darüber, dass etwas, das eigentlich zutiefst menschlich ist – Beziehungen, Nähe, Vertrauen –, plötzlich in eine Art ideologisches Schachspiel verwandelt wird, bei dem die Figuren nicht mehr miteinander sprechen, sondern nur noch gegeneinander ausgespielt werden.
Und während ich also meine Tomaten gieße, die sich von all dem herzlich wenig beeindrucken lassen, frage ich mich: Wann genau ist aus dem Versuch, einander zu verstehen, eigentlich ein Wettbewerb geworden, wer sich besser empören kann?
Wenn jedes Feuer ein Flächenbrand sein muss
Nun muss man fairerweise sagen: Die Medien lieben solche Geschichten. Nicht, weil sie böse sind – wobei man sich manchmal nicht ganz sicher ist –, sondern weil sie funktionieren, weil sie Klicks bringen, Reichweite, Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit ist bekanntlich die Währung unserer Zeit, noch vor Vertrauen und deutlich vor Vernunft (1).
Ein einzelner Vorfall, eine Aussage, ein Streit – und plötzlich wird daraus ein Symbol, ein Stellvertreterkrieg, ein moralisches Großereignis, bei dem sich alle positionieren müssen, als gäbe es keine Zwischenräume mehr, nur noch Lager.
Und genau hier beginnt das eigentliche Problem.
Denn was im echten Leben oft komplex, widersprüchlich und manchmal auch einfach nur banal ist – zwei Menschen, die nicht miteinander klarkommen –, wird im medialen Raum zur Blaupause für ein ganzes Geschlechterverhältnis erklärt, als würde man aus einem misslungenen Abendessen schließen, dass Kochen grundsätzlich gescheitert ist.
Die Logik ist dabei immer ähnlich: Ein konkreter Fall wird herausgegriffen, emotional aufgeladen, in Talkshows diskutiert, von Influencern kommentiert, von Politikern eingeordnet – und plötzlich hat man das Gefühl, es gehe nicht mehr um einen Einzelfall, sondern um eine systemische Wahrheit, die dringend bekämpft werden muss (2).
Und dann passiert etwas, das man fast schon als Naturgesetz der digitalen Öffentlichkeit bezeichnen könnte: Die Extreme übernehmen.
Die Differenzierten schweigen, die Lauten dominieren, und die, die eigentlich nur sagen wollten „Es ist kompliziert“, werden übertönt von denen, die schreien „Es ist eindeutig!“, weil Eindeutigkeit sich einfach besser verkauft als Zweifel.
So entsteht ein Klima, in dem nicht mehr gefragt wird, was tatsächlich passiert ist, sondern wofür es stehen könnte, welche Narrative sich daraus bauen lassen, welche politischen Forderungen sich daran knüpfen lassen – und plötzlich ist ein persönlicher Konflikt nicht mehr persönlich, sondern ein Baustein im großen Erzählgebäude unserer Zeit.
Und irgendwo in diesem Gebäude sitzen dann Menschen, die einfach nur versuchen, ihre Beziehungen zu leben, ihre Konflikte zu klären, ihre eigenen Fehler zu verstehen – und merken, dass sie längst Teil einer Debatte geworden sind, die sie nie führen wollten.
Das ist der Moment, in dem die mediale Übertreibung beginnt, sich vom Leben zu lösen.
Und das ist auch der Moment, in dem man sich fragt, ob wir nicht längst vergessen haben, dass hinter jedem Hashtag ein Mensch steht – mit all seinen Widersprüchen, Schwächen und Geschichten, die sich eben nicht in 280 Zeichen pressen lassen.
Zwischen Empörung und Eigenverantwortung: Wer eigentlich wen spiegelt
Es ist eine dieser unbequemen Wahrheiten, die man im Internet ungern ausspricht, weil sie nicht gut klickt und noch schlechter beklatscht wird: Beziehungen sind selten einseitig, fast nie eindeutig und in den allermeisten Fällen ein Spiegel dessen, was zwei Menschen mitbringen – an Erwartungen, an Verletzungen, an Hoffnungen und, nicht zu vergessen, an ziemlich eigenwilligen Vorstellungen davon, wie die Welt zu funktionieren hat.
