Wenn Kinder ihr Pausenbrot verstecken müssen

Es sind oft die kleinen Szenen des Alltags, an denen man erkennt, dass sich eine Gesellschaft verändert. Nicht die großen Parlamentsdebatten, nicht die Talkshows, nicht die Leitartikel der großen Zeitungen. Sondern ein Schulhof. Eine Pause. Zwei Kinder mit einem Pausenbrot.

An einer Gesamtschule im nordrhein-westfälischen Kleve wurde ausgerechnet dieser unscheinbare Moment zum Anlass einer Debatte, die weit über einen Schulhof hinausweist. Während des islamischen Fastenmonats Ramadan fühlten sich einige fastende muslimische Schüler von ihren essenden Mitschülern gestört – so sehr, dass diese aufgefordert wurden, ihr Pausenbrot nicht sichtbar zu essen oder es sogar wegzuwerfen[1]:

Eine Mutter schilderte den Vorfall drastisch: Muslimische Kinder hätten ihrer Tochter gesagt: „Wir haben Ramadan, du musst jetzt fasten und dein Brot in die Tonne werfen“[2].

Als die Mädchen daraufhin zum Lehrer gingen, bekamen sie offenbar eine bemerkenswerte Empfehlung: Sie sollten sich beim Essen einfach wegdrehen, um niemanden zu provozieren[3].

Gleichzeitig berichten Eltern über eine zweite Dimension des Konflikts: Schüler mit Migrationshintergrund hätten „Würg- und Kotzgeräusche“ gemacht, wenn andere Kinder ihr Pausenbrot aßen[4].

Es sind keine dramatischen Szenen. Niemand wurde geschlagen, niemand schwer verletzt. Und doch liegt in dieser Episode eine symbolische Kraft. Denn plötzlich steht im Raum, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Darf ein Kind in Deutschland noch sein Pausenbrot essen, ohne sich rechtfertigen zu müssen?

Die zuständige Schulaufsicht prüft den Vorfall inzwischen und betont ausdrücklich, dass niemand in der Schule gezwungen werden darf, religiöse Vorschriften zu befolgen[5].

Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Der Streit von Kleve ist kein Einzelfall. Er ist Teil einer Entwicklung, die Lehrer, Eltern und Schüler seit Jahren beobachten.

Was ist eigentlich passiert, wenn ein Kind sein Pausenbrot verstecken soll?

Diese Frage wirkt auf den ersten Blick banal. Schließlich könnte man argumentieren: Ein bisschen Rücksichtnahme hat noch niemandem geschadet. Wenn einige Kinder fasten, könnten andere doch kurz darauf verzichten, demonstrativ zu essen.

Doch genau hier beginnt die Irritation.

Denn Rücksicht ist eine freiwillige Tugend – Zwang jedoch ein politisches Prinzip.

Und in Kleve ging es offenbar nicht um freiwillige Rücksicht, sondern um sozialen Druck. Um Forderungen. Um Beschämung. Um die implizite Botschaft: Wenn wir fasten, musst du dich anpassen.

Religionsfreiheit bedeutet in einer liberalen Gesellschaft zweierlei: das Recht, seinen Glauben zu praktizieren – und das Recht, nicht dazu gezwungen zu werden (Grundgesetz Art. 4 Religionsfreiheit).

Diese zweite Seite der Freiheit wird oft vergessen. Sie wird „negative Religionsfreiheit“ genannt. Sie schützt Menschen davor, religiösen Vorschriften folgen zu müssen, die sie selbst nicht teilen.

Genau dieser Grundsatz steht im Zentrum der aktuellen Debatte.

Denn ähnliche Konflikte wurden in den vergangenen Jahren immer wieder gemeldet.

So wollte eine Berliner Schule Schüler verpflichten, an einem gemeinsamen Fastenbrechen teilzunehmen – eine Maßnahme, die von der Bildungsverwaltung schließlich gestoppt wurde, weil staatliche Schulen religiös neutral bleiben müssen[6].

In anderen Fällen berichteten Eltern, dass Schüler während des Ramadans im Unterricht nicht trinken sollten, um fastende Mitschüler nicht zu „provozieren“[7].

Der deutsche Lehrerverband weist seit Jahren darauf hin, dass religiöse Konflikte während des Ramadans an Schulen häufiger auftreten, etwa wenn Schüler darüber streiten, „wer der bessere Muslim ist“ oder wer religiöse Regeln strenger befolgt[8].

Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide beschreibt dieses Phänomen sogar als eine Art „Religionspolizei“ unter Jugendlichen, die Mitschüler unter Druck setzt, wenn diese nicht fasten[9].

