Die Republik zum Mitnehmen – oder: Wie Einfluss in Deutschland manchmal leiser kauft als er schreit

Rubrik: Die Todsünden der Demokratie – Robert R. Manor

Freitag. Zehn Uhr.

Ich habe mir angewöhnt, freitags um diese Uhrzeit einen kleinen gedanklichen Spaziergang durch die Republik zu machen. Nicht durch die großen Sitzungssäle – dort klingt alles immer nach „Verantwortung“ und „Sachzwang“ –, sondern durch die alltäglichen Zonen, in denen man merkt, wie Politik wirklich funktioniert: am Empfang einer Behörde, im Vereinsheim, im Taxi, im Flur eines Hotels, in dem abends „Hintergrundgespräche“ stattfinden, die am nächsten Morgen wie zufällig als Gesetzesidee wieder auftauchen.

In dieser Rubrik schaue ich mir Woche für Woche eine der klassischen Todsünden an – nicht als religiöse Moralkeule, sondern als Diagnose. Demokratien sind keine Heiligenbilder. Sie bestehen aus Menschen. Und Menschen haben ein Talent dafür, das Nützliche vom Moralischen zu unterscheiden – vorzugsweise zugunsten des Nützlichen, wenn die Kamera aus ist und der Terminplaner voll.

Heute geht es um Gier. Nicht nur nach Geld. Nach Einfluss. Nach Dauer. Nach Kontrolle über Narrative. Also nach allem, was man nicht offiziell bestellen kann, aber erstaunlich oft geliefert bekommt, wenn man die richtigen Türen kennt.

Wenn Lobbyregister geschrieben, aber nicht gelesen werden. Wenn Fördergelder fließen, aber Verantwortung verdunstet. Wenn Politik zur Karriere und nicht mehr zur Pflicht wird – dann ist Gier nicht mehr Einzelfall. Dann ist sie Betriebssystem.

Heute also: Gier – wenn Einfluss käuflich wird.

Ich stehe in einem Rathausflur, weil ich etwas will, das in Deutschland grundsätzlich verdächtig wirkt: eine Auskunft. Nichts Dramatisches. Eine Frage zu einem Formular, das so aussieht, als wäre es in den Neunzigerjahren entworfen worden, als man dachte, das Internet sei eine vorübergehende Mode – wie Tamagotchis oder Schulterpolster.

Vor mir steht ein Mann im Anzug. Kein Politiker, zumindest trägt er kein Amt wie ein Abzeichen, aber er trägt etwas anderes, das in Berlin und in jeder Landeshauptstadt fast genauso viel gilt: eine Selbstverständlichkeit. Er spricht leise mit einer Mitarbeiterin am Empfang, so leise, dass man nicht jedes Wort versteht – aber laut genug, dass man den Tonfall hört: vertraut, routiniert, als käme er nicht zum ersten Mal „nur kurz vorbei“.

Er sagt Sätze wie „Wir hatten ja letzte Woche darüber gesprochen“ und „Ich schicke Ihnen das Papier gleich rüber“. Papier, wohlgemerkt. Nicht E-Mail. Papier. Das Wort „Papier“ klingt in solchen Momenten nicht nach Baum, sondern nach Einfluss. Ich sehe, wie die Mitarbeiterin nickt, nicht unterwürfig, eher pragmatisch. Ein Nicken, das sagt: Wir kennen uns. Wir sind in derselben Maschinerie. Wir wollen beide, dass die Sache läuft.

Als er fertig ist, lächelt er kurz in meine Richtung. Ein höfliches Lächeln, das nichts Böses hat, aber eine Botschaft transportiert: Ich bin hier nicht zufällig. Ich bin hier, weil ich Zugang habe. Und Zugang ist in einer Demokratie manchmal die heimliche Währung.

Ich komme dran, stelle meine Frage, bekomme eine knappe Antwort und einen Verweis auf „die Zuständigkeit“. Der Mann im Anzug bekommt dagegen nicht nur Antworten. Er bekommt einen Weg. Einen Kontakt. Eine Abkürzung. Ein „wir melden uns“. Und ich denke: Das ist die Gier, von der ich heute schreibe – nicht die nach dem dicken Geldschein, sondern nach dem kleinen Vorsprung, der sich am Ende zu einem ganzen Kilometer summiert.