Und genau deshalb wirkt diese aktuelle Welle des Männerbashings – die sich ja nicht aus dem Nichts speist, sondern aus realen Erfahrungen, Enttäuschungen und auch Verletzungen – gleichzeitig verständlich und problematisch, weil sie dazu neigt, das Komplexe zu vereinfachen und das Persönliche zu verallgemeinern, was ungefähr so sinnvoll ist, wie wenn man nach einem schlechten Restaurantbesuch beschließt, nie wieder zu essen.
Ich habe im Laufe meines Lebens – und ich nehme an, das geht den meisten so – eine erstaunliche Bandbreite an Menschen kennengelernt: Männer, die fürsorglich, aufmerksam und loyal sind, manchmal fast schon zu sehr, weil sie sich selbst dabei vergessen; Männer, die emotional eher schweigsam sind, was nicht bedeutet, dass sie nichts fühlen, sondern nur, dass sie es anders ausdrücken; und ja, natürlich auch solche, bei denen man sich fragt, ob sie das Konzept von Respekt jemals im Regal gefunden haben.
Aber das Entscheidende ist: Diese Vielfalt gibt es auf beiden Seiten!
Denn genauso existieren Frauen, die reflektiert, ehrlich und beziehungsfähig sind – und solche, die ihre eigenen Muster nicht hinterfragen, die Erwartungen haben, ohne Verantwortung zu übernehmen, und die Enttäuschung lieber externalisieren, als sie als Anlass zur Selbstprüfung zu nehmen.
Das ist keine Anklage, sondern eine Beobachtung.
Und genau hier beginnt das, was man fast schon als blinden Fleck der aktuellen Debatte bezeichnen könnte: die mangelnde Bereitschaft, sich selbst als Teil des Problems zu sehen, denn so unbequem es ist – und das ist der Punkt, an dem die Tomaten auf dem Balkon wieder ins Spiel kommen, weil die nämlich einfach wachsen, ohne jemand anderem die Schuld zu geben –, Beziehungen sind immer ein Zusammenspiel, ein Wechselspiel aus Geben und Nehmen, aus Projektion und Realität, aus dem, was wir sind, und dem, was wir im anderen sehen wollen.
Psychologisch ist das übrigens kein Geheimnis: Menschen neigen dazu, sich in Beziehungen Muster zu suchen, die ihnen vertraut sind, selbst wenn diese nicht gut für sie sind (3). Das bedeutet nicht, dass jemand „schuld“ ist, sondern dass wir alle – Männer wie Frauen – unsere eigenen Geschichten mitbringen, die sich dann in der Beziehung entfalten.
Genau deshalb greift diese pauschale Erzählung vom „bösen Mann“ oder der „unterdrückten Frau“ zu kurz, weil sie die individuelle Verantwortung ausblendet und stattdessen ein kollektives Narrativ schafft, das zwar emotional befriedigend ist, aber analytisch erstaunlich dünn.
Und dann sitzt man da, lehnt sich auf seinem Balkon zurück, schaut noch einmal aufs Handy – und liest diesen Satz: „Der Ramadan gehört zum religiösen Leben unseres Landes“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kürzlich (4). Man denkt sich erst einmal: Ja, natürlich, das Land ist vielfältig, das ist die Realität. Aber dann kommt dieser kleine, unangenehme Gedanke, der sich nicht so leicht wegmoderieren lässt wie ein unpassender Kommentar in einer Talkshow: Wenn wir schon darüber sprechen, was alles zu diesem „religiösen Leben“ gehört – warum sprechen wir dann so selten darüber, welche Vorstellungen von Mann und Frau in Teilen dieser religiösen Welt ebenfalls existieren? Warum ist es bei uns völlig legitim, jeden Mann im eigenen Kulturkreis bis ins letzte Detail moralisch zu sezieren, während man bei anderen kulturellen Prägungen plötzlich auf Zehenspitzen läuft, als würde jede klare Frage sofort den Weltfrieden gefährden?
