Von Alfred-Walter von Staufen

Wenn aus einem Fall ein Gesetz werden soll

Es gibt Momente in einer Republik, in denen einen weniger die einzelne Schlagzeile erschreckt als das Geräusch, das hinter ihr zu hören ist, jenes leise, aber vertraute Klicken im Maschinenraum des politisch-medialen Betriebs, wenn Empörung, Gesetzgebung und moralische Selbsterhöhung plötzlich so sauber ineinandergreifen, dass der Zufall als Erklärung unerquicklich und geradezu naiv wirken muss. Der Fall um die schweren Vorwürfe von Collien Ulmen-Fernandes gegen Christian Ulmen ist, unabhängig von der weiterhin zwingend geltenden Unschuldsvermutung gegenüber dem Beschuldigten, genau so ein Fall, weil hier nicht nur über mögliches privates Fehlverhalten gesprochen wird, sondern zugleich über Strafbarkeitslücken, neue Gesetze, digitale Gewalt, gesellschaftliche Mobilisierung und die Rolle jener Organisationen, die seit Jahren mit erheblichem politischen Nachdruck auf genau diesem Feld arbeiten. Dass Christian Ulmen die Vorwürfe bestreitet und anwaltlich gegen die Berichterstattung vorgeht, gehört ebenso zur Lage wie die Tatsache, dass die Debatte in Deutschland binnen weniger Tage von einer prominenten Anschuldigung zu einer Grundsatzfrage der Gesetzgebung eskalierte. Reuters berichtet von Massenprotesten in Berlin, dem politischen Druck auf die Bundesregierung und dem zeitgleichen Vorstoß von Bundesjustizministerin Stefanie Hubig, die Herstellung pornografischer Deepfakes strafbar zu machen und den Schutz vor digitaler Gewalt auszubauen (1). Auch das Bundesjustizministerium selbst stellte im März 2026 öffentlich einen stärkeren Schutz vor digitaler Gewalt, Hass und Deepfakes in Aussicht (2).

Das allein beweist noch keine finstere Absprache, und es wäre billig, aus jedem Gleichlauf sofort ein Komplott zu schnitzen, wie andere aus jedem Widerspruch gleich „Desinformation“ kneten; aber es markiert einen Mechanismus, den man inzwischen erkennen kann, wenn man noch bereit ist, politische Prozesse als Prozesse zu betrachten und nicht als liturgische Handlungen eines guten Lagers. Denn der eigentliche Punkt ist nicht, ob digitale Gewalt existiert — selbstverständlich existiert sie, und selbstverständlich verdient sie rechtsstaatliche Antworten —, sondern wie in Deutschland aus einem realen Problem binnen Stunden ein moralisch aufgeladener Ausnahmezustand wird, in dem die Frage nach Verhältnismäßigkeit, bestehender Strafbarkeit und handwerklich sauberer Gesetzgebung verdächtig erscheint, fast schon unanständig, als sei der Rechtsstaat nur noch eine Fußnote unter dem Hashtag. Genau dort beginnt die politische Relevanz von HateAid.

 

HateAid ist kein Geheimzirkel, sondern ein sehr sichtbarer Akteur

Wer seriös kritisieren will, muss mit dem Offensichtlichen anfangen, und das Offensichtliche lautet: HateAid ist weder eine Schattenloge noch eine Phantasmagorie aus Telegram, sondern eine reale, professionelle und politisch aktive NGO mit klarer Agenda, offener Finanzierung und dokumentierten Zugängen zum parlamentarischen Betrieb. Laut eigenem Transparenzbericht wird die HateAid gGmbH von Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon geführt; als Gesellschafter werden Campact e. V. mit 33,32 Prozent, Anna-Lena von Hodenberg mit 33,34 Prozent und Fearless Democracy e. V. mit 33,34 Prozent genannt. Als Zuwendungsgeber mit jeweils mehr als zehn Prozent der Jahreseinnahmen 2024 nennt HateAid selbst die Alfred Landecker Foundation, das Bundesministerium der Justiz und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (3). Im Lobbyregister des Bundestags gibt HateAid außerdem selbst an, Gespräche mit Bundestagsmitgliedern, deren Büros, der Bundesregierung und der Bundesverwaltung zu führen sowie Stellungnahmen zu Gesetzgebungsvorhaben einzureichen und parlamentarische Formate zu organisieren (4).