Die Frage lautet also nicht mehr nur: Was ist in Kleve passiert?

Die eigentliche Frage lautet: Warum passiert es immer häufiger?

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich eine unbequeme Realität anschauen: Deutschland ist heute ein religiös und kulturell pluralistisches Land.

Mehr als fünf Millionen Muslime leben inzwischen in Deutschland, viele von ihnen in zweiter oder dritter Generation[10].

Das ist zunächst kein Problem. Religionsfreiheit gehört zu den fundamentalen Prinzipien einer offenen Gesellschaft.

Doch jede pluralistische Gesellschaft steht vor derselben Herausforderung: Wie organisiert man das Zusammenleben verschiedener kultureller Normen?

Im Alltag geschieht diese Aushandlung oft nicht in Parlamenten, sondern auf Schulhöfen.

Der Ramadan ist dafür ein besonders sensibles Beispiel. Während des Fastenmonats verzichten gläubige Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen und Trinken – eine der fünf religiösen Grundpflichten des Islam.

Für Erwachsene ist das eine persönliche religiöse Entscheidung.

Doch wenn Kinder fasten, entstehen neue Spannungen. Lehrer berichten regelmäßig, dass fastende Schüler müde, unkonzentriert oder körperlich erschöpft sind[11].

Gleichzeitig entsteht innerhalb von Schülergruppen oft ein sozialer Wettbewerb um religiöse Identität: Wer fastet konsequenter? Wer hält sich strenger an religiöse Regeln?

Dieser Mechanismus ist nicht neu. Sozialpsychologen nennen ihn „Gruppennormverstärkung“.

Je stärker eine Gruppe ihre Identität betont, desto stärker steigt der Druck auf ihre Mitglieder – und auf Außenstehende.

Genau dieser Mechanismus scheint in vielen Schulhöfen inzwischen sichtbar zu werden.

Der Ramadan wird dann nicht mehr nur als religiöse Praxis erlebt, sondern auch als sozialer Marker. Als Zeichen von Zugehörigkeit. Als Symbol kultureller Identität.

Und dort, wo Identitätspolitik beginnt, endet oft die Gelassenheit des Alltags.

Wer verstehen will, warum ein Streit um ein Pausenbrot plötzlich zu einer gesellschaftlichen Debatte wird, muss einen Schritt zurücktreten. Nicht nur geografisch – vom Schulhof zum Staat –, sondern auch historisch.

Deutschland war über Jahrhunderte kein religiös neutrales Land. Im Gegenteil: Religion war lange Zeit eine der stärksten politischen Kräfte der europäischen Geschichte.

Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) verwüstete große Teile Mitteleuropas, weil katholische und protestantische Fürsten um Macht, Einfluss und religiöse Vorherrschaft kämpften[12].

Erst nach diesen Katastrophen begann Europa langsam zu begreifen, dass religiöse Konflikte den Staat zerstören können.

Die Aufklärung zog daraus eine radikale Konsequenz: Religion sollte Privatsache werden.

Der Staat hingegen sollte neutral sein – weder religiöse Gebote durchsetzen noch religiöse Verbote.

Diese Idee wurde später zum Fundament moderner Demokratien.

In Deutschland ist sie im Grundgesetz fest verankert. Artikel 4 garantiert die Freiheit des Glaubens, aber auch die Freiheit, keinen religiösen Vorschriften zu folgen[13].

Die Schule spielt in diesem System eine besondere Rolle.

Sie ist kein religiöser Raum, sondern ein staatlicher. Ein Ort, an dem Kinder verschiedener Herkunft gemeinsam lernen sollen – unabhängig von Religion, Kultur oder Weltanschauung[14].

Doch genau dieser neutrale Raum gerät in pluralistischen Gesellschaften immer wieder unter Druck.

Schon in den 1990er-Jahren begann in Deutschland eine Debatte über religiöse Symbole in staatlichen Institutionen. Besonders bekannt wurde der sogenannte Kopftuchstreit, der bis vor das Bundesverfassungsgericht führte[15].

Das Gericht stellte damals fest: Der Staat muss religiös neutral bleiben, darf aber religiöse Vielfalt nicht unterdrücken[16].

Dieses Prinzip gilt bis heute.

Doch der Alltag ist komplizierter als jedes Verfassungsurteil.

Denn während religiöse Konflikte früher vor allem zwischen Kirchen und Staat stattfanden, entstehen sie heute häufig zwischen Schülergruppen selbst.

Die Schule ist damit zu einem Mikrokosmos gesellschaftlicher Veränderungen geworden.