Das ist dieser Moment, in dem die Debatte schief wird.
Denn auf der einen Seite haben wir eine Gesellschaft, die sich selbst bis zur Erschöpfung reflektiert, die über Sprache, Rollenbilder und Machtverhältnisse diskutiert, als hinge das Überleben der Menschheit davon ab – und auf der anderen Seite gibt es Themen, bei denen man auffallend zurückhaltend wird, fast schon nervös, weil man offenbar nicht riskieren will, in den falschen Verdacht zu geraten. Dabei geht es gar nicht um Pauschalurteile, sondern um etwas viel Banaleres: um die Frage, ob Gleichberechtigung eigentlich ein universeller Anspruch ist oder nur ein sehr selektiv angewendetes Prinzip, das je nach Kontext mal laut eingefordert und mal höflich übergangen wird (5).
Und genau da wird es unerquicklich.
Weil man plötzlich merkt, dass nicht alle Maßstäbe gleich scharf sind, dass Kritik nicht immer gleich verteilt wird und dass manche Themen mit einer Lautstärke diskutiert werden, während andere eher im Flüsterton behandelt werden – so, als gäbe es eine inoffizielle Lautstärkeregel für gesellschaftliche Debatten, bei der man sich vorher überlegen muss, wie viel Ehrlichkeit gerade noch erlaubt ist. Ich rede von dem Frauenbild der moslemischen Kultur!
Und dann sitzt man wieder auf seinem Balkon, schaut auf die Tomaten, die sich um all das herzlich wenig kümmern, und denkt sich: Vielleicht wäre es gar keine so schlechte Idee, einfach überall mit dem gleichen Maß zu messen – nicht lauter, nicht leiser, sondern einfach ehrlich.
Es ist einfacher, ein System zu kritisieren, als sich selbst zu hinterfragen.
Wenn private Konflikte öffentlich instrumentalisiert werden
Und damit sind wir bei dem Punkt, an dem es wirklich interessant wird.
Denn während sich die gesellschaftliche Debatte zunehmend auflädt und die Fronten sich verhärten, entdeckt auch die Politik – und mit ihr ein ganzes Ökosystem aus Aktivisten, Influencern und Organisationen – das Thema für sich, weil es sich hervorragend eignet, um Aufmerksamkeit zu generieren, Positionen zu schärfen und, nicht zuletzt, neue Forderungen zu formulieren.
Das ist an sich nichts Verwerfliches.
Politik lebt davon, gesellschaftliche Konflikte aufzugreifen und in Lösungen zu übersetzen.
Problematisch wird es erst dann, wenn diese Konflikte nicht mehr differenziert betrachtet, sondern gezielt zugespitzt werden, weil Zuspitzung nun einmal besser funktioniert als Ausgewogenheit, und weil sich aus Empörung politisches Kapital schlagen lässt (6).
Nehmen wir zum Beispiel die Debatte um digitale Gewalt, ein wichtiges Thema, ohne Frage. Niemand sollte im Netz beleidigt, bedroht oder herabgewürdigt werden, egal ob Mann oder Frau.
Und dennoch fällt auf, dass bestimmte Fälle eine enorme mediale und politische Aufmerksamkeit bekommen, während andere – teilweise deutlich gravierendere – Ereignisse vergleichsweise wenig Beachtung finden, was zumindest die Frage aufwirft, nach welchen Kriterien hier eigentlich gewichtet wird.
So wurde etwa nach den massiven Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015, nach in meinen Augen versuchter Vertuschung, zwar intensiv berichtet, aber die daraus resultierende gesellschaftliche Debatte verlief deutlich anders, weniger emotional aufgeladen im Sinne eines allgemeinen Geschlechterkonflikts, sondern stärker fokussiert auf konkrete Tätergruppen und sicherheitspolitische Fragen (7).