Mit anderen Worten: Wer hier von Einfluss spricht, muss nicht fabulieren, denn der Einfluss ist registriert, gewollt und Teil des Selbstverständnisses dieser Organisation. HateAid beschreibt sich selbst als Akteurin, die auf gesellschaftlicher wie politischer Ebene gegen digitale Gewalt arbeite, konkrete Lösungen schaffen und die Demokratie im digitalen Raum stärken wolle (5). Das kann man ehrenwert finden, man kann es notwendig finden, man kann es aber auch, und zwar mit guten Gründen, als einen typischen Fall jener neuen NGO-Macht analysieren, die nicht durch Wahl legitimiert ist, aber durch Expertise, moralische Deutungshoheit, Fördermittel und Medienanschluss enorme Wirksamkeit entfaltet. Der moderne politische Betrieb arbeitet nicht mehr nur mit Parteien, Ministerien und Parlamenten, sondern längst auch mit professionellen Vorfeldakteuren, die Anliegen zuspitzen, Begriffe prägen, Fallgeschichten in politische Forderungen übersetzen und dadurch den normativen Takt angeben, zu dem später Gesetze geschrieben werden.

Besonders interessant wird das im konkreten Themenfeld Deepfakes und bildbasierte sexuelle Gewalt, weil HateAid hier nicht erst seit gestern aktiv ist. Bereits 2023 trat die Organisation mit einer Petition gegen Deepfake-Pornos öffentlich auf; bei der Übergabe der Petition an das Bundesdigitalministerium war auch Collien Ulmen-Fernandes beteiligt, was die Nähe zwischen Betroffenenperspektive, Aktivismus und politischer Forderungsarchitektur schon damals sichtbar machte (6). 2025 forderte HateAid erneut eine Gesetzgebung, die vor bildbasierter sexueller Gewalt schützt, ausdrücklich auch vor der Erstellung entsprechender Inhalte und ihrer Verbreitung über Plattformen (7). Und nach der jüngsten Debatte erklärte HateAid selbst, man unterstütze Collien Fernandes, sei aufgrund langjähriger Expertise regelmäßig in politische Prozesse eingebunden und halte Gespräche mit zuständigen Ministerien für üblich und notwendig (8).

Das ist, präzise betrachtet, der Beginn der eigentlichen Geschichte: nicht der Vorwurf allein, sondern die bereits vorbereitete Infrastruktur, in der ein Vorwurf politisch verwertbar wird.

 

Die Machtkarte: Drei Ebenen, ein Entscheidungsraum

Wer den Blick von der Einzelgeschichte löst und stattdessen das größere Bild betrachtet, erkennt ein Muster, das weder geheim noch neu ist, sondern im Gegenteil die typische Funktionsweise moderner Demokratien beschreibt, die sich zunehmend in komplexen Governance-Strukturen organisieren: Nicht mehr nur Parlamente entscheiden, nicht mehr nur Regierungen steuern, sondern ein Zusammenspiel aus gesellschaftlichen Akteuren, wissenschaftlichen Institutionen und politischen Entscheidungsträgern erzeugt jene Dynamik, die schließlich in Gesetzen, Verordnungen und politischen Leitlinien sichtbar wird. Genau hier setzt die zuvor entwickelte Machtkarte an, denn sie zeigt kein verschwörerisches Netzwerk, sondern ein System, das gerade deshalb so wirksam ist, weil es offen, legitimiert und gleichzeitig für viele Bürger schwer durchschaubar ist.

Im Zentrum dieser Struktur steht auf der einen Seite die NGO HateAid, die als klassischer Advocacy-Akteur agiert: Sie bündelt Fälle, emotionalisiert Themen, übersetzt individuelle Erfahrungen in politische Forderungen und bringt diese Forderungen gezielt in den politischen Raum ein, etwa über Stellungnahmen, Gespräche mit Abgeordneten und Ministerien sowie öffentlichkeitswirksame Kampagnen (9). Dass dies kein Nebeneffekt, sondern erklärtes Ziel ist, zeigt bereits der Transparenzbericht der Organisation, der sowohl die Finanzierung durch staatliche Stellen wie das Bundesministerium der Justiz und das Bundesfamilienministerium als auch die enge Verbindung zu politisch aktiven Organisationen wie Campact dokumentiert (10). In der Logik moderner Politik ist das kein Makel, sondern ein Funktionsprinzip: Wer Themen setzen will, braucht Struktur, Ressourcen und Zugang.