Manchmal stelle ich mir vor, Deutschland würde seine Demokratie wie ein Bonusprogramm betreiben. So wie im Supermarkt: Sammeln Sie Punkte! Tauschen Sie sie gegen Vorteile! Wer genug Punkte hat, bekommt früher einen Termin, einen kürzeren Weg, einen besseren Kontakt. Und wer keine Punkte hat, bekommt eine Wartemarke und den Rat, „es online zu versuchen“, was dann bedeutet: Sie füllen ein Formular aus, das sich beim Absenden beleidigt aufhängt.

In dieser Fantasie gäbe es verschiedene Kartenmodelle. Die „Bürgerkarte Basic“: Sie dürfen wählen, meckern und einen Leserbrief schreiben, der irgendwo in einer Redaktionsablage stirbt. Dann die „Verbandskarte Silber“: Sie dürfen an runden Tischen sitzen und Kaffee trinken, während man Ihnen erklärt, dass Ihre Branche „wichtige Impulse“ liefert. Und ganz oben die „Einflusskarte Gold“: Sie dürfen im Fahrstuhl mitfahren, wenn es in die Etage geht, in der Entscheidungen nicht beschlossen, sondern vorbereitet werden.

Natürlich würde niemand das so nennen. In Deutschland heißt das „Dialog“. Oder „Stakeholder-Prozess“. Oder „Konsultation“. Und wenn es besonders elegant klingen soll, heißt es „Evidenzbasierung“, was manchmal bedeutet: Man sucht sich die Evidenz, die zum Vorhaben passt, und nennt den Rest „umstritten“.

Ich sehe auch schon die neue Fernsehshow: „Wer wird Einflussär?“ Kandidaten sitzen im Studio. Die Moderation fragt: „Für 500.000 Euro: Welche Formulierung klingt nach Transparenz, ohne etwas preiszugeben?“ Joker: „Wir nehmen das mit.“ Oder: „Das prüfen wir.“ Oder mein persönlicher Favorit: „Da müssen wir die Gesamtlage sehen.“ Wer den richtigen Satz sagt, gewinnt ein Hintergrundgespräch mit Häppchen und die Aussicht, dass seine Idee „in den Prozess eingespeist“ wird.

Und irgendwo sitzt der Zuschauer, also der Bürger, und denkt: Moment – ist das noch meine Demokratie oder schon ein Abo-Modell? Basisversion: Wählen alle vier Jahre. Premiumversion: Mitgestalten zwischen den Wahlen. Und die ganz große Luxusvariante: Die Regeln mitschreiben, nach denen dann alle spielen.

Satire, klar. Aber wie immer gilt: Wenn die Übertreibung zu nah an der Wirklichkeit liegt, ist das nicht die Schuld der Satire.

Gier ist in der Politik selten plump. Sie kommt nicht mit Sackkarre und Bargeldbündeln, außer in Filmen, die man sonntags im Nachtprogramm schaut, wenn man an das Gute im System glauben möchte. Moderne politische Gier ist eleganter. Sie ist Netzwerk, Zugriff, Timing. Sie ist das Wissen, wann ein Gesetz noch weich ist wie Teig, bevor es gebacken wird. Und sie ist die Fähigkeit, die eigene Interessenlage als Gemeinwohl zu formulieren – so überzeugend, dass man sich selbst dabei fast glaubt.

Lobbyismus ist dabei zunächst nichts Dämonisches. In einer pluralistischen Gesellschaft ist es normal, dass Interessen vertreten werden. Gewerkschaften, Verbände, Unternehmen, NGOs – alle bringen Perspektiven ein. Das Problem beginnt dort, wo nicht mehr Perspektiven konkurrieren, sondern Zugänge. Wo nicht das bessere Argument gewinnt, sondern der bessere Kalenderkontakt.

Und hier kommt das Lobbyregister ins Spiel – dieses hübsche Instrument, das wie ein Fenster wirken soll, aber manchmal eher wie ein Vorhang ist, auf den „Transparenz“ draufsteht. Ein Register kann nur dann wirken, wenn es genutzt wird: von Medien, von Opposition, von Bürgern, von Behörden. Wenn es aber existiert wie eine Pflichtübung, die man abhakt, entsteht ein vertrautes Gefühl aus vielen Bereichen deutscher Verwaltung: Es ist geregelt – und damit erledigt.

Gier zeigt sich auch in Förderlogik. Fördergelder sind politisch beliebt, weil sie sich gut verkaufen lassen. Man kann sie als Hilfe, als Investition, als Zukunft, als Transformation labeln. Das klingt alles sehr verantwortungsvoll. Doch Förderpolitik hat eine Schattenseite: Sie schafft Abhängigkeiten, sie schafft Begehrlichkeiten, und sie schafft eine Industrie des Antragswesens, in der jene gewinnen, die wissen, wie man gewinnt.