Heute hingegen scheint es oft so, als würde ein einzelner Vorfall genügen, um eine breite gesellschaftliche Erzählung zu etablieren, die dann von verschiedensten Akteuren aufgegriffen und weiterverarbeitet wird – sei es in Talkshows, in politischen Statements oder auf Demonstrationen.
Und genau hier wird es heikel.
Denn wenn aus individuellen Erfahrungen kollektive Narrative werden, entsteht eine Dynamik, in der nicht mehr das konkrete Problem im Mittelpunkt steht, sondern die Frage, wie es sich politisch verwerten lässt.
Das sieht man auch daran, wie schnell Forderungen nach strukturellen Veränderungen laut werden, etwa nach strengeren Regulierungen im Netz, nach Klarnamenpflicht oder nach erweiterten Eingriffsmöglichkeiten des Staates, was wiederum eine ganz eigene Debatte über Freiheit, Kontrolle und Verantwortung eröffnet (8).
Und plötzlich steht man vor einer Situation, in der ein gesellschaftliches Problem nicht nur diskutiert, sondern politisch aufgeladen wird – mit all den Konsequenzen, die das mit sich bringt.
Was dabei oft untergeht, ist die Tatsache, dass viele Konflikte, die wir heute beobachten, nicht ausschließlich aus den Beziehungen selbst entstehen, sondern auch von außen beeinflusst werden: durch gesellschaftliche Erwartungen, durch wirtschaftliche Zwänge, durch politische Debatten, die Rollenbilder verändern und neue Spannungsfelder schaffen.
Ungleiche Bezahlung, unterschiedliche Karrierechancen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf – all das sind reale Themen, die Auswirkungen auf Beziehungen haben (9).
Aber sie sind eben nicht ausschließlich das Ergebnis individueller Schuld, sondern Ausdruck komplexer gesellschaftlicher Strukturen, die sich nicht dadurch lösen lassen, dass man Männer und Frauen gegeneinander ausspielt.
Und genau deshalb wirkt diese aktuelle Entwicklung so unerquicklich, weil sie nicht darauf abzielt, Probleme zu lösen, sondern darauf, Konflikte zu verstärken und weil sie nicht zur Verständigung beiträgt, sondern zur Polarisierung. Und weil sie am Ende genau das zerstört, was sie eigentlich schützen will: das Vertrauen zwischen Menschen. Oder, um es im Ton eines leicht genervten Balkonbesitzers zu sagen: Wenn man ständig Öl ins Feuer gießt, sollte man sich nicht wundern, wenn irgendwann nichts mehr übrig ist, außer verbrannter Erde – und ein paar Tomaten, die sich fragen, was das alles eigentlich soll.
Zwischen Aufheizen und Abkühlen: Wenn aus Beziehungspolitik Bühnenprogramm wird
Es gibt einen Punkt in jeder öffentlichen Debatte, an dem man das Gefühl bekommt, dass sie sich von der Realität gelöst hat und beginnt, sich selbst zu inszenieren – wie eine schlecht moderierte Talkshow, in der alle durcheinanderreden, aber keiner mehr zuhört, und genau an diesem Punkt befinden wir uns gerade, wenn es um das Verhältnis zwischen Männern und Frauen geht.
Denn was als reale Auseinandersetzung begann – über Respekt, über Grenzen, über Verhalten – ist längst zu einem medialen Bühnenstück geworden, bei dem jeder seine Rolle kennt: die empörte Aktivistin, der ironische Kommentator, der politisch korrekte Einordner, der wütende Influencer, der sich selbst für einen Gesellschaftsanalytiker hält, obwohl er eigentlich nur besonders laut ist.