Auf der anderen Seite steht die wissenschaftliche Ebene, verkörpert durch die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, die als Nationale Akademie der Wissenschaften ausdrücklich den Auftrag hat, Politik und Gesellschaft zu beraten und wissenschaftlich fundierte Einschätzungen bereitzustellen (11). Die Leopoldina ist dabei keine NGO und kein politischer Akteur im klassischen Sinne, sondern eine Institution, die Wissen strukturiert, Risiken bewertet und Handlungsempfehlungen formuliert, finanziert zu großen Teilen aus öffentlichen Mitteln des Bundes (BMBF) sowie des Landes Sachsen-Anhalt (12). Gerade in gesellschaftlich sensiblen Bereichen wie Digitalisierung, Öffentlichkeit und Demokratie tritt sie regelmäßig mit Stellungnahmen auf, in denen sie auch die Rolle von Plattformen, Regulierung und gesellschaftlicher Kommunikation thematisiert – und dabei durchaus auch NGOs wie HateAid als relevante Akteure im Diskurs erwähnt, ohne dass daraus eine operative Verbindung folgt (13).

Zwischen diesen beiden Polen, NGO und Wissenschaft, liegt der eigentliche Entscheidungsraum: die Politik. Ministerien, Parlamente und Regierung sind die Instanzen, die am Ende Gesetze formulieren, verabschieden und durchsetzen. Doch diese Entscheidungen fallen selten im luftleeren Raum, sondern sind eingebettet in einen kontinuierlichen Strom aus Forderungen, Studien, medialer Aufmerksamkeit und öffentlichem Druck. Wenn HateAid beispielsweise strengere Regeln gegen digitale Gewalt fordert und gleichzeitig wissenschaftliche Institutionen wie die Leopoldina die gesellschaftlichen Risiken digitaler Kommunikationsräume analysieren, entsteht ein doppelter Impuls: ein normativer Druck von unten und eine wissenschaftliche Legitimation von oben. Die Politik wiederum steht zwischen beiden Polen und übersetzt diese Impulse in konkrete Gesetzesinitiativen, wie aktuell beim geplanten Digitale-Gewaltschutz-Gesetz sichtbar wird (14).

Genau hier liegt der entscheidende Punkt, den viele Debatten entweder übersehen oder bewusst verzerren: Die Macht entsteht nicht durch ein geheimes Netzwerk, sondern durch das Zusammenspiel dieser Ebenen. NGOs erzeugen Aufmerksamkeit und Druck, Wissenschaft liefert Deutung und Legitimation, und die Politik setzt schließlich um. Das ist weder illegal noch zwangsläufig problematisch – es ist das Grundmuster moderner Governance. Problematisch wird es erst dann, wenn dieses Zusammenspiel für den Bürger intransparent wird, wenn also nicht mehr klar erkennbar ist, wer welche Rolle spielt, welche Interessen vertreten werden und wo politische Entscheidungen tatsächlich vorbereitet werden.

 

Die Illusion der Spontaneität – und die Realität der Prozesse

In öffentlichen Debatten wird dieser Prozess häufig als spontane Reaktion auf Ereignisse dargestellt: Ein Skandal entsteht, die Öffentlichkeit reagiert, die Politik handelt. Diese Darstellung ist jedoch nur die halbe Wahrheit, denn sie blendet aus, dass viele politische Themen bereits lange vor dem auslösenden Ereignis vorbereitet werden, dass Forderungskataloge existieren, Studien erstellt wurden und Netzwerke aufgebaut sind, die im Moment der öffentlichen Aufmerksamkeit sofort aktiviert werden können. HateAid etwa hatte bereits Monate vor der aktuellen Debatte Forderungen zur Regulierung digitaler Gewalt formuliert und in politische Prozesse eingebracht (15). Dass diese Forderungen nun im Kontext eines prominenten Falls neue Dynamik gewinnen, ist weniger ein Zufall als ein typischer Verstärkereffekt politischer Kommunikation.

Ähnlich verhält es sich auf der wissenschaftlichen Ebene: Auch dort entstehen Einschätzungen nicht ad hoc, sondern sind Teil längerfristiger Diskurse über Digitalisierung, Öffentlichkeit und gesellschaftliche Stabilität. Wenn solche Einschätzungen in politischen Entscheidungsprozessen aufgegriffen werden, wirkt das nach außen wie eine schnelle Reaktion, ist in Wirklichkeit jedoch das Ergebnis eines bereits bestehenden Deutungsrahmens. Die Leopoldina selbst beschreibt ihre Rolle ausdrücklich als kontinuierliche Beratung von Politik und Gesellschaft, nicht als punktuelle Intervention (16).