Ich habe in meinem Leben genug Formulare gesehen, um zu wissen: Ein Förderantrag ist keine moralische Prüfung, sondern eine sprachliche Disziplin. Wer die richtigen Buzzwords setzt, wer die richtigen Kennzahlen liefert, wer „Innovation“ sagt, ohne rot zu werden, hat bessere Chancen. Und wer dazu noch die richtige Beratung bezahlt, der bekommt manchmal nicht nur eine bessere Formulierung, sondern auch ein besseres Gefühl dafür, in welcher Schublade die Entscheidung landet.

Das führt zu einem zweiten, stilleren Problem: Verantwortung verdunstet. Denn wenn Geld in Programmen fließt, fließt es oft durch viele Hände. Jeder unterschreibt nur ein Stück. Jeder ist zuständig, aber niemand ist verantwortlich. Am Ende gibt es einen Bericht, eine Evaluation, eine „Lessons Learned“-Folie – und die Republik macht weiter, als sei nichts gewesen. Gier ist hier nicht die Gier nach Geld für den Einzelnen, sondern die Gier des Systems nach Bewegung, nach Budget, nach „Wir tun was“.

Hinzu kommt die Karrierepolitik. In einer idealen Demokratie wäre Politik ein Dienst: begrenzt, belastend, demütig. In der Realität ist Politik für viele auch Beruf. Und ein Beruf hat Logiken: Aufstieg, Sichtbarkeit, Anschlussfähigkeit. Wer Karriere macht, muss Beziehungen pflegen. Wer Beziehungen pflegt, muss Kompromisse schließen. Wer Kompromisse schließt, muss manchmal freundlich zu Leuten sein, die man privat nicht einmal beim Umzug um Hilfe bitten würde.

Das ist menschlich. Aber es erzeugt eine gefährliche Verschiebung: Die Loyalität gilt zunehmend der eigenen Laufbahn, nicht dem Amt. Entscheidungen werden dann nicht nur danach beurteilt, ob sie richtig sind, sondern auch danach, ob sie dem eigenen Profil nutzen, ob sie Konflikte erzeugen, ob sie die nächste Stufe gefährden. Die Gier nach Dauer – nach „noch eine Legislatur“, „noch ein Posten“, „noch ein Jahr im Rampenlicht“ – wirkt dann wie ein unsichtbarer Filter über jedem politischen Schritt.

Am deutlichsten zeigt sich Gier jedoch in der Kontrolle über Narrative. Wer bestimmt, wie ein Thema gerahmt wird, gewinnt schon die halbe Debatte. Wenn ein Vorhaben als „alternativlos“ gilt, hat die Opposition plötzlich die undankbare Rolle, gegen die Vernunft zu sein. Wenn Kritik als „Populismus“ etikettiert wird, muss man sich nicht mehr mit ihr beschäftigen, sondern nur noch mit dem Etikett. Narrativkontrolle ist die moderne Währung: nicht immer sichtbar, aber wirksam. Und sie wird nicht nur von Parteien betrieben, sondern auch von Verbänden, PR-Agenturen, Thinktanks und jenen, die sich „Experten“ nennen, weil sie in Panels sitzen.

Ein weiterer Mechanismus, der Gier nach Einfluss besonders elegant macht, ist die berühmte Drehtür. Heute noch im Ministerium, morgen im Verband. Heute noch „zuständig“, morgen „beratend“. Das kann völlig legal sein und trotzdem einen schalen Nachgeschmack hinterlassen, weil es eine Frage aufwirft, die in Deutschland erstaunlich selten laut gestellt wird: Für wen arbeitet jemand eigentlich – für das Amt oder für den Anschluss danach? Wer weiß, dass nach der Politik ein lukrativer Platz im Umfeld wartet, wird selten radikaler Transparenzprediger. Er wird vorsichtiger. Er wird kompatibler. Und Kompatibilität ist in Netzwerken oft wertvoller als Charakter.