Und irgendwo dazwischen tauchen dann Demonstrationen auf, bei denen Parolen gerufen werden, die ungefähr so viel mit dem eigentlichen Thema zu tun haben wie ein Mettbrötchen mit veganer Ernährung – man könnte sagen: thematisch verwandt, aber inhaltlich ein bisschen daneben.
Wenn auf einer Demo gegen digitale Gewalt plötzlich laut und mehrfach „Nazis raus“ skandiert wird, dann ist das in etwa so, als würde man beim Zahnarzt über die Steuerpolitik diskutieren: Es mag wichtig sein, aber es hat mit dem konkreten Anlass erstaunlich wenig zu tun. Dies ist genauso verrückt, als wenn ein Lügner die Dschungelkrone holen würde 😉!
Und genau das ist der Punkt, an dem man sich fragt: Geht es hier eigentlich noch um das Problem – oder längst um die Inszenierung?
Denn je länger man hinschaut, desto deutlicher wird, dass viele Akteure diese Themen nicht nur aus Überzeugung aufgreifen, sondern auch, weil sie sich hervorragend eignen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, Reichweite zu steigern und politische Positionen zu stärken – ein Mechanismus, der in der Kommunikationsforschung gut dokumentiert ist (10).
Und dann kommt noch etwas hinzu, das man nur schwer greifen kann, das aber dennoch spürbar ist: diese merkwürdige Gleichzeitigkeit von Empörung und Strategie.
Plötzlich stehen auf einer Bühne Menschen, die man aus ganz anderen Kontexten kennt – Klimadebatten, politische Kampagnen, NGO-Strukturen – und man fragt sich unweigerlich, ob das alles wirklich zufällig ist oder ob hier nicht doch eine gewisse Form der Orchestrierung stattfindet, bei der Themen ineinandergreifen, Narrative verstärkt und Forderungen gebündelt werden.
Ich sage bewusst: Man fragt sich! Nicht, weil man sofort eine Antwort hätte, sondern weil diese Gleichzeitigkeit zumindest erklärungsbedürftig ist. Denn es ist ja nicht so, dass gesellschaftliche Bewegungen im luftleeren Raum entstehen – sie sind eingebettet in Netzwerke, in Interessen, in Strategien, die nicht immer offen sichtbar sind, aber dennoch wirken (11). Und genau deshalb wirkt das Ganze manchmal weniger wie eine spontane Reaktion und mehr wie ein gut getaktetes Zusammenspiel aus Medien, Politik und Aktivismus, bei dem jeder seinen Part erfüllt und das Publikum – also wir – sich fragt, ob es gerade Zeuge einer Debatte oder einer Inszenierung ist.
Und während all das passiert, sitzen irgendwo Menschen in ihren Wohnungen, schauen auf ihre Beziehungen, auf ihre Konflikte, auf ihre Hoffnungen – und merken, dass sie mit diesem großen Theater eigentlich erstaunlich wenig zu tun haben.
Vom Mut, wieder hinzuschauen
Vielleicht liegt das eigentliche Problem gar nicht darin, dass wir zu viel diskutieren.
Vielleicht liegt es darin, wie wir diskutieren.
Denn anstatt zu fragen, was wir selbst beitragen, was wir besser machen könnten, was wir aus unseren Erfahrungen lernen können, neigen wir dazu, die Verantwortung nach außen zu verlagern, sie in Systeme zu packen, in Gruppen, in abstrakte Kategorien, die zwar Orientierung geben, aber selten Lösungen. Dabei ist die Idee, dass der Partner ein Spiegel ist, keine esoterische Floskel, sondern ein psychologisch gut belegtes Phänomen: Menschen projizieren Erwartungen, Ängste und Erfahrungen auf ihr Gegenüber, und diese Projektionen beeinflussen maßgeblich, wie Beziehungen verlaufen (12).
Das bedeutet nicht, dass alles relativ ist.
Es gibt Verhalten, das nicht akzeptabel ist.
Es gibt Grenzen, die klar gezogen werden müssen.