Hier treffen Lebenswelten aufeinander, die außerhalb der Schule oft getrennt bleiben.

Kinder aus säkularen Familien, Kinder aus streng religiösen Familien, Kinder aus unterschiedlichen kulturellen Traditionen.

Und manchmal treffen diese Welten nicht nur aufeinander – sie prallen aufeinander.

Die Konflikte rund um den Ramadan sind dafür ein Beispiel.

Denn der Fastenmonat ist nicht nur ein religiöses Ritual. Er ist auch ein starkes Identitätssymbol innerhalb vieler muslimischer Gemeinschaften[17].

Gerade Jugendliche erleben ihn häufig als Moment der Gruppenzugehörigkeit.

Wer fastet, gehört dazu. Wer nicht fastet, steht schnell unter Rechtfertigungsdruck.

Islamwissenschaftler berichten deshalb seit Jahren, dass besonders junge Muslime während des Ramadans oft stärkerem sozialen Druck ausgesetzt sind als Erwachsene[18].

Der Schulhof wird damit zu einem Ort religiöser Aushandlung.

Und genau hier entsteht das eigentliche Problem: Der Staat kann religiöse Freiheit garantieren – aber er kann nicht jede soziale Dynamik kontrollieren.

Diese Dynamik entscheidet sich täglich neu. Zwischen Kindern. Zwischen Gruppen. Zwischen Identitäten.

Und manchmal eben auch zwischen zwei Pausenbroten.

Die eigentliche Frage dieses Konflikts lautet jedoch nicht: Wer hat recht?

Sie lautet: Wie viel Anpassung darf eine freie Gesellschaft verlangen?

Der Philosoph John Stuart Mill formulierte im 19. Jahrhundert einen Grundsatz, der bis heute als Fundament liberaler Demokratien gilt: Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo sie die Freiheit anderer verletzt[19].

Dieser Satz wirkt einfach – doch seine Anwendung ist kompliziert.

Denn was bedeutet Freiheit im Alltag?

Darf jemand öffentlich fasten? Natürlich.

Darf jemand öffentlich essen? Ebenso natürlich.

Die liberale Gesellschaft funktioniert nur, wenn beide Möglichkeiten gleichzeitig existieren können.

Das Problem entsteht erst dann, wenn eine dieser Lebensweisen beginnt, die andere zu dominieren.

Wenn Fastende verlangen, dass andere nicht essen.

Oder wenn Essende verlangen, dass niemand fasten darf.

Beides wäre illiberal.

Die Philosophie nennt dieses Gleichgewicht „negative Freiheit“.

Sie bedeutet: Jeder darf leben, wie er möchte – solange er anderen nicht vorschreibt, wie sie leben sollen.

Doch genau dieses Gleichgewicht gerät zunehmend unter Druck.

Nicht nur im religiösen Bereich, sondern auch in politischen Debatten.

Immer häufiger entstehen gesellschaftliche Konflikte aus der Erwartung, dass andere ihre Lebensweise anpassen sollen.

Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama beschreibt diese Entwicklung als „Politik der Identität“. Gruppen definieren sich stärker über kulturelle oder religiöse Zugehörigkeit und verlangen öffentliche Anerkennung dieser Identität[20].

Identitätspolitik kann berechtigte Anliegen sichtbar machen.

Doch sie hat auch eine gefährliche Nebenwirkung.

Sie verwandelt kulturelle Unterschiede in politische Forderungen.

Und plötzlich wird aus einer persönlichen Praxis – etwa dem Fasten – eine Erwartung an andere.

Der Schulhof von Kleve zeigt genau diesen Mechanismus.

Der Konflikt entstand nicht, weil Kinder fasten wollten.

Er entstand, weil andere Kinder deshalb nicht mehr essen sollten.

Hier liegt der entscheidende Punkt.

Die liberale Gesellschaft schützt religiöse Praxis – aber sie schützt ebenso den Alltag derjenigen, die nicht religiös leben.

Wenn dieser Alltag plötzlich als Provokation empfunden wird, verschiebt sich das Gleichgewicht.

Dann entsteht eine paradoxe Situation:

Die Freiheit der einen wird zur Einschränkung der anderen.

Der Philosoph Isaiah Berlin beschrieb dieses Spannungsfeld als Konflikt zwischen „positiver“ und „negativer“ Freiheit[21].

Positive Freiheit bedeutet: Menschen wollen ihre Identität öffentlich leben.

Negative Freiheit bedeutet: Menschen wollen nicht gezwungen werden, an dieser Identität teilzunehmen.