Was also nach spontaner Empörung aussieht, ist häufig das sichtbare Ergebnis eines unsichtbaren Vorlaufs. Das bedeutet nicht, dass Ereignisse instrumentalisiert werden müssen – aber es bedeutet, dass sie in bestehende Strukturen eingebettet werden, die ihre politische Wirkung verstärken. Genau diese Dynamik erklärt, warum bestimmte Themen in kürzester Zeit Gesetzesreife erlangen, während andere trotz vergleichbarer Relevanz jahrelang unbeachtet bleiben.

Infografik zur Machtstruktur moderner Demokratie mit Darstellung von NGOs, Wissenschaft und Politik als vernetzte Einflussfaktoren
Wie NGOs, Wissenschaft und Politik gemeinsam Einfluss auf gesellschaftliche Entscheidungen nehmen

Zwischen Einfluss und Überdehnung: Was belegbar ist – und was nicht

Gerade weil diese Strukturen real sind, ist es umso wichtiger, sauber zu unterscheiden zwischen belegbaren Verbindungen und spekulativen Überdehnungen. Belegbar ist, dass HateAid politisch aktiv ist, staatliche Fördermittel erhält und gezielt Einfluss auf Gesetzgebungsprozesse nimmt (17). Belegbar ist auch, dass die Leopoldina als staatlich finanzierte Wissenschaftsakademie politische Beratung leistet und gesellschaftliche Entwicklungen bewertet (18). Und belegbar ist, dass beide Akteure im selben Themenfeld agieren und somit indirekt auf denselben politischen Entscheidungsraum einwirken.

Nicht belegbar ist hingegen, dass es eine direkte operative Zusammenarbeit, eine gemeinsame Führungsebene oder eine koordinierte Steuerung zwischen HateAid und der Leopoldina gibt. Ebenso wenig lässt sich aus den vorliegenden Quellen ableiten, dass politische Entscheidungen das Ergebnis einer zentral gesteuerten Kampagne sind. Wer solche Thesen aufstellt, verlässt den Bereich der Analyse und betritt den der Spekulation – und schwächt damit letztlich die berechtigte Kritik an tatsächlichen Einflussstrukturen.

Die eigentliche Herausforderung besteht daher nicht darin, ein geheimes Netzwerk zu entlarven, sondern darin, ein offenes System zu verstehen, das komplexer ist als die einfache Gegenüberstellung von „Volk“ und „Elite“. Die Machtkarte zeigt genau dieses System: ein Geflecht aus legitimen Akteuren, die jeweils ihre Rolle spielen – und deren Zusammenspiel politische Realität erzeugt.

 

Wenn Moral zur Währung wird – und der Rechtsstaat zur Verhandlungsmasse

Was bleibt also, wenn man den Nebel der Schlagzeilen, die Hitze der Empörung und die moralische Selbstgewissheit der jeweiligen Lager beiseiteschiebt und sich fragt, was dieser Fall tatsächlich über den Zustand der Republik erzählt? Es ist weniger die Geschichte eines einzelnen Mannes, weniger die einer Ehe, weniger die eines möglichen Vergehens, sondern vielmehr die Geschichte eines Systems, das gelernt hat, Emotionen zu politisieren, Einzelfälle zu verallgemeinern und aus moralischer Erregung normative Ordnung zu formen, wobei die Geschwindigkeit dieses Prozesses mittlerweile so hoch ist, dass der Rechtsstaat kaum noch Schritt halten kann, geschweige denn innehalten darf.

Denn wenn aus einem individuellen Vorwurf binnen Tagen eine gesellschaftliche Grundsatzdebatte wird, wenn Demonstrationen organisiert werden, bevor Gerichte urteilen, wenn politische Maßnahmen bereits formuliert sind, bevor die Faktenlage geklärt ist, dann verschiebt sich der Maßstab: Nicht mehr das Recht bestimmt den Diskurs, sondern der Diskurs beginnt, das Recht vorwegzunehmen. Und genau hier liegt die eigentliche Gefahr, nicht in der Existenz von NGOs, nicht in der Rolle der Wissenschaft, nicht einmal in der politischen Reaktion, sondern in der fehlenden Distanz zwischen diesen Ebenen, die eigentlich voneinander getrennt sein sollten, um ihre jeweilige Funktion erfüllen zu können.