Auch Nebentätigkeiten und Nebenverdienste sind selten das eigentliche Skandalthema. Das eigentliche Thema ist die Asymmetrie: Wer viel verdient, kann sich Expertise kaufen, Beratung kaufen, Aufmerksamkeit kaufen. Wer wenig verdient, kann höchstens hoffen, dass sein Anliegen zufällig in eine Schlagzeile passt. So entsteht eine Zwei-Klassen-Kommunikation. Die einen schicken Positionspapiere, die anderen schreiben E-Mails, die mit „Vielen Dank für Ihre Nachricht“ beantwortet werden und dann verschwinden.

Und dann gibt es noch die Gier nach Steuerbarkeit: die Versuchung, die Öffentlichkeit nicht zu überzeugen, sondern zu gestalten. Das passiert mit Studien, mit Kampagnen, mit wohlplatzierten Gastbeiträgen, mit „Initiativen“, die so klingen, als kämen sie aus der Mitte der Gesellschaft, aber in Wahrheit aus der Mitte eines Budgets. Alles legal, alles professionell – und doch bleibt die Frage: Wenn das Spielfeld so stark von Geld geprägt ist, wie frei ist dann die Debatte wirklich?

Eine Demokratie kann mit Interessen leben. Sie kann auch mit Macht leben. Aber sie wird krank, wenn die Zugänge so ungleich verteilt sind, dass der Eindruck entsteht: Manche dürfen mitreden, andere dürfen nur betroffen sein. Dann frisst sich Gier in das Vertrauen. Und Vertrauen ist in der Demokratie das, was Öl im Motor ist: Man sieht es nicht, aber ohne es knirscht alles.

Ich glaube, viele Menschen spüren diese Ungleichheit sehr genau, auch wenn sie die Mechanismen nicht im Detail benennen können. Sie spüren sie wie ein Ziehen im Bauch, wenn sie hören, dass „die Wirtschaft“ am Tisch saß, „die Zivilgesellschaft“ beteiligt wurde, „die Betroffenen“ angehört wurden – und am Ende doch genau das beschlossen wird, was vorher schon in der Schublade lag.

Das ist der Moment, in dem das Wort „Demokratie“ dünn klingt. Nicht falsch, aber dünn. Denn Demokratie ist mehr als Wahlrecht. Sie ist auch das Gefühl, dass die eigene Stimme nicht nur symbolisch ist. Und dieses Gefühl hängt weniger von großen Sonntagsreden ab als von kleinen Alltagserfahrungen: Wird mein Anliegen ernst genommen? Habe ich Zugang? Gibt es jemanden, der zuhört, ohne dass ich erst ein Verbandsschild über der Brust tragen muss?

Wenn dieses Gefühl schwindet, entsteht ein gefährlicher Reflex: Die Leute wenden sich ab. Sie sagen „Die da oben machen sowieso, was sie wollen.“ Dieser Satz ist nicht immer fair. Aber er ist ein Alarmzeichen. Er ist die Reaktion auf eine Wahrnehmung: Die Spielregeln gelten nicht für alle gleich.

Und dann wird es ironisch. Denn genau in diesem Moment beginnen politische Akteure häufig, noch stärker auf Kommunikation zu setzen. Noch mehr Kampagnen, noch mehr Narrative, noch mehr Erklärstücke. Als könne man den Vertrauensverlust mit Grafiken kompensieren. Als könne man das Gefühl, nicht gehört zu werden, durch den Hinweis ersetzen, man sei doch informiert worden.

Gier nach Einfluss produziert also nicht nur wirtschaftliche oder politische Vorteile. Sie produziert auch eine kulturelle Spaltung. Die einen kennen die Flure, die anderen kennen die Wartezimmer. Die einen sprechen von „Prozessen“, die anderen von „Schikane“. Die einen sagen „Stakeholder“, die anderen sagen „Klüngel“. Und irgendwo dazwischen sitzt der demokratische Idealist und fragt sich, ob er nicht vielleicht zu romantisch war.

Ich will dabei nicht so tun, als gäbe es eine Welt ohne Interessen. Die gibt es nicht. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Interessenvertretung und Einflusskauf. Zwischen Beratung und Durchgriff. Zwischen „wir sprechen“ und „wir bestimmen“. Und es gibt einen Unterschied zwischen Transparenz als Etikett und Transparenz als Praxis.

Die Republik braucht in solchen Zeiten weniger moralische Erregung und mehr handfeste Hygiene: klare Regeln, klare Grenzen, nachvollziehbare Entscheidungen. Sonst bleibt der Eindruck bestehen, dass Geld nicht nur Dinge kaufen kann, sondern auch Gehör. Und wenn Gehör käuflich wird, wird Demokratie zur Auktion – nur ohne öffentliche Bieterkarte.