Die Kunst einer liberalen Gesellschaft besteht darin, beide Freiheiten gleichzeitig zu schützen.

Doch genau diese Balance scheint immer schwieriger zu werden.

Vielleicht liegt das daran, dass moderne Gesellschaften immer pluraler werden.

Vielleicht liegt es daran, dass politische Debatten immer moralischer geführt werden.

Oder vielleicht liegt es daran, dass wir vergessen haben, was Toleranz eigentlich bedeutet.

Denn Toleranz heißt nicht Zustimmung.

Toleranz heißt, etwas auszuhalten, das man selbst nicht teilt.

Fasten auszuhalten. Und ebenso das Essen anderer.

Der Streit um ein Pausenbrot in Kleve wäre vermutlich eine Randnotiz geblieben, wenn er nicht eine größere Frage berühren würde: Wie stabil ist eigentlich das kulturelle Fundament der deutschen Gesellschaft?

Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Migration, Globalisierung und gesellschaftlicher Wandel haben das Land pluraler gemacht als je zuvor (Bundeszentrale für politische Bildung: Migration und gesellschaftlicher Wandel in Deutschland).

Pluralität ist grundsätzlich eine Stärke. Sie bringt neue Perspektiven, neue kulturelle Einflüsse und neue Erfahrungen in eine Gesellschaft.

Doch Pluralität funktioniert nur unter einer Bedingung: Es muss gemeinsame Regeln geben, die für alle gelten.

Diese Regeln sind in Deutschland nicht religiös begründet, sondern rechtlich. Das Grundgesetz garantiert Religionsfreiheit, verlangt aber gleichzeitig staatliche Neutralität gegenüber religiösen Geboten[22].

Das bedeutet: Jeder darf fasten. Niemand muss fasten.

Und niemand darf andere dazu zwingen.

Genau deshalb betonten auch Schulbehörden im Fall Kleve, dass religiöse Praxis in der Schule freiwillig bleiben müsse (dpa-Bericht über Stellungnahme der Schulaufsicht zum Vorfall in Kleve).

Doch staatliche Regeln lösen nicht jedes Problem.

Viele Konflikte entstehen nicht durch Gesetze, sondern durch soziale Dynamiken. Gruppendruck, kulturelle Erwartungen und Identitätsfragen spielen im Alltag eine größere Rolle als juristische Paragraphen.

Lehrerverbände berichten deshalb seit Jahren von zunehmenden Spannungen rund um religiöse Themen an Schulen – vom Streit über Fastenregeln bis zu Diskussionen über Geschlechterrollen oder religiöse Kleidung[23].

Diese Konflikte sind nicht zwangsläufig dramatisch. Oft bleiben sie kleine Reibungen im Alltag.

Doch sie zeigen, dass Integration nicht nur eine Frage von Gesetzen ist.

Integration ist vor allem eine Frage gemeinsamer Erwartungen.

Was gilt als selbstverständlich?

Was gilt als Provokation?

Was gilt als normal?

Wenn ein Kind beim Essen plötzlich als Provokation wahrgenommen wird, verschieben sich diese Grenzen.

Und genau hier beginnt die eigentliche gesellschaftliche Debatte.

Denn die liberale Demokratie lebt nicht nur von Rechten, sondern auch von stillen Übereinkünften.

Man könnte sie die „unsichtbaren Regeln“ der Gesellschaft nennen.

Sie entstehen nicht im Parlament, sondern im Alltag.

In Schulhöfen. In Büros. In Nachbarschaften.

Diese Regeln sagen uns, was höflich ist, was respektvoll ist und wo die Freiheit anderer beginnt.

Wenn diese Regeln unsicher werden, entstehen Konflikte.

Und genau deshalb lohnt es sich, auch über scheinbar kleine Ereignisse wie den Vorfall in Kleve zu sprechen.

Nicht, weil ein Pausenbrot politisch wäre.

Sondern weil es symbolisch geworden ist.

Vielleicht lässt sich der Konflikt von Kleve am besten mit einer einfachen Beobachtung erklären: Eine freie Gesellschaft funktioniert nur, wenn ihre Mitglieder lernen, Unterschiede auszuhalten.

Der eine fastet. Der andere isst.

Der eine betet. Der andere glaubt nicht.

Diese Unterschiede sind kein Problem. Sie sind der Normalzustand moderner Gesellschaften.

Das Problem beginnt erst dann, wenn Unterschiede in Forderungen verwandelt werden.

Wenn aus persönlicher Praxis eine Erwartung an andere wird.