Der „Rechtsstaat“ lebt von der Trennung von Urteil und Meinung, von Beweis und Behauptung, von Emotion und Gesetz. Wenn diese Trennung jedoch verwischt, wenn moralische Narrative beginnen, juristische Kategorien zu ersetzen, dann entsteht ein Klima, in dem nicht mehr die Frage zählt, was nachweisbar ist, sondern was plausibel erscheint, was anschlussfähig ist, was sich in die bestehende Deutung einfügt. In einem solchen Klima wird die Unschuldsvermutung nicht abgeschafft, aber sie wird entwertet, sie wird zur formalen Hülle, die man zitiert, während man sie faktisch unterläuft.

Und genau an dieser Stelle beginnt die eigentliche Kritik, die sich nicht gegen einzelne Organisationen richtet, sondern gegen die Logik eines Systems, das sich selbst immer stärker beschleunigt: NGOs, die Themen zuspitzen müssen, um gehört zu werden; Medien, die Narrative verdichten müssen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen; Politik, die reagieren muss, um Handlungsfähigkeit zu demonstrieren; Wissenschaft, die einordnet, aber zunehmend auch normativ wirkt. Jeder dieser Akteure handelt innerhalb seiner eigenen Rationalität, und doch entsteht im Zusammenspiel ein Effekt, der größer ist als die Summe seiner Teile: ein permanenter Ausnahmezustand der Empörung, in dem Differenzierung als Schwäche gilt und Zweifel als Verdacht.

Wer diesen Mechanismus kritisiert, läuft Gefahr, selbst Teil der Geschichte zu werden, die er beschreibt, denn Kritik wird in einem solchen System schnell als Position gelesen, als Lagerzugehörigkeit, als implizite Parteinahme. Doch genau deshalb ist sie notwendig, weil Demokratie nicht davon lebt, dass alle einer Meinung sind, sondern dass unterschiedliche Perspektiven ausgehalten werden, ohne sofort moralisch bewertet zu werden.

 

Der entscheidende Punkt – und die Frage, die bleibt

Und damit sind wir wieder bei der Machtkarte, die den Kern dieses Essays bildet, nicht als Beweis eines Komplotts, sondern als Visualisierung eines Systems, das funktioniert, gerade weil es kein geheimes Netzwerk ist, sondern ein offenes Zusammenspiel legitimer Akteure. NGOs wie HateAid erzeugen Druck, indem sie Themen sichtbar machen und politisch artikulieren; wissenschaftliche Institutionen wie die Leopoldina liefern Legitimation, indem sie Entwicklungen analysieren und einordnen; die Politik setzt um, indem sie Gesetze formuliert und durchsetzt. Das ist, nüchtern betrachtet, kein Skandal, sondern das Grundprinzip moderner Governance.

Doch gerade weil dieses System legitim ist, muss es kritisierbar bleiben, denn Legitimation entsteht nicht durch Strukturen allein, sondern durch Transparenz, Verhältnismäßigkeit und die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen. Wenn politische Entscheidungen zunehmend unter dem Druck moralischer Kampagnen entstehen, wenn wissenschaftliche Einschätzungen als endgültige Wahrheit gelesen werden, wenn NGOs faktisch zu Vorfeldakteuren der Gesetzgebung werden, dann stellt sich nicht die Frage, ob dieses System existiert, sondern wie es kontrolliert wird.

Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob HateAid Einfluss hat oder ob die Leopoldina Politik berät, sondern ob der Bürger noch nachvollziehen kann, wie aus einem Thema ein Gesetz wird, ob er erkennen kann, welche Interessen, welche Perspektiven und welche Annahmen in diesen Prozess einfließen. Denn Demokratie ist nicht nur die Herrschaft des Volkes, sondern auch die Verständlichkeit ihrer eigenen Prozesse. Wenn diese Verständlichkeit verloren geht, entsteht ein Gefühl der Fremdbestimmung, das gefährlicher ist als jede einzelne politische Entscheidung.

Vielleicht ist es genau das, was wir in diesen Tagen beobachten: keine Verschwörung, kein geheimer Plan, sondern ein System, das sich so weit von der Wahrnehmung vieler Menschen entfernt hat, dass es ihnen fremd erscheint, obwohl es formal weiterhin demokratisch legitimiert ist. Ein System, das in seiner eigenen Logik funktioniert, aber dabei vergisst, dass Legitimation nicht nur durch Verfahren entsteht, sondern durch Vertrauen, und Vertrauen entsteht nicht durch Geschwindigkeit, nicht durch moralische Überlegenheit und schon gar nicht durch die Abwertung abweichender Meinungen, sondern durch Transparenz, Maß und die Bereitschaft, auch die eigene Position infrage zu stellen.