Man kann dieses Problem nicht mit einem einzigen Hebel lösen. Aber man kann es kleiner machen. Man kann die Drehtür langsamer drehen lassen, mit Karenzzeiten, die diesen Namen verdienen. Man kann Lobbykontakte nicht nur registrieren, sondern veröffentlichen: wer trifft wen, wann, warum, mit welchem Papier. Man kann Förderprogramme so gestalten, dass sie nicht nur die Antragsprofis belohnen, sondern auch jene erreichen, die keine Agentur für Buzzwords bezahlen können. Und man kann politische Verantwortung wieder so definieren, dass sie nicht als Karriereleiter wirkt, sondern als Zeitdienst, nach dem man auch wieder normal arbeiten kann, ohne dass einem der Himmel auf den Kopf fällt.

Das klingt alles bürokratisch. Aber Demokratie ist nun einmal ein Regelwerk. Wenn Regeln fehlen, regeln Netzwerke. Und Netzwerke regeln nicht nach Gerechtigkeit, sondern nach Nähe. Vielleicht ist das die unbequemste Erkenntnis: Dass man Gier nach Einfluss nicht mit moralischen Appellen bekämpft, sondern mit langweiligen, klaren Regeln – und mit dem Mut, sie auch gegen die Durchsetzungsstarken anzuwenden.

Als ich später wieder am Rathaus vorbeigehe, sehe ich den Mann im Anzug noch einmal. Er steht draußen, telefoniert, lacht kurz, schaut auf die Uhr. Es ist ein ganz normales Bild, und gerade deshalb wirkt es so aussagekräftig. Denn die Gier, über die ich schreibe, trägt selten Hörner. Sie trägt Terminkalender. Sie trägt Kontakte. Sie trägt die Selbstverständlichkeit, dass man „kurz“ etwas klären kann, während andere monatelang Formulare klären.

Ich gehe zur Bäckerei, bestelle ein Brot, und vor mir sagt jemand: „Die Preise sind ja irre.“ Die Verkäuferin nickt, sagt: „Ja, alles teurer.“ Kein Narrativ, keine Kampagne, keine Pressekonferenz. Nur Realität.

In solchen Momenten denke ich, dass Demokratie sehr oft an der Theke entschieden wird – nicht im juristischen Sinn, sondern im gefühlten. Ob Menschen glauben, dass das System für sie da ist oder nur über sie hinweg arbeitet. Ob sie glauben, dass Regeln für alle gelten oder nur für jene, die sie nicht umgehen können. Und ob sie glauben, dass Politik noch Pflicht ist – oder längst Karriere mit Dienstwagen.

Ich nehme mein Brot, gehe nach Hause und frage mich, wie viele kleine „Abkürzungen“ es braucht, bis eine Republik das Vertrauen verliert. Wahrscheinlich nicht viele. Vertrauen ist empfindlich. Es wird nicht auf einmal zerstört. Es wird abgenutzt. Wie ein Handlauf im Treppenhaus: jeden Tag ein bisschen.


Die Freitagsfrage

Bevor ich mich wieder aus der Zuschauerreihe dieses politischen Theaters verabschiede, bleibt wie immer eine Frage übrig – nicht als Urteil, sondern als Einladung zum Nachdenken.

Wo endet für Sie legitime Interessenvertretung – und wo beginnt der käufliche Einfluss?

Vielleicht ist die Grenze nicht immer klar. Vielleicht verschiebt sie sich, je nachdem, wer gerade an der Tür steht. Aber Demokratie lebt davon, dass wir diese Grenze wenigstens sehen wollen – bevor wir sie endgültig für „normal“ erklären.

Wir sehen uns nächsten Freitag um zehn Uhr wieder.


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Autor

  • Porträt von Robert R. Manor, Kolumnist beim Stammtisch der Vernunft

    Robert R. Manor, der Chronist vom Stammtisch der Vernunft, ist kein Experte – und genau das ist seine Stärke. Geprägt vom rheinischen Industriegebiet und vielen Jahren im öffentlichen Dienst, beobachtet er Politik, Gesellschaft und Alltag mit Humor, Selbstironie und feinem Gespür für Schieflagen.

    Sein monatlicher „Monatsrückblick“ ist ein literarischer Seismograph der Gegenwart – für alle, die noch zuhören können, wenn andere schreien.

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    Buchcover "Der Stern und das Ego" – Über Anklage, Auftritt und die erste Todsünde