Oder wenn aus kultureller Identität ein politischer Anspruch entsteht.

Die liberale Demokratie hat darauf eine klare Antwort entwickelt: Freiheit ist keine Einbahnstraße.

Sie bedeutet nicht, dass andere sich anpassen müssen.

Sie bedeutet, dass Menschen nebeneinander leben können – auch wenn sie unterschiedlich leben.

Der Philosoph Karl Popper beschrieb dieses Prinzip einmal als „offene Gesellschaft“. Eine Gesellschaft, in der Menschen verschiedene Überzeugungen haben dürfen, ohne einander zu bekämpfen[24].

Doch eine offene Gesellschaft verlangt auch eine Tugend, die heute oft unterschätzt wird:

Gelassenheit.

Die Gelassenheit, andere Lebensweisen auszuhalten.

Die Gelassenheit, nicht jede Differenz als Angriff zu verstehen.

Und vielleicht auch die Gelassenheit, ein Pausenbrot zu sehen – ohne darin eine Provokation zu erkennen.

Der Vorfall in Kleve zeigt deshalb weniger ein religiöses Problem als ein gesellschaftliches Lernfeld.

Eine pluralistische Gesellschaft muss lernen, mit ihren Unterschieden zu leben.

Nicht indem sie sie versteckt.

Nicht indem sie sie erzwingt.

Sondern indem sie sie akzeptiert.

Fasten und Essen können nebeneinander existieren.

Doch nur, wenn niemand verlangt, dass der andere sein Brot versteckt.


Quellen:

[1] https://www.focus.de/panorama/welt/ramadan-sorgt-fuer-essens-streit-an-gesamtschule-in-nrw_6ba04ab8-b526-4484-98e8-198ef174f0d5.html)

[2] Focus-Bericht zum Konflikt an der Joseph-Beuys-Gesamtschule, 2026

[3] Bericht über schulische Reaktion im Fall Kleve, 2026

[4] Focus-Bericht über Elternaussagen zum Vorfall, 2026

[5] dpa / Schulaufsicht NRW zum Fall Kleve: „Niemand darf zur religiösen Praxis gezwungen werden“, 2026

[6] Berliner Senat stoppt verpflichtendes Iftar an Schule, 2025

[7] Berichte über Schulregelungen im Ramadan-Kontext, 2024)

[8] Domradio-Bericht über Lehrerverbands-Einschätzung

[9] KNA / Aussagen von Mouhanad Khorchide zur Ramadan-Debatte

[10] Statistische Schätzungen zur muslimischen Bevölkerung in Deutschland, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

[11] Berichte österreichischer Lehrer über Auswirkungen des Ramadan auf den Unterricht

[12] Deutsche Geschichte: Der Dreißigjährige Krieg als Religionskonflikt; Bundeszentrale für politische Bildung

[13] Grundgesetz Artikel 4 – Religionsfreiheit

[14] Grundgesetz Artikel 7 – Schulwesen unter staatlicher Aufsicht

[15] BVerfG-Urteile zum Kopftuch im öffentlichen Dienst

[16] Bundesverfassungsgericht zum Neutralitätsprinzip

[17] Islamwissenschaftliche Analysen zum Ramadan als Identitätsritual

[18] Khorchide über religiösen Gruppendruck unter Jugendlichen; KNA / Welt-Bericht

[19] John Stuart Mill: „On Liberty“, 1859

[20] Fukuyama: „Identity – The Demand for Dignity and the Politics of Resentment“, 2018

[21] Isaiah Berlin: „Two Concepts of Liberty“, 1969

[22] Grundgesetz Art. 4 Religionsfreiheit; Art. 3 Gleichheit vor dem Gesetz

[23] Deutscher Lehrerverband über religiöse Konflikte im Schulalltag

[24] Karl Popper: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, 1945

Autor

  • Porträt von Alfred-Walter von Staufen, Autor und Essayist bei Freunde der Erkenntnis

    Alfred-Walter von Staufen, geboren 1969 in der DDR, begann als Wasserwerker und Industriemeister – in einer Welt, in der Systeme funktionieren müssen, nicht diskutiert werden. Nach Jahren in Industrie und Maschinenprogrammierung verlagerte eine schwere Erkrankung seine Arbeit ins Digitale und schließlich ins Analytische.

    Seit 2003 erforscht er politische Narrative, Machtstrukturen und Verwaltungsrealitäten. Seine Essays verbinden handwerklichen Systemblick mit publizistischer Präzision – stets mit der Frage, wie Denken gelenkt wird und wo Systeme sich selbst im Weg stehen.

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