Denn am Ende geht es nicht um Ulmen, nicht um einzelne Fälle, nicht einmal um HateAid oder die Leopoldina, sondern um die Frage, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der das Recht den Diskurs ordnet oder der Diskurs das Recht formt, ob wir bereit sind, Differenzierung auszuhalten, oder ob wir uns in die bequeme Gewissheit moralischer Eindeutigkeit flüchten. Demokratie ist kein Zustand, sie ist ein Prozess, und dieser Prozess verlangt mehr als Empörung: Er verlangt Urteilskraft.

Wenn Sie tiefer in diese Mechanismen eintauchen möchten, wenn Sie verstehen wollen, warum sich immer mehr Menschen von politischen Prozessen entfremdet fühlen, warum Vertrauen schwindet und warum sich das Gefühl breitmacht, dass Entscheidungen „woanders“ getroffen werden, dann empfehle ich Ihnen mein Buch „Die Wut des kleinen Mannes – Vom Stammtisch zur Straße. Dort analysiere ich nicht nur die sichtbaren Symptome, sondern auch die strukturellen Ursachen dieser Entwicklung: die Rolle von Medien, die Dynamik von Empörung, die Verschiebung politischer Macht und die Frage, wie viel Einfluss der Bürger tatsächlich noch hat. Dieses Buch ist kein Aufruf zur Resignation, sondern zur Erkenntnis – und vielleicht auch zur Rückbesinnung auf das, was Demokratie einmal war und wieder sein könnte.

Bitte werden oder bleiben Sie gesund, denn das ist das höchste Gut, was wir haben.

Herzlichst
Ihr Alfred-Walter von Staufen


Abbildung:

  • Alfred-Walter von Staufen

Quellen:

(1)          https://www.reuters.com/business/media-telecom/german-deepfake-porn-case-sparks-protests-pressure-change-law-2026-03-26/
(2)          https://www.bmjv.de/SharedDocs/Meldungen/DE/2026/0320_Digitale_Gewalt.html
(3)          https://hateaid.org/transparenzbericht/
(4)          https://www.lobbyregister.bundestag.de/suche/R001880
(5)          https://hateaid.org/
(6)          https://hateaid.org/petition-deepfake-pornos/; https://hateaid.org/presse-downloads/face-swap-apps-betroffene-konfrontieren-wissing-galerie/
(7)          https://hateaid.org/deepfakes/
(8)          https://hateaid.org/in-eigener-sache-konstruierte-verschwoerungserzaehlungen-ueber-hateaid/?mtm_campaign=Desinformationskampagne&mtm_kwd=instagram-video-collien-deepfakes
(9)          https://www.lobbyregister.bundestag.de/suche/R001880
(10)       https://hateaid.org/transparenzbericht/
(11)       https://www.leopoldina.org/aufgaben/empfehlen-und-beraten/politikberatung-in-deutschland
(12)       https://www.leopoldina.org/akademie/rolle-der-leopoldina
(13) https://www.leopoldina.org/fileadmin/Migrierte_Daten/Publikationen/Dokumente/2021_Stellungnahme_Digitalisierung_und_Demokratie_web_01.pdf
(14)       https://www.bmjv.de/SharedDocs/Meldungen/DE/2026/0320_Digitale_Gewalt.html
(15)       https://hateaid.org/deepfakes/
(16)       https://www.leopoldina.org/aufgaben/empfehlen-und-beraten/politikberatung-in-deutschland
(17)       https://hateaid.org/transparenzbericht/; https://www.lobbyregister.bundestag.de/suche/R001880
(18)       https://www.leopoldina.org/akademie/rolle-der-leopoldina

Autor

  • Porträt von Alfred-Walter von Staufen, Autor und Essayist bei Freunde der Erkenntnis

    Alfred-Walter von Staufen, geboren 1969 in der DDR, begann als Wasserwerker und Industriemeister – in einer Welt, in der Systeme funktionieren müssen, nicht diskutiert werden. Nach Jahren in Industrie und Maschinenprogrammierung verlagerte eine schwere Erkrankung seine Arbeit ins Digitale und schließlich ins Analytische.

    Seit 2003 erforscht er politische Narrative, Machtstrukturen und Verwaltungsrealitäten. Seine Essays verbinden handwerklichen Systemblick mit publizistischer Präzision – stets mit der Frage, wie Denken gelenkt wird und wo Systeme sich selbst im Weg stehen.

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