Aber es bedeutet, dass die einfache Einteilung in Täter und Opfer oft zu kurz greift, weil sie die Dynamik übersieht, die zwischen Menschen entsteht. Und genau deshalb ist diese aktuelle Entwicklung so gefährlich. Nicht, weil sie auf Missstände hinweist – das ist wichtig und notwendig –, sondern weil sie dazu neigt, diese Missstände zu verallgemeinern und daraus ein Weltbild zu formen, das wenig Raum für Differenzierung lässt.
Ein Weltbild, in dem Männer und Frauen nicht mehr als Individuen gesehen werden, sondern als Vertreter ihrer jeweiligen Gruppe.
Ein Weltbild, das eher trennt als verbindet.
Und während wir darüber diskutieren, wer schuld ist, wer benachteiligt ist, wer sich wie verhalten sollte, verlieren wir vielleicht den Blick für das, was eigentlich zählt: die Fähigkeit, einander zuzuhören, sich aufeinander einzulassen, Vertrauen aufzubauen.
Das klingt banal.
Ist es aber nicht.
Zwischen Bierdeckel und Wirklichkeit
Wenn ich also wieder auf meinem Balkon sitze, die Tomaten gieße und darüber nachdenke, was da draußen eigentlich gerade passiert, dann komme ich zu einem ziemlich unspektakulären, vielleicht sogar altmodischen Schluss:
Dass die meisten Männer keine Monster sind.
Dass die meisten Frauen keine Opfer sind.
Und dass die Wahrheit – wie so oft – irgendwo dazwischen liegt, in den kleinen Geschichten des Alltags, die es nie in die Schlagzeilen schaffen, weil sie zu normal sind, zu unspektakulär, zu menschlich.
Vielleicht wäre es gar keine so schlechte Idee, sich wieder ein bisschen mehr an diesen Geschichten zu orientieren.
An Gesprächen statt an Schlagworten.
An Erfahrungen statt an Ideologien.
Und vielleicht auch ein bisschen an den Tomaten auf dem Balkon, die einfach wachsen, ohne sich darum zu kümmern, wer gerade wen beschuldigt.
Und wenn man mich fragt, dann ist das am Ende vielleicht die größte Provokation in einer Zeit, die von Empörung lebt: einfach wieder normal zu sein.
So, dass wollte ich gesagt haben.
Bis denne und Tschö mit drei Ö.
Abbildung:
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- Alfred-Walter von Staufen
Quellen:
(1) vgl. Aufmerksamkeit als ökonomische Ressource: https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/dossier-medienpolitik/249229/aufmerksamkeitoekonomie/
(2) Mechanismen der Skandalisierung: https://www.deutschlandfunk.de/skandalisierung-in-den-medien-wie-empoerung-entsteht-100.html
(3) Bindungstheorie und Beziehungsmuster: https://www.psychologytoday.com/us/basics/attachment
(4) https://www.welt.de/politik/deutschland/article69bbc5eb1434ac10119518d1/frank-walter-steinmeier-der-ramadan-gehoert-zum-religioesen-leben-unseres-landes.html
(5) Frauenrechte international: https://www.un.org/womenwatch/daw/beijing/platform/
(6) Polarisierung in sozialen Medien: https://www.pewresearch.org/internet/2020/10/21/americans-and-political-polarization/
(7) Ereignisse Köln 2015: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2016/01/silvesternacht-koeln.html
(8) Debatte Klarnamenpflicht: https://netzpolitik.org/2023/klarnamenpflicht-im-internet-was-sie-bringt-und-was-nicht/
(9) Gender Pay Gap Deutschland: https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Verdienste/Gender-Pay-Gap/_inhalt.html
(10) Aufmerksamkeitslogik und Agenda Setting: https://www.medienpaed.com/article/view/1151
(11) Rolle von NGOs in politischen Prozessen: https://www.transparency.de/themen/lobbyismus/
(12) Projektion in Beziehungen: https://www.simplypsychology.org/defense-mechanisms